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18.10.2004
Echo mit Folgen
Warum fühlt sich die NPD in der sächsischen Schweiz so wohl?
Von Andreas Roth

Teilnehmer einer Neonazi-Demonstration (Bild: AP)
Teilnehmer einer Neonazi-Demonstration (Bild: AP)
Die Sächsische Schweiz ist für ihre bizarren Sandsteine bekannt. Bei der Kommunalwahl vom 13. Juni bekam sie einen neuen Gipfel, der ihr seitdem traurige Berühmtheit beschert: In der Gegend östlich Dresdens zog die NPD mit 9,1 Prozent der Wählerstimmen erstmals in Fraktionsstärke in ein bundesdeutsches Kreisparlament ein und ist dort nun noch vor der SPD drittstärkste Partei. In der Gemeinde Reinhardtsdorf-Schöna errangen die Rechtsextremen gar 25,2 Prozent der Stimmen, in der Stadt Königstein 21,1 Prozent. Dies sind nicht nur einmalige Proteststimmen. Denn bereits bei vorangegangenen Kommunalwahlen baute die NPD in der Sächsischen Schweiz ein festes Potential an Stammwählern auf.

Wer den Wahlerfolg der NPD verstehen will, findet erste Antworten in Struppen - einem Dorf, hoch oben in einem Seitental der Elbe. 7,2 Prozent der Wähler - weniger als anderswo - haben hier zur Kommunalwahl für die NPD gestimmt, 92,8 Prozent nicht. Nun sitzt Klaus Rackow, 60 Jahre alt und in Jeans, für die NPD im Gemeinderat. Durch kommunalpolitische Vorschläge kann er seinen Wählern nicht aufgefallen sein, durch etwas anders schon: Seine Nähe zur verbotenen Kameradschaft "Skinheads Sächsische Schweiz", kurz SSS. Er machte nie einen Hehl daraus:

Rackow: Da haben die Mitarbeiter vom Verfassungsschutz viel zu wenig rein geschaut. Die haben das maßlos übertrieben, nur weil‘ s politisch anders denkende Leute waren, so einfach ist das.

Klaus Rackows Sohn war einer der Führer der Neonazi-Kameradschaft. Und die so rassistisch wie antisemitisch hetzende Internetseite der Kameradschaft ließ Vater Klaus auf seinen Namen registrieren.

Schär: Man kann sagen, dass die "Skinheads Sächsische Schweiz" die größte rechtsextremistische Kameradschaft auf deutschem Boden war, schätzungsweise bis zu 200 Mitglieder und Sympathisanten,

sagt der Dresdner Oberstaatsanwalt Jürgen Schär, der gegen 82 Mitglieder der seit 2001 verbotenen Kameradschaft Ermittlungen führte.

Schär: Deren Ziel war - ich zitiere: die Region von Zecken, Kiffern und Ausländern zu befreien - bis zu Taten gegen die vermeintlichen Feinde, die gipfelten in planmäßigen Gewaltstraftaten, überfallartigen Aktionen, schlimme Körperverletzungsdelikte.

Doch den Boden, auf dem sie auch in Struppen wachsen konnten, den kennt Clara nur zu gut. Clara wohnt auch in Struppen, sie geht noch zur Schule. Ihr Vater ist als afrikanischer Gastarbeiter in die DDR gekommen, ihre Mutter ist Deutsche. Sie kennt einen alltäglichen Rassismus seit sie hören kann. Von Jugendlichen, von Erwachsenen.

Clara: Wenn man die ganzen Jahre immer beschimpft wird, das hat sich irgendwie so normalisiert. Wenn irgendwelche was sagen, das ist mir egal, das können sie machen, die verletzen mich nicht mehr damit. Ich sag dann auch nichts zurück, weil ich Angst habe.

Das war schon zu Zeiten der DDR so. Damals gab es noch keine Arbeitslosigkeit, die heute so oft die Ausländerfeindlichkeit erklären soll. Und auch jetzt gibt es in den Tälern der Sächsischen Schweiz mehr Arbeitsplätze als in den meisten anderen ostdeutschen Regionen. Es fehlt an etwas anderem, meint Clara:

Clara: Hier sieht man nicht so viele Dunkle, deshalb sind das die Leute hier auch nicht so gewöhnt, deshalb kommen hier so viele Sprüche.

Clara fährt jetzt bis Dresden in die Schule, und bei Dunkelheit geht sie nie allein auf die Straße. Claras Mutter gründete mit anderen Betroffenen eine Bürgerinitiative. Als sie vor fünf Jahren beim Landrat um ein Gespräch über ihre Probleme baten, sagte der ihnen, sie wären zu sensibel. Dabei hätte es der Landrat Geisler besser wissen müssen. Denn er wohnt auch in Struppen, zwei Häuser von Rackows entfernt. Man kennt sich, man grüßt sich. Und die Lagerfeuer der SSS-Kameraden im Rackowschen Garten, die kannte Landrat Geisler auch.

