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26.10.2004
Immer den Limes entlang
Wie die Römer das Ländle veränderten
Von Johannes Marchl

Besucher des Archäologischen Parks in Xanten (Bild: AP Archiv)
Besucher des Archäologischen Parks in Xanten (Bild: AP Archiv)
Die Römer haben Konjunktur in Deutschland. In Kettenhemd und voller Kriegsausrüstung wandeln Experimentierarchäologen auf alten Wegen. Und landauf, landab werden Römerfeste gefeiert. Doch was ist wirklich von den Römern geblieben, seit sie sich aus dem Land der Germanen zurückzogen? Denn was die Römer in den Jahrhunderten zuvor in ihre Besatzungszone an Wissen und Kultur mitbrachten, war revolutionär. Damals jedenfalls.

Tacitus Zitat: Wer hätte ferner Italien verlassen sollen, um nach Germanien zu ziehen, in das wüste Land mit rauem Himmel, abschreckend für den Anbau und den Anblick, außer wenn man es zum Vaterland hat? Obwohl sich das Land nach seiner Erscheinung beträchtlich unterscheidet, ist es doch im allgemeinen entweder mit unwirtlichen Wäldern oder mit wüsten Sümpfen bedeckt. Feuchter in Richtung gegen Gallien, windiger in der Richtung gegen Noricum und Pannonien.

Auch wenn Tacitus sich nach den Gründen fragt - sie haben es verlassen, ihr Italien, und sind über die Alpen oder aus Gallien kommend einmarschiert, ins Land der Germanen, auch ins heutige Baden-Württemberg. An den Rhein, an den Neckar, bis hinauf in den Odenwald sind sie gekommen. Eine Tatsache, die auch heute keinem unbemerkt bleibt, wenn man dort durch die Gegend fährt, nördlich von Heilbronn. Vorbei führt die Straße am "Römerhof", an der "Römerschenke", dem unvermeidbaren "Römerkrug", der "Römerherberge".

Ziel ist Schlossau, einer der ganz wenigen Orte wo so spät im Herbst noch gegraben wird, gegraben nach dem, was von den Römern übrig geblieben ist. Und auch hier in Schlossau lassen die Straßennamen keinen Zweifel aufkommen: Römerstraße, gleich danach die Limesstraße, hier geht's rechts rein. Nach hundert Metern die Ausgrabungsstelle, dort, wo der Wind Tacitus ins Gesicht blies.

Ein rot-weißes Absperrband umflattert zwei rechtwinklige Ausgrabungsstellen, an einer dritten arbeiten dick vermummt fünf Männer und eine Frau. Schwere, rotbraune Erde haben sie abgehoben, ein paar Stellen mit Steinen sind sichtbar, Mauern, die fast 2000 Jahre alt sind. Britta Rabold leitet die Ausgrabungen in ganz Nordbaden. Der Wind pfeift ungeniert ins Mikro, also ab ins Auto, hinter die Windschutzscheibe mit Aussicht, wo Britta Rabold erklärt:

Britta Rabold, Ausgrabungsleiterin: Hier bestand eben die römische Zivilsiedlung zum Castell Schlossau, im Castell Schlossau war ein so genannter Numerus stationiert, das sind 150 Soldaten und zu denen gehörte eben ein Tross, wie eben im Mittelalter und in späterer Zeit auch noch. Hier konnte man auch abends seine Freizeit verbringen und die Frauen durften ja nicht im Lager selbst wohnen, natürlich werden die auch die eine oder andere Freundin gehabt haben, die dann im Castelvicus wohnte.

Das Castell wurde schon vor über hundert Jahren ausgegraben. Die sogenannte Reichslimeskommission hat entlang des Limes so gut wie jedes Lager, jeden Wachturm, jedes Castell freigelegt. Und zum Teil wieder zugeschüttet. Also zeigt Britta Rabold auf eine große grüne Wiese, als sie vom Castell spricht. Schwarzgecheckte Kühe weiden dort, Gras ist über die Mauerstücke gewachsen. So interessant die militärischen Anlagen damals waren, so wenig kümmerte sich die Reichslimeskommission um die vici, die zivilen Siedlungen. Dafür hat man heute was zu graben:

Britta Rabold: Ich spreche immer gerne vom antiken Gewerbegebiet von Schlossau. Das überraschende an der Grabung ist: Normalerweise geht man davon aus, dass ein Numerus-Castell, also in so einem kleinen Castell eben, einen ganz kleinen Zivil-Vicus hatte, mit ein paar Häuschen, wo eben die Leute wohnten und arbeiteten. Aber dass man hier wirklich Gewerbe betrieb, dass man töpferte, dass man ziegelte, schmiedete, das hat niemand denken können.

