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4.10.2004
Teufel und die Folgen
Politische Zeitenwende in der CDU?
Von Barbara Roth

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Erwin Teufel (CDU) (Bild: AP)
Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Erwin Teufel (CDU) (Bild: AP)
Teufel regiert. Am 4. September feierte der Regierungschef seinen 65. Geburtstag - doch trotz des Eintritts ins Rentenalter ans Aufhören denkt der CDU-Politiker nicht. Bis Ende des Jahres will der dienstälteste deutsche Ministerpräsident seine Partei zappeln lassen, ob er bei den Landtagswahlen im Frühjahr 2006 noch einmal antreten wird.

Teufel glaubt, "dass jeder Tag, den er länger waltet, ein Segen ist für ihn, für die Partei und für das Land", analysiert ein früherer enger Mitarbeiter Teufels Festhalten am Amt. In Partei und Fraktion aber wächst der Widerstand, spöttisch ist in CDU-Kreisen vom "ewigen Erwin" die Rede, Forderungen nach einer Stabübergabe an einen Jüngeren werden immer lauter.

Die Opposition formuliert deutlicher: "Unser Kohl heißt Erwin", unken SPDler und Grüne in Erinnerung an den quälenden Übergange von Helmut Kohl zu Angela Merkel, aber auch von Kurt Biedenkopf zu Georg Milbradt. Ein Datum könnte die Nachfolge-Debatte beschleunigen: Am 10. Oktober finden in Stuttgart Oberbürgermeisterwahlen statt. Amtsinhaber Wolfgang Schuster (CDU) muss zittern, denn von Wahl zu Wahl büßen die Christdemokraten in der Landeshauptstadt an Stimmen ein. Eine Wahlschlappe in Stuttgart dürfte mit Erwin Teufel heimgehen.


Ein sonniger Samstag Anfang September. Vor dem Neuen Schloss zu Stuttgart spielte ein Spielmannszug auf. Männer in historischen Trachten standen Spalier. Kleine Mädchen im Sonntagskleidchen überreichten Blumen. Mittendrin, zwischen zwei Buchsbäumchen drapiert, ein strahlender Landesvater, an seiner Seite Ehefrau Edeltraud. Erwin Teufel vor vier Wochen an seinem 65. Geburtstag. Der baden-württembergische Ministerpräsident wünschte keinen Staatsempfang mit großen Reden. Stattdessen durften ihm Bürgerinnen und Bürger persönlich gratulieren.

Bürgerin/Bürger: Grüß Gott. Wir kommen von Heilbronn. Und wir wünschen Ihnen alles Gute. Ich danke Ihnen. Und lassen Sie sich nicht d`rausbringen, bleiben Sie noch lang dran. Ja, danke! Lacht. Vielen Dank. Ich ärgere mich immer über das andere. Danke. Alles Gute. Vielen Dank ...

Gekommen waren Hunderte Landeskinder aus allen Ecken Baden-Württembergs. Frauen und Männer aus dem Volk, denen sich der Bauernsohn aus Spaichingen bis heute besonders verbunden fühlt.

Bürgerinnen/Bürger: Gute, verlässliche Freunde. Stehvermögen gegen alle. Natürlich Gottes Segen. Kraft, Weisheit. Viel Glück, alles Gute, Gesundheit. Dass er gut weiter schaffen kann. Ein langes Leben und dass er so weiter macht. Dass er gesund und fit bleibt bis ins Alter.

Erwin Teufel hörte die Bürgerwünsche wohl. Sie taten ihm sichtlich gut. Vor vier Wochen hat der baden-württembergische Regierungschef das Rentenalter erreicht. Doch aufs Altenteil abschieben lassen, will sich der 65-Jährige nicht. Bis zum heutigen Tag schweigt Erwin Teufel eisern: Wie lange er noch im Amt zu bleiben gedenkt? Wann er den Stab an eine jüngere Person übergeben wird? Ob er in 1 ½ Jahren bei den Landtagswahlen nochmals als CDU-Spitzenkandidat antreten will? Erwin Teufel bleibt Antworten auf diese Fragen hartnäckig schuldig. Fragen, die ihm an seinem Ehrentag natürlich niemand zu stellen wagte. Und doch mischten sich unter die Glückwünsche immer wieder mal die direkte oder indirekte Aufforderung, er solle seine Zukunftspläne baldmöglichst offen legen. So oder so:

Bürger: Dass es ihm gelingt, in den nächsten Monaten für sich und für unser Land die richtige Entscheidung zu treffen. Er soll einfach mal die Nachfolge mal regeln. Dass seine politische Laufbahn noch nicht beendet ist. Wir haben ja keine Alternative in Sicht.

