LänderReport
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19.10.2004
Der Bagger-Traum
In Brandenburg kann er verwirklicht werden
Von Tamara Tischendorf

Davon träumt wohl jeder und jede, jeder auf jeden Fall! Oder doch nicht? Berge versetzen, endlich mal was bewegen, jemanden auf die Schippe - pardon, Schaufel - nehmen, anbaggern ohne Ende? Dafür kommen jeden zweiten Samstag Baggerfans aus ganz Deutschland ins brandenburgische Herzfelde. Eine Baumaschinenvermietung stellt dort Bagger und Baugrund bereit, schaufeln und schieben darf dann jeder selbst - aus Spaß an der Freude. Oder weil er sich einen Kindheitstraum verwirklichen will. Oder weil ihm jemand aus Schadenfreude das geschenkt hat. Oder ... Gründe gibt es viele, der Hobby-Baggerfahrer kommt selten allein.

Ein großer, orangefarbener Bagger, ein Hügel, der langsam gen Himmel wächst, und ein tiefes Loch. Der Mann im Führerhäuschen fixiert verbissen den vollen Löffel über dem Abgrund. Herrn Lemke und den Bagger - viel mehr gibt es in diesem Augenblick nicht auf dieser Welt.

Ick muss erstmal - so viele Hebelchen und welcher wo, das ist erst mal gewöhnungsbedürftig. (...) Diese ganzen Hebel im richtigen Moment bewegen, det isset.

Premiere für Herrn Lemke. Der Berliner bedient das Fünfzehn-Tonnen-Ungetüm heute zum ersten Mal. Geld bekommt er dafür nicht, im Gegenteil: Spaßbaggern kostet. 85 Euro die Stunde. Die Unkrauthügel, wo sich der 60-Jährige mal so richtig ausbaggern kann, gehört einer Baumaschinenfirma. Die baggert am Wochenende große und kleine Kinder an, überlässt ihre schweren Maschinen den Baggerfans. Und davon gibt es genug. Kindheitsräume werden wahr, endlich kann man mal was bewegen. Jedenfalls im brandenburgischen Herzfelde.

Lemke schwenkt das Führerhäuschen herum und zieht den Löffel in die Höhe, als wolle er nach den Wolken greifen. Die Löffelzinken deuten nach Westen, wo, kaum zwei Kilometer entfernt, am anderen Ende von Herzfelde, eine Fabrik zu sehen ist. Ihre Silhouette wird dominiert von einem über hundert Meter hohen, rechteckigen Turm. Ganz oben am Turm prangt das blau-weiße Logo der Readymix-Gruppe, ein international tätiger Baustoff-Hersteller mit Hauptsitz in England.

Im Jahre 1966 wurde an dieser Stelle erstmals eine Zementanlage errichtet, der vierte Standort der Rüdersdorfer Zementwerke. Gleich daneben installierte man ein Kalkwerk. Die Gemeinde Rüdersdorf und der Ortsteil Herzfelde leben seit jeher vom Kalkstein und den Produkten für die Bauindustrie, die sich daraus herstellen lassen. Zement- und Kalkwerk am Ortseingang sitzen am Rande einer riesigen Grube, gegen die sich Bernd Lemkes Baggerloch mikroskopisch klein ausnimmt. Rund vier Kilometer ist der Kalksteinbruch lang, einen Kilometer breit, seine Sohle liegt hundert Meter unter dem Meeresspiegel.

Die Steuerhebel des Großbaggers sind so leichtgängig wie Joysticks.

Die Menschenkette am Grubenrandirritiert Lemke. Anspannung mischt sich in die reine Baggerfreude. Ein paar Meter weiter stehen die beiden Enkelinnen, Männer mit Bierflaschen und Frauen mit Fotoapparaten. Freunde und Verwandte, die dem großen Jungen den Baggergutschein zum sechzigsten Geburtstag geschenkt haben. Und jetzt wollen sie auch etwas dafür geboten bekommen.

Frank, Rainer und andere: Hier hin! Hier hin!
Da liegt ein Stein, nimm den mal raus hier den Stein. Weiter rüber und denn raus hier den Stein. (...)
Bernd da, der Findling hier rüber!
Noch ein bisschen, ein bisschen, ne!
Jut, jetzt runter, jut!
Runter! Da rin den Stein.


Präzisionsarbeit. Baggerfahrer Lemke wirkt konzentriert, aber nicht mehr so verbissen wie zu Beginn. Endlich folgt der Löffel am Stielende seinem Willen. Vorher war es umgekehrt. Sogar nach den Anweisungen all der verhinderten Baggerfahrer am Grubenrand lässt der Greifarm sich dirigieren.

Halt stopp, und runter! Jetzt ranziehen!
Tiefer.
Tiefer, jetzt ranziehen und mal daneben Kippen. (...)
Da isser! Da isser!


