LänderReport
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8.10.2004
Bier und beten
Die "Freibeuter Gottes" erobern Greifswald
Von Alexa Hennings

Bierglas (Bild: AP)
Bierglas (Bild: AP)
Gott produziert keine Nieten. Schon gar nicht in Serie. Solche Predigttexte sind nicht ganz kirchentauglich - weshalb sie auch in der Kneipe gesprochen werden. Seit vier Jahren schon trifft sich einmal im Monat in einem überfüllten Greifswalder Bierkeller eine Fangemeinde um festzustellen, dass sich Bier und Beten nicht ausschließen. Zwei junge, stellungslose Theologen sagen sich: Glauben muss Freude machen, sonst taugt er nix, und gehen dorthin, wo - im Gegensatz zu den leeren Kirchen - die Leute halt sind: An den Tresen. Die Idee schlug ebenso ein wie die bunte Internetseite "Freibeuter Gottes", auf der die Besucher munter über Gott und die Welt diskutieren.

So klingt es gewöhnlich eher nicht, wenn ein Gottesdienst vorbereitet wird. Biergläserscheppern statt der weihevollen Ruhe einer Kirche, die höchstens vom umherhuschenden Küster gestört wird, der rasch noch einmal die Blumen am Altar ordnet. Hier ordnet Herr Schulz am Tresen die Gläser, während vorn gerade mit Hilfe eines Tisches, eines Bierkastens, eines Samttuches, eines selbst geschnitzten Holzkreuzes, einer Bibel und zweier Kerzen eine Art Altar errichtet wird. Leider kommt alles ins Rutschen.

Das Kreuz poltert zu Boden. Raimund kann gerade noch die Bibel auffangen. Zum zweiten Mal wird alles aufgebaut. Diesmal hält es. Raimund ist schon durchgeschwitzt, bevor alles losgeht. Als nächstes verheddert er sich in einem großen weißen Tuch, das er über einen hohen, runden Stehtisch drapieren will. Das soll die Kanzel werden. Ingolf, genannt Inge, bringt die Kerze für die "Kanzel". Die Klavierprobe läuft, die ersten Gäste trudeln ein. Wie jeden Monat, wenn im "Kontor" in Greifswald Kneipengottesdienst angesagt ist, füllt sich das urige Kellergewölbe am Markt. Jüngere und Ältere, Anzugmenschen und Pullovertypen lassen sich auf den Bänken, Marke "Biertischgarnitur", nieder.

Sie alle sind gekommen, um dem ungleichen Predigerpaar zuzuhören: Raimund, dem Akuraten und Inge, dem Flippigen. Raimund Nitsche erscheint in Schlips und Kragen und glatt gekämmten Haaren, Ingolf Berber trägt Lederhosen, ein weißes Pluderhemd, Seeräuberkopftuch, Ohrringe, Fingerringe, Ketten. Sieht so ein Pastor aus? Diese Frage müssen die Entscheidungsträger der Pommerschen Landeskirche lange in ihrem Herzen bewegt haben, ehe sie zu der Meinung kamen: Nein. Aber der Greifswalder Theologiestudent Ingolf Berber wollte doch nur eins: Predigen.

Aus der Not heraus habe ich angefangen, Weil die Leute, die mich im Studium haben predigen hören, mich gefragt haben, ob denn nun mal wieder von mir ‘ne Predigt zu erwarten ist. Und da ich keine Anstellung gefunden habe bei Kirchens, hieß es dann: Nun predige doch mal! Aber ich hatte keine Kirche, keine Predigtstelle, nix. Und dann kam einem Freund der Gedanke: Predige doch in der Kneipe, wenn dir nischt besseres einfällt. Na, und dann habe ich das gemacht.

Am Anfang, vor vier Jahren, waren es "mehr so Kumpels", die da kamen, sagt Inge. Und dann sprach es sich irgendwie rum: Dort predigt einer und der Wirt legt Platten auf, manchmal gibt es Life-Musik. So wie heute.

Die Musik sollte, ich sag's immer so, die Seele weich machen für's Evangelium. Die Leute in einen Zustand bringen, wo sie ein bisschen ruhig werden, ihren Alltag abschütteln können, sich konzentrieren können auf das, was wir dann in der Predigt sagen. Da wird sich nicht großartig vorher einer abgeprobt, das haben wir nicht nötig.

In Greifswald kann man Kirchenmusik studieren, und so ist das Angebot an Bands groß. Heute tritt Bianca mit ihrer Band auf. Als sie mit ihrem ersten Lied fertig ist, kommt Ingolf, der Pastor, der keiner ist, an die Reihe.

Sängerin: Herr, wohin sonst sollten wir gehen?...Ingolf: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes - Amen. Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Ich freue mich, hier wieder heute so viele begrüßen zu dürfen. Schön, dass ihr alle da seid. Ich bitte euch auch, unsere 5minütige Verspätung zu entschuldigen. So, was ist noch anders? Anders ist noch, dass ich jetzt ernsthaft bemüht bin, mir das Rauchen mal endgültig abzugewöhnen. - Publikum: Juhu, klatschen - Ja, hab' ich jetzt mal so für mich entschieden. Außerdem war mir die Nörgelei von Heiko zuviel: Eh, du musst deinen Körper behandeln wie einen Tempel Gottes! Hab ich gesagt: Stimmt, da hat er recht. Kann mich ja nicht sinnlos zudrogen, habe ich mir ja früher schon ganz viel abgewöhnt, kann ich mir auch noch das Rauchen abgewöhnen. Ja, es geht um den Körper als Tempel des heiligen Geistes, darüber erzählen wir nachher was in der Predigt. Raimund erzählt auch was, nämlich jetzt erstmal den Psalm für heute. Raimund: Der Psalm für den heutigen Sonntag. Das sind Verse aus dem 147. Psalm. Haleluja, lobet den Herrn, denn ihn loben ist ein köstlich Ding...

Denselben Psalm, an dem an diesem Sonntag in allen evangelischen Kirchen Deutschlands gepredigt wird, nehmen sich auch die beiden Greifswalder Prediger vor. Darauf legen sie viel Wert. Sie wollen nicht außerhalb der Kirche stehen, auch, wenn sie in der Kneipe sind. Es bleibt ein frommer Wunsch, denn die "Amtskirche" ignoriert sie einfach.

Ein offizielles Statement gibt es nicht. Ich habe so den Eindruck, man lässt uns machen. Es waren schon ‘ne Menge Pfarrer da, um sich's anzugucken. Hinterher sind sie dann meistens relativ fix wieder weg gewesen. Bei den eingeführten Pfarrern ist die Diskussionsbereitschaft nicht unbedingt vorhanden. Pfarrer sind meistens relative Einzelgänger, die lassen sich in ihre Sache wenig reinreden. Es gibt so ein böses Sprichwort unter sächsischen Pfarrern: Seelig sind de Beene, die am Altar steh'n alleene.

Raimund Nitzsche streckte einst auch seine Beene unter einen sächsischen Altar. Vier Jahre lang, aber glücklich war er dabei nicht. Zuwenig Zeit für die eigentliche Arbeit, die Verkündigung, fand er. Der einstige Beststudent wollte nicht Kirchenmangager sein, nicht Geldbeschaffer und Chefrenovierer, wie es Pfarrer heute oft sein müssen. Er ging. Kam wieder in die Stadt seines Studiums, Greifswald, fand seinen Freund Ingolf, genannt Inge einsam in der Kneipe predigend und gesellte sich zu ihm. Seitdem gibt es das Prediger-Duo. Ohne Talare, ohne falsche Rücksichten, ohne pastörlich-gewundene Reden.

Jeremia legt so richtig los. Alles, was ihm auf der Seele brennt, knallt er den Leuten vor den Latz. Er sagt: Bessert euer Leben und Tun! Guckt euch doch um, wie sieht es denn bei euch aus? Glaubt ihr denn wirklich, diese Welt, wo wie sie ist, wäre gut? Ihr habt doch auch ‘nen Kopf! Ich selber ertappe mich immer wieder dabei, wie ich die Kluft zwischen meinem Glauben und meinen Taten zu überbrücken versuche. Ich weiß, oft gehe ich faule Kompromisse ein. Mache Zugeständnisse, wo eigentlich klare Worte gefragt wären.

Hier redet einer von sich. Es ist mucksmäuschenstill in der Kneipe. Die Biergläser belieben stehen. Die Zweifel, das Doch-nicht-das -tun-was-man-müsste, der Sieg der Bequemlichkeit, all das kommt den Zuhörern bekannt vor. Hier sagt einer nicht: Ihr müsst aber, sondern: Ich muss - doch es ist nicht leicht. Diese Offenheit honoriert das Publikum.

