LänderReport
LänderReport
Montag bis Freitag • 13:05
29.9.2004
Geschichtsträchtiges Panorama
Bad Frankenhausen, das Gemälde und die Landschaft
Von Susanne Mack

Der Maler Werner Tübke in seinem Atelier in Leipzig (Bild: AP)
Der Maler Werner Tübke in seinem Atelier in Leipzig (Bild: AP)
In Bad Frankenhausen pilgern immer mehr Touristen aus aller Welt zu Werner Tübkes Panorama-Gemälde über den Bauernkrieg. Bad Frankenhausen, das verschlafene Kur-Städtchen am Fuße des Kyffhäusers, freut sich. Nach Tübkes Tod scheint es sich herumzusprechen, dass der malen konnte wie die Alten Meister. Der Schlachtenberg bietet ein geschichtsträchtiges Panorama.

Wir nähern uns - vom Querfurter Flachland her - dem Kyffhäuser-Gebirge und erspäh‘n auf seinen bewaldeten Höhen sogleich zwei imposante Bauten: im Norden einen Koloss aus rotem Sandstein. Der muss wohl aus der Kaiser-Zeit stammen. Und dann - ein paar Kilometer südlich - einen cremefarbenen Zylinder. Sieht aus wie eine große Trommel: das ist der "Chic" der 70er Jahre.

Wir haben Bad Frankenhausen erreicht, das Kurstädtchen am Südhang des Kyffhäuser-Gebirges und fragen hier sogleich nach unseren Entdeckungen. - Zu dem Sandstein-Koloss pflegen die Einheimischen anscheinend eine sehr liebevolle Beziehung:

Bürger: Ja, das ist unser Kyffhäuser / mit einem Reiterstandbild des Kaisers Wilhelm I./
/ Und darunter sitzt der Kaiser Barbarossa /der hatt'n langen Bart / der durch einen Tisch gewachsen ist, weil er schon so lange schlafen muss. / Das ist gebaut worden 1896, und zwar wurde da die Deutsche Einheit noch mal mit ‘nem Denkmal begründet. / Und das Denkmal ist sehr gut besucht von den Leuten.


Und da gib's auch noch ‘ne Sage dafür / die Sage hat jeder irgendwann mal in der Schule gelernt früher / Also, der Barbarossa sitzt im Berg und schläft und um den Berg fliegen die Raben, und also, wenn das Deutsche Volk sich wieder vereint hat, / dann wacht er wieder auf.

Der Sandstein-Barbarossa träumt den Traum von Wilhelm dem Ersten, denn der ließ das Kyffhäuser-Denkmal erbauen. So ein gewaltiges Reich wie sein Amtskollege aus dem Mittelalter hätte Wilhelm wohl auch gern gehabt: Barbarossas Machtbezirk erstreckte sich in seinen besten Zeiten von Burgund bis hin nach Rom.

Und was ist mit dem mächtigen Zylinder? Zehn Kilometer südlich vom Kyffhäuser-Denkmal? Der zeugt genau genommen auch von einem Traum-"Panorama -Museum zu Ehren der frühbürgerlichen Revolution" wollte die Regierung der DDR diesen Pavillon benannt haben. Das Volk sprach vom "Elefanten - Klo":

Bürger: Ja, das war so'n Ausdruck: Elefantenklo, das stimmt (lacht).

Sagen das die Leute heute immer noch?

Bürger: Bitte?

Ob das die Leute heute auch noch sagen.

Bürger: Ne, das is‘ wieder verklungen. Das hört man so groß nicht mehr. Das war die Anfangszeit, wo's gebaut worden ist.

Die Läster-Mäuler sind verstummt. Das "Elefantenklo" hat sich als Touristen-Magnet entpuppt:

Bürger: Ja, ja. Da kommen viele her. Ich merk‘ das hier, wenn's Fremde sind. Da fragen'se immer, wo's hochgeht. Waren letztens erst wieder welche da von Frankfurt, die wollten da hoch, wollten sich das angucken.

Über 100.000 Besucher aus aller Welt ziehen jährlich den Frankenhäuser Schlachtberg hinauf, hin zum Panorama-Museum. Aber nicht etwa wegen des Zylinders in der Landschaft, vielmehr um das zu sehen, was er birgt: 1700 m2 Leinwand, gestaltet von dem Leipziger Maler-Genie Werner Tübke: das größte Rundgemälde Europas.