Bewährungsprobe bestanden. Auf dem Erdreich thront ein Wackerstein, so groß wie ein Kindskopf.

Frau Schultz lehnt an einem überdachten Baucontainer. Sie beobachtet die Kindereien rund um den "großen Samsung" aus der Ferne. "Der große Samsung", so nennt sie den Fünfzehntonner. Der Klang des Firmennamens erinnert die Mitgesellschafterin der Baumaschinenvermietung an ihre berufliche Vergangenheit.

Christine Schultz: Ich bin studiertermaßen Regionalwissenschaftler für Südostasien und habe aber auf diesem Gebiet nie gearbeitet, sondern habe schon sehr früh entdeckt, dass es mich eher zu den praktischen Dingen des Lebens zieht (...) und nach der Wende habe ich einen unserer Gesellschafter kennen gelernt, der viele Jahre im Ausland Baumaschinenersatzteile veräußert hat. Ich selbst habe bei "Fortschritt Landmaschinen" in der DDR gearbeitet, wodurch ich auch einige Firmen hier, sagen wir mal, in der ehemaligen DDR schon kannte, die sich mit schwerer Technik befassen und so haben wir dieses Gebiet auch angefasst und gesagt: Es muss doch irgendwie machbar sein, mit alten Ersatzteilen, die hier zu Hauf in ehemaligen Lagern der DDR noch rumlagen, wieder an den Mann zu bringen.

An den Mann bringt Alpha-Baumaschinenvermietung ihre Maschinen in erster Linie an Bauherrn, leihweise - vom Minibagger über den Kompaktlader bis hin zum besagten Fünfzehntonner. Unmittelbar nach der Wende eine gute Geschäftsidee - Ende der neunziger Jahre allerdings ein Problem. Vorbei der Bauboom: Auch der Verleihbetrieb rutschte in die roten Zahlen.

Christine Schultz: Aus dieser Situation heraus sagte mal einer: Aus Spaß kommt keiner hierher. Ihr könnt hier rummaulen und -zicken, es bringt nichts. Es kommt keiner hierher und mietet was.

Der Spaß heißt seit fünf Jahren "Baggerland". Inzwischen reisen jeden Samstag Hobby-Baggerfahrer an - aus Mecklenburg-Vorpommern bis Bayern, und auch schon mal Österreicher oder Belgier/Holländer. Berge versetzen, und sei es nur eine Stunde lang, macht Spaß.

Christine Schultz: Baggern - klar! Ihr lasst baggern.

Hieß es am Anfang von skeptischen Branchenkollegen.

Christine Schultz: Da wurden wir schon belächelt. Ihr müsst doch einen Vogel haben. Wer kommt denn freiwillig her, um in seiner Freizeit zu baggern! Kann's doch gar nicht geben...

Mittlerweile ist die Häme der Konkurrenz einem gewissen Respekt gewichen.

Christine Schultz: Dadurch, dass andere Standbeine unseres Unternehmens ja (...) ja gravierend rückläufig sind, weil die Bauwirtschaft eben doch zunehmend an Attraktivität verliert und die Umsätze zurückgehen (...), ist das Baggerland doch inzwischen ein wichtiges Standbein geworden, auf das wir eigentlich auch nicht mehr verzichten können, muss ich ehrlich gestehen.

Die meisten Firmen in der Region haben, wie die Alpha-Baumaschinenvermietung, mit dem Baugewerbe zu tun und sind abhängig von der Konjunktur der Bauwirtschaft. Linker Hand neben dem Übungsgelände für den Minibagger, auf dem die Hobbyfahrer die Steuerhebel erklärt bekommen, ist der Sitz einer Sandstrahlerei und Spritzverzinkerei. Rechter Hand stehen - fein säuberlich aufgereiht in Wartestellung auf brüchigen Betonplatten - die Trucks von "Rathmanns Kalkssandstein".

Manch einer im Gewerbegebiet Herzfelde mag sich die Zeiten zurückwünschen, als man zum Fahrrad fahren zwischen Rüdersdorf und Herzfelde am besten immer eine Brille trug. Zum Schutz vor den dicken Staubwolken in der Luft - Zeichen der laufenden Produktion. Bläulich-grau und gelb wie der Muschelkalk aus dem Steinbruch quollen sie zu DDR-Zeiten aus den Schornsteinen des nahen Zementwerks, um sich wie ein dichter Schleier über die ganze Region zu legen. Unter der Last der Staubablagerungen brach in einem der Betriebe sogar einmal das Dach eines Brennstandes. Dann die Wende. Allerdings: Fluch und Segen lagen bei der Zementindustrie in Rüdersdorf immer nah beieinander. Den hunderttausenden Tonnen Staubemission standen fast 3500 Arbeitsplätze gegenüber.

