LänderReport
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29.10.2004
Wir werden älter und gleichzeitig weniger
Das Saarland ist das "älteste" Bundesland
Von Tonia Koch

Saarschleife bei Mettlach im Saarland (Bild: AP)
Saarschleife bei Mettlach im Saarland (Bild: AP)
In den vergangen zehn Jahren nahm die Zahl der Saarländer um 23.000 ab. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl einer mittleren Kleinstadt. Und der Trend weist weiterhin in dieses Richtung. Ursache dafür ist die niedrigste Geburtenrate in der Bundesrepublik und das hohe Durchschnittsalter der Bevölkerung.

Am Haus der Wirtschaft wird mit Hochdruck gearbeitet. Der saarländische
Wirtschaftsminister baut sich ein geräumigeres Domizil. Zwar werden gemeinsam mit ihm auch landeseigene Gesellschaften in die neue Adresse einziehen. Schon längst ist jedoch davon die Rede, dass sich Hans-Peter Georgie hier ein Denkmal setzen möchte, doch das ficht ihn nicht an.

Georgie: Das Saarland wird gewinnen mit dem Haus der Wirtschaftsförderung.

Georgie kann es kaum erwarten, endlich umzuziehen. In seinen alten Diensträumen fühlt er sich nicht wohl.

Georgie: Das ist eine Zumutung, manchmal schäme ich mich und deshalb empfange ich Botschafter oder Ansiedlungsinteressenten nicht hier im Hause.

Der Finanzminister mit dem der Wirtschaftsminister bislang unter einem Dach beheimatet war, er wird sich aus Sicht des Kollegen wohl weiter schämen müssen, denn er bleibt drin im alten Bau. Lärm und Dreck wird er auch ertragen müssen, denn die Muschelkalkfassade des aus den 60er Jahren stammenden Gebäudes wird saniert. Dafür dürfen er und seine Beamten sich bald schon ausdehnen. Und genau das, so argumentiert die SPD-Opposition, sei das falsche Signal. Der Neubau des Hauses der Wirtschaft sei daher nichts weiter als ein Sündenfall. Karin Lavall.

Lavall: Aufgrund der demografischen Entwicklung drohen uns gerade im Saarland Bevölkerungsschwund und damit zurückgehende Wirtschaftskraft.. Der Haushalt des Saarlandes wird im kommenden Jahr ein Defizit von 500 Millionen Euro aufweisen. In diese Zeit passt das Vorhaben von Minister Georgie, sich ein neues feudales Regierungsgebäude mit 5000m ² zu bauen überhaupt nicht in die Landschaft, zumal diese Mittel der tatsächlichen Wirtschaftsförderung verloren gehen.

Darüber hinaus - ärgert sich Lavall - erzeuge der Minister Druck auf dem Immobilienmarkt.

Lavall: Der Wirtschaftsminister provoziert massiv neue Leerstände, gerade im gewerblichen Bereich.

Bauen im Bestand, Stadtplaner, Architekten, sie sind sich im Grunde einig, dass dies die einzige Möglichkeit ist, um den Leerständen auf dem gewerblichen wie auf dem privaten Immobiliensektor entgegenzuwirken. Auch der Ministerpräsident des Landes, Peter Müller, hat dies längst erkannt. Das Thema demografischer Wandel mit all seinen Facetten sei deshalb die zentrale Aufgabe der Landespolitik in den kommenden fünf Jahren. Die saarländische Landesregierung werde Konzepte entwerfen, wie dem negativen Trend Einhalt zu gebieten sei. Anfangen will Peter Müller bei der Eigenheimzulage.

Müller: Wer in der Innerortslage bleibt, wer einen Altbau saniert und damit dazu beiträgt, dass im inneren Ort das Leben weiter pulsiert, der soll stärker gefördert werden. Die Sanierung von Altbauten ist ein wichtigeres Thema bei der Eigenheimzulage als die Förderung von Neubauten in Zeiten zurückgehender Bevölkerung.

Der Wirtschaftsminister hätte die Möglichkeit gehabt, ein denkmalgeschütztes Objekt in der Landeshauptstadt zu sanieren. Doch er hat abgewunken: zu aufwändig, zu teuer. Damit hat er sich so verhalten wie private Bauherren, die draußen an den grünen Rändern von Städten und Gemeinden nach den eigenen vier Wänden streben. Im Land setze - so Umweltminister Stefan Mörsdorf - jedoch allmählich ein Bewusstseinswandel ein. Bürgermeister und Ortsvorsteher seien mit der Ausweisung von Neubaugebieten vorsichtiger geworden. Stefan Mörsdorf.