Bürgerin: Also, doch. Für mich ist das schon ein außerordentliches Kunstwerk. Da hat der Professor Tübke ein tolles Werk geschaffen, das man unbedingt sehen muss.

Das gigantische Ölbild war ein Auftragswerk der DDR-Regierung. Thema sollte der Deutsche Bauernkrieg von 1525 sein.

Am Morgen des 14.Mai rückt das Heer des Landgrafen Philipp von Hessen mit Kavallerie und schwerem Geschütz auf dem Weißen Berg bei Frankenhausen an und trifft dort auf einen großen Haufen Bauern - immerhin 8000 Mann - mit Sensen und Dreschflegeln bewaffnet. Die verschanzen sich in einer Wagenburg.

Werner: Man muss sich ja immer vorstellen: das waren sehr spontane Erhebungen. Thomas Münzer, der zwar immer gefeiert wurde: er war ein Prediger, kein Militär-Kundiger. Also konnte er auch einen Aufstand nie zum Siege führen.

Renate Werner vom Heimatmuseum Bad Frankenhausen.
6000 von Münzers Gefährten werden niedergeschossen. Oder abgestochen. Das Blut soll in Strömen den Weißen Berg hinab geflossen sein. Seit diesem Tag heißt er "der Schlachtberg".

Friedrich Engels hatte den Bauernaufstand eine "frühbürgerliche Revolution" genannt und als ur-kommunistische Revolte gefeiert. Als einen Versuch, um mit seinem Freund Karl Marx zu sprechen, "alle Verhältnisse umzustoßen, in denen der Mensch ein geknebeltes, ein entrechtetes Wesen ist." - Und als einen solchen Versuch wollte die DDR-Regierung das blutige Geschehen von Frankenhausen auch dargestellt haben.

Der Leipziger Maler Werner Tübke schien prädestiniert, denn der konnte malen wie die alten Meister - und nahm nach etwas Bedenkzeit den gigantischen Auftrag auch an. Aber er war nicht bereit, das Gemälde einer Schlacht zu liefern:

Krage: Ich glaube, Tübke hatte sich schon zu DDR-Zeiten so eine Position herausgearbeitet: so eine Art Maler-Fürst, der dann tatsächlich die Macht auch besaß, sich über gewisse Dinge hinwegzusetzen und einfach seine Sache so stringent durchzuziehen, dass er hier selbst sich verwirklichen konnte. Voll und ganz.

Meint Silke Krage vom Panorama-Museum.

Tübke hat den Bauernkrieg zum Anlass genommen, den Geist eines ganzen Jahrhunderts auf die Leinwand zu bannen. An die 3000 Figuren tummeln sich auf diesem Rundgemälde: Bauern, Ritter, Gottesmänner, Adelsfräulein und Bürgerfrauen, Dämonen, Engel - und vor allem jede Menge Narren. Man sieht sie im Schlachtgetümmel, auf Märkten und in Kathedralen. Versammelt um Folterbänke und Galgen genauso wie vor einem Lebensbrunnen.

Krage: Als wir zum ersten Mal in diesen Bildsaal traten...Man ist voller Ehrfurcht, man weiß nicht, wo man hinschauen soll. Man schaut eigentlich ratlos und, ja - ist überfordert. Es ist einfach so.

Tübke war im September 1989 nicht bereit, sein Bild zu kommentieren. Auch dem Personal hatte er jede Erläuterung untersagt: Der Betrachter sollte sich selbst seinen Reim auf das Bild machen.

Der Besucher von heute allerdings bekommt eine Führung.

Krage: Wir haben dann eigentlich ganz stillschweigend, das wusste Tübke dann nach ein paar Monaten auch, diese Führungen angeboten. Um dem Drang der Besucher nachzugeben. Diesem Informationsbedürfnis.

Und dann hat sich der Meister auch nicht mehr quer gelegt?

Krage: Nein, weil natürlich sehr viele Gäste sich dann an Tübke gewandt haben und sich bedankt haben. Für dieses grandiose Kunstwerk - und auch für diese Erläuterungen, die dann oben im Bildsaal gegeben wurden. Und das war dann sicherlich auch ‘ne Zwickmühle, so dass er dann auch gar nicht mehr anders konnte (lacht).