Doch Erwin Teufel spannt Wahlvolk und Parteifreunde auf die Folter -zunehmend genervt von der Diskussion um seine Person. Die sogenannte Nachfolge-Debatte bestimmt seit Monaten die Berichterstattung im Ländle. Regierungspolitik wird nur noch mit der Frage verknüpft, was die jeweilige Entscheidung über Teufels politische Zukunft aussagen könnte. Angesprochen auf das Thema, vertröstet er gebetsmühlenartig auf den 12. Februar des kommenden Jahres. Wenn er, der Landesvorsitzender, zu einem Parteitag einladen wird:

Teufel: Wir werden auf diesem Landesparteitag den Spitzenkandidaten der CDU Baden-Württemberg für die Landtagswahl im Frühjahr 2006 wählen. Was meine Person angeht, werde ich mich rechtszeitig vor diesem Datum erklären, ob ich für eine Kandidatur als Spitzenkandidat wieder zur Verfügung stehe.

Unausgesprochen fordert der Dienstälteste deutsche Ministerpräsident für sich das Recht ein, als Amtsinhaber selbstverständlich erneut antreten zu können - vorausgesetzt er alleine will es. Frühestens kurz vor Weihnachten wird er seine Entscheidung der Partei und der Öffentlichkeit kundtun, glauben Beobachter zu wissen. Wie sie ausfallen wird? Selbst seine Gattin Edeltraud ahnt sie nur, sind sich enge Freunde des Ehepaars sicher. Seit Wochen, so wird erzählt, bittet Erwin Teufel seine Freunde zu sich. Er befragt sie zur Nachfolge-Debatte, hört sich in aller Ruhe an, was sein Gegenüber zu sagen hat - kommentiert die Ratschläge aber mit keinem Wort.

Partei- und Wahlvolk müssen warten. Erwin Teufel will sich weder bedrängen noch unter Druck setzen lassen. Erst wenn er für sich eine Entscheidung getroffen hat, räumt er Partei und Fraktion ein Mitsprachrecht ein. Kommt das Thema auf, verweist er immer auf den 12. Februar. Im gleichen Atemzug aber vergisst er nie zu betonen, welch gute Umfragewerte die CDU, die Landesregierung und allen voran er aufweisen kann:

Teufel: Besser kann man gar nicht liegen als die CDU Baden-Württemberg. Wir liegen in Umfragen bei einer ganz klaren Mehrheit. Und die Bürger vertrauen auch der Landesregierung und mir. Da sind keine Wünsche offen. Alle drei haben ein überraschend großes Vertrauen: Die Landesregierung, die CDU und auch ich als Person.

Erwin Teufels Traum: Er will seine Christdemokraten zurück zur absoluten Mehrheit führen. Eine CDU-Alleinregierung wäre die Krönung seiner politischen Karriere. Die absolute Mehrheit holte die baden-württembergische CDU letztmals im Jahr 1988 unter dem damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth. Im Januar 1991 trat Teufel dessen Nachfolge an. Nach den Landtagswahlen gut ein Jahr später musste er eine Große Koalition mit der SPD eingehen. Die Sozialdemokraten wurde er bei den Wahlen 1996 wieder los, seitdem jedoch regiert er im Südwesten gemeinsam mit der FDP.

Teufel: Ich kann nur sagen, dass uns, der Union, nichts Besseres passieren könnte, als wenn es jetzt zu Neuwahlen käme. Deswegen würde ich Neuwahlen nur begrüßen.

Erwin Teufel am 22. Juli. Seine Äußerung schlug ein wie eine Bombe. Der Ministerpräsident meinte es ernst, er wollte zu vorgezogenen Neuwahlen aufrufen. Ende September sollten sie stattfinden.

Laut Landesverfassung bedarf es einer Regierungskrise, um das Landesparlament vorzeitig auflösen zu können. Diese Regierungskrise sah Teufel als gegeben, denn innerhalb eines Monats verlor er zwei Mitglieder seiner Landesregierung: Erst trat im Juni FDP-Wirtschaftsminister Walter Döring zurück. Keine vier Wochen später musste die liberale Justizministerin Corinna Werwigk-Hertneck ihren Hut nehmen. Der eine musste gehen, weil er die Finanzierung einer Image-Umfrage im Jahr 1999 nicht aufklären konnte. Die andere warf das Handtuch, weil sie Döring vorab über staatanwaltliche Ermittlungen informiert haben soll.

Teufel sah die Gunst der Stunde gekommen. Zumal die CDU zu diesem Zeitpunkt auch bundesweit auf einem Hoch schwebte. Wann, wenn nicht jetzt, dachte sich der Christdemokrat, kann er sich seinen Traum erfüllen. Ein zweites kam hinzu: Mit einem Schlag hätte er die leidige Nachfolgedebatte los gehabt, denn auf die Schnelle hätte die Landes-CDU ihren Spitzenkandidaten nicht auswechseln können.

Teufel rief eine Sondersitzung der führenden Parteigremien ein. Die Telefondrähte glühten, die Mitglieder von Vorstand und Präsidium wurden eilig nach Stuttgart beordert. Doch der Traum platzte wie eine Seifenblase. Entscheidend war: Seine CDU-Landtagsfraktion verweigerte Teufel die Gefolgschaft. Fraktionschef Günther Oettinger sagte deutlich Nein zu Neuwahlen:

Oettinger: Wir haben einen Vertrag mit der FDP, fünf Jahre. Wenn der verändert werden soll, muss die FDP gehört werden, sie muss dabei sein. Und ein weiterer Punkt: Wir haben die Verfassung vor neun Jahren geändert. Und damals haben wir gesagt, dass der Landtag sich selbst auflösen kann, im Fall einer Regierungskrise. Aber eine Regierungskrise haben wir nicht. Und selbst wenn wir sie hätten, dann müssen erst, ich lese wörtlich vor, alle Bemühungen um Bildung einer tragfähigen Mehrheit im Landtag gescheitert sein. Derzeit haben wir eine Koalition, die steht - die ist nicht gescheitert.

Zumal sich die FDP beeilte, mit Ulrich Goll einen neuen Justizminister zu berufen, der auch in CDU-Kreisen als kompetent und erfahren gilt. Über Nacht konnte von einer Regierungskrise nicht mehr die Rede sein. Teufel musste zurückrudern, und sich dem Willen seiner Fraktion beugen. Eine herbe Niederlage im Poker um die Macht mit Fraktionschef Oettinger. Dem beinah 51-Jährigen werden die größten Chancen eingeräumt, Teufel irgendwann zu beerben. Oettinger will auch. Der Ministerpräsident dagegen macht aus seinem Wohlwollen für Kultusminister Annette Schavan keinen Hehl, weshalb so mancher in ihr seine Kronprinzessin sieht.

Bürgerstimmen: Die Art und Weise, wie er jetzt vorgeht, zuerst schreien, man braucht Neuwahlen und dann plötzlich macht er doch eine Umkehr, es ist ein Hin und Herr. Jetzt ist genug vorgefallen, so dass man sagen kann: es reicht. Außerdem möchte ich sagen, ist der Teufel unser Ministerpräsident wahrscheinlich am Ende seiner Regierungszeit angelangt. Er sollte endlich mal von der Bühne weggehen.

Bürgerstimmen, gesammelt in Stuttgart. Reaktionen auf Teufels Flirt mit Neuwahlen. Unmittelbar danach veröffentlichte der Südwestrundfunk eine bei Infratest dimap in Auftrag gegebene Umfrage. Ein Stimmungsbild, das Teufel in einem Punkt recht gab: Die CDU würde mit 48 Prozent in Baden-Württemberg die absolute Mehrheit holen. An der anderen Quintessenz dagegen konnte er keinen Gefallen finden: Denn 69 Prozent der Befragten meinten: Erwin Teufel solle nicht mehr antreten bei den nächsten Landtagswahlen, er solle endlich einen Nachfolger benennen.

Teufel: Ich äußere mich nicht weiter zu diesem Thema. Ich habe alles gesagt, was dazu zu sagen ist.

Acht Wochen sind seitdem ins Land gezogen. Die Landespolitik war in eine tiefe politische Sommerpause versunken. Auch seinen 65. Geburtstag Anfang September durfte Erwin Teufel in Ruhe genießen.

