LänderReport
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3.11.2004
Kinder an den Herd
Kochkurse in Hamburg gegen fehlende Alltagskompetenz
Von Sabine Eichhorst

Schlechtes Vorbild: Auch der Kanzler lässt sich Fastfood schmecken (Bild: AP)
Schlechtes Vorbild: Auch der Kanzler lässt sich Fastfood schmecken (Bild: AP)
Ohne Mami, Mikrowelle oder Mensa wissen Jugendliche kaum noch, wie sie zu einer warmen Mahlzeit kommen. Fehlende Alltagskompetenz attestiert ihnen das Bundesfamilienministerium. Beide Eltern arbeiten, abends kommt Tiefkühlkost auf den Tisch oder Fastfood - das ist trostlos, geht aber schnell und macht wenig Arbeit. Die Krankenkassen geben jedes Jahr Millionen aus, um die Folgen dieser Fehlernährung zu kurieren. Die Kultusminister unterdessen denken gar nicht daran, Hauswirtschaftslehre wieder in den Stundenplan aufzunehmen. Eine Hamburger Schule trotzt dem Ernährungsnotstand im Alleingang - und richtete Kochkurse ein ...

Bei den Blätterteigtaschen einen Rand machen. Hättest du eine Idee, Stefanie, wenn du die durchschneidest, wie du da einen Rand kriegst? - Ja, mit Gabeln. - Ja!

Wir machen jetzt Blätterteigtaschen, Tomaten-Zucchini-Crostini mit Ziegenkäse. Aber weil wir ja keinen Ziegenkäse haben, nehmen wir Schafskäse.

Schafskäse, eine Schüssel mit Knoblauchzehen, Zitronen, Kartoffeln, Cherrytomaten. Volkan, Stefanie, Yassin und Sehat bereiten Blätterteigtaschen, die anderen Schüler kümmern sich um Pflaumenkuchen, Pfifferlingstarte und marinierte Champignons.

Wir lesen uns erstmal die Zutaten gründlich durch, damit wir auch richtig checken, was wir machen müssen. Das ist das Allerwichtigste.

Kochunterricht. Wie jeden Mittwoch in der Hamburger Heinrich-Hertz-Gesamtschule.

Drei Zweige Thymian und zwei Zweige Oregano.

Stefanie kämpft mit dem Herd, Sehat kaspert rum, jemand fragt, was Umluft ist und Volkan starrt auf das Bündel Thymian in seiner Hand.

Frau Grünthal? - Ja. - Wir sollen wirklich diese kleinen Blätter abzupfen? - Ja.

Die meisten Jugendlichen können nicht einmal Kartoffeln schälen, heißt es beim Deutschen Hausfrauenbund. Je seltener in den Familien gekocht wird, umso weniger lernen Kinder und Jugendliche über Ernährung.

Ich ess' all das, was meine Mutter macht. Ich bin ja meistens nicht zu Hause, ich hab' ja noch Fußball, und wenn ich abends nach Hause komme, hat meine Mutter entweder was von der Arbeit mitgebracht oder sie hat was gemacht.

Was könnte Sehat selbst zubereiten? Schweigen ...

Ich weiß nix aus dem Kopf, aber ich könnte schon Spaghetti oder so was machen.

Meine Eltern haben ‘n Obst- und Gemüseladen, und dann bin ich immer alleine zu Hause und muss ich mich halt alleine versorgen. Meist Pizza! Aber ich mach auch Salat oder chinesische Nudeln. Die sind verpackt, dann nehme ich erstmal einen Topf, tue Wasser rein, warte bis es kocht, tue die chinesischen Nudeln rein, warte bis sie weich geworden sind, rühre. Dann sind da Soßen, so Pulver, tue ich rein, mit scharf, und dann ist noch so Fett dabei, aber das nehme ich nie, tue ich weg. Dann rühre ich paar Minuten, und wenn es fertig ist, ess' ich das.

Dass die chinesischen Nudeln auch ein Fertiggericht sind, ist Volkan - 13 Jahre, kräftig, Goldkette - gar nicht bewusst. Schließlich kocht er ja ... irgendwie.

Die Lage ist ernst, da sind Experten einig. Petra Fricke, Ernährungsberaterin einer großen Krankenkasse:

Es gibt sehr viele Kinder, die ohne Frühstück in die Schule gehen. Viele Schulen sind dazu übergegangen, dass sie morgens in der ersten oder zweiten Stunde mit den Kindern frühstücken, damit die überhaupt beschulbar sind.

Beide Eltern arbeiten, die Zeit ist knapp, immer seltener isst die Familie gemeinsam, jeder "snackt", wann und wo er Hunger hat. Ein Verlust von Wissen und Esskultur - mit schwer wiegenden Folgen.

Es gibt Jugendliche, die finden Frühstücken uncool. Das führt dazu, dass viele Kinder hochwertige Lebensmittel, die Nährstoffe enthalten, die wichtig sind fürs Wachstum, für die Entwicklung, die Konzentrationsfähigkeit nicht oder nur sehr wenig essen. Sondern sie essen viel zu viel Fettes, Süßes, Fastfood, süße Getränke.

Jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche ist zu dick, sieben bis acht Prozent der Kinder sind adipös, also fettsüchtig, schätzen Wissenschaftler. Übergewicht ist die häufigste ernährungsmitbedingte Gesundheitsstörung von Kindern in Deutschland, heißt es im Berliner Verbraucherministerium, die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer Adipositasepidemie. Auch andere Essstörungen wie Magersucht und Bulimie nehmen zu, unter Mädchen und unter Jungen, sagen Ärzte und Ernährungsexperten.

Es dampft und zischt: Stefanie wendet Hähnchenbruströllchen mit Salbei und Parmaschinken in der Pfanne. Jeden Mittwoch kocht die achte Klasse, vier Stunden und das insgesamt drei Jahre lang, denn sie ist eine Profilklasse. Die anderen Schüler lernen immerhin ein halbes Jahr zwei Stunden pro Woche, wie man ohne Dosenfutter und Tütensuppe durchs Leben kommt.

Angefangen hat Ute Grünthal mit simpelsten Grundlagen: das ist ein Bratenheber, das ist ein Früchtequark.

Da war gar nichts. Wir haben ganz langsam angefangen, mit ganz kleinen Rezepten, haben überlegt: Ballaststoffe, frisches Obst. Auch immer bewerten lassen, ob das schmeckt! Man kann sie ja nur zu gesunder Ernährung bringen, wenn sie entdecken: Mensch, das schmeckt ja richtig gut. Wenn ich in Konkurrenz zu einem Hamburger treten will, muss ich auch was bieten, was ihnen besser schmeckt.

Womit ich noch nicht lande, sagt Grünthal enttäuscht: Fisch. Dass ihre Blitzrezepte - mageres Hähnchenfleisch mit frischem Gemüse aus dem Wok - aber genauso schnell zubereitet sind wie Fertiggerichte, das haben die Jugendlichen gelernt.

Sven wäscht ab, in der Waschmaschine drehen sich die Geschirrtücher und ein Mädchen füllt mariniertes Gemüse in eine Schale.

Sieht doch wirklich, ich finde, professionell aus.

Antipasti - wie im italienischen Restaurant.

Genau das soll es ja auch sein!

Vergangene Woche haben die Schüler ihren Body-Mass-Index ausgerechnet. Einige stellten fest: Wir sind zu dick. Zu dünn. Wir müssen etwas ändern. Das Problem löst sich nicht von allein, sagt die Ernährungsberaterin Petra Fricke: Ist ein Kind dick, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch als Jugendlicher dick. Oder dicker.

Die Kinder werden gehänselt in der Schule, können nicht mehr so gut am Sport teilnehmen. Oft ist das Übergewicht auch Ausdruck schon von seelischen Problemen, die das Kind hat, von einer gewissen Vernachlässigung oder Überbehütung durch die Familie. Viele Familien versprechen sich von einer Kur für ihr übergewichtiges Kind Hilfe und hoffen, das Kind fährt sechs Wochen zur Kur, in eine gute Kurklinik, kommt zurück ist schlank und das Problem ist vom Tisch. So einfach ist es leider nicht. Die Eltern müssen mitarbeiten. Je jünger das Kind ist, umso mehr ist das ein Familienthema. Da müssen alle dazulernen und ihre eigenen Verhaltensweisen überdenken.

Neulich haben die Schüler ein Experiment gemacht, haben eine Teewurst in die Mirkowelle gelegt und zugesehen, wie sie schrumpfte, wie all das Fett heraus floss und sich in einem Behälter sammelte. Sah eklig aus. Und stank wie die Pest. Sven sagt, er schmiert jetzt weniger Wurst aufs Brot.

Fett, Zucker, Weißmehl, Farbstoff - was ist "gesundes Essen"?

Obst! Und Gemüse! Morgens esse ich - wenn ich esse, ich ess' morgens eigentlich nichts - nur Obst, Apfel oder Ananas. Und mittags mache ich mir öfter mal eine Gurke mit Salz und Quark.

Ihre Oma hat immer gesagt, sie solle Vitamine essen, aber damals hat Stefanie das nicht ernst genommen. Es schien ihr nicht wichtig. Bis sie im Kochunterricht die Grundlagen einer gesunden Ernährung kennen gelernt hat. Achtet sie auf andere Inhaltsstoffe?

Ich gucke bei Joghurt und Milch auf Fett, weil - früher hatte ich Essprobleme. Da hab ich gar nichts gegessen. Da war ich magersüchtig. Und jetzt wiege ich auch nur 48 und ich bin 1.67 - und ja.


