LänderReport
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20.10.2004
Bitte alle aussteigen!
Ein unverhoffter Aufenthalt in Weimar
Von Judith Borowski

Weimar (Bild: AP Archiv)
Weimar (Bild: AP Archiv)
Martin Walser nannte sie "ein grandioses Schönheitspflaster auf einem fürchterlichen Mal": Weimar, Stadt der toten Dichter, die Stadt Nietzsches, des Bauhauses, Cranachs, Liszts und Bachs. Die kulturelle Hauptstadt Thüringens, gleich drei der 27 UNESCO-geschützten deutschen Denkmäler stehen hier; Weimar ist ein Gesamtkunstwerk, kostbar und kostspielig.
Und doch ist Weimar eben auch die Provinzstadt an der Ilm, gebettet in ein Meer aus Leberblümchen. Ein bisschen graumäusig ist sie geworden in den Jahren nach dem europäischen Kulturhauptstadtzinnober. Wie präsentiert sich Weimar dem Besucher, der nur zufällig hier strandet, eine Nacht bleibt, bleiben muss, bis sein Zug am nächsten Tag weiterfährt: Was kann man sehen, erleben, wenn das Goethe-Haus am Frauenplan geschlossen hat, wenn kein Stadtführer erklärt, was es mit dem Ginkobaum vor Charlottes Fenster auf sich hat? Was erzählen dann die Menschen?


Goethe ist das Stadtzentrum, der Bahnhof liegt etwas außerhalb. Der Gast hat Zeit, sich dem Genius loci zu nähern.

Der Geist des Bahnhofs ist sauber wie nach einer Kochwäsche, sauber und ziemlich menschenleer.

Ein einsames Begrüßungskomitee - Vater, Mutter, Kind - steht auf dem Bahnsteig herum. Zwei Mädchen, Kapuzenpullis ins Gesicht gezogen, bekritzeln mit Filzstift die Wand.

W-e-i-m-a-r ... die Frau von der Tourist-Information ist auch noch da und das ewige Service-Lächeln. Weimar ist eine ewige Stadt.

In Weimar is ja abends nicht so viel los.
Sie könnten beispielsweise heute Abend um 21 Uhr Theater im Gewölbe den Goetheabend besuchen. Könnt ich Ihnen auch Karten für verkaufen.


Goethe ist immer.

Oder es ist noch Bayon, ich weiß nicht, ob Sie Bayon noch kennen,

Bayon. Bayon?

Das war mal ne DDR-Gruppe, die haben wunderschöne Musik gemacht, die werden heute - ach nee, das ist erst Morgen, das wieder zurück.

Im Bahnhof schillert und goethet, herdert und wielandet es. Werbung für die toten Geister, die die Stadt ruft.

Keine Werbung für diesen Himmel: Dämmerung mit Tönen zwischen hellblau und ultra-, ultramarin. Die Luft schmeckt nach Herbst.

DDR-graue Häuser und goldverzierte Villen belagern den Bahnhofsvorplatz.

Genie ist tags, ab 18 Uhr haben die großen Dichter, Denker und Musiker geschlossen. Manches macht allerdings auch am Tage dicht. Zum Beispiel das Stadtmuseum. Geschlossen "wegen Geldmangels", wie ein schlichtes Schild mitteilt.

Ein paar Meter weiter sekundieren Blumenkübel die Fußgängerzonen der Altstadt. Alles ist herausgeputzt: Barock, Denkmäler, Touristen. Letztere rütteln an der Tür des Schillerhauses in der Schillerstraße 1. Schon dicht.

Im Fenster einer Konditorei liegt ein Notenschlüssel aus Marzipan. Ein Tatoo-Laden hat geöffnet.

Nicht wirklich. Weil der Tätowierer schon weg ist.

Aber Piercen geht noch.

Piercen! Ja.

Gepierct zu Goethe?

Das könnte man machen, ja.

Nebenan, im Schirmladen von Frau Pennewitz, ist gleich auch noch ein Schirmmuseum. Tagsüber. Weimar ist ein Museum.

Die Stadt lebt von Auswärtigen. 3,5 Millionen Touristen kommen jährlich ins "Ilm-Athen". Italienerinnen mit blasslila Hosenanzügen klappern übers Trottoir. Amerikaner zu Hauf.

Doch eigentlich ist Weimar fest in Hand der Japaner. Dass das Goethehaus geschlossen hat, scheint sie nicht weiter zu stören.

Auf dem Display der Camcorder: Japaner mit Goethebrunnen, Japaner mit Goethe-Denkmal, Japaner mit Ginkobaum, Japaner mit Goethe-Gartenhaus.

Goethe hatte ein Gartenhaus, Weimar hat zwei. Hat eine Kopie für Touristen gebaut. Schön für die Japaner.

Die Camcorder werden wieder verstaut. Die Japaner waren in Weimar.

Die Japaner haben sich ihr Bild gemacht von der Goethe-Stadt. Der Reisebus wartet am Ende der Fußgängerzone.