Doch der Burgfriede fand ein jähes Ende, als die CDU-Fraktion mit der traditionellen Herbst-Klausurtagung ihre Arbeit wieder aufnahm. Es lief ab wie immer: Die Mutig-Forschen sprachen das leidige Thema an. Es sind Abgeordnete, die altersbedingt dem nächsten Landtag nicht mehr angehören oder unter Teufel nie etwas werden. Sie werden vorgeschickt, um Teufel weich zu kochen, munkeln nicht nur Journalisten. Winfried Scheuermann etwa verzeiht Teufel den Fehler mit den Neuwahlen nicht und Klaus-Dieter Reichardt will sich nicht bis zum 12. Februar gedulden.

Scheuermann/Reichert: Je länger die Zeit dauert, umso größer ist die Gefahr, dass es zu solchen oder ähnlichen Aktionen wieder kommt. Dieser Zeitplan ist so nicht mehr state of the art. Ich glaube, wir brauchen hier in den nächsten Monaten eine Entscheidung, Möglichst früh.

Seit Wochen wiederholen die Abgeordneten ihre Kritik. Unzufrieden, weil Teufel in ihrem Kreis das Thema Nachfolge konsequent ausklammert. Bislang hörte der Ministerpräsident widerwillig zu - schwieg aber immer eisern. Als aber auf der Klausurtagung in Ludwigsburg wieder die Forderungen auf ihn niederprasselten, er solle sich endlich erklären, ist dem 65-Jährigen der Kragen geplatzt. "Ich lasse mich hier nicht wegmobben" - habe Erwin Teufel gebrüllt, erzählten Teilnehmer dieser nichtöffentlichen Sitzung. "Ich lasse mich nicht wie ein Lamm zur Schlachtbank führen", gaben redselige Abgeordnete seinen Wutausbruch wieder. Fraktionschef Günther Oettinger hatte Mühe, den Krach herunterzuspielen.

Oettinger: Die Debatte war sachlicher als manche jetzt zwischen den Zeilen lesen. Ich bin davon überzeugt, dass die Entscheidung, die er treffen wird, im Einvernehmen zur Partei und Fraktion stehen wird. Wenn der MP sie trifft, ist sie getroffen und wird akzeptiert.

Oettinger bemüht sich redlich, nicht in den Ruf eines Königsmörders zu kommen. Wissend - Königsmörder mag man nicht. Das Verhältnis der Beiden ist sowieso von einem tiefen Misstrauen geprägt. Niederlagen lastet Teufel ihm an; in seinen Augen sägt der Jüngere ungeduldig an seinem Stuhl. Als die Delegierten auf einem Parteitag im vergangenen Dezember Teufel überraschend abgestrafft und mit miserablen knapp 77 Prozent wieder zum Landesparteichef gewählt hatten, glaubte er - zutiefst enttäuscht - eine Oettinger- Intrige zu wittern:

Teufel: Es kommt ein solches Ergebnis nicht ohne Drahtzieher zustande. Ich arbeite weiter für dieses Land. Ich hoffe, dass ich den Anforderungen all derer gerecht werde, die mir ihr Vertrauen schenken. Bei anderen, die es mir jetzt nicht gegeben haben, sage ich: Ich nehme die Herausforderung an.

Oettingers Freude hatten alle Mühe, ihn vor der Revanche des Ministerpräsidenten zu schützen. Seit diesem Ereignis versichert der Fraktionschef immer wieder demonstrativ, er werde niemals gegen Erwin Teufel kandidieren. Selbst dann nicht, wenn der 65-Jährige am 12. Februar auf dem Landesparteitag erklären sollte, er - Teufel - trete nochmals als Spitzenkandidat an.

Oettinger: Ich fühle mich in der Aufgabe, die ich habe wohl. Und bin nicht fixiert auf den 12. Februar. Resignativ ist bei mir überhaupt nichts vorhanden. Und sie werden erleben, dass wir bis dahin, sportlich und auch fair, vielleicht streitig, aber danach auf jeden Fall geschlossen als CDU Baden-Württemberg an die Aufgaben gehen.

Ohne ihn allerdings. Im Fall einer erneuten Spitzenkandidatur Teufels wird Oettinger wohl - bereits als Prinz Charles der Landespolitik verspottet - die politische Bühne verlassen.
Die Nachfolge-Debatte nimmt an Schärfe zu. Obwohl CDU-Generalsekretär Volker Kauder die Mitglieder wiederholt zur Geduld ermahnt und ein Ende der unwürdigen Diskussion gefordert hat - es wird munter weiter geplappert. Wo immer zwei CDU-Mitglieder aufeinandertreffen, ist der MP das Thema, amüsieren sich Oppositionspolitiker. Und in der Tat - es vergeht keine CDU-Sitzung mehr, ohne dass dieses Thema zur Sprache kommt. Selbst das Machtwort des Parteichefs blieb ungehört.