Sie ist so dünn. Ich esse mehr Pizza. Tiefgekühlt schmeckt's besser! - Nein, es hat auch einen Vorteil: Da bleiben die Vitamine noch enthalten. Bei tiefgekühlten Sachen. Da werden ja die Vitamine eingefroren. Die bekommen einen Schock oder so. Wenn du so was isst, kannst du hundert pro sicher sein, dass die Vitamine noch da sind. Aber frische Sachen wäscht du ja und dann gehen die ganzen Vitamine weg. Wirklich! Frau Grünthal!? Wenn man sie wäscht, gehen doch die Vitamine weg!? - Nein, wenn man das Gemüse lange im Wasser liegen lässt beim Waschen. Wenn man's kurz abspült, dann ist das in Ordnung. - Ich hatte Unrecht.

Irrtum geklärt.

Petra Fricke: Es gibt Zahlen, die in letzter Zeit aufgetaucht sind, von 71 Milliarden Euro, die durch ernährungsabhängige Krankheiten mit verursacht werden, pro Jahr.

71 Milliarden - das entspricht einem Drittel der gesamten Kosten unseres Gesundheitswesens. 861 Euro pro Jahr zahlt jeder Bundesbürger - statistisch - für die Behandlung der Folgen ungesunder Ernährung.

Es gibt noch keine genauen Daten darüber, was es die Krankenkassen kostet, weil Übergewicht in dem Sinne keine Krankheitsdiagnose ist, im Gegensatz zum Herzinfarkt. Untersucht worden ist das für eine der Folgeerkrankungen des Übergewichts, nämlich den Diabetes, und dabei kommt heraus, dass 1998 18,5 Milliarden ausgegeben wurden von den gesetzlichen Krankenkassen - und das ist auch schon eine ganze Menge. Nur für diese eine Folgeerkrankung! Es gibt ja noch andere Folgen, zum Beispiel Karies, Nervosität, Konzentrationsmangel, Bluthochdruck, Essstörungen, erhöhter Cholesterinspiegel, Herz-Kreislauferkrankungen, die ganzen orthopädischen Erkrankungen, durch das starke Übergewicht werden bei Kindern z.B. auch die Knochen verformt, weil die das Gewicht gar nicht mehr halten können.

Ihre Schüler kochen gern und sind inzwischen so gut und erfolgreich, dass Ute Grünthal mit ihnen eine Catering Crew gegründet hat. Heute Vormittag bereitet die Crew das Büfett für eine Lehrerkonferenz vor. Und doch: "Kochunterricht" - schon das Wort klingt staubig, man riecht den Mief der 50er Jahre. Es sind einzelne Schulen, die Kochunterricht anbieten, meist Haupt- und Real- oder Gesamtschulen. Ansonsten geht's im Rahmen der Gesundheitsförderung, die an allen Hamburger Schulen betrieben werden soll, auch mal um Ernährung; aber das heißt nicht, dass Schüler - ganz praktisch - lernen, Kartoffeln zu schälen. Es gibt nicht einmal die nötigen Küchen. Auch bei der Kultusministerkonferenz steht das Thema nicht auf der Agenda. Computerkurse - die sind sexy und zukunftsweisend und wichtig - "Schulen ans Netz" klingt besser als "Kinder an den Herd!"

Bundesgesundheitsministerin Schmidt setzt auf Sport. Verbraucherministerin Künast rief die Kampagne KINDER LEICHT ins Leben; Experten sollen ein Präventionskonzept erarbeiten, Motto: besser essen, mehr bewegen. Fundiertes Wissen über Nahrung, Gesundheit und Ernährung muss zum bildungspolitischen Standardwissen gehören. Denn, auch da herrscht Einigkeit, Übergewicht führt zu sozialer Benachteiligung. Und die führt zu: Übergewicht.

Die Ernährungsberaterin Petra Fricke: Das muss normales Alltagshandeln werden. Das ist leider so, dass Kinder das in ihren Familien oft nicht mehr so lernen, und dann muss man irgendwo anders ansetzen. Kindergarten oder Schule, wo alle Kinder hingehen, sind natürlich gute Ansatzpunkte.


Wir finden Kochen interessanter. - Echt, weil da lernst du was! Computer, was lernst du denn da? Computer - das macht einen nur süchtig.

Die Schüler räumen auf, Yassin fegt und Parvis, der später mal Anwalt werden will, heftet Rezepte in seine Mappe.

Ich habe viele Sachen dazugelernt.

Ich hab Freundinnen in dem Jahrgang, und denen erzähl ich das manchmal. Und die essen schon gesünder jetzt. - Ich hab das meiner Freundin auch erzählt, und die ist auch ein bisschen pummelig, und die interessiert das gar nicht. Die geht trotzdem noch zu McDonalds. Kann man nichts machen.

Grünthal: Ein Vater erzählte mir letztens nach dem Elternabend: Mein Sohn darf Mittwochs nie fehlen, sonst wissen wir nämlich nicht, was es am Wochenende zu essen gibt. Er bringt immer die Rezepte vom Mittwoch mit, dann kaufen die Eltern gemeinsam ein, und dann kochen die das gemeinsam nach - das findet die Familie so toll.

Nach vier Stunden Kochunterricht ist das Büfett fertig: Pfifferlingstarte, Blätterteigtaschen, Pflaumenkuchen, marinierte Champignons - dampfend, duftend, hübsch angerichtet.
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