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27.10.2004
Einige Takte zu Singen
Wie ein Ort im Schwäbischen durch die Industrialisierung verändert wurde
Von Barbara Roth

Singen? Singen! Der Ort steht für viele, die mal ein Nest in der Provinz waren und es nicht mehr sind. Die Industrialisierung hat die Tätigkeiten der Menschen und den Lauf der Biographien verändert, sich im Stadtbild eingenistet und es neu geformt. Dort in der schwäbischen Provinz, wo so viel Wert auf die Tradition gelegt wird.

Steil ragt der Hohentwiel in den Himmel. Ein mächtiger Hügel, zu dessen Füssen die Stadt Singen liegt. Singen am Hohentwiel - unter der Nummer 303 21.975 ist der Name beim Deutschen Patentamt sogar als Marke geschützt. Vom Hohentwiel aus sieht man am Horizont blau schimmernd den Bodensee. Das schwäbische Meer. Auch der Hohentwiel war bis 1969 württembergisch, also schwäbisch. Die Stadt zu seinen Füßen war erst württembergisch, dann seit 1810 badisch.
Singen ist uralt. Älter als die antike Weltstadt Rom, erzählt der pensionierte Stadtarchivar Franz Götz voller Stolz. 787 nach Christi wurde der Flecken erstmals urkundlich erwähnt - als Bauerndorf unterhalb einer gewaltigen Burganlage auf dem Hohentwiel.

Franz Götz: Das Problem war nur, dass zwischen den mächtigen Besitzern der Burg und den Herren des Dorfes Singen keine Gemeinsamkeit bestand. Es waren unterschiedliche Herren. Das war vor allem prekär in Kriegszeiten. Zum Beispiel im 30-jährigen Krieg ist der Hohentwiel fünf Mal belagert worden. Man kann es sich vorstellen, wie es dann im Dorf Singen aussah. Also, das Dorf Singen wurde immer wieder vor allem in Kriegszeiten in Mitleidenschaft gezogen. Eben die Nähe der Burg oder der Festung Hohentwiel, die seit 1521 den Württembergischen Herzögen gehörte, die Nähe hat zur Folge gehabt, dass die Belagerer sich hier positionierten, wenn sie die Burg belagert oder beschossen hatten. Das hat sich durchgehalten, diese arme Situation bis ins 19. Jahrhundert.
Mehrmals wurde der Flecken bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Arm, bitterarm war die Handvoll Menschen, die in dem kleinen Bauerndorf lebte. Obwohl der Boden in dieser Gegend - die Hegau genannt wird - als besonders furchtbar gilt. Hier - ein Katzensprung vom Bodensee entfernt - wurde bereits vor Jahrhunderten Wein, Obst und Getreide angebaut.

Götz: Die zunehmende Armut ist auch darauf zurückzuführen, dass hier die Realteilung herrschte, das heißt: im Erbfall erbten die Kinder Güter. Also nicht nur Geld, sondern ein Teil des Grundbesitzes. Dadurch wurden die landwirtschaftlichen Anwesen immer kleiner und oftmals reichte das, was übrig geblieben ist, nicht mehr aus als Existenzgrundlage für die Bauernfamilien. Folge war, dass viele Bauern eben wegziehen mussten, sich anderweitig verdienen mussten oder gar auswandern mussten. Es sind sehr viele Singener Familien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgewandert.

Man schreibt das Jahr 1863. Die erste Dampflok fuhr durch Singen. Mit dem Eisenbahnbau veränderte sich das Leben in dem kleinen Nest schlagartig.

Götz: Die erste Bahnlinie, die nach Singen führte, war die von Basel über Waldshut, Singen, Konstanz. Das war 1863. Zehn Jahre später war dann die Schwarzwaldbahn fertig - von Offenburg über den Schwarzwald, Villingen, Singen. Und die dritte war 1879 die Gäubahn aus Stuttgart, Rottweil, Singen, Zürich und weiter. Also drei Bahnlinien kreuzten in Singen. Und das war natürlich eine ideale Voraussetzung, dass man hier Industrie angesiedelt hat.

Von Singen aus fährt man keine zehn Kilometer- und man ist in der Schweiz. Man hört es auch am Dialekt der Leute, Singen gehört zum alemannischen Sprachraum. Es waren Schweizer Unternehmer, die sich unter dem Hohentwiel niederließen. Der Bekannteste: Julius Maggi, der 1887 in Singen das Maggi-Werk gegründet hat. Franz Götz, Kenner der Singener Geschichte.