Lemkes Fortschritte mit dem Fünfzehntonner sind beachtlich, souverän schwenkt er den Auslegerarm mit dem Löffel zwischen Erdloch und Hügel hin und her. Dummerweise ist Perfektion aber langweilig für Zuschauer. Und so sitzt ein Großteil von Bagger-Lemkes dreißigköpfiger Begleittruppe inzwischen beim Picknick, das Lemkes Frau unweit der Grube aufgebaut hat.

Antje Lemke: So. Kohle? Feuer!
Haste Anzünder?
ck dache, der wär drin.
Kohle rasselt in den Grill.
Müssen wir Papier nehmen.


Warten auf die Bockwurst und darauf, dass Bagger-Lemke endlich zur Geburtstagsgesellschaft stößt. Für die meisten Freizeit-Baggerfahrer vergeht die Baggerstunde im Fluge. Baggerlehrer Schulze muss dem Vergnügen nach sechzig Minuten nun langsam ein Ende setzen.

Thorsten Schulz: So, die kippen wir noch aus... Das war's dann auch. Leider, leider ist die Stunde dann auch aus.

Bernd Lemke: Danke, war sehr schön. Ja, hat Spaß jemacht. Hat jedes Teilchen wat für sich. Das Schönste war der da. (...) hat am meisten Spaß gemacht. Ja, das war wild. Wollte eben mal die ganzen Bewegungen durchprobieren, ja. Also, wir können denn anfangen zu bauen, Baby, ja?
Antje Lemke: Gut, Schatz
Bernd Lemke: Jetzt machen wir Picknick.

Bevor Lemke allerdings zu Würstchen und Bier greifen kann, steht noch die Zeugnisverleihung an. Teilzeit-Baggerlehrer Schulze begleitet Teilzeit-Baggerfahrer Lemke und seine Groupies zurück zum Unterstand. Dort wartet Frau Schultz mit dem Baggerdiplom auf die Truppe.

Lemke: Mein Gott, da muss ich ja einen Goldrahmen nehmen für, sieht ja toll aus.
Schultze: Unbedingt. (...) Damit können sie belegen, dass sie die Technik handeln können, dass sie keinen Schaden genommen haben, wir keinen genommen haben und das als kleine Erinnerung vom Haus.
Danke sehr.. (...) Hat mir sehr viel Spaß gemacht, war ganz toll, ja. Vor allem weil es denn jetzt immer noch lustig ist, ja.


Spielen in seiner angenehmsten Form: Denn Baggern in Herzfelde ist Spielen ohne Aufräumen. Das übernehmen die Techniker der Baumaschinenvermietung:

Torsten Schulz: Jetzt mach ich alles wieder zu, genauso ist das.

Das Tagewerk von vierzehn Hobbyschauflern - eine halbe Stunde wird der Profi brauchen, um es dem Erdboden gleich zu machen. Beim Zuschieben hat Baggerlehrer immer das Zementwerk mit dem blau-weißen Logo auf dem Turm vor Augen. Vor Jahren hat er dort eine Lehre als Kfz-Schlosser gemacht.

Als nach der Wende die meisten Standorte des "VEB Zementwerke Rüdersdorf" stillgelegt wurden, ginge viele Arbeitsplätze verloren. Das Werk am Ortseingang von Herzfelde wurde zwar erhalten. Bis Mitte der neunziger Jahre steckte ein englischer Konzern viele Millionen Euro in neue Produktions- und Umwelttechnik. Aber: Nach den Modernisierungsmaßnahmen kam der Betrieb nur noch mit einem Bruchteil der Belegschaft aus. Auf lange Sicht sind allerdings auch diese Arbeitsplätze nicht sicher. In ungefähr dreißig Jahren wird es in der Rüdersdorfer Senke keinen Kalk mehr geben. Nach rund achthundert Jahren Tagebau geht der Rohstoff, von dem die gesamte Region nach wie vor stark abhängig ist, zur Neige. Wenn es soweit ist, soll hier ein großer See entstehen. Die Zukunft der Region liegt im Tourismus, heißt es.

Baggerlehrer Schulze muss sich darüber keine Gedanken machen. Sein Betrieb hat schon vor der Zeit den Freizeitwert der Arbeit erkannt. Arbeit als Freizeit verkaufen und aus Freizeit Arbeit machen, das ist der Trick. Auch dieser Samstag war für das Baggerland wieder ein voller Erfolg:

Thorsten Schulze: Waren (...) alles nette Leute, heute. Hatten alle Spaß dranne, keiner hat's übertrieben, alle haben's gut in den Griff gekriegt, von daher war das ganz optimal. Wetter hat auch super mitgespielt, denn nichts ist schlimmer, wenn es den ganzen Tag regnet, ist auch nicht so schön. Oder, wenn den ganzen Tag die Sonne scheint, ist auch nicht so optimal. ... Das staubt ja dann extrem, ne? Jetzt haben wir ja: der Boden ist feucht, ansonsten ist es trocken geblieben und besser geht's eigentlich nicht mehr.
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