Mörsdorf: Die Landesplanung macht es nicht mehr mit, dass einzelne Gemeinden auf Kosten anderer Gemeinden Einwohner durch großzügige Ausweisung von Neubaugebieten ködern. Ich glaube, das wäre ein ruinöser Wettbewerb, deshalb haben wir das auch strikt unterbunden.

Der für die Landesplanung zuständige Umweltminister hat also einen Riegel vorgeschoben. Und er weiß die besseren Argumente auf seiner Seite. Nirgendwo sonst ist die Eigenheimquote so hoch wie im Saarland und nirgendwo sonst verfügen die Menschen - pro Kopf der Bevölkerung - über mehr Wohnraum. Das alles vor dem Hintergrund zurück gehender Bevölkerungszahlen. Alle diese Daten interessieren gestandene Kommunalpolitiker vor Ort jedoch erst in zweiter Linie. Hier haben die Wünsche der Bürger Priorität. Wie etwa bei Walter Michel, dem langjährigen Ortsvorsteher der Gemeinde Saarhölzbach unweit der luxemburgischen Grenze.

Michel: Wir sind von der Bevölkerungszahl von 1600 bis 1800 hochgeschnellt. Mit dem Neubaugebiet, die Ursache ist das Neubaugebiet. Wir müssen jetzt allerdings weiter erschließen, bzw. abrunden. Wir haben im Augenblick nur noch zwei oder drei Baustellen, die in privater Hand liegen. Die Gemeinde kann nichts mehr anbieten. Deshalb haben wir die Vorarbeiten für ein weiteres Neubaugebiet bereits abgeschlossen. Anfragen von 40-45 Bewerbern habe ich bereits jetzt schon wieder vorliegen.

Michel, der sein Amt inzwischen an einen jüngeren abgegeben hat, waren dennoch Zweifel gekommen, ob bloßes Wachstum von Neubaugebieten auf Dauer die Attraktivität seiner Gemeinde sichern kann. Deshalb hat er eingewilligt, gemeinsam mit dem Umweltministerium einen Dorfentwicklungsplan erstellen zu lassen. Otmar Weber hat ihn zusammen mit einem Planungsbüro ausgearbeitet. Weber leitet beim saarländischen Umweltministerium die Agentur für die Entwicklung des ländlichen Raumes. In regelmäßigen Abständen organisiert er so genannte Dorfgespräche, um das Bewusstsein für die Folgen des demografischen Wandels zu schärfen. Dabei stellt er eine Botschaft ständig vorweg.

Weber: Wir werden älter und gleichzeitig weniger, wobei das Saarland als erstes älter wird. Das Saarland ist das älteste Bundesland.

In den vergangen zehn Jahren nahm die Zahl der Saarländer um 23.000 ab. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl einer mittleren Kleinstadt. Und der Trend weist weiterhin in dieses Richtung. Ursache dafür ist die niedrigste Geburtenrate in der Bundesrepublik und das hohe Durchschnittsalter der Bevölkerung. Und wer sich an diesem Abend in der Dorfkneipe von Saarhölzbach umschaut, der sieht diese statistischen Angaben bestätigt. Es sind überwiegend ältere Menschen der Aufforderung zum Dorfgespräch gefolgt. Trotzdem schütteln viele der älteren Zuhörer den Kopf. Sie sind nicht überzeugt, dass auch ihre Gemeinde von Abwanderung und Kindermangel betroffen sein wird. Woanders ja, da mag das zutreffen, aber hier nicht. In der Gemeinde haben die Menschen den attraktiven luxemburgischen Arbeitsmarkt im Blick. Er bietet Jobs und sichere Lebensperspektiven. Es wird so schlimm nicht kommen, denken viele.

Hier ist die Situation so, im Neubaugebiet, dass in den meisten Häusern drei bis vier Kinder groß werden. Ich glaube, auf dem Dorf, da kommen doch noch mehr Kinder zur Welt als in der Stadt. Wenn man den Statistiken glauben darf und das muss man ja wohl, wird sich die Bevölkerungsentwicklung auf jeden Fall so ergeben, nur will das niemand wahrhaben.

Dabei sind die Fehlentwicklungen leicht erkennbar. Saarhölzbach ist zweigeteilt. Unten im Tal der alte Ortskern und oben auf dem Hügel die sich aneinander reihenden Neubaugebiete. Nur die Infrastruktur ist im Neubaugebiet nicht mitgewachsen. Sie ist - wenn überhaupt noch vorhanden - im alten Ortskern zu finden. Doch hier fehlen die Kunden. Weber zeigt auf den Plan, der alte Ortskern erscheint tief rot. Fast in jedem eingezeichneten Haus steckt ein rotes Fähnchen, was bedeutet: Das Haus steht bereits leer oder es wird nur noch von einer Person bewohnt. Doch Bürgermeister Michels wehrt ab, die Situation sei viel weniger dramatisch, als die roten Farbkleckse suggerierten.

Michel: Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell die älteren Gebäude hier im Dorf wieder aufgekauft werden. Es sind viele junge Leute, die mit der Renovierung eines Altbaues beginnen. Aber nach einer gewissen Zeit wird dann in Neubauten umgestellt.

Genau hier liegt das Problem, die Jungen, sie bleiben nicht im alten Kern. Das Dorfleben lässt sich so nicht wiederbeleben. Da müsste viel mehr getan werden sagen die, die dort geblieben sind. Ganz sicher aber halten sie von einem Neubaugebiet überhaupt nichts.

Leute aus dem Ortskern: Es kommen eh nur Fremde her, die in Saarhölzbach billigen Baugrund suchen, nicht weil Saarhölzbach so schön ist. Das wäre normalerweise Quatsch, denn das bringt uns nicht weiter, wenn der Ortskern ausblutet und oben wird neu gebaut. Das ist der falsche Weg. Man muss die Altbauten lukrativer machen für junge Leute, da müssen Zuschüsse kommen. Die Eigenheimzulage für Neubauten streichen und Altbauten fördern.

Dazu rät auch der Umweltminister des Landes. Denn - so argumentiert Stefan Mörsdorf - zwischen der hohen Eigenheimdichte im Saarland und der niedrigen Geburtenrate besteht ein Zusammenhang.

Mörsdof: Es ist eine Binsenweisheit, dass Neubaugebiete keine Kinder schaffen. Sondern eher dazu beitragen, dass die Kinderzahl zurückgeht, weil das neue Bauen auch erfordert, dass es eben zwei Verdiener in der Familie geben muss, um den Neubau zu bezahlen. Und das führt dann dazu, dass auf das eine oder andere durchaus gewünschte Kind auch noch verzichtet wird.

Kindermangel, Nachwuchssorgen auch die Sportvereine wissen davon zu berichten, wenngleich der Organisationsgrad im Saarland um einiges höher ist als anderswo in der Republik. Um einiges höher als anderswo in der Republik ist jedoch auch der Bedarf, die vorhandenen Sportstätten - ganz gleich ob Hallen oder Plätze - zu erneuern. Eine Folge der unzureichenden Finanzausstattung der saarländischen Kommunen. Sie liegt etwa 15 bis 20 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Wer sich deshalb mit dem Gedanken trägt, die Sportstätte zu renovieren, der kommt an der Sportplanungskommission nicht vorbei. Denn diese ist dank des saarländischen Sportwettengesetztes in der Lage, finanzielle Zuschüsse zu gewähren. Ein Achtel der Erlöse der staatlichen Toto- und Lottogesellschaft fließen in den Sport. Gerd Müllenbach, Staatssekretär im saarländischen Ministerium für Inneres und Sport.

Müllenbach: Diese Geld ist dem Haushaltsgesetzgeber entzogen und hängt einfach nur davon ab, in der Höhe, wie rege die Saarländer beim Tippen und Lottospielen sind. Dieses Sportachtel geht an den Landesportverband, der es wiederum herunterbricht auf seine Vereine und Verbände. Wobei etwa 21 Prozent dieses Sportachtels zur Förderung des Sportstättenbaues zur Verfügung stehen.

Im Moment haben Fußball-Plätze Konjunktur, das ist nicht zu übersehen. Die jungen Kicker freuen sich, wenn ihr alter Hartplatz wenn schon nicht in einen Natur-Rasen - so doch in einen Kunstrasenplatz umgewandelt wird.

Gemäß dem unbewiesenen Motto: Kunstrasen sichert Nachwuchs hat sich auch Grügelborn, ein Ortsteil der Gemeinde Freisen, dazu entschlossen, in einen Kunstrasenplatz zu investieren. Bauherr ist der Sportverein, denn die Gemeinde scheut die Folgekosten. Der Platz und die aufstehenden Gebäude wurden dem Verein daher für 99 Jahre in Erbpacht übertragen. Für Günter Müller, Präsident des saarländischen Fußballverbandes ist dies alles andere als eine Ideallösung.

Müller: Eigentlich müsste ich davor warnen, dass die Vereine solche finanziellen Risiken eingehen. Aber andererseits ist es die einzige Möglichkeit für die Gemeinden, solche Sanierungen seien es Hartplätze oder Rasenplätze durchzuführen. Viele Plätze, die wir haben, sind 20 Jahre alt.

Das mit 330.000 Euro angesetzte Projekt des Sportvereins Grügelborn wird zwar von der Gemeinde und der Sportplanungskommission bezuschusst. Aber gut 100.000 Euro, das ist richtig viel Geld, muss der Verein selbst aufbringen. Wolfgang Alles, Bürgermeister in Freisen.

Alles: Der Verein ist mit ins Boot gegangen, weil er eine Perspektive für die Zukunft haben möchte. Und daran ändert auch die Tatsache nicht, dass die Geburtenraten bei fünf oder sechs Kindern im Jahr liegen.

Den Negativ-Rekord in Grügelborn gab es 1998, da kamen gar keine Kinder zur Welt. Inzwischen sind es durchschnittlich fünf pro Jahr. Trotzdem bleibt die Frage: Wer also soll diesen Platz einmal bespielen? Der Bürgermeister verspricht, dass Spielgemeinschaften in der weit verzweigten Gemeinde Zukunft haben werden. Von Vereinsfusionen hält Wolfgang Alles wenig.

Alles: Das ist ein großes Problem, wenn Sie Vereine zwingen, in andere Dörfer hineinzugehen, das gilt auch für andere Sportvereine, da leidet die dörfliche Struktur und die Dorfgemeinschaft. Ich würde dies als Bürgermeister nie anordnen. Ich würde dies sehr wohl diskutieren wollen. Wir werden auch aufgrund der demografischen Entwicklung zu solchen Diskussionen kommen müssen.

Ganz anders der Bürgermeisterkollege aus dem saarländischen Nalbach. Patrick Lauer hat ebenfalls die Wünsche mehrerer Ortsteile unter einen Hut zu bringen. Auch hier gilt, vier Fußball-Vereine und vier Mal der Ruf nach einer Runderneuerung des Platzes. Doch noch zählt Nalbach zu jener überaus selten gewordenen Gattung von Gemeinden im Land, die über einen ausgeglichenen Haushalt verfügen. Das soll auch so bleiben, deshalb hat Patrick Lauer eine andere Marschrichtung vorgegeben.

Lauer: Ende des Jahres werde ich mit den Sportvereinen verhandeln. Ich habe bereits im Vorfeld signalisiert, dass es in Nalbach keine vier und auch keine zwei Rasenplätze geben wird. Es wird höchstens einen Rasenplatz geben. Aber auch nur dann, wenn im Gegenzug Einsparungen vorgenommen werden können. Das stelle ich mir so vor, dass Fußballvereine fusionieren, so dass wir fixe Koste, die wir mit der Unterhaltung der Sportplatzkabinen und der Plätze haben, einsparen können.

Die Unterstützung des saarländischen Fußballverbandes wird der Nalbacher Bürgermeister nicht bekommen. Vereinsfusionen wären angesichts der Mitgliederentwicklung und einer qualitativ optimalen Betreuung des Nachwuchses zwar das Gebot der Stunde. Doch das Thema ist heikel, damit können sich Verbandsfunktionäre keine Lorbeeren verdienen. Das weiß auch Günter Müller.

Müller: Das kann man nicht von oben bestimmen, das muss von unten wachsen. Ich habe aber die Hoffnung, dass dort, wo im Jugendbereich Spielgemeinschaften gebildet wurden, dass dort auch in Zukunft Fusionen im Bereich der Vereine stattfinden werden.

Bislang ist dies allerdings pures Wunschdenken. Vorerst werden weiterhin dort die Plätze umgebaut, wo die Vereine glauben das finanzielle Risiko schultern zu können und nicht da wo die Kinder sind. Den handelnden Personen ist das Thema Bevölkerungsschwund noch längst nicht ausreichend bewusst.
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