Götz: Das hat seinen Grund darin, dass im Jahr 1862 das Großherzogtum Baden sich dem deutschen Zollverein angeschlossen hat. D.h. die Zollgrenzen wurden dichter. Die Schweiz verlor ihr wirtschaftliches Hinterland in Süddeutschland. Das versuchte man zu umgehen, indem man auf deutschem Boden Fabrikanlagen errichte und in Deutschland produzierte, um die Zollabgaben einzusparen. Die erste war Maggi 1887 gegründet, die bekannte Würze- und Nahrungsmittelfirma, die heute zum Nestlé-Konzern gehört, dann kam 1894 eine Filiale der Schaffhausener Firma Georg Fischer, die haben damals Rohrwinkel hergestellt und sind heute ein großer Zulieferbetrieb für die Automobilindustrie. Und 1912 kamen die Aluminium-Walzwerke, eine große Firma aus der Schweiz - heute ein Teil des kanadischen Konzerns Altan.

Das Dorf legte in Windeseile seinen Bauernkittel ab. Mit den Schweizern Fabrikanten kam der Wohlstand. Wo zuvor nur Felder waren, entstanden Straßen. Wo Jahrhunderte lang nur ärmliche Bauerngehöfte standen, wurden prächtige Patrizierhäuser, dominante Kirche und wuchtige Schulhäuser gebaut. Singen entwickelte sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. 1863 - als die Eisenbahn kam - zählte der Flecken nicht einmal 300 Einwohner. Zur Jahrhundertwende waren es bereits über 4000. Heute leben in der badischen Stadt gut 45.000 Menschen. Innerhalb von 75 Jahren wuchs die Gemarkungsfläche von 15 auf heute nahezu 62 Quadratkilometern.

Götz: Zunächst eine erste Welle vor dem 1. Weltkrieg noch. Das kann man auch an den städtischen Bauten ablesen. Es wurden nach der Erhebung des Dorfes zur Stadt 1899 eine große repräsentative Volksschule gebaut 1901. Es wurde eine zweite katholische Kirche gebaut, eine evangelische Kirche gebaut. In den 20er Jahren kam dann eine zweite Etappe, da wurde dann ein Gymnasium und ein Krankenhaus errichtet. Und dann nach dem 2. Weltkrieg ging es erst so richtig los, da wurden in der Nordstadt und der Südstadt große Wohnanlagen, ganze Wohnblocks errichtet.

Singen wurde reich. Zur Zeit der Stadterhebung am 11. September 1899 brannten hier in der Provinz, 150 Kilometer von Stuttgart entfernt, bereits elektrische Glühbirnen, die ersten Wasserleitungen wurden verlegt und in einigen Häusern hatte man schon Telefone. Es gab ein Postamt, einen Bahnhof, eine Apotheke, eine Sparkasse, eine Gewebeschule, ein Spital, einen Kindergarten und eine eigene Zeitung, die Singener Nachrichten.
Die Fabriken zogen Tausende von Arbeitskräften an. Maggi beschäftigte im Jahr 1900 bereits über 450 Mitarbeiter. Hunderte von Mädchen und Frauen putzten von Hand Gemüse. Blumenkohl, Bohnen, Erbsen, Lauch, Kartoffeln, Tomaten und Wirsing - wurden um die Fabrik herum angebaut und bildeten die Grundlage für Brühwürfel und Würze. In Singen werden bis heute die berühmten brauen Maggi-Fläschchen abgefüllt.
Singen ist multi-kulturell. Eine offene Stadt mit einer Bevölkerung, die Zugezogenen und Fremden gegenüber ungewöhnlich aufgeschlossen ist, schwärmt Franz Götz. Er selbst stammt aus Freiburg. Bei Maggi - dem heutigen Nestlé-Konzern - sind Menschen aus 20 verschiedenen Nationalitäten tätig. In der Forschungsabteilung wird Englisch gesprochen.

Götz: Es gab sehr früh schon Gastarbeiter. Aus Italien. Schon in den 20er Jahren. Und natürlich erst recht nach dem 2. Weltkrieg. Interessant ist zu erwähnen, dass Singen durch diesen starken Zuzug, dass wir eine aufgeschlossene Stadt geblieben sind, eine offene Stadt, in der die Auswärtigen, die Zugezogenen den Ton angeben. Alt-Singener, die also einen Familienstammbaum bis ins Mittelalter zurückverfolgen können, gibt es nur sehr wenige. Es gibt eben kein verhocktes Bürgertum wie in alten gewachsenen Städten, die eben die Stacheln nach außen stellen und möglichst keinen Neuankömmling in sich aufnehmen wollen. Das ist hier also nicht so.

