LänderReport
LänderReport
Montag bis Freitag • 13:05
5.10.2004
Flotte Schreibe vom Amt
Landkreis in Niedersachsen verschickt Briefe, die die Bürger auch verstehen
Von Sabine Eichhorst

Beim Antrag für das Arbeitslosengeld II kommen viele Antragsteller nicht ohne Hilfe aus (Bild: AP)
Beim Antrag für das Arbeitslosengeld II kommen viele Antragsteller nicht ohne Hilfe aus (Bild: AP)
Landrat Gedaschko hat einen Bestseller verursacht. "Flotte Schreibe vom Amt" heißt das Taschenbuch und ist eine Stilfibel. Sie lehrt den Beamten verständliches Deutsch, also Verzicht auf Floskeln und Fachbegriffe wie "Aus gegebenem Anlass... des § 24 (1) Nieders. Straßengesetz (NstrG) .... Nds. Gesetz- und Verordnungsblatt S. 359". Weg damit.

Her mit kurzen und klaren Sätzen. Kein Amtston mehr, keine Belehrungen, keine Drohungen. Die nun auf Amtsdeutsch verzichtenden Beamten schätzen mittlerweile die "flotte Schreibe", die Bürger danken es und andere Behörden sind derweil neugierig geworden.


Der Landkreis Harburg: 240.000 Einwohner, Kühe, Kirchen. Ein Mord, 99 Raubüberfälle im vergangenen Jahr. Viele kleine und mittelständische Betriebe - Landmaschinenvertriebe, Teehändler, ein paar High-Tech-Firmen.
Ein Idyll.

Der Landkreis Harburg und seine Verwaltung: 935 Mitarbeiter, BAT-Tarife, Ficus Benjamini, lange Flure. Hinter verschlossenen Türen schreiben Amtsdiener Bescheide...

Etwas im Hintergrund. Einen Satz nach links, einen nach rechts versetzen:

Sehr geehrter Herr Mustermann, für Ihr Bauvorhaben lasse ich nach § 24 Absatz 7 des Niedersächsischen Straßengesetzes ...
Sehr geehrter Herr Mustermann, Sie erhalten laufende Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) ...


Und dann steht da dieser Mann.

Gedaschko: Ich bin ein optimistischer Mensch und hab die Hoffnung, dass man Dinge, die uns alle nerven, ändern kann.

Axel Gedaschko. 45 Jahre. Ein Aufständischer.

Gedaschko: So schnell gebe ich nicht auf.

Eines Morgens vor einem Jahr saß Gedaschko in seinem Landratsbüro. Bekam innerhalb von zwei Stunden drei Briefe von Mitarbeitern auf den Tisch. Und verstand kein Wort. Dabei ist er ein kluger Mann.

Gedaschko: Naja, wenn Sie ein Schreiben kriegen und Ihnen wird im fünften Absatz auf Seite zwei gesagt, was Sie nicht machen sollen, und Sie lesen und lesen und wissen gar nicht: was will der eigentlich von mir - dann haben Sie schon ein Problem.

Etwas muss sich ändern in diesem Land, beschloss der Mann. Oder zumindest in seinem Landkreis. Er verlangte: eine Stiloffensive.

Sehr geehrter Herr Mustermann, hiermit gewähre ich gemäß § 100 Abs.1 Nr. 1 Bundessozialhilfegesetz (BSHG) Eingliederungshilfe nach §§ 39, 40 Abs. 1 Nr. 8 und § 43 Abs. 1 BSHG in Verbindung mit § 55 Abs. 2 Nr. 2 des Neunten Sozialhilfegesetzbuches (SGB IX) in folgender Einrichtung ...

Gedaschko: Es gibt sowieso schon immer einen Interessenskonflikt bei vielen Bürger: Sobald sie ein Schreiben vom Amt kriegen, wird die Halsschlagader dick. So was muss man nicht noch künstlich züchten.

Der Landrat rief einen Berater an, einen, der sich auskennt mit Sprache und Wörtern und Sätzen. Der Berater verfasste eine Stifibel und lud zur "Multiplikatorenschulung". Können wir etwa kein Deutsch?, fragten die Untergebenen.