Die sind ehrlich. Die geben zu: ich habe das und das gemacht. Aber wir haben als Christen immer wieder die Chance, zu Gott zu kommen. Das sind so Predigten, die sind anders, als die man sonst in der Kirche hört. Das ist nicht so: Punkt eins, zwei, drei - das ist Leben. Predigt mit Leben. Und die haben mir auch schon sehr geholfen, denn ich habe eine schwere Zeit durch. Und habe hier schon oft den ganzen Gottesdienst über geheult. Aber es hilft irgendwo. Denn es sind die Wahrheiten, die die beiden predigen. Die Wahrheiten, die zum Leben helfen.

Immer wenn ich an die Geschichte der Tempelreinigung denke, dann denke ich an meinen ersten und einzigen Besuch im Kölner Dom, Mitte der 90er Jahre. Direkt vor dem Dom, vor dem eigentlich sehr imposanten Eingangsportal, standen zu beiden Seiten Losbuden der so genannten Domlotterie. Auf diesen Buden standen wiederum Autos der in Köln ansässigen Marke Ford, Modell Fiesta, die die Hauptgewinne darstellten. Innen drin im Dom lärmende Massen. Soviel Krach und Geschnatter hatte ich noch nie in einer Kirche gehört und auch nie wieder danach. Wohl aber standen an jeder Ecke, hinter jedem Pfeiler Männer mit roten Roben. Vor dem Bauch ein Kästchen, in das man Geld einwerfen sollte. Alles in allem: permanente, offene Geldbeschaffung. Das hatte ich nicht erwartet. Ich war sauer und ich dachte: welch erschreckende Parallelen zum Tempel in Jerusalem zu Zeiten Jesu. Wie wenig haben wir eigentlich gelernt von ihm in 2000 Jahren.

Es ist relativ offensichtlich, dass die normalen Gottesdienste weder den Menschen ansprechen noch das alltägliche Leben noch die Sehnsucht des Menschen. Nicht auf den Menschen zugehen. Sondern da steht jemand, und predigt über Theologien, über Dogmen oder über Dinge, die kein Mensch versteht und die schon gar nicht ins Leben reingehören. Wo man nichts, kein Stück rausziehen kann. Und das interessiert die Menschen nicht. Wozu sollten sie dahin gehen? Wenn sie da nichts draus lernen können, dann brauchen sie das nicht. Und in den ganzen Gottesdiensten hier, das ist so lebensnah, da wird der Mensch angesprochen, die Sehnsucht eines Menschen, das Herz. Und man kann sich für's tägliche Leben was mitnehmen, für jeden Tag, und das ist wichtig. Das finde ich hier dran ziemlich gut.

Das einzige, was wir aufbringen müssen, sind die Liebe und der Glaube. Mehr ist nicht nötig. Eine bessere Versicherung gibt es für nichts und niemanden auf dieser Welt. Ich selbst hab's x-mal erlebt, und ich sag's euch: Versauen können wir es uns nur selbst im Leben. Gott versaut uns bestimmt nichts. Amen.

Ein Teddybär mit einer Socke als Bauch wird herumgereicht - es ist der "Eintreib-Bär". Was der im Bauch hat, bekommt weder eine Institution noch deren Angestellte, sondern es wird an die Ärmsten in Greifswald weitergereicht. Nur zum Plakate-Drucken sammeln die beiden Prediger manchmal noch Geld. Denn noch mehr Leute sollen den Kneipengottesdienst kennen lernen, und vielleicht, und das ist Inges großer Traum, zu Gott finden. Deshalb erzählt er hier die Geschichten.

Am Anfang musste ich erstmal Christenlehre für Erwachsene machen. Da war den Leuten hier gar nichts klar. Die kamen hier mit Zitaten an, mit Begriffen und Namen - das musste man alles erstmal ordnen. Erstmal klar machen: Wer ist Jesus? Wat hat der gesagt, wat wollte der überhaupt?

Als das so ungefähr klar war, konnte Ingolf an die Feinarbeit gehen. Und das hieß auch: Was mache ich bei einem Kneipengottesdienst eigentlich anders als in der Kirche? Er holte sich bei seinem Professor für praktische Theologie Rat und der hieß: Schmeiß alles raus, was rausschmeißbar ist.

Großartige liturgische Einheiten braucht man da nicht bringen. Versteht eh keiner und will da auch keiner. Und dann wurde zusammengekürzt. Ich hatte da auch ein bisschen Manschetten, muss ich sagen. Einfach so aus der Tradition auszubrechen, irgendwelche Sachen einfach nicht zu machen - wo man jahrelang trainiert war, dass die unbedingt zu machen sind. Aber ich bin nicht vom Blitz erschlagen worden und die Decke ist auch nicht runtergekommen. Und dann haben wir uns - Raimund ja später auch - auf die Predigten beschränkt, Psalm, Gebet, Segen, der Rest Musik - das war's. Mehr braucht man offensichtlich nicht.