Gang durch Fußgängerzone. Neben der Döner-Bude das alteingesessene Modegeschäft. Der Schuhladen neben dem Kaufhaus. Gegenüber die Kneipe und daneben die Buchhandlung. Nach Singen kommt das Umland zum Einkaufen. In der Fußgängerzone trifft man auf viele Schweizer, die in Deutschland billig konsumieren. Man begegnet unzählig vielen türkisch und italienisch sprechenden Mitbürgern sowie Hausfrauen aus der näheren Umgebung. 1,5 Stunden dauert die Suche. Dutzende wildfremde Leute hat man angesprochen - bis man endlich auf einen waschechten Singener trifft: Artur Giner, 72 Jahre alt. Am Rande eines Blumenbeets sitzend blättert er mit seiner Frau Ilse in einem Buch über Singen. Fotografien von früher sind in dem Bildband Fotos von heute gegenübergestellt.

Artur und Ilse Giner: Da ist die Färbe und das ist die Bleiche. Die Sparkasse in der Hartwigstrasse, ich kenne das noch. Im Garten war die drin. Bis 1935. Da habe ich aber noch kein Geld gehabt. Ja hast du heute? Ich kann mich nicht erinnern, dass du heute hast. Das ist auch ein schönes Bild, ein typisches. Ja, das ist auch schön. Das ist die Schmidtstrasse. Der Zinken heißt das. Warum ist das ein typisches Bild? Weil nichts mehr steht, das steht überhaupt nichts mehr. Man hat in Singen viel zu viel abgerissen. Klar, man hat gemeint, das passt nicht mehr zum neuen Singen. Und deswegen hat man das alles abgerissen. Und heute gäben die viel dafür, wenn sie eine Altstadt hätten, aber man kann es ja nicht mehr aus dem Ärmel schütteln. Es geht nicht mehr.

Vom alten Dorf ist nicht viel übrig geblieben. Die alten Bauernhäuser wurden abgerissen, weil sie Neubauten Platz machen mussten oder einfach dem Straßenverkehr im Weg standen. Wo Artur Giners Elternhaus stand, parken heute Autos.

Artur und Ilse Giner: Hier das ist auch alles abgerissen. Da haben meine Eltern gewohnt. Großeltern und Eltern. Das ist der Friseur Helf und da unten war das Haus. Man hat es müssen an die Stadt verkaufen. Das war die Eisenwarenhandlung Fischer. Das kennen wir schon noch. Und da steht heute das Rathaus, das neue Rathaus. Das ganze Areal ist jetzt weg. Und da steht heute das Riesen-Rathaus.

Die Stadtoberen hatten Großes vor. Singen liegt verkehrsgünstig, direkt an der Autobahn. Der atemberaubende Aufschwung in der Nachkriegszeit ließ die Stadtplaner davon träumen, dass um die Jahrtausendwende mal 100.000 Menschen unter dem Hohentwiel leben werden. Entsprechend großzügig wurde in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders geplant. Die Breite vieler Strassen macht so mancher Großstadt Konkurrenz. Und im Stadtbild dominiert heute architektonische Sachlichkeit.

Artur und Ilse Giner: Meine Mutter, die ist in die Stadt reingelaufen, später hat sie sich auch nicht mehr so richtig ausgekannt. Jetzt denk mal, jetzt haben die schon wieder ein Haus abgerissen. Das hat ihr schon wehgetan. Wir haben uns halt müssen dreinschicken. Was heißt das dreinschicken? Na ja, die Bevölkerung ist ja nicht gefragt worden, ob jemand das für gut hält oder nicht. Es hieß halt, wir gehen mit der Zeit, wir gehen mit der Zeit.

