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4.11.2004
"Wir sind ein Volk!"
Auf der Suche nach der Herkunft eines deutschen Rufes

Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (Bild: AP Archiv)
Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (Bild: AP Archiv)
"Wir sind ein Volk" - dies war der Ruf im Herbst 89. Er war eine Zäsur und leitete die Wende in der Wende ein: von der Reform in der DDR hin zum Beitritt zur Bundesrepublik. "Wir sind ein Volk" - auf den Leipziger Montagsdemonstrationen am 09. November wurde er zum Massenruf, von dort breitete er sich offensichtlich in der DDR aus.

In Museen gibt es Plakate mit der Aufschrift "Wir sind ein Volk". Sie wurden in Leipzig gezeigt und sind mit November 1989 datiert. Genauer ist die Datierung nicht, der Name des Trägers war bis dato nicht zu erfahren. Es bleiben Fragen: Wo kommt der Ruf her? Wo und wann war er zuerst zu hören? Wer erhob ihn? Und was war ursprünglich damit gemeint? Kurzum: Die Masse übernahm den Ruf, wer aber war der erste Rufer?!!

"Statt "Wir sind das Volk" skandierten sie nun "Wir sind ein Volk".

"Millionen aus Ost und West haben den Schlachtruf skandiert, der aus der Tiefe der Herzen kam: Wir sind ein Volk."

Längst waren die Rufe auf den Straßen von "Wir sind das Volk" in "Wir sind ein Volk" übergegangen."

"Wir sind ein Volk" - eine kleine Auswahl unzähliger Artikel und Veröffentlichungen zum Herbst 89. In den Tonarchiven ist der Ruf so dokumentiert:
Einspiel: Wir sind ein Volk
"Wir sind ein Volk! Wir sind ein Volk!"

Kein Zweifel auch an Ort und Zeitpunkt des Rufes.

Lothar de Maizière in einer Rede zum 10. Jahrestag der Deutschen Einheit. Zitat:
Hier von Dresden aus ist im Dezember 1989 von dem Platz, vor der nun wieder entstehenden Frauenkirche durch den Beifall der Dresdner zur Rede von Helmut Kohl, ist das entscheidende Signal für einen radikalen Wechsel in den politischen Zielen gegeben worden. Aus dem Ruf "Wir sind das Volk" wurde der Ruf "Wir sind ein Volk."

Guido Knopp, Historiker: Dieser 9. Oktober von Leipzig war der Tag der Entscheidung. Von Einheit aber war noch nicht die Rede, denn zum aller ersten Mal erklang der Ruf: "Wir sind ein Volk" am 20. November ebenfalls in Leipzig.

Die Abgeordnete Angelika Pfeiffer, CDU, im Bonner Bundestag: Seit September 1989 sprach ich zu den Demonstranten in Leipzig: Wir sind ein Volk.

"Wir sind ein Volk" - der Ruf, mit dem die DDR-Bürger ihren Willen zu Einheit manifestierten? Der Satz, der sich über die Grenzen Deutschlands hinweg in das Gedächtnis der Menschen eingebrannt hat. Von "Wir sind das Volk" - wie es der Volkspolizei am 2. Oktober 89' in Leipzig von den Demonstranten entgegenschallte - zu "Wