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2.11.2004
Fein gemacht
Ummendorf ist das "Schönste Dorf Europas"
Von Verena Kemna

Seit Monaten sind die Ummendorfer aus dem Häuschen. Viele Plaketten hängen bereits an den Rathauswänden, aber nun hat das Dorf in der Böde auch noch den europaweiten "Wettbewerb im Aufbruch zur Einzigartigkeit" gewonnen. Kein Witz, seit der Wende hat sich die Dorfgemeinschaft Ummendorf mitsamt ihren 1000 Einwohnern nur das Besondere auf die Fahnen geschrieben. Wie es sich damit lebt, das können nur die Ummendorfer selbst erzählen.

Das Motto für den diesjährigen europäischen Dorferneuerungspreis lautete: Aufbruch zur Einzigartigkeit. Eigentlich ist dieses Motto auf Ummendorf genau zugeschnitten.

Samstagabend. Im Dorphuis, im Gemeindesaal, trifft sich einmal im Jahr der Theaterverein. Da sitzen etwa 100 Ummendorfer an langen Tischen und reden durcheinander. Bürgermeister Reinhard Falcke legt vorsichtig seine braune Aktenledertasche mit den Preistafeln auf den Tisch. Während er das tut, erklärt er, was in Ummendorf so besonders ist.

Das Besondere an Ummendorf ist die Zusammenarbeit zwischen den Vereinen, zwischen den Menschen. Einer hat eine Idee und alle machen mit, das ist das Geheimrezept. Alle steh´n dazu und fühlen sich angesprochen und identifizieren sich mit dem Dorf.

Er blickt über die langen Tische. Fast alle hier sind bei der Preisverleihung in Österreich dabei gewesen. Die, die mit waren, sehen müde aus, sie sind gerade erst zurück und noch ganz berauscht vom großen Fest. 32 Dorfgemeinschaften aus elf europäischen Ländern hatten sich um den Preis der Einzigartigkeit beworben und Ummendorf hat gewonnen. Viele können es noch gar nicht glauben, aber Bürgermeister Falcke hat aus Österreich Beweise mitgebracht. Genüsslich zieht er die Trophäen aus der Aktentasche. Auf jedem Stück prangt ein bunter Hahn. Es ist das Logo der Arge, der europäischen Arbeitsgemeinschaft für Landentwicklung und Dorferneuerung.

Für den Sieger gibt es gleich drei Dinge, einmal die Siegerurkunde. Wir haben jetzt dazu ein Emaille Schild, was wir dann an unsere Fassade des Gemeindehauses hängen werden. Dazu gibt es dann noch eine Plastiktafel, die wir im Gemeindebüro anbringen werden. Also für den Sieger eine Dreifachdokumentation.

Hinter den Brillengläsern funkeln flinke Augen. Falcke ist groß und schlank. Sein knubbeliges Gesicht mit den wirren blonden Locken, die tief in die Stirn hängen, ist auf fast allen Veranstaltungen im Dorf zu sehen. Der ehemalige Seemann sieht aus wie einer, der für jeden Streich zu haben ist.

Also es gab ja nur einen im Dorf, der geglaubt hat, dass wir Sieger werden. Das war der Bürgermeister, weil der schon wochenlang räumlich und in Farbe davon geträumt hat und die anderen, die haben gedacht, na ja, jetzt hat er einen totalen Knall.

Im Rahmen der Dorferneuerung hat der kleine Ort im Westen Sachsen-Anhalts, direkt an der niedersächsischen Grenze, zwar schon viele Preise gewonnen. Aber mit diesem Erfolg hätte außer dem Bürgermeister selbst wohl kaum einer gerechnet.

Also die Einzigartigkeiten von Ummendorf sind die Menschen. Die Menschen selbst, wenn es von Einzigartig noch eine Steigerungsform gibt. Also wir haben 28 Vereine bei etwas über 1000 Einwohnern. Wir haben da einen Spruch geprägt, 1000 Einwohner 2000 Vereinsmitglieder, weil viele mehrfach organisiert sind. Also die Vereine stehen für das kulturelle Leben und für den Tourismus.

Jedes Jahr, so erzählt er, besuchen fünfzigtausend Touristen das Tausend-Seelen-Dorf in der Magdeburger Börde. Am Ortsschild von Ummendorf hängt eine Anzeigetafel. Dort werden die nächsten Großveranstaltungen angekündigt. Zum traditionellen Weihnachtsmarkt erwarten die Ummendorfer wieder 10.000 Besucher. Aber Hochsaison ist in den Sommermonaten. Das Oldtimertreffen, der Handwerkermarkt, die Veranstaltungen des Bördemuseums und die Theaterabende im Innenhof der historischen Burganlage sind längst feste Termine im Ummendorfer Jahreskalender. Doch zurück in den Gemeindesaal im Dorphuis.

Ohne Pfarrer Gunther Hirschligau wäre die Arbeit im Theaterverein schwierig. Er ist es, der den Einwohnern die Stücke maßgerecht auf den Leib schneidert. Schließlich sollen immer alle mitmachen, keiner wird ausgeschlossen, das ist einer der Grundsätze im Dorfleben der Ummendorfer. Ein letzter Blick in die Runde, alle sind da. Gunther Hirschligau erhebt sich.

Auf das Dorf Ummendorf und den europäischen Theaterverein !

Feiern und in der Freizeit gemeinsam arbeiten. Das, so sagen die Ummendorfer, hält den Geist im Ort lebendig. Schon einen Tag später beginnen die Proben für Aschenputtel. Vom Dorphuis an der Dorfstraße sind es nur ein paar Minuten zu Fuß zum historischen Ortskern. Vorbei an Fachwerkhäusern, über holpriges Kopfsteinpflaster führt der Weg zwischen schulterhohen Feldsteinmauern hindurch. Der Luthersaal, in dem geprobt wird, liegt zwischen Pfarrhaus und Kirche. Drinnen warten Holger und Annette Ahrendt auf die Darsteller, die Kinder und Jugendlichen aus dem Aschenputtel. Die Ahrendts stehen für die vielen Familien, die Ummendorf in der europäischen Liga zum Sieg verholfen haben. Annette Ahrendt ist vor Jahren aus Magdeburg zugezogen. Mitten hinein in eine oberaktive Ummendorfer Familie.

Sei es mein Mann in der Feuerwehr und im Theaterverein oder mein Schwiegervater, man nennt ihn den Dorfpaparazzi, der das Ganze hier in Ton und Bild festhält, was hier in Ummendorf passiert, der ist gleichzeitig auch noch Küster. Meine Schwiegermutter singt im Kirchenchor, meine Kinder sind beide im Theaterverein und dadurch bin ich auch mit rein gerutscht. Man kann gar nicht anders, man muss mitgehen, das ist doch ganz klar, das ist ein Rhythmus.

Ehemann Holger Ahrendt nickt. Er beschreibt es so: Das Phänomen Ummendorf ist in den Jahren nach der Wende allmählich gewachsen.

Was das Schöne an dieser Sache ist. Es arbeiten viele Menschen, ob jung ob alt an einem bestimmten Ziel.

Annette Ahrendt und ihre Gedanken über die Einzigartigkeit.

Ich denke das Einzigartige ist auch, dass viele Leute sich die Mühe machen, etwas aufzubauen. Man denkt dann schon, warum machst du das eigentlich. Aber man hat immer ein Ziel vor Augen und dieses Ziel hat auch eine gewisse Popularität nach außen, machen wir uns doch nichts vor, für Lob sind wir doch alle empfänglich, sei es nun in der Arbeit oder eben im Verein, wenn dann alles gut läuft. Wir waren die letzte Stunde in eisiger Kälte auf dem Theaterboden und haben die Kostüme zusammengesucht. Meine Finger sind jetzt wie Eisklumpen aber ich weiß, wofür ich das gemacht habe.

Alle Ummendorfer Theaterstücke entstehen in der Schreibwerkstatt des Pfarrers. Es ist ein kleiner Arbeitsraum im Pfarrhaus, direkt neben dem Luthersaal. In einer Ecke lehnt die Gitarre, vor dem Fenster mit Blick in den Kirchgarten steht der Schreibtisch. Die einfachen Holzregale an den Wänden sind voller Bücher. Pfarrer Gunther Hirschligau schreibt auch eigene Romane. Außerdem hat er für die Ummendorfer schon 10 Theaterstücke geschrieben. Der Kirchenmann hat einen Faibel für Historisches. Fasziniert sucht er in jahrhundertealten Ortschroniken nach geheimnisvollen Geschichten, die fast immer hinter den dicken Steinmauern der Ummendorfer Burganlage spielen. Da geht es zum Beispiel um Aberglaube, Hexenverbrennung und grausame Amtmänner, die ihre Bauern traktieren. Hirschligau nennt das: Suche nach den Wurzeln.

Wenn ich also entdecke mit anderen zusammen, in dem Dorf, in dem ich jetzt lebe gibt es besondere geschichtliche Wurzeln, einzigartige Wurzeln. Und wenn die also auch aufbereitet sind, und Menschen sie verinnerlichen, dann wird dadurch ein gewisses Gemeinschaftsgefühl geschaffen und das halte ich schon für sehr wichtig. Nun haben wir durch das Museum in Ummendorf eine sehr aufbereitete Geschichte. Aber es gibt im Grunde kein Dorf, wo es nicht interessante Geschichten aus alter Zeit gibt.

Der Theaterverein ist die älteste Institution im Ummendorfer Vereinsleben. Angefangen hat alles zu Wendezeiten mit dem Bürgerforum. Die Ummendorfer haben schnell erkannt, daß sie die Zukunft ihres Ortes jenseits großer Parteipolitik selbst gestalten wollen.

Also Bürgernähe, dass die Entscheidungen transparent sind, die gefällt werden, dass wir versuchen wollen, die Geschicke unseres Dorfes in eigene Hand zu nehmen. Wir haben uns sehr abgegrenzt gegen SED, PDS, die damals sich zu formieren begannen. Wir haben aber auch gesagt, es sollten im Ummendorfer Bürgerforum nur Leute mitarbeiten, die in keiner anderen Partei engagiert sind. Das ist bis heute so geblieben. Wir wollen gemeinsam in Ummendorf etwas schaffen in den kommunalpolitischen Vereinen.

Die Ziele sind geblieben. Über allem stehen sanfter Tourismus und das ökologisch Vertretbare. So gibt es in Ummendorf bis heute keinen Supermarkt, stattdessen aber den Bäcker an der Ecke. Keinesfalls sollte die dörfliche Struktur zerbrechen. Dazu zählen auch die sprichwörtlichen Ummendorfer Baumpflanzaktionen. Bäume, die gefällt werden, werden ersetzt, auch das organisieren die Ummendorfer selbst. Ihr Engagement ist Keimzelle für alle Aktivitäten.

Bürger, die im Gemeinderat mitarbeiten, in den Vereinen, in den Ausschüssen. Ich denke schon, dass sich viele zunächst durch unser Bürgerforum haben motivieren lassen, um dann selber aktiv zu werden und selber Verantwortung zu übernehmen. Es sind eine ganze Reihe Vereine entstanden und ich würde schon sagen, nicht zuletzt durch die Anstöße, die wir damals gegeben haben.

Museumsdirektor Thomas Ruppel ist einer von denen, die nach der Wende zugezogen sind. Sein Reich ist das Bördemuseum in der historischen Burganlage, direkt gegenüber der Kirche. Auf dem Hof stehen alte Landmaschienen, die nachgebaute Bauernstube und der Kräutergarten gelten als Attraktion. Thomas Ruppel aus Siegburg hat sich schnell dem Ummendorfer Geist ergeben. Sonderausstellungen im Museum etwa zur Geschichte des Gletschermannes Ötzi, "Kräuter im Topf" und Burgschmausabende, sind sein Beitrag, um immer wieder neue Besucher nach Ummendorf zu holen. Thomas Ruppel erinnert sich noch gut an seinen ersten Antrittsbesuch vor 11 Jahren. Schon damals hat er die Ummendorfer freundlich und aufgeschlossen erlebt.

Diese Toleranz und Bereitschaft mitzumachen ist einfach höher als in vielen anderen Orten. Auch das die Leute wissen, wenn wir nicht wollen, müssen wir uns nicht wundern, wenn wir nichts kriegen, sich also drauf zu verlassen, na, die werden das schon machen und wir können sowieso nichts ändern, damit gibt man sich nicht zufrieden.

Im Dorf suchen alle gemeinsam nach Lösungen. Ein Beispiel ist der Heinemannshof. Die Gemeinde hat den Bördetypischen Vierseitenhof neben der Kirche gekauft und saniert.

Man wollte das verkaufen und hat dann nach ein paar Jahren diesen Plan verworfen und stattdessen gesagt, wir nutzen das für die Gemeinde und die vielen Vereine. Die Gartenanlage wird Schulgarten und die vielen Ideen sind dann verwirklicht worden und mit Fördergeldern umgesetzt worden. Das hätte längst nicht jeder gemacht und vor allem nur von Folgekosten gesprochen. Das nenne ich einfach, pfiffige Lösung.

Wegen der Kosten gibt es keine elektrische Heizung. Geheizt wird nur mit Holz und Kohle. Trotzdem ist der Vierseithof aus dem Gemeindeleben nicht mehr wegzudenken. Hier teilen sich Trachtenverein, Geflügelverein, Bürgerforum und Schulverein an verschiedenen Tagen, die niedrigen alten Bauernstuben.

Der Innenhof mit dem schrägen Kopfsteinpflaster ist nicht viel größer als ein Klassenzimmer. Zu allen vier Seiten umschließen Fachwerkgebäude und eine Scheune den Innenhof. Die ganze Anlage wirkt wie ein Freilichtmuseum. Mitten auf dem Hof steht der hölzerne Taubenschlag. In den Ecken unter den Fachwerkbalken hängen Säcke mit Walnüssen. Alles eigene Ernte, erklärt die Schulleiterin Liane Helmicke. Im Heinemannshof sollen die Schüler in den Ferien alte Techniken kennen lernen. Etwa das Kochen über offenem Feuer, Kuchen backen, Nudeln schneiden oder eben Sandsteine klopfen. Klar, dass es auch dafür einen Verein gibt, den Schulverein. An diesem Tag zeigt Steinmetz Bernd Pielermeier, wie aus Sandstein Figuren entstehen.

Ummendorfer Sandstein ist ein sehr schöner Sandstein, der wird ja auch hier seit Jahrhunderten gebrochen und ist schön weich und für die Kinder gut zu verabeiten.

So lernen schon die Grundschüler in Ummendorf das, was Schulleiterin Liane Helmicke, Tradition und Brauchtum nennt. Sie steht in der restaurierten Scheune. In der Mitte unter der Decke hängt eine schwere, aus Ähren geflochtene Erntekrone. Das alles hier, sagt sie, haben die Ummendorfer in vielen Arbeitsstunden selbst wieder hergerichtet. Sie nickt zufrieden: Mitmachen ist in Ummendorf Ehrensache.

Das Besondere an dieser Scheune ist, dass die Bevölkerung das hier auch nutzt zum Feiern, Dorffeste, Familienfeiern. Im Sommer kann man den Hof mit nutzen. Es ist sehr schön, man muss es einfach erlebt haben.

Es gibt fast immer einen Grund zum Feiern.

Die Dorfkirche ist festlich geschmückt. Buchsbaumzweige und silberne Schleifen hängen am Gestühl. Gerhard und Gundula Erben, beide seit Jahren im Trachtenverein, feiern Silberhochzeit und alle sind gekommen. Der Küster und Dorfpaparazzi Reinhard Ahrendt hält die Videokamera im Anschlag. Pfarrer Hirschligau findet persönliche Worte. Bürgermeister Falcke und viele vom Theaterverein sitzen in den ersten Reihen. Der Kirchenchor singt zum ersten Mal auf Platt. Demnächst wollen die Ummendorfer auch dafür einen Verein gründen.

Nach der Kirche ziehen alle zum Feiern in den Heinemannshof. Die Männer vom Trachtenverein tragen wadenlange ockerfarbene Hirschlederhosen, die Frauen bunte Röcke und Mieder aus Wildseide. Es ist eine bördetypische Tracht aus dem letzten Jahrhundert, sagt Gundula Erben und fügt hinzu: alles selbst genäht.

Also ich trage gerne rot und das war damals auch modern. Die Röcke waren überwiegend bunt. Das sind zum Beispiel Blütenmotive, so eine Art Mohn mit grün und rot. Das Oberteil ist aus Dupont Seide, dazu trägt man eigentlich ein besticktes Tuch zu, bestickt ist meins noch nicht, das wird aber nachgeholt.

Moderner Schnickschnack, sie schüttelt entsetzt den Kopf. Auf dem Buffet steht bördetypisches: Stichfleisch, Blut- und Leberwurst, selbstgemachtes Pflaumenkompott. Drinnen in der Scheune, zwischen Pfarrer und Bürgermeister, sitzt Wolfgang Eberhard. Auch er isst mit Genuss und hört zu. Er hört, dass die Ummendorfer weiter an ihrem Gemeindeleben arbeiten wollen. Der Gast weiß jetzt auch, dass der Bürgermeister seit dem Europapreis für Einzigartigkeit mit einer Finanzspritze von etwa 550.000 Euro rechnet. Schließlich trifft sich in zwei Jahren Europa in Ummendorf. Dann wird der nächste Preis ausgelobt. Der Professor aus Wolfenbüttel kennt viele Ummendorfer noch aus der euphorischen Nachwendezeit. Er ist beeindruckt.

Klasse finde ich das, ausgerechnet Ummendorf, aber das kommt nicht von ungefähr, so etwas fällt ja auch nicht vom Himmel.
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