Das Maximum an Einwohnern erreichte Singen vor 30 Jahren mit gut 47.000 Menschen. Seit 1975 allerdings geht die Einwohnerzahl stetig zurück. Der Grund: Die großen Industriebetriebe wie Maggi, Alcan und Georg Fischer, die einst die Stadt zum Blühen brachten, rationalisieren und bauen kontinuierlich Arbeitsplätze ab. Gut 300 Stellen gingen allein in den letzten fünf Jahren bei Maggi flöten. Und wie es der Zufall so will, auch der 72-jährige Artur Fischer war Maggianer:

Artur und Ilse Giner: Ich war Elektriker. 38 Jahre lang. Früher konnte man mit dem Herrn Direktor noch sprechen. Wir wollten nicht, aber er hat uns angesprochen. Heute nicht mehr, weil es ist zu streng, zu unpersönlich. Was war das besondere bei Maggi? Über Jahre hinaus hieß es: Wir Maggianer, die haben zusammengehalten wie Pech und Schwefel. Und heute, oh je. Mein Mann trifft ab und zu noch jemand. Jeder sagt, oh jesses, sei froh dass du draußen bist. Das sei kein Arbeitsklima mehr. Jeder hat Angst um seinen Arbeitsplatz. Und vor allem darf man keine Minuten mehr stehen, um mal schnell mit jemand zu schätzen. Nichts mehr.

Maggi gehört zu Singen wie das Salz in die Suppe. Von Singen aus eroberte die Würze in der damals schon typischen Maggi-Flasche von 1887 an die Suppentöpfe Deutschlands. Julius Matschi - wie der Firmengründer wirklich hieß - hatte aber nicht nur einen guten Riecher, wenn es ums Geschäft ging. Er hatte auch eine, für die damalige Zeit revolutionäre soziale Einstellung seinen Mitarbeitern gegenüber. Er ließ beispielsweise Firmenwohnungen bauen und einen Kindergarten einrichten, denn die meisten seiner Arbeitskräfte waren Frauen. Und wenn über der Stadt intensiv riechend eine Maggi-Wolke lag, wurde nie über den Geruch geschimpft, sondern über das Wetter, denn dann gab es Regen.
Heute ist Maggi ein modernes Werk, die Abluft wird natürlich gefiltert. Die Werkswohnungen sind verkauft. Den Kindergarten hat die Stadt übernommen. Das soziale Image von Maggi ist dahin wie der Stolz der Singener auf Maggi. Maggianer nannten sich die Mitarbeiter. Diese Identifizierung mit dem Betrieb ist heute weitgehend verschwunden.

Umfrage: Ich finde halt einfach, wenn man so viele Arbeitsplätze abbaut und so große Gewinne macht, dass das recht unsozial ist. Die sind halt gewissenlos und es geht ihnen nur um den Profit. Kostenkiller, Jobkiller auf Teufel komm raus, ohne auf den Mensch zu gucken, ohne auf die individuelle Situation zu gucken. Absolut nur das Geld, den schnöden Mammon im Sinn, mehr kann man dazu eigentlich gar nicht sagen. Weltweite Expansion, Unterdrückung und Ausbeutung der Zulieferbetriebe, Aktienkurse explodieren, der einzelne Arbeiter und Mensch bleibt auf der Strecke.

Maggi gehört inzwischen zum Schweizer Nestlé-Konzern, ein Global Player. Entscheidungen, Maggi betreffend, werden längst nicht mehr in Singen, sondern in der deutschen Nestlé-Zentrale in Frankfurt gefällt. Zum Beispiel, wenn es um Arbeitsplatzabbau geht. Vorteil der Ferne: Anonymität. Die Manager sind mit ihren Werken nicht mehr verwachsen sein, denn eine starke Bindung an einen Standort erschwert harte Entscheidungen.

Streik: Das was hier passieren soll, ist eine Riesen-Sauerei. Applaus. Pfiffe.

Einen Monat ist es her, da wurde bei Maggi in Singen gestreikt. Eine Woche lang hatten die rund 950 Mitarbeiter die Werkstore blockiert und die Produktion lahm gelegt. Der Grund: Nestlé wollte am Standort in Singen jährlich rund 3,2 Millionen Euro an Produktionskosten einsparen. Unter anderem sollte die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich von 37 auf 38 Stunde in der Woche verlängert werden. Ansonsten drohte die Konzernspitze mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Süd- und Osteuropa.

Uwe Hildebrand: Zentraler Punkt war für uns die Beschäftigungssicherung, die haben wir erreicht bis zum Jahr 2010. Auch zentraler Punkt war, dass wir die Forderung der Arbeitgeberseite nach einer Nullrunde durchbrechen konnten. Es gibt jetzt eine Lohn- und Gehaltserhöhung rückwirkend zum 1. Juli mit zwei Prozent.