Britta Rabold hat die Highlights der bisherigen Fundstücke mitgebracht. Drei Kisten im Kofferraum, sorgsam verpackt. Für Sammler antiker Keramik wäre das jetzt Weihnachten:

Britta Rabold: Die ganzen Gefäße, die hier in den Schachteln sind, haben Dellen. Weil das sind so genannte Fehlbrände. Das kommt daher, weil dieser Ofen stark überhitzt wurde und da ist zumindest die Lochtenne zerborsten. Der Ton war noch weich und dadurch, dass sie aufeinander gefallen sind, haben sie sich so verbogen. Und sie sind dann doch noch sehr hart geworden, Sie sehen es ja, sie sind hart wie ganz normale römische Gefäße.

Wobei solche Funde eher die Ausnahme sind. Das täglich` Brot ist wesentlich karger. Heute bisher: drei Schachteln - ungefähr so groß wie kleine Obstschalen, mit denen man Erdbeeren im Supermarkt kauft - drei solche Schachteln mit ein paar Scherben, Knochen, Ziegelbruchstücken, vielleicht mal ein Metallstück, ein Nagel dazwischen. Trotzdem ist diese Arbeit natürlich unerlässlich, um unser Bild vom Zusammenleben von Römern und Germanen schärfer, konturierter werden zu lassen.

Zitat Tacitus: Germanien wird als Ganzes von den Galliern, Rätern und Pannoniern durch die Flüsse Rhein und Donau, von den Sarmaten und Dakern durch gegenseitige Furcht oder Gebirge geschieden. Das Übrige umfließt das Weltmeer, das tiefe Landeinschnitte und Inseln von unermesslicher Ausdehnung umfasst, wobei man erst kürzlich einige Völkerschaften und Könige kennen lernte, die der Krieg erschlossen hat.

Der Krieg erschließt die Völker, auch die Germanen. Im ersten Jahrhundert vor Christus waren die Römer an den Rhein gekommen. Doch der groß angelegte Feldzug gegen die Germanen wird nach der Niederlage im Teutoburger Wald schnell ad acta gelegt, die Sicherung des römischen Reiches steht fortan im Vordergrund. Etwa 10.000 Soldaten sind dazu am Limes stationiert, dazu kommen römische Beamte, der Tross in den Legionslagern, Händler, Ex-Soldaten, die Ländereien bewirtschafteten. Die Römer und die Germanen also?

Professor Dieter Planck, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg: Wir haben natürlich die klassischen Römer im eigentlichen Sinne, das sind in der Regel die hohe Offiziere, wir haben aber in den Truppen am Limes entlang Auxiliareinheiten, das sind Hilfstruppen, die in den Provinzen des römischen Weltreichs von Nordafrika über den Orient bis nach Britannien ausgehoben worden sind. Und so können wir zum Beispiel Kelten, Bretonen, Dalmatiner hier nachweisen, also ein buntes Völkergemisch, das sich hier im heutigen BW wieder findet.

Professor Dieter Planck vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg. Er ist der oberste Römer- und Germanenexperte im Ländle. Und er will aufräumen mit der weit verbreiteten Vorstellung, dass die Römer kamen, sahen, siegten und dann der einheimischen Bevölkerung ihr Weltbild überstülpten:

Dieter Plank: Die römische Kultur ist letztendlich die Klammer für alles: Wir haben die römische Verwaltung, wir haben natürlich das Militär, die ganze Struktur der Siedlungen, aber innerhalb dieser Klammer - und das ist sicherlich auch die Eigenart und das Charakteristikum des römischen Imperiums - dass man die eigenständigen Elemente in der Religion der jeweiligen Bevölkerung belassen hat. Zum Beispiel Apollo Grannus ist so ein Fall, Apollo der klassische Heilsgott, Apollo Grannus wurde hier in Südwest-Deutschland sehr häufig verehrt, da steckt eine einheimische, keltische Gottheit dahinter.

Zitat Tacitus: Die Germanen selbst möchte ich für Ureinwohner halten. Ihre Körperbeschaffenheit ist trotz der großen Menschenzahl bei allen die gleiche: blaue Augen mit wildem Ausdruck, rötliches Haar, hochgewachsene und nur für den Angriff starke Leiber. Sie tragen auch Tierfelle.