Im Panorama verteilen, Wörter stürzen durcheinander. Etwas im Hintergrund:

Brandüberschlagsweg - Verselbständigkeitsanalyse - Abstandsbaulasterklärung - Mehrarbeitsentschädigung - Grunddienstbarkeitsbewilligungserklärung ...

Da sprach der Dienstherr zu ihnen, und er sprach weise Worte:

Gedaschko: Der Bürger nimmt Verwaltung inzwischen wie andere Dienstleistungen auch wahr - wie eine Bank, wie eine Versicherung. Und er erwartet auch einen entsprechenden Umgang.

Tipp 1: Gesetze ans Satzende!

Harburger Beamte - und natürlich die beinahe fünf mal so vielen Verwaltungsangestellten, denn nur Beamte: das kann sich kein Steuerzahler mehr leisten - sie schreiben seither mit klarem Auftrag.

Tipp 2: Streichen Sie Behördenflosken!
Kein "Aus gegebenem Anlass", "Im Sinne der obigen Vorschrift", "In der vorbezeichneten Angelegenheit"...


Dabei enthält die Stilfibel - Titel: Flotte Schreiben vom Amt! - keineswegs Geheimnisse: kurze klare Sätze. Kein Amtston. Keine Belehrungen, keine Drohungen.

Gruhl: Ich glaube, dass in der Verwaltung das Gefühl, wir stehen auf einem Podest überhaupt nicht vorhanden war.

Sibylle Gruhl, Verwaltungsleiterin im Gesundheitsamt.

Gruhl: Dass es ein Eindruck war, der beim Bürger so ankam, aber von den Mitarbeiter nicht so gemeint war. Aber das ist uns vielleicht gar nicht so bewusst geworden. Aber durch das Angehen unserer eigenen Schreibe ist es auch in unsere Köpfe reingekommen, dass es vielleicht so wirkt.

Sehr geehrter Herr Mustermann, Ihr Nachbar will einen Geräteschuppen bauen. Der Weg zum Schuppen würde über Ihr Grundstück führen. Sie sind damit einverstanden. Das Recht Ihr Grundstück zu überqueren muss ins Grundbuch eingetragen werden.

Neue Post vom Amt. 1200 der 4000 "Bescheidvordrucke" - was, mit Verlaub, noch ein semikomplizierter Ausdruck ist - wurden bereits übersetzt. Manche Mitarbeiter sträuben sich, sagen: Das haben wir immer so gemacht, und Neues wollen wir nicht. Und außerdem: Weiß etwa irgend jemand draußen im Land nicht, was "Anleiterbarkeit" heißt?

Abstandsbaulast-Erklärung.

Gruhl: Das ist eine Erblast! Das ist über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte vererbt. Wir haben unsere Ausbildung gemacht, während dieser Einarbeitung bekommt man Standardtexte, nach dem Motto: Guck dir das mal an, so geht das hier bei uns. Und wenn man von Anbeginn diesen Behördenstil erlebt, geht er einem irgendwann richtig in den täglichen Gebrauch über. Das ist eine Sprache, die wir untereinander gut verstehen. Die wir ja auch sprechen... (lacht)

Abstandsbaulast-Erklärung: "Sie haben den Bau eines Wintergartens beantragt. Durch den Bau würde der gesetzlich vorgeschrieben Mindestabstand zum Haus ihres Nachbarn unterschritten. Das ist nur möglich, wenn Ihr Nachbar zusichert, dass er einverstanden ist."

Es gibt viel zu tun. Wir müssen die Mitarbeiter "mitnehmen", sagt der Landrat. Wir müssen die Köpfe zum Umdenken bringen, sagt sein Pressesprecher. Nicht für alle Fälle gibt es Vordrucke, und sobald die Amtsmänner und -frauen ihre Computer hochfahren und individuelle Anschreiben aufsetzen, lauert wieder das Böse: vertraute Schachtelsätze, kryptische Kapriolen, bürokratische Belehrungen. Funktioniert die Stiloffensive, ist es jedoch wunderbar: Die Amtsleute müssen ihre Briefe nicht mehr nachträglich am Telefon erklären ...