Tübkes Auftraggeber sind heute ebenso Geschichte wie der Bauernkrieg. Geblieben sind die Touristen aus Ost und West, die gemeinsam Tübkes Werk bestaunen:

Bürger: Ich hab‘ da eigentlich erst davon gehört, wo er gestorben ist. Und das hat mich dann schon interessiert: dieses Panorama - Bild./ Da hab‘ ich jesagt: da müss‘ mer unbedingt ma‘ hin, weil ich selber auch male. / War ja doch sehr beeindruckend/ Ja, ich bin überrascht, dass der gute Mann so malen konnte/ Wenn der nich‘ in der DDR gewesen wäre, sondern in Westdeutschland, wäre er vielleicht noch mehr zum Tragen gekommen.

Es fragt sich nur, ob er dort auch das Panorama - Bild hätte malen können.

Krage: Ja, also, Golo Mann hat einmal gesagt, als er hier gewesen ist, so was konnte nur in Zeiten der DDR entstehen, so was ist in der Bundesrepublik niemals möglich gewesen. Also, von daher haben wir dem damaligen Staat, was diese Kultur-Investitionen betrifft, viel zu verdanken.

Bürger: Naja, natürlich. Muss ja die DDR bezahlt haben. Das Volk irgendwie. Wer soll's ‘n sonst bezahlt haben!

Dieser Umstand stimmt durchaus nicht alle Bürger von Bad Frankenhausen euphorisch:

Bürger: Das ist in den letzten Zügen der DDR entstanden. Da hat mer Geld gehabt. Auch wenn der Staat sonst pleite war, aber da hat mer ‘neingedrückt. - Se brauchen sich nur den Stadtkern anzugucken. Da hätten se ‘s Geld vernünftiger könne anlege. Aber wie's eben bei den Kommunisten so war: es wurde festgelegt, und da konnte rechts und links fallen, was wollte.

Zum Beispiel auch das Kyffhäuser-Denkmal. Das "fiel" natürlich nicht. 40 Jahre DDR und 14 Jahre Deutsche Einheit haben den robusten Steinkoloss wenig beeindruckt. Das Drumherum ist ziemlich verwahrlost:

Bürger: Ob das die Zufahrtswege sind, gastronomische Einrichtungen, Toiletten-Anlagen und so, und dann gab's Zank wegen dem Besitz, und wie das eben nach der Wende so war.

Und einen Kaffee bekommt man dort nicht?

Bürger: Also, in der Woche überhaupt nicht. Zum Wochenende hat sich einer herabgelassen und macht da de gastronomische Versorgung.

Was die Touristen nicht hindert, zum Denkmal zu pilgern. Die meisten Reise-Busse fahren zuerst zu Tübke. Und dann zu Barbarossa : weniger wegen der Einheit des Vaterlands, mehr wegen der schönen Aussicht :

Bürger: Das ist ‘ne schöne Sache da oben/ Da sehen Sie, wie die Städte und Dörfer von oben aussehen / Und man hat dann einen wunderbaren Blick in die goldenen Aue.

Und warum heißt die Goldene Aue "Goldene Aue"?

Bürger: Ja, da bin ich überfragt, das kann ich Ihnen jetzt auch nich‘ sagen./
Die Goldene Aue, dass ist ein von der Natur reich ausgestattetes Gebiet mit fruchtbaren Böden./
Ja. Ja, no freilich.


Sieht das von oben vielleicht so aus wie Gold?

Bürger: Also, im Sommer und im Frühherbst schon. Weil da sehr viel Getreide angebaut wird und dann wogten eben diese Getreidefelder, und dann wogte das eben wie Gold./ Im Herbst sieht das schön aus, ja. Ja.

Bürgerin: Also, für mich selber ist das Heimat. Also, wenn ich von irgendwo weit weg komme, von der Ostsee oder so und komm über die Autobahn... Ah, Kyffhäuser-Gebirge, Kyffhäuser-Denkmal, die Silhouette des Gebirges: zu Hause !
-> LänderReport
-> weitere Beiträge
->
-> Bad Frankenhausen