Tacitus über die Germanen in einem der wenigen erhaltenen Texte, die uns aus der Antike überliefert sind. Quellen sicher, aber keine, die man 1:1 übernehmen sollte. Diese Texte dienen auch der Propaganda. Verherrlichen die glorreichen Feldzüge der Römer und schildern in den schillerndsten Farben den mächtigen Feind - den man ja schließlich besiegt hat, einen Feind, stark und barbarisch.

Dieter Plank: Das ist eben genau das Klischee: auf der einen Seite der fellbedeckte Germane wild, unrasiert und auf der anderen Seite der gepflegte Römer in Toga. Aber ich denke: Auch die Germanen hatten qualitätsvolle Kleidung getragen, wir wissen das durch zahlreiche Funde etwas aus den germanischen Gräberfeldern und ich glaube sowohl Römer wie auch Kelten und Germanen waren in jener Zeit hoch entwickelt und hatten eine bedeutende Kultur, allerdings: Die Germanen und Kelten konnten nicht schreiben.

Von den Germanen existieren also keine Schriftzeugnisse. Und sie übernehmen auch nicht die lateinische Schrift oder Sprachnahmen auch nicht die lateinische Schrift, die lateinische Sprache. Nach den Germanenstürmen um 259/260 wird der Rätische Limes von den Römern aufgegeben, sie ziehen sich hinter den Rhein und an die Donau zurück. Mit den Römern geht auch ihre Sprache:

Dieter Planck: Wir haben nirgendwo im frühen Mittelalter Hinweise, dass im großen Stil römisches Latein und eine römische Gedankenwelt übertragen worden ist. Im großen Stil wurde eigentlich die Antike erst wieder durch die mittelalterlichen Mönche entdeckt. So wissen wir das von Tacitus, so wissen wir das von der berühmten Peutinger Tafel, das sind alles Überlieferungen durch die mittelalterlichen Klöster.

Damit ist auch die These, dass lateinische Lehnwörter wie Mauer von Murus oder Fenster von Fenestra direkt aus der Zeit der römischen Besatzung überliefert sind für Dieter Planck eine Fehlinterpretation. Vielmehr gehen die Germanen mit dem Erbe ihrer römischen Besatzer recht pragmatisch um: Nehmen was sie brauchen können, den Rest vergessen sie. Beispiel: die römischen Steinbauten: nachdem die Römer weg sind, plündern die Germanen die Siedlungen, nehmen alles mit was brauchbar ist, Tongefäße, Metallstücke, Dachziegel, aber in die Häuser ziehen sie nicht:

Dieter Planck: Ich möchte meinen, dass das nicht nur auf eine primitive Einstellung zurückgeht, sondern dass man ganz bewusst in den alten Traditionen mit den alten erfahrenen Materialien - in diesem Fall Holz - weitergebaut hat. Und deshalb hat man oft den Eindruck: Die einfachen Germanen in ihren Holzhütten und auf der anderen Seite die Römer in ihren Steinbauten. Wir wissen aber, dass Holzbauten durchaus eine hohe Qualität und einen hohen Komfort haben können, das wurde in der Forschung bislang nicht so richtig berücksichtig.

Doch natürlich sollen nicht die Errungenschaften verschwiegen werden, die mit den Römern ins heutige Baden-Württemberg kamen und auch hier blieben. Zahlreiche Pflanzenarten wurden von den Besatzern eingeführt: Dinkel, Früchte wie Pflaumen, Kirschen, Pfirsiche. Die Römer kannten zu dieser Zeit bereits 30 verschiedene Apfel und Birnensorten, mit ihnen kamen die Mandelbäume und nicht zuletzt die ersten kultivierten Weinstöcke - auch wenn der Germane an sich lieber anderes trank, anscheinend in oktoberfestartigen Mengen:

Zitat Tacitus: Als Getränk dient ihnen eine Flüssigkeit, die aus Gerste oder Weizen ganz ähnlich dem Wein zusammengebraut ist. Leistet man ihrer Trinklust Vorschub und verschafft ihnen so viel wie sie begehren, wird man sie gewiss nicht weniger leicht durch ihre Laster als mit Waffen sie besiegen.