Geisler: Beim ersten und zweiten Mal hat man noch gar nicht richtig wahrgenommen, um was es eigentlich geht. Sie hörten auf einmal mitten in der Nacht laute Musik und sahen einen Haufen junge Leute rumspringen, die man aufgrund ihres Äußeren der rechtsextremen Szene zuordnen konnte. Denn es fällt ja auf, wenn dort 20, 30 Leute nachts laut grölen.

Anfangs ging es ihm mehr um die Störung der Nachtruhe, später bat er Polizei und Verfassungsschutz um Auskunft. Er dachte, dass Problem wäre gelöst, wenn sich der Staat einige Schläger vorknöpfen würde.

Geisler: Wir hatten ursprünglich den Schwerpunkt weniger bei der Ideologie gesehen, unser Schwerpunkt richtete sich vordergründig gegen Gewalt.

Dass die eigentliche Gefahr in dem braunen Gedankengut liegt, das weite Teile der Jugend in seinem Landkreis infizierte, dies erkannten er wie die allermeisten Kommunalpolitiker im Kreis lange nicht. Für bürgerschaftliche Initiativen gegen Rechts hatte der Landrat über Jahre wenig übrig, bei der Jugendhilfe wurde immer weiter gekürzt. Und dann sagt er:

Geisler: Ich denke, die Jungs arbeiten weiter, mehr oder weniger aktiv, mehr oder weniger organisiert.

Die Jungs aus der Nachbarschaft, das bleiben die SSS-Kameraden für viele hier, auch wenn der Landrat keinen Zweifel daran lässt, dass er ihre kriminellen Aktionen hart bestrafen würde.

Als der Reporter nachts vom Dorf Struppen zum Bahnhof ins Elbtal hinab läuft, hechelt ihm im finstren Tal ein großer weißer Hund entgegen, dahinter Herrchen Rackow von der NPD. Der Reporter ist beeindruckt vom Grimm des Hundes. Der frisch gebackene Gemeinderat Rackow lässt die Leine lang und nutzt die Gelegenheit, sich ausführlich über die Berichterstattung der Medien zu beschweren. Wo bleibt die Wahrheit?, fragt er. Der Reporter muss versprechen, sie zu berichten. Jetzt sind wir am Zuge, sagt Klaus Rackow stolz mit einem heiseren Lachen im dunklen, deutschen Tal.

Zehn Kilometer weiter südlich liegt Gersdorf. Dort, wo Erzgebirge und Sächsische Schweiz lieblich und völlig abgelegen ineinander fließen. Es ist Ortsfest im Gersdorf: Rummelstimmung mit Schießbude, Kinderkarussell, Bierzelt. Man sagt, beim Ortsfest findet man die Seele eines Dorfes. Muss ein Ausländer oder Linker Angst haben, hierher zu kommen?

Robert: In späten Stunden vielleicht, aber jetzt noch nich. Wenn man sich richtig verhält geht's. Am besten gar nichts sagen, nur vorbeigehen.

Robert steht mit seinen Kumpels auf dem Festplatz, seine Haare sind etwas länger, strubbelig gegelt. Keine Glatze. Aber von Ausländern fühlt er sich ungerecht behandelt, deshalb kann er sie nicht leiden:

Robert: Die sind einfach so: Sobald Du irgendwas sagst, denken die, weil sie Ausländer sind, bis du rechts.
Reporter: Und, bist du rechts?
Robert: Ich bin mehr auf rechts, nu.

Paulino Pilima würde nie zu einem Dorffest gehen. Aus Angst. Paulino Pilima wohnt nicht weit von hier, in Liebstadt, einem Dorf mit Stadtrecht. Seine Haut ist dunkel. Er hat sich ein Haus gebaut, arbeitet bei einem großen Chiphersteller und suchte hier die ländliche Ruhe. Wie gern hätte er sie gefunden.

Pilima: Es waren heftige, massive Angriffe. Unmittelbar vor meinem Haus war ein Jugendclub, und dieser wurde vorwiegend von rechten Jugendlichen genutzt. Ich bin der Ball gewesen für die: Angriffe, mein Fenster kaputt gemacht. Polizei angerufen, das erste Mal kam niemand. Die Bevölkerung dort hat eigentlich keine Reaktion gezeigt, es wurde praktisch toleriert.

Jugendlicher: Man hat doch als Deutscher keine Identität mehr. Die aktuelle Politik, alles dreht sich doch nur im Kreis und das Land geht bergab. Da sucht eben die Jugend sich ihre eigenen Wege. Die Leute sehnen sich nach einem gewissen Zusammenhalt, und den bietet nur das extreme Spektrum.

Diese Jugend, die sich noch auf dem Dorffest um ihre Identität sorgt, ist möglicherweise ein Produkt der Verunsicherungen der ostdeutschen Nachwendezeit. National-Sein ist hier auf dem Lande in. Nicht, dass die Mehrheit der Jugendlichen gewaltbereite Rechtsextreme wären. Aber die Rechten haben hier eine eigene Subkultur, eine Jugendarbeit aufgebaut gegen die Langeweile auf den Dörfern: Nachtwanderungen mit Fackeln, heidnische Sonnenwendfeiern, Skinheadkonzerte. Das alles kennt der Sozialarbeiter Peter Baldauf:

Baldauf: Übungen sind auch abgehalten worden, gerade im Königsteiner Wald, auch mit Gasmaske und allem möglichen Firlefanz. Denen ging's um sportliche Ertüchtigung, die Leute fit zu halten für den sog. Ernstfall, den Krieg um die Straße. Der Reiz des Verbotenen in dem Alter übt eine magische Anziehungskraft aus.

Seit fast 20 Jahren ist er Sozialarbeiter in der Region. Kurz nach der Wende hat er die Geburtsstunde der rechten Szene in der Sächsischen Schweiz miterlebt. Auch hier gab`s fleißige Aufbauhelfer aus dem Westen:

Baldauf: Die haben sich dann mit der Wiking-Jugend getroffen, da hab ich auch dran teilgenommen, hab mir das selbst angesehen. Das ging relativ schnell, ein Jahr hat‘s gedauert. Die haben dann Logistik und Know-how gestellt bekommen, teilweise auch Geld, und auf einmal waren sie halt da.

Erst in den letzten Jahren mussten Mitglieder der SSS vor Gericht. Sie kamen alle mit Bewährung oder gar nur Geldbußen davon. Peter Baldauf hat Kontakte in die Szene. Er sagt, dass ehemalige SSS-Mitglieder immer noch aktiv sind.

Baldauf: Die führen sog. Schwarz- und Weißbücher. Da ist genau vermerkt: Wer steht auf unsrer Seite, wer ist eventuell zukünftig für unsere Ideologie ansprechbar. Und dann sind natürlich die ausgemachten Gegner erfasst. Die werden erfasst, gefilmt, so wie der Verfassungsschutz das eben auch macht. Das Programm hat man nicht konfisziert, das ist noch existent.

Die Kameraden haben dazu gelernt: Sie nennen sich jetzt "Nationaler Widerstand" oder "Nationale Sozialisten Sächsische Schweiz". Ihre Struktur ist flexibler und konspirativer geworden. Ihre Internet-Seiten laufen jetzt anonym über einen Server in den USA, zusammen mit Fußball-Hooligans trainieren sie Kampfsport, und der NPD halfen sie beim Wahlkampf. Freitags trifft sich der harte Kern der Szene im elterlichen Haus eines ehemaligen SSS-Führers in Gersdorf, und im Frühling laden sie jedes Jahr hierher zu einem paramilitärischen Schlacht-Spektakel ein. Die Dorfjugend erzählt beim Gersdorfer Ortsfest begeistert von den Räuberspielen im Tarnanzug:

Jugendlicher: Die verkloppen sich gegenseitig. Das sind vielleicht immer 200 Mann, die gegeneinander kämpfen. Die müssen die Burg einnehmen. Die tun sich mit Holz-Schwertern und Holz-Äxten verkloppen. Ich kenne viele davon, die sind in Ordnung.

Es wird Abend beim Ortsfest. Aus der Dämmerung kommen immer mehr junge Männer, auf deren Pullovern "Division Thor Steinar" geschrieben steht, die Marke ist derzeit der letzte Schrei unter den Rechten. Sogar die jungen Männer am Eingang, die den Eintritt kassieren und eigentlich für Sicherheit sorgen sollen, tragen diese Marke und geben sich so als Anhänger der rechten Szene zu erkennen. Bei den wackeren Kameraden der Gersdorfer Feuerwehr, die das Fest veranstalten, weiß man das und findet`s normal:

Kamerad 1:Das tut uns überhaupt nich irgendwo berühren. Da gibt's auch keine Probleme, die sind auch nich irgendwie unhöflich, gibt‘s gar nicht. Die machen ihr Ding.
Kamerad 2: Und wenn‘ se mal eingegriffen haben war` s auch rechtens, meistens.
Kamerad 3: Es gab keine Huddelei - es ist ruhig am Ort mit solchen Sachen, kann man nich anders sagen.