"Lächerlich solch ein Geniekult, lächerlich, ein Leben in Spiritus zu konservieren, lächerlich, die Bewohner einer Stadt zu Mitwirkenden eines beständigen Passionsspiels zu machen".

Hatte Kisch doch Recht?

Ein Mann mit Toupet knutscht mit einer Frau im Gras. Straßencafés sind rappelvoll mit Studenten. Sie tragen Trainingsanzüge a la DDR. Braun mit gelb-roten Streifen an der Seite - trugen zu Ost-Zeiten Armeesportler.

Kinder, die längst ins Bett gehören, machen auf ihren Bobbycars noch mehr Krach als anderswo: Kopfsteinpflaster überall.

Lied: Es ist vorbei!

Die Musikhochschule am Platz der Demokratie. Die da so hinreißend singt, stellt sich als Diana Dressler vor. Dirigent Juri Lebedev spielt Klavier.

"Es ist vorbei" - ein Stück des jüdischen Komponisten Gustav Levin, der mal in Weimar Musikdirektor war. Als hier in den 20er Jahren der Nationalsozialismus den Geist der Stadt überrannte, wurde Levin an der Hochschule - heute wurde man sagen - gemobbt.

(...) in der Stadt hat er eine ehemalige Schülerin getroffen, die er auch sehr verehrt hat, und es wird erzählt, dass, als er vor ihr den Hut gezogen hat, ihn ihr Begleiter (verbal) so attackiert und beleidigt hat, dass ihm das (sozusagen) den sprichwörtlichen Rest gegeben hat. Der ist nach Hause gegangen, hat sich hingelegt und ist nicht mehr aufgestanden. Er hat die Nahrungsaufnahme verweigert
Und trotz Bemühungen seiner Haushälterin ist er dann verhungert.


Die Opernsängerin lebt seit fast zehn Jahren in Weimar. Für ihre Theaterpläne will sie noch ein wenig bleiben. Eigentlich wollte sie immer weg.

Kleinbürgerlich, die Sprache hat mich total genervt. Dieser Dialekt der Leute im Bus!

Keine Information für den Stadtführer.

Bach kam nicht aus freien Stücken, büchste aus - und wurde dafür prompt inhaftiert. Goethe machte regelmäßig lange Ferien von der Stadt. Und die exzentrische Anna Amalia, die ihre getragenen Schuhe Männern als Orden anheftete, fand es nach dem Heirats-Umzug auch etwas fade in Weimar.

Passanten stehen an einer Kreuzung und schauen ins Leuchtstoffröhren erleuchtete Innere eines Kiosks. Er bietet nicht Zeitungen, Zeitschriften, Zigaretten an, sondern Kunst. Irgendwie geht es dabei um Pferde.

Wir stehen an einer stark befahrenen Kreuzung, wir sind in einer idyllischen Kleinstadt, die höchste Dichte deutscher Klassik und Kultur an einem Ort in Mitteldeutschland.

Und die wird konterkariert, gestört durch die vielen Pferdestärken im Hintergrund.
Das würde dadurch vereinfacht werden, wenn man hier noch mit lebenden Pferden sich fortbewegen könnte.


Goethe und lebende Pferde.

"K&K” steht in großen blauen Buchstaben auf dem DDR-Kiosk mit dem messingfarbenen Sockel. Eine Mini-Galerie, rund um die Uhr geöffnet.

Der Titel der aktuellen Ausstellung lautet "Weimar classics”. Sie lässt viel Interpretationsspielraum.

Also ein unbedarfter Passant könnte ja meinen, das ist eine Kombination aus Kindergarten und Reitschule.

Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Und ich glaube, dass man diesen Kiosk als einen politischen Aufruf verstehen kann, dass mehr mit echten, lebendigen Pferdestärken gearbeitet werden soll.

Es gibt Weimar-Spötter, Weimar-Verdrossene und Weimar-Besessene.

Fremdenführer im "Kombinat Goethe und Schiller”, wie Weimar zu DDR-Zeiten genannt wurde, scheint noch immer der Wunschberuf vieler Einheimischen zu sein. Selbst an Bar-Tresen wird für die Stadt getrommelt:

Ich wohne seit über 20 Jahren hier in Weimar. Und ich liebe diese Stadt und es ist traumhaft schön, und ich kann nur jedem sagen: Ihr müsst alle herkommen und euch das anschauen. Nicht nur die Architektur ist schön, sondern auch die Vielseitigkeit der Kultur.

Es ist bald Mitternacht. Die Tasche lässt ihr Gewicht spüren, und kalt ist es auch. Die Empfehlung eines Einheimischen, im Freien zu übernachten, klingt plötzlich nicht mehr abenteuerlich.

Wenn schon in Weimar, denn schon:
Das erste Haus am Platze scheint jetzt gerade recht, das Hotel zum Elephanten.

Für wie viele Nächte soll das sein?