Teufel: Liebe Freunde, uns kann bei kommenden Wahlen kein politischer Gegner einen klaren Wahlerfolg verhindern, sondern nur noch wir selbst.

Erwin Teufel will es nicht wirklich wahrhaben, aber an der Parteibasis, in den Ortsvereinen und Kreisverbänden, gärt es zunehmend. Und hörbar, was vor Jahresfrist noch undenkbar gewesen wäre. Inzwischen aber vergeht kaum mehr ein Tag, an dem nicht eine Äußerung fällt und öffentlich wird. Der junge Emmendinger Kreisvorsitzende Rainer Gantert war der Erste, der sich aus der Deckung wagte.

Rainer Gantert: Es ist einfach so, dass wir den Generationswechsel herbeiführen müssen. Die Zeiten ändern sich, wir brauchen Reformen im Land, und die kann man nicht bewerkstelligen, wenn man nicht auch zu Erneuerungen innerhalb der Partei bereit ist. Ich glaube, dass eine große Mehrheit der Mitglieder eine schnelle Entscheidung wünscht. Und ich glaube auch, dass eine große Mehrheit der Mitglieder Erwin Teufel sehr schätzen, aber auch vermeiden will, dass wir wiederum Probleme haben wie wir sie schon mal mit Helmut Kohl hatten.

Unser Kohl heißt Erwin. Spottete der Grüne Fritz Kuhn schon vor Jahren. Seine vier Worte werden seitdem wieder und wieder zitiert. Alt-Kanzler Kohl als abschreckendes Beispiel eines verdienten Politikers, der am Ende seiner Laufbahn uneinsichtig am Amt klebt, einfach nicht loslassen kann - bis ihn der Wähler in den Ruhestand schickt. CDUlern graut davor:

Parteimitglieder: Irgendwann ist auch mal die Zeit abgelaufen. Die Wähler wollen einfach wissen, wer in Zukunft das Land führt. Und ich meine der Herr Teufel ist doch schon etwas überständig. Und eine gewisse Überheblichkeit macht sich bei ihm bemerkbar. Im Nachfolgerhythmus sollte man schauen, dass sich ein Junger einarbeitet. Und von dem her wäre ein Wechsel nicht schlecht. Schnellstmöglich. Dass der Herr Oettinger kommt. Und der Herr Teufel sich auf seinen wohlverdienten Ruhestand spezialisiert.

Und selbst lange Weggefährten des Ministerpräsidenten halten mit ihrer Meinung nicht mehr hinter dem Berg. Der Berliner Publizist Warnfried Dettling war in den 90er Jahren Leiter der Grundsatzabteilung im Staatsministerium. Er rät seinem ehemaligen Chef dringend zu einem selbstbestimmten Rückzug.

Dettling: Dass er sein Amt zur Verfügung stellt, und dann noch einen ordentlichen Prozess moderiert als Parteivorsitzender. Und nicht versucht, einem Nachfolger ein Bein zu stellen. Sondern sich da in der Tat als der Schiedsrichter dann bewährt. Ich wünsche ihm eigentlich einen Abgang im nächsten Jahr, der seiner ganzen politischen Biografie entspricht und ihrer würdig ist.

Doch Erwin Teufel denkt nicht daran, das Heft aus der Hand zu geben. Nimmt man die vielen Rotwein-Wetten als Barometer, die in Stuttgart unter Politikern und Journalisten laufen, hat Teufel seinen Traum noch lange nicht ad acta gelegt: Er will seine Christdemokraten in die nächsten Landtagswahlen und zurück zur absoluten Mehrheit führen. Dies ahnend schießt so mancher CDUler übers Ziel hinaus. Christian Bäumler, Landeschef der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, beispielsweise. Er behauptete, die Parteivereinigungen hätten sich verabredet, Teufel gemeinsam zum Verzicht bewegen zu wollen. Mittelstandsvereinigung, Junge Union, Wirtschaftsrat und Frauenunion reagierten wie von der Tarantel gestochen, dementierten heftig. Sie fürchten nämlich, dass Bäumler genau das Gegenteil erreicht: Dass Teufel aus purem Trotz an seinem Sessel kleben bleibt.
Ihn - so heißt es - dürfe man nicht unterschätzen. Der Mann wisse zu kämpfen. Das Geheimnis seiner Erfolge beschreibt er so:

Teufel: Ich bin eigentlich davon überzeugt, dass ich von etwas, wovon ich selber überzeugt bin, nicht alle Leute, aber eine Mehrheit von Menschen überzeugen kann. Durch Argumente.