Gedaschko: Der berühmte Durchschnittsmitarbeiter kostet 60 Euro die Stunde. Bei zehn Minuten eines Anrufes und das ein paar Mal am Tag ... Und wenn es nicht sein muss, wenn man so schreibt, dass der Bürger es gleich versteht, dann kommen wir hier auch dazu, dass die Mitarbeiter die Zeit, die sie haben, dazu verwenden können, inhaltlich zu arbeiten. Und nicht das, was sie schon mal fabriziert haben, noch mal zu erklären.

Eine nüchterne Rechnung. Und rechnen muss der Landrat; auch sein Haushalt hat ein Loch. So spricht der Mann von "Kunden", von sich als "Dienstleister", er wirbt für E-Government, hat elektronische Terminkalender eingeführt und Namensschilder für Mitarbeiter, individuelle Sprechzeiten und Öffnungszeiten am Sonnabend. Hat ein Leitbild verankert: Wir sind für den Bürger da! Dienstleistungsoffensive, nennt Gedaschko das. Die kostet Geld. Bringt aber etwas: positives Image, zufriedene Bürger, Investoren, Steuern. Also: Geld.

Gedaschko: Wir gucken auf den Pfennig, aber wir gucken auch, dass wir einen optimalen Nutzwert für unsere Kunden rauskriegen.

Und der Bürger? Pardon, der Kunde?

Mann: Ich hab selber schon Briefe gekriegt. Man kann sie leichter lesen! Es ist nicht mehr so chinesisch, Amtsdeutsch, dass man nichts verstehen kann - das ist wohl wahr, das ist besser geworden.
Frau:
Ich find's gut. Ist für den Bürger wirklich verständlicher.
Ehepaar:
Das ist in Ordnung. Das ist höchste Zeit, dass man es auch lesen und verstehen kann.
Frau: Ich arbeite selbst beim Landkreis. Also es ist wirklich so: Es kommt ein anderer Stil rein in die ganze Geschichte. Ich weiß nicht, ob das außen schon so deutlich ankommt. Es steckt noch in den "Kinderschuhen" und es braucht einfach eine Zeit, bis es außen bemerkt wird.

Ein Paradigmenwechsel, in der Provinz. Warum nicht in der großen und modernen Stadt - wo das Leben pulsiert, Trends entstehen und pfiffige Vordenker ständig neue Ideen haben? Was sind diese Harburger für ein Menschenschlag? Heimliche Avantgardisten?

Mann: Man hat meist das Gefühl, das ist noch der Bauernschlag in den meisten Leuten hier. Und dann gibt's den zweiten, das ist der Kaufmann.
Frau: Wir sind Winsener, aber keine Harburger!
Mann: Wenn man den Kaufmann nimmt, der ist wahrscheinlich offener für solche Sachen, aber der richtige eingefleischte Urbewohner des Kreises hier: Ich möchte fast sagen, der ist etwas vorsichtiger. Denn man merkt es auch: Wenn in der Landwirtschaft neue Maschinen eingeführt werden, das dauert furchtbar lange, bis sie überhaupt akzeptiert werden.

Warum hier ...? Die Frage bleibt offen ...

Zurück in den Amtsstuben. Was beschäftigt die Menschen im Landkreis eigentlich? Was steht in den Eingaben, die sie ihrem Amt schicken?

Krümpelmann: Da mokiert sich zum Beispiel ein Bürger darüber, dass die Müllabfuhr nicht immer pünktlich kommt, sondern in einem Zeitkorridor von sieben bis zwölf Uhr mittags und schreibt dann weiter: "Darüber hinaus erstaunt uns, mit welchen vorsintflutlichen, stark lärmenden Fahrzeugen Sie den Müll abholen. Haben Sie noch nichts von der Umweltverordnung zur Schallbekämpfung gehört? Jeder Baukompressor, jeder PKW, die Stadtbusse - ja, überall wird Schallschutz praktiziert, nur nicht bei Ihnen. Das aber muss sich ändern!"