Goethe, Thomas Mann, Lindenberg, Nike Wagner haben im Elephanten übernachtet. Schröder und Putin waren laut Gästebuch auch hier. Wer war noch nicht hier?

Schnell abladen, anhübschen und wieder los - bevor alle Bürgersteige hochgeklappt sind.

Vor dem Hotel, auf dem Marktplatz, ketten die Angestellten der Bierlokale die Stühle fest.

Ja, jetzt schon, es reicht für heute - weil, naja, soviel geht ja dann doch nicht. Am Wochenende ist dann wieder mehr los in Weimar.


Cranach-Haus und Rathaus sind angestrahlt. Davor flattern: Europa-Flagge, Deutschland-Flagge, Thüringen-Flagge, Weimar-Flagge ... zur Ketten rasselnden Nachtmusik von Weimar.

Ein Lokal hat noch offen. "Hier hat Goethe schon gespeist", preist ein Schild. Momentan schaut eine Männerrunde Fußball.

Am besten in den Schützen! Oder in n Turm! Sie sind doch noch jung, und da können Sie zu den Studenten gehen. Attraktiv sind se doch auch noch. Was wollense denn? Also nichts wie hin.

Studentenclub?

Naja, Musik, Tanz, Unterhaltung, intelligente Unterhaltung. Was heutzutage knapp ist. Was wollense noch mehr?

Weimar - tagsüber Museum, nachts ziemlich jung.

Die Bars, die auf dem Weg liegen:
Roxanne - hier hängt angeblich auch Ben Becker am Tresen, wenn er mal in Weimar dreht.

Die Planbar: cool und sehr schick. Wer dazugehört in Weimar, kann hier anschreiben lassen. Viele wollen anschreiben lassen, obwohl sie Geld haben.

Die "Gerberstraße" meint ein Haus. Das "autonome Zentrum" der Stadt spielt den Lumpensammler. Hier treffen sich die Tresencrews der anderen Bars - und feiern weiter, oft bis zehn in der Früh.

Die Autonomen haben Gemeinsinn. Sie bieten ein Bett an: Extra-Zimmer, über der Bar, wo sonst Bands campieren. Gratis!

Am nächsten Morgen wird halb Weimar wissen, dass sich eine Auswärtige mit vier Herren in den Bars der Stadt herumgetrieben hat. Jedenfalls weiß das der Blumenmann auf dem Markt. Und zwar ganz genau.

Auf dem Marktplatz bauen die Händler ihre Buden auf: Mini-Ginkobäume, Biosocken, Weidenkörbe. Beim "Flotten Teufel" werden die ersten Thüringer, also Weimarer Bratwürste auf den Rost gelegt.

Wurstgeruch hat sich über den Platz gelegt und zieht Touristen an.

Es ist 'ne original Weimarer Bratwurst. Die wird schon seit vielen Jahren hier produziert. In Weimar.

Die übliche Kleinstadt-Morgenkulisse: Geschäftsleute kehren die Gehsteige.

Ein Stuhl steht in der Tür der Pizzeria. Eine ältere Frau, die kein Deutsch versteht, wischt den Boden. Ein Pärchen verabschiedet sich für den Tag.

Tschüß, mein Schatz!

Das Sozialamt hat noch geschlossen, die Bedürftigkeit nicht. Einige haben sich schon angestellt.

Im Ilm-Park, wo Goethes Gartenhaus steht, das Original, sind Jogger unterwegs.

Kurz vor halb zehn. Frühstück im Elephanten. Eine halbe Pampelmuse, eine Banane, ein Stück Melone, zwei Tassen Kaffee und das Geflüster der Gäste.

In gut einer dreiviertel Stunde geht der Zug

Weimar bei Nacht - für Zwischen- und Absteiger.

Ohne Goethe- und Schillerhaus, ohne Neues Museum, ohne die staatlichen Kunstsammlungen, das Stadtschloss. Ohne, ohne, ohne. Dafür gibt es Prospekte.


Im Zug unterhalten sich ältere Damen über ihre Reiseeindrücke bei Tag.

Diese wunderschönen Bauten, mit viel Stuck an den Häusern, das kommt alles zur Geltung, dann steht immer ne Kutschenparade in der Innenstadt - so wie eben zu Venedig die Gondeln gehören, gehören eben zu Weimar die Kutschen. Ja.

Naja. Es könnte vieles verbessert werden. Da muss man manchmal vielleicht drüber hinwegsehen.

Etwa über Damen in lapislazulifarbenen Blusen, die sich an der Hotel-Rezeption erkundigen, ob Herr Nietzsche denn auch ab und zu hier esse.

Weimar bei Nacht. Genie ist tagsüber, aber das sagten wir ja schon. Nachts greift die Sperrstunde - die Klassiker bleiben einem verschlossen.

Weimar ist eine junge Stadt, nachts jedenfalls.

Man kann schon mal Zwischenstopp machen in Weimar, nachts oder auch tags.

Man kann. Man muss es nicht.

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