Der berühmte Met, von Tacitus auch in seiner Wirkung beschrieben. In den Gutshöfen, die überall im fruchtbaren Hinterland des Limes zu finden waren, um die Soldaten zu versorgen, sind die Herren übrigens nicht selten Germanen - auch das ein Zeichen des Miteinander, das doch zumindest knappe drei Jahrhunderte ganz gut funktioniert. Wer sich also ein Bild vom Römer in Germanien an sich machen möchte - so viel haben wir inzwischen erfahren - sollte sich nicht zu sehr auf Tacitus verlassen. Unser Tipp: ein Besuch im Römermuseum in Aalen. Guter Platz für ein solches Museum, denn Aalen war eines der sieben großen Reiterkastelle des römischen Imperiums, das größte nördlich der Alpen.

Filmausschnitt aus dem Römermuseum Aalen: In der Geschichte entschieden oft über Machtverhältnisse. Diese Spielszenen zeigen Schlachten im Altertum...

Ermelinde Wudy, die Aalener Museumspädagogin hat den Film extra für mich eingelegt. Im Moment ist wenig los im Museum. Aber spannender ist es eigentlich außerhalb des Filmvorführraums. Vorbei geht's am Schaukasten mit den 2000 Zinnfiguren, der das Leben am Limes darstellt, hin zum richtigen Leben:

Ermelinde Wudy, Museumspädagogin Aalen: Den finde ich schön. Das ist einer unserer dicksten Palisadenstämme. 60 Zentimeter Eiche, wenn man sich das einfach praktisch vorstellt: die zu fällen, in handliche Stücke zu schneiden, wenn man von einer Limeshöhe von drei Metern ausgeht, dann brauch ich noch Stück um sie zu gründen, also dreimeterfünfzig bis vier Meter Länge, dann auseinander sägen, weil Palisaden sind ja halbierte Bäume, an die Grenze tragen, dort einbuddeln und aufrichten, dann denke ich kann man sich die Arbeit ganz gut vorstellen, die dahinter steckt.

Man kann ihn fühlen, den Limes. Anlangen. Ein Mords-Trum-Balken, einer von Tausenden. Wobei der eigentliche, der spätere, der rätische Limes, der sich von Schwäbisch Gmünd bis zur Donau hinzog dann ja nicht mehr so hölzern ausgefallen ist.

Ermelinde Wudy: Vom Rotenbachtal bis Eining an der Donau haben wir eine Mauer. Drei Meter hoch, ein Meter dick, aus Feldstein zusammengemauert das ist doch was. Auch wenn der Vergleich mit der chinesischen Mauer hinkt, die war an der Krone zwölf Meter breit. Das ist dann doch noch mal ein anderes Bauwerk.

Gleich neben Palisaden steht eine Jupiter-Giganten-Säule, sechseinhalb Meter hoch. Unzähliges Arbeitsgerät von der Sense bis zum antiken Arztbesteck sind ausgestellt. Masken von römischen Paradereitern, die das ganze Gesicht bedeckten und seltsam unnahbar, fast unmenschlich wirken. Aber auch menschliches:

Ermelinde Wudy: Die Schuhe von Welzheim sind ein echter Sensationsfund, aus zwei Gründen: Zum einen, dass sie überhaupt erhalten sind und zum anderen, dass es Alltagsschuhe sind. Denn die römischen Soldatenschuhe, die jeder aus Asterix kennt, diese Sandalen mit Nägelchen, die schauen im ganzen römischen Reich gleich aus. Während hier können wir provokativ sagen: welche Schuhmode haben wir im 2. Jahrhundert in der römischen Provinz? Wir haben hier Sandalen, wir haben Pantoffel, Mokassins und wir haben Kinderschuhe, das ist der allerkleinst aus dem ganzen Fund.

Nicht zu vergessen die Sonderausstellung, die gerade läuft. "Geritzt und entziffert". Geht um kleine Inschriften, Kritzeleinen. Unter anderem um eine Essensrezept. Gefüllte Spatzen mit Feigenmus. Und Krähe. Hat aber eine etwas lederne Haut wird gewarnt. Dann vielleicht doch lieber das Simple, das Germanische:

Zitat Tacitus: Nach dem waschen nehmen sie Speise zu sich. Die Speisen sind einfach: wilde Baumfrüchte, frisches Wildbret oder Käse aus Milch. Ohne besondere Zubereitung, ohne Gaumenkitzel vertreiben sie ihren Hunger. Dem Durst gegenüber herrscht nicht dieselbe Mäßigung.

Aber das mit dem Durst, der Mäßigung und dem Met hatten wir ja schon… Schön barbarisch eben. Dafür erfolgreich. Die Römer mussten sich zurückziehen und irgendwann standen plötzlich die Barbaren vor den Toren Roms. Was von denen allerdings in Italien geblieben ist, das ist schon wieder eine andere Geschichte.
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