So der Verhandlungsführer auf Gewerkschaftsseite, Uwe Hildebrand, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten. Die Maggianer in Singen mussten schon häufig in den sauren Apfel beißen, um ihre Arbeitsplätze zu sichern. Ein Beispiel: Die Hand- und Duschwaschzeiten beim Lebensmittelhersteller. Der Konzern verlangte zuletzt, dass diese Reinigungszeit nicht mehr zur Arbeitszeit gerechnet wird. Die Belegschaft akzeptierte, weil ihr die Standortsicherung etwas wert war. Auch dieses Mal mussten die Mitarbeiter in einem Punkt nachgeben. Die 20-minütige, bezahlte Pause am Tag wird stufenweise gestrichen:

Uwe Hildebrand und Beschäftigte: Das war der Preis, den auch wir bezahlen haben. Wir haben auch von Anfang an angekündigt, dass wir bereit sind, Eingriffe in diesen Zusatztarifvertrag zu machen. Aber zentraler Punkt war für uns, dass wir die Beschäftigungssicherung, eine längere Beschäftigungssicherung bekommen.
Wir sind sehr zufrieden, es ist ein Sieg für uns. Damit kann man leben. Wir haben tapfer gekämpft, wir haben einiges gewonnen. Und wir haben dem Konzern gezeigt, wir haben eine Macht.


Und doch - Maggi verändert sich. Und Singen verändert sich notgedrungen mit. Der Wandel ist mit Händen zu greifen. 9500 der rund 22.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Stadt arbeiten heute noch bei den großen Industriebetrieben wie Maggi. Tendenz fallend. Die Arbeitslosenquote im September lag bei 6,5 Prozent. Über 4900 Arbeitslose meldete die Agentur für Arbeit, von denen viele früher in einem der Großbetriebe tätig waren.

Andreas Renner: Sie sind heute immer noch die Zugpferde des Arbeitsmarktes in Singen. Immerhin sind es Firmen, die über 100 Jahre und länger hier am Ort sind. Dass die sich restrukturieren und heute Teil von multinationalen Konzernen sind, ist völlig klar. Aber man kann sie nicht wegdiskutieren. Sie sind für den Mittelstand noch wesentliche Arbeitgeber, es hängen hier nicht nur die Mitarbeiterzahlen der Werke direkt dran, sondern ein Riesenumfeld an Logistik, an Handwerksbetrieben, an Zulieferern, an Dienstleistern rings um die Firmen. Ohne sie wären wir arbeitsmarktpolitisch ja nahezu tot. Und insofern ist es heute kein Fluch, sondern wir kämpfen als Standort mit all den Problemen, die jede Stadt mit einem multinationalen Konzern ins sich hat, zu kämpfen hat. Es ist nicht immer einfach, aber es ist ein Zeichen der Zeit heute.

Andreas Renner ist Oberbürgermeister in Singen. 45 Jahre alt, ein jung-dynamischer Macher, seit zehn Jahren im Amt. Er hat seine Stadtverwaltung auf Vordermann gebracht: Abläufe optimiert, Genehmigungsverfahren beschleunigt und ein wirtschaftfreundliches Umfeld geschaffen. Alles mit dem Ziel, neue Firmen nach Singen zu locken, die neue Arbeitsplätze schaffen. Renner setzt für die Zukunft auf Dienstleistung und Existenzgründer, für die ein über sechs Millionen Euro teures Gründer- und Technologiezentrum, Sintex genannt, gebaut wurde.

Renner: Wir haben eröffnet in diesem Jahr, und haben uns vorgenommen, im ersten Jahr etwa 60 bis 70 Prozent belegt zu sein. Wir sind jetzt zu 70 Prozent belegt. Das zeigt, dass der Standort gut ist, dass die Verkehrsverhältnisse gut sind, und man von hier aus gut arbeiten kann.

Die Stadt unter dem Hohentwiel versucht sich, für die Zukunft zu wappnen. Dass Singen eine für baden-württembergische Verhältnisse erstaunlich weltoffene Stadt ist, preist der Oberbürgermeister als Vorteil: Menschen aus 105 Nationen leben im schwäbischen Hinterland, einen Katzensprung vom Bodensee und der Schweiz entfernt.

Renner: Es ist nicht immer derjenige, auf den man sich auf den ersten Blick verliebt, der Bessere. Meistens ist eine gute Prüfung und Festsstellung der Lebensumstände, und die sind bei uns sehr gut in Singen, wichtiger. Und deshalb verliebt man sich wahrscheinlich auf den zweiten Blick in diese Stadt, aber dieser zweite Blick wird ein bleibender, eine bleibende Liebe sein.
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