Nun ist es ganz dunkel geworden. Einige ältere Festbesucher rufen dem Reporter hinterher, dass das mit dem Rechtsextremismus doch alles von den Medien erfunden sei. Hier in Gersdorf, sagen sie, kannst Du Dein Auto ohne Bedenken offen stehen lassen, so friedlich sei das hier. Derweil streifen die Jungen um das Auto des Reporters und notieren dessen Nummernschild. Nur damit klar ist, wer hier die Macht hat. - Und da ist noch ein alter Mann, der mit vorsichtiger Stimme sagt:

Mann: Hier ist auch schon was passiert, wo hier die Zigeuner da waren. Die waren mit Campingwagen hier auf dem Platz, haben sich Genehmigung geholt beim Bürgermeister, die waren zwei Tage hier und die dritte Nacht haben sie den BMW abgebrannt.

Das war im August vorigen Jahres. Die Brandstifter waren ein vorbestraftes SSS-Mitglied aus dem Ort und zwei seiner Kumpels. Nur durch Zufall schlief die Roma-Familie in einem anderen Wagen, das rettete ihr das Leben. Doch schon vorher, ist zu hören, wären die Roma von einigen Gersdorfern beschimpft worden. Das alles wurde in einem Gerichtsprozess und in der Lokalpresse groß verhandelt. Nur bei den Kameraden der Gersdorfer Feuerwehr, die als erste vor Ort waren, weiß man nichts:

Kamerad : Wir waren dabei, aber da war alles schon abgelöscht. Und es blieb alles auch irgendwie im Dunkeln, wir haben nichts erfahren warum und weswegen, das kann keiner sagen.
Reporter: Was haben Sie empfunden, als sie dort standen?
Kamerad: Eigentlich nichts weiter, muss ich mal sagen.
Reporter: Es wären ja beinahe Leute zu Tode gekommen …
Kamerad: Kann man so nicht sagen, können wir nichts weiter dazu sagen.

Nein, die Gersdorfer in ihrer Mehrheit sind keine Rechtsextremen. Und im Gemeinderat sitzt kein einziger NPD-Abgeordneten. Einfach schon deswegen, weil die NPD hier keinen Kandidaten aufgestellt hatte. Doch das mentale Feld für die Rechten, ein bisschen Ausländerfeindlichkeit hier, ein bisschen Zukunftsangst dort, ist längst bestellt. Und nach den Wahlerfolgen haben die Rechten im Landkreis erst recht Oberwasser, die Zahl der Gewalttaten steigt wieder.
Gibt es Hoffnung?

Zetsch: Das waren vielleicht 20, 30 Mann. Die kamen in voller Montur, mit grimmigem Gesicht kamen die rein gerannt, rasierte Schädel. Einige von denen haben "Nationaler Widerstand" und "Heil Hitler" gebrüllt.

Dies erzählt Stefan Zetsch, ein ganz normaler Jugendlicher aus der Sächsischen Schweiz, von einer ganz normalen Geburtstagsfeier Anfang des letzten Jahres.

Zetsch: Irgendwann haben sie angefangen, ein paar Leutchen herum zu schubsen, bis sie sich dann mich geschnappt haben, mich am Zopf nach unten gezogen haben und mir erstmal mit den Springerstiefeln aufs Auge getreten haben. Ich wurde von mehreren festgehalten, die dann auch noch applaudiert haben.

Stefan Zetsch trägt schwer an den Folgen dieses Überfalls - gesundheitlich und seelisch. Und doch liegt Hoffnung in seiner Geschichte, weil sie den Hass überwindet.

Zetsch: Ich hab ja jetzt nicht übelste Rachegedanken, weil die mich mal zusammengeschlagen haben muss ich die jetzt ihr ganzes Leben lang hassen: is ja Quatsch! Mir persönlich tut das leid für die Leute, weil: die haben eigentlich ihr Leben weggeworfen.

Leute wie Stefan Zetsch schlossen sich zusammen, sie nennen sich "Aktion Zivilcourage" oder "Netzwerk gegen Rechts". Auch sie haben Erfolge: Als vor zwei Wochen in dem kleinen Städtchen Königstein, wo jüngst 20 Prozent der Wähler für die NPD stimmten, die Schaufenster zweier vietnamesischer Läden eingeschlagen wurden, sammelten danach die Königsteiner Geschäftsleute und Bürger Geld zur Wiedergutmachung. Damit der Hass und die Gewalt nicht das letzte Wort behalten in der Sächsischen Schweiz.
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