Bodenständig und bieder wirkt Teufel. Wer ihn nicht mag, nennt ihn stur und beratungsresident. Erst das Land, dann die Partei und dann erst die Person, lautet sein politisches Credo. An die Spitze des Landes wünscht er sich die Beste oder den Besten - im Grunde seines Herzens hält er sich, nur sich für den Besten.

Teufel: Also das höchste Lob im schwäbischen ist, wenn man sagt: des ist a rechter Mo. Wenn die Leute das mal über mich sagen würdet, das wäre die höchste Auszeichnung, mehr als jeder Orden.

Dass er für Baden-Württemberg alles tun würde, nimmt man ihm auch ab. Glaubwürdigkeit, die er ausstrahlt, ist seine Stärke. Im persönlichen Gespräch mit Bürgern gewinnt er. Auch weil er den Eindruck vermittelt, nie vergessen zu haben, wo er hergekommen ist: aus einer einfachen Bauernfamilie vom Land. Wenn er von Begegnungen mit Menschen erzählt, dann glänzen seine Augen schon mal:

Teufel: Der letzte Taxifahrer, mit dem ich vom Hauptbahnhof herauf gefahren bin, ein Ausländer, der hat, nachdem ich bezahlt habe, dann zu mir gesagt: Gott schütze sie. Wissen Sie, das sind Erlebnisse, die gehen mir unter die Haut, das sage ich ganz offen.

Erdverbundenheit, Bodenständigkeit, Heimatliebe. Teufel verkörpert konservative Werte. Im ländlichen Raum - wo in Baden-Württemberg die Mehrheit der CDU-Wähler sitzt - punktet einer wie Erwin Teufel.
In den Städten dagegen nicht. Am Sonntag wird in der Landeshauptstadt Stuttgart der Oberbürgermeister gewählt. Amtsinhaber Wolfgang Schuster (CDU) - Nachfolger des heute noch sehr populären Manfred Rommel - kann sich nicht locker zurücklehnen. Im Juni bei den Gemeinderatswahlen verlor die CDU in Stuttgart wieder gut fünf Prozent an Wählerstimmen. Die Christdemokraten blieben im Stadtrat zwar die stärkste Kraft - mehrheitsfähig aber ist ihr OB nur mit Hilfe der Grünen. Was die CDU an Stimmen abgab, legte die Ökopartei zu. Tatsache ist, und das räumen auch Christdemokraten ein, die CDU entspricht gerade in Stuttgart immer weniger dem Lebensgefühl der Menschen. Die Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat, Susanne Eisenmann:

Susanne Eisenmann: Gerade in Städten wie Stuttgart, wo eine hohe Wirtschaftskraft ist, eine vergleichsweise niedrige Arbeitslosenquote, ein hoher Standart an Sicherheit, dass dort die Menschen sich wohlfühlen und Lebensgefühl wählen. Und die wählen dann nicht CDU, die wählen grün. Es ist ein Stück weit wohlfühlen, ein Stück weit Lebensqualität - Themen wie Kinderbetreuung, wie Umweltschutz - all diese Dinge, die sicher stärker bei den Grünen Zuweisung erfahren wie bei der CDU. Fälschlicherweise, aber de facto ist es so. Unsere Wähler haben sich verändert. Und da waren wir vielleicht ein bisschen zu langsam.

Von Wahl zu Wahl wird dies den Christdemokraten schmerzlicher bewusst: Stuttgart hat keinen direkt gewählten CDU-Abgeordneten im Bundestag mehr. In den Landtag entsenden sie noch zwei Vertreter, früher waren es mal vier.
Teufels Zukunft entscheidet sich in Stuttgart, sind sich Beobachter sicher. Ein schlechtes Abschneiden von CDU-OB Schuster geht auch mit dem Ministerpräsidenten heim. Ihm nämlich kreiden viele in der Partei an, dass er mit 65 für die CDU von gestern steht - und nicht für eine in die Zukunft gerichtete, moderne Partei. Bis nach dem zweiten Wahlgang am 24. Oktober werden Teufels Kritiker ruhig bleiben. Danach aber wollen sie Tacheles reden.

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