Es geht es um Müllabfuhr, bellende Hunde, gern und häufig um Streitereien zwischen Nachbarn, um geschorene Schafe, die zu lange in der Sonne stehen.

Krümpelmann: Wenn ich noch einmal zitieren darf: ‘Im Gegensatz zur Verwaltung treten wir für Tierschutz und tiergerechtes Handling der Tiere ein. Bedauerlicherweise propagieren Sie als Behörde die Gewalt gegen Tiere und Menschen. Überdies lassen Sie jeden Respekt vor der hart arbeitenden Bevölkerung und den Grundwerteerzeugern vermissen.

Stilistisch weniger verschwurbelt, im Ton schlagkräftig. Die Sorgen sind die gleichen im ganzen Land. Ein Ort wie überall.

Gedaschko: Uns Deutschen ist es eigen: In dem Moment, wo man ein sehr ernst gemeintes Schreiben in die Welt setzt, verfallen wir in einen anderen Sprachstil.

Was auch hieße: Bekommt der Bürger einen Brief vom Amt, den er versteht, nimmt er seinen Amtsmann nicht mehr ernst ...

In letzter Zeit kam es wieder häufiger zu Beschwerden über die Hundehaltung, insbesondere durch Verschmutzung durch Hundekot und Belästigung der Nachbarn durch lautes Gebell.

Gruhl: Wie wirkst du!? Nicht: Wie meinst du, dass du wirkst, sondern wie wirkst du tatsächlich? Das ist es (lacht), was wir hier tagtäglich verändern.

Bitte nehmen Sie entsprechend Rücksicht.

Und der Landrat selbst? Der geistige Vater, der Brandstifter, dieser Mann, der sich eines Morgens aufmachte, die Bürowelt aus den Angeln zu heben? Nennt sich einen typischen Vertreter der Region, ist Optimist, liebt Harmonie. Nun, harmonischer geht heute zu in seinem Amt: keine Warteschlangen, weniger Beschwerden. Lob! Doch warum ist Gedaschko gelungen, was in Ansätzen ja auch in anderen deutschen Ämtern schon versucht, nur eben nicht so weit vorangetrieben wurde?
Er klemmt sich selbst ein Namensschildchen ans Revers und trägt sein Leitbild durchs Haus: "Wir sind für den Bürger da!"

Gedaschko: Ich hab vorher beim Land Niedersachsen gearbeitet, und wenn Sie dann sehen, wie schwer beweglich ein Land Niedersachsen ist. Und hier haben Sie einen Apparat - von der Mitarbeiterzahl her knapp 900: Das ist händelbar. Da kann man sich mit den Bereichsleitern am Morgen zusammensetzen, und am Abend hat man ein Resultat.

Weg mit dem Kanzleideutsch: Kein "dergestalt", "alsbald", "infolgedessen", "nichtsdestotrotz" ...

Gruhl: Das sind Worte! Die mir wirklich gut aus der Feder geflossen sind ... (kichert)

David hat's Goliath gezeigt. Dem dicken Hamburg, nur vierzig Kilometer entfernt. "Aus prominenter Ecke" habe man sich dort bereits nach seiner Schönschreibfibel erkundigt. Was heißt: Auch Hamburgs Bürgermeister will verständliche Briefe schreiben. Und mit ihm andere Amtsvorsteher...

Gedaschko: Ja, die Nachfrage ist erfreulicherweise sehr groß. Die haben uns angeschrieben und gefragt: Könnt ihr uns das mal geben?

Da steht er, der Landrat. Klappt sein Laptop zu, lächelt. Erklärt gleich darauf, es gebe nichts, was nicht noch besser werden könne und die Stilfibel erscheine gerade in der zweiten Auflage.
Der Mann hat die Welt verändert. Vielleicht nicht nur in seinem Landkreis.
-> LänderReport
-> weitere Beiträge