Irgendwann am Anfang, als die Presse auf die Kneipengottesdienste aufmerksam wurde, titelte die Chemnitzer "Freie Presse": Ingolf Berber - ein Freibeuter Gottes". Das gefiel ihm gut, dabei ist es geblieben, und unter dem markigen Stichwort findet man die beiden Greifswalder Theologen heute auch im Internet, samt ihren Predigten und einem Diskussionsforum über Gott und die Welt.

So'n Freibeuter ist ja auf eigene Rechnung unterwegs. Aber im Gegensatz zum Piraten hat der Freibeuter einen Dienstherren, der ist ja doch irgendwo angestellt. Und da unser Dienstherr Gott ist, haben wir gedacht: Freibeuter Gottes - das ist gut.

Die "Beute" ist gut, auch heute wieder. 60 bis 80 Leute sind es jedes Mal bei den Kneipengottesdiensten im "Kontor". Weit mehr, als sich in mancher vorpommerscher Kirche an einem Sonntag gewöhnlich einfinden.

Hier kommen auch Leute her, die mit Kirche als Institution nicht so viel am Hut haben. Und ich habe durch persönliche Erfahrung in meinem langen Christenleben auch schon negative Erfahrungen gemacht. Und ich gehe lieber zu so ‘nen neueren Sachen als zu stinknormalen Gottesdiensten. Die geben mir auch was, weil unser Prediger sehr gut ist, aber hier ist das absolute Kontrastprogramm. Und das tut mir einfach gut. Und dass beide wirklich hinter dem stehen, was sie sagen. Sie sind authentisch für mich, beide. Und das finde ich gut. Und darum ist mir das hier auch so unheimlich wichtig.

Man macht sich natürlich angreifbar, wenn man von sich viel preis gibt. Aber es lohnt sich letztlich. Man wird daran gemessen, und wenn man es ehrlich macht, dann hat man auch die Anerkennung der Leute. Dann glauben die einem auch andere Sachen. So zum Beispiel, wenn ich denen erzähle: Gott ist real. Es gibt Gott. Und ansonsten nur Mist erzähle - dann würden die sagen, na ja, wieder ein Witz mehr! Aber wenn die sagen: Das andere, das nehmen wir ihm auch ab. Dann nehmen wir ihm das vielleicht auch ab?

Ich weiß nicht, ob wir so viel anders machen. Der Rahmen ist einfach anders. Der Raum ist anders, wir wirken vielleicht nicht so klerikal, so pastoral. Wir sind Menschen wie du und ich. Da fehlt einfach die Barriere von irgendwelchem rituellen Brimborium. Die ist weg. Wir stehen so vor den Leuten - nicht, weil uns einer dahin geschoben hat. Sondern, weil uns die Leute, die kommen, das Recht geben. Es ist keine Behörde, die uns hinstellt und sagt, nun macht mal. Sondern die Leute wollen es. Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied dabei. Wie gesagt: Die erlauben uns das, das wir das machen können.

Die Band stimmt ein letztes Lied an. Die Biergläser werden nochmal gefüllt, und an den Tischen finden sich kleine Grüppchen. Besonders um Isabell scharen sich die Leute. Sie hatte sich im Internet bei den Freibeutern gemeldet, weil sie Hilfe für ihre katholische Frauenberatungsstelle braucht. Man verabredet sich. Auch außerhalb der Gottesdienste haben viele etwas miteinander zu tun. So etwas wie eine Gemeinde entstand wie von selbst. Ein unsichtbares Lebenshilfe-Netz, in dessen Mitte die zwei ungleichen Prediger stehen, die zuerst nur ein Podium suchten, einen Ersatz-Altar, und die dann merkten, wie ehr sie gebraucht wurden in einer Gesellschaft, die viele Menschen ins Abseits schickt. Ingolf mit dem Seeräubertuch hat sich selbst aus dem Abseits heraus getraut, und sein Lieblingssatz ist: Gott produziert keine Nieten. Schon gar nicht in Serie. Sowas muss man einfach mal gesagt bekommen, findet Stammgast Kerstin.

Zufriedene Leute braucht man nicht anpredigen. Die brauchen keinen Gott. Die, die Hunger haben, brauchen was zu essen. Die sind schon richtig hier!

Kommt gut nach Hause auf's Gehöft, bleibt gesund und munter und bis demnächst in diesem Hause oder einer Kneipe eurer Wahl! //
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