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14.10.2004
Der Rebell aus dem Remstal
Helmut Palmer gibt nicht auf
Von Hannes Elster

Helmut Palmer (Bild: AP Archiv)
Helmut Palmer (Bild: AP Archiv)
Jeder Marktbesucher im Großraum Stuttgart kennt ihn, denn er ist auf allen Wochenmärkten zu Hause gewesen. Sein Kampfgeist ist legendär: er hat für natürlichen Obstanbau gekämpft, als es noch keine "Grünen" gab, er hat sich für das eingesetzt, was er vernünftige Lebensbedingungen hielt und sich in fast jeder größeren Gemeinde in Baden-Württemberg zur Bürgermeisterwahl gestellt - und immer verloren, auch wenn er wenigstens 10 bis 40 Prozent der Stimmen erhielt. Er hat sich mit nichts abgefunden - ein Dickschädel mit einer Sprache, die nichts unausgesprochen lässt. Zurzeit setzt sein Sohn Boris die Familientradition fort: er kandidiert (vermutlich erfolglos) bei der Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl.

Es ist einer dieser frühherbstlichen Sommertage, als ich mich zu Helmut Palmer auf den Weg mache. Palmer wohnt in einem Tal bei Stuttgart - dem Remstal. Wein gibt es dort, sowie Obst- und Gemüseanbau für den Großraum Stuttgart. Ein malerisches Tal. Mörike hat sich hier wohlgefühlt. Kleine Fachwerkdörfchen, Hänge mit Reben, Streuobstwiesen. Rüde hat man vor Jahrzehnten eine Schnellstraße durch das Tal gebaut, die fahre ich nun bis nach Geradstetten. Dort wohnt Helmut Palmer. Er hat den Ort berühmt gemacht.
Geradstetten liegt circa 20 km von Stuttgart entfernt.

Stolz sind die Leute nicht auf ihren Palmer - er ist so anders, als sich das hier gehört. Laut, deutlich, keine Peinlichkeit scheuend, wenn's um die Sache geht. Und Palmer geht es fast immer um die Sache. Er sei ein Protestler, ein Querulant, haben sie über ihn gesagt. Der Rebell aus dem Remstal, so hat man ihn genannt. Er hat einen Krieg um den richtigen Obstbaumschnitt entfesselt. Er hat sich mehr als 250 Mal an Wahlen beteiligt und wäre um ein Haar Bürgermeister von Schwäbisch Hall geworden. Als Parteiloser gegen alle Parteien. Das hat ihn nicht beliebt gemacht bei den Parteien. Und das alles und sehr viel mehr steht in Hunderten von Zeitungsartikeln, die über ihn und seinen Kampf mit der Justiz geschrieben wurden und die man fast nicht aus dem Kopf bekommt, wenn man sich mit Helmut Palmer verabredet.

In Geradstetten ist das "Palmer-Haus" schnell zu finden. Ein Fachwerkhaus, beschriftet mit politischen Bekenntnissen und einem Schaufenster, in dem Palmer seine Bücher präsentiert. Er selbst steht in einem knallroten Overall vor seinem Haus und lacht, als ich ihn nach dem Sinn frage: "so brauchen Journalisten nicht lange rumzugucken, wo ich denn bin."

74 Jahre ist er alt. Ein schlanker, jünger aussehender Mann. Randvoll mit Vitalität. Helmut Palmer ist alles Mögliche: ein Obstvertrieb für Wochenmärkte, eine Ein-Mann-Bürgerinitiative, ein schwäbischer Robin Hood, aber vor allem ein Pomologe.

"Wir wollen erst mal die Bäume anschauen", sagt er. Pomologen schneiden und pflegen Obstbäume. Dann verstehen Sie schon. Sagt er.
Im Auto erzählt er von seiner Jugend. Halbjude, aufgewachsen bei seinem Stiefvater, während der Nazizeit. Er wurde als Jude gehänselt und bedroht - das hat er nie vergessen, diese Wunde ist auch heute noch offen.

Er soll Metzger werden. Aber er will nicht. Er mag keine Tiere töten. Er will Obstgärtner werden. Und wird es. Direkt nach dem Krieg geht er in die Schweiz, um den richtigen Obstbaumschnitt zu lernen. Er wird diesen richtigen Obstbaumschnitt wie ein Missionar sein Leben lang vertreten. Und er liest viel, bewundert die Schweizer Demokratie und findet später in einer Figur von Max Frisch seine Identifikation: mit dem Andri in Andorra.

Andorra - diese Person ist in mir wahrhaftig lebendig, daß einer, der ausgestoßen ist aus der Öffentlichkeit, stets wieder versucht, hereinzukommen, und geliebt zu werden, ja? Letzteres ist mir zum größeren Teil nicht gelungen.

Für viele Mitbürger in Baden-Württemberg gilt Palmer als Bruddler und Stänkerer, als Dauerdemonstrant. So habe ich es gelesen. Jetzt bei meinem Besuch erlebe ich ihn als liebenswerten vitalen Gesprächspartner.
Er zeigt mir in einem Obstgarten, was der richtige Obstbaumschnitt bewirken kann. Wir besichtigen Bäume, die er geschnitten hat - ich habe noch niemals Apfelbäume gesehen, die so viele Früchte tragen. Und diesen Obstbaumschnitt versuchte er, nach seiner Rückkehr aus der Schweiz durchzusetzen. Es kam zu dem, was Palmer den "Obstbaumkrieg" nennt. Denn gelegentlich steigt er auch heute noch aus seinem Lastauto aus, legt die Leiter an, nimmt die Säge und schneidet ungefragt fremde Obstbäume, was nicht jedem Obstbauern behagt. Erst kürzlich wieder.

Das ist eine solch tolle Geschichte! Da ist ein Riesenartikel, und ein Hetzartikel und die Staatsanwaltschaft und die Polizei dieses Frühjahr alles eingeschaltet worden in einer Gemeinde bei Böblingen, weil ich dort kostenlos einige Bäume zu Musterbäumen geschnitten habe. Da hat sich dann bald herausgestellt, es geht denen gar nicht darum, ob ich die gut oder schlecht schneide, sondern: es ist der Palmerhass!

Einige Jahre versuchte er sich als Obstbaumfachmann. Aber das funktionierte nicht. So verlegte er sich dann darauf, auf Wochenmärkten Obst und Gemüse aus dem Remstal zu vermarkten. In Stuttgart, Ulm, Tübingen und anderen Städten. Gleichzeitig begann er, politisch zu agitieren, gegen sture Beamte und obrigkeitlichen Staat Aufstände anzuzetteln. "Die Zeit" schrieb einen Artikel über ihn: der Rebell aus dem Remstal. Diese Bezeichnung blieb bis heute an ihm kleben. Vor 30 Jahren, in einem damaligen Interview meinte er dazu:

Ich werde sehr oft gefragt, wie wird man zum Rebellen? Oder: Gefällt Ihnen das Wort "Rebell"? Dann muss ich sagen, das Wort "Rebell" gefällt mir sehr. Ich höre es wirklich gern. Aus dem einfachen Grund: Ein Rebell ist nach meiner Überzeugung kein Randalierer, kein wilder Randalierer, kein wilder Mann, wie das manche meinen, sondern ein Rebell ist ein Mann, der an seinen Umweltverhältnissen leidet, und diese versucht, tatkräftig zu ändern.

Palmer wurde prominent. Er begann, politisch aktiv zu werden, sich als Parteiloser zur Wahl zu stellen. Seine Zeitungsinserate waren berüchtigt: sie priesen Obst und politische Überzeugungen gleichzeitig an.

Dass man einfach verdächtigt, wenn ich nun ein Inserat mache für OB-Wahlen und Rettich und Äpfel zugleich nach dem Vorbild Duttweilers. Dann gibt es schon viele dieser ewig dumpfen Antisemiten, die sagen: Aha! Der macht das nur wegen dem Geldverdienen!

Und auf den Wochenmärkten begann er, schon vor 40 Jahren, seine Kunden zu erziehen. Sie sollten mit Körben kommen, nicht mit diesen elenden Plastiktüten, die er für ökologisch schädlich hielt. Kunden, die nicht folgten, wurden auch schon mal barsch angegangen.

Ich habe immer zwei Dinge getan, nämlich gelobt und geschimpft. Gelobt und zwar nicht nur mit Worten! Wir haben immer einen Strauß Peterlink oder ein paar Äpfel, was ich verschenkt habe, das geht in die Tonnagen! -für die Leute, die Körbe mitbrachten und ich habe diejenigen verschimpft, aber nicht als dumm bezeichnet, sondern als bequem und als faul. Ich hab nicht gesagt, Sie sind faul, sondern ich halte es für eine Faulheit, wenn sie 10 Taschen am Arm haben und das alles verbrauchen.

Viele Leute begannen, Palmer-Anzeigen gezielt zu lesen - sie boten beste Unterhaltung, nicht nur die aktuellen Preise für Zwiebeln und Rettiche.

Und das ist doch toll, wenn die Leute nicht nur Todesanzeigen lesen sondern wenn sie Anzeigen lesen, wo sie auch drüber nachdenken müssen!

Obsthändler wollte er nie sein. Schon 1970 wehrte er sich gegen die Bezeichnung "Obsthändler".

Das Wort Obsthändler höre ich gar nicht gern. Ich bins nicht. Ich führe zwar diesen Beruf aus, aber wiederum anders als alle anderen, denn ich habe eine Kooperation - eine Vielzahl von kleinen Erzeugern, denen ich einen Verdienst nach Hause bringe, den sie sonst nicht hätten. Ich bin also von Beruf Obstgärtner - nach wie vor - Ich bin nicht Obsthändler, ich bin Obstgärtner.

74 Jahre ist er heute alt. Vor 3 Jahren, auf dem Tübinger Wochenmarkt, hörte sich das so an.

Er brauchte Unterschriften von Wählern, um sich zur Bundestagswahl aufstellen zu lassen. Doch bevor wir über seine Wahlen berichten, müssen wir über Helmut Palmer und die Gerichte sprechen. Er ist X mal wegen Beamtenbeleidigung, Sachbeschädigung, übler Nachrede und so weiter bestraft worden. Nicht mit Bewährung, vielmehr mit Gefängnishaft auf dem Hohenasperg. Zum Beispiel 1963. Er hatte dem Landwirtschafts-Minister Postkarten geschickt und sich über diese amtliche Bezeichnung mokiert. Aber im Stuttgarter Ministerium verstand man keinen Spaß. Es kam zur Anzeige und Aburteilung.

Der Hohenasperg, diese Terrorhaft wegen ein paar Postkarten - das ist wirklich lächerlich. Lassen Sie mich so eine Beleidigung mal sagen: "sehr geehrter Herr Minister, führen Sie doch Ihren Titel vollständig: Minister für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten, Weinbau, Blut und Boden." Ich wollte damit gar nichts anderes damit sagen, nachdem der schon vier Titel hatte, das des eine großkotzige Angelegenheit ist und Landwirtschaftsminister würde genügen. Und daraus eine Beleidigung mit einer Strafe ohne Bewährung zu machen - das ist eben Deutsche Justiz. Hier wollte man mich durchaus knebeln.

Und durchaus mit Bitterkeit resümiert er heute.

Ich bin der Höchstbestrafte Bürger in Deutschland, vielleicht sogar in Mitteleuropa - für so genannte Beamtenbeleidigungen. Kriminell? - nicht einmal ein Radieschen beschissen. Das macht mich besonders bitter.

Das sieht übrigens nicht nur Helmut Palmer selbst so. Manfred Rommel, wohl der beliebteste Stuttgarter Oberbürgermeister der letzten 60 Jahre, erklärt sich das Phänomen Palmer so:

Es ist beinah eine Tragödie, dass er sich immer wieder in so Beleidigungsgeschichten hineinverliert. Und dass auch die Verwaltung und die Justiz meistens auf diese Ausführungen allzu ernst reagiert.

Bitterernst. Erst 2000 musste Palmer erneut einsitzen: dabei war er an Krebs erkrankt und frisch operiert und wegen einer Lappalie verurteilt - wieder Beamtenbeleidigung.
Allerdings: wo Palmer einen Hauch von Antisemitismus wittert, schlägt er kompromisslos zurück. Er hat das, was die Schwaben eine Schwertgosch nennen, einen Mund (Gosch), der wie ein Schwert zuschlagen kann. Kohlhaas sagen deshalb viele Leute, wenn sie über Palmer sprechen.

Nicht Kohlhaas! Sondern, damit hab ich nichts zu tun, das ist eine für mich negative Figur, der hat ja nur für sein eigenes Recht gekämpft, nicht für Andere, das ist der große Unterschied! Ich bin List II. Friedrich List, der ist bei mir am meisten verkörpert.

Palmer sieht sich als Kämpfer für mehr Bürgerrechte, als Anwalt der Demokratie von unten, als autonomer Bürger, der verpflichtet ist, sich ständig einzumengen, damit Obrigkeitsstaat und Faschismus nie wieder Gewalt über uns bekommen.
So trat er zum Beispiel in Schwäbisch Hall als parteiloser OB Kandidat an.

Ich war mit der These: "Zukunft gewinnen durch Verzicht" mit Sicherheit der allererste praktische Grüne, der damit aber auch 42% bei der Oberbürgermeisterwahl in Schwäbisch Hall erreicht hat, das war ein Schlag ins Kontor. Und da möchte ich gleich ungefragt etwas vorne wegnehmen: Ich bin kein Verlierer. Hab also in diesem Sinn wieder nichts mit Kohlhaas zu tun. Sondern man hat mich um meine Wahlsiege im besten Sinne des Wortes, um meine Erfolge betrogen, wo es nur irgendwie ging. Hätte ich die im Gesetz verbriefte Chancengleichheit gehabt, hätte ich solche Wahlen mehrmals gewonnen. Man muss bedenken, dass ich drei mal Bundesrekord habe bei Bundestagswahlen - bei Bundestagswahlen hat keiner außer dem Palmer 20% erreicht.

Mehr als 250 Mal ist Helmut Palmer bei Wahlen angetreten. Und wenn es dabei zu öffentlichen Diskussionen kam, dann leitete er seine Statements beispielsweise so ein:

Herr Vorsitzender, meine mehr oder weniger hochverehrten Mitkandidaten, hochverehrtes Publikum, verehrte Gegner, liebe bedauernswerte Manipulierte. (Lachen)

Langweilig waren Palmer-Auftritte nie - meist zahlte das Publikum gerne Eintritt, um Palmers Wahlkampfkosten zu decken.

...und so möchte ich Ihnen sagen: eines ist unbestreitbar schon jetzt schon, verehrte Gegner, dass in dieser Wahl ohne den Palmer die Wahl ein Stückchen ärmer wäre. Ich bin der unbezahlte und unbezahlbare Herzschrittmacher für ein mehr an Demokratie in diesem unserem Lande. (Beifall)

Manfred Rommel, gegen den Palmer zwei mal als Gegenkandidat auftrat, meinte über seinen Gegner:

Ich bewundere das immer diese bildkräftigen Formulierungen und diese Schlagfertigkeit und diesen Witz. Wenn der jemand aufs Korn nimmt, - der hat also schon Schwierigkeiten sich gegen seinen rhetorischen Großangriff zu behaupten.

Palmer führte seine Wahlkämpfe meist über die Wochenmärkte, mengte munter Anpreisungen von Trauben, Birnen und Politik in seinen Anzeigen durcheinander oder baute seinen Rednerstand vor den Rathäusern auf, so in Stuttgart, um dem OB Rommel in seinem Rathaus droben einzuheizen.

Ich bin da unten am Rathaus, da hat er immer gesprochen, da bin zwei mal gewesen und hab gesagt, ob er mir auch das Wort geben würde. Da hat er gesagt: Gerne. Und dann habe ich dann gesagt: Wenn Ihr den Palmer wählt, dann kann ich nix machen. Aber wenn ihr Ihn nit wählet, dann wählet Ihr halt mi! Dann haben die Leute gelacht und ich bin weitergegangen. Das macht ihm nix! Ihm fehlt das Verbissene, er ist an sich ein freundlicher Mensch.

Palmer ist mit Recht stolz auf diese Bewertung durch Rommel.

Ich habe indirekt so unheimlich viel erreicht - meine Sprache wurde zum Teil übernommen, meine Zitate wurden zum Teil übernommen, ein vulgäres Zitat wurde von Rommel übernommen, und das heißt: "Sie eignen sich zur Demokratie wie der Igel zum A-Putzen.

Für die Politik eignet man sich nur dann, wenn man sich einmengt, auch ungefragt. Etwa in die Straßenbauverwaltung, die vor über 30 Jahren tödliche Fallen an den Straßenrändern errichten ließ - Leitplanken, die unter Umständen Fahrzeuge und Menschen wie ein Schaschlik aufspießten.

Leitplanken. Ich war der erste Bürger in Deutschland, der Leitplanken versenkt hat, vor über 30 Jahren. Und seitdem ist niemand mehr auf Leitplanen verunglückt!

Er ist eine Legende in Schwaben. Ein Basisdemokrat, der Rebell aus dem Remstal, der sich heute lieber als "der Wilhelm Tell vom Remstal" sieht. Noch immer, todkrank und mit 74 Jahren steht er ungebrochen auf den Marktplätzen und predigt die Regeln der Demokratie:

Die Demokratie muss nicht als wie bei uns als eine lästige... Lasst ..ach und jetzt muss man auch noch wählen und so weiter: sondern die muss begriffen werden als Lust zur Verwirklichung der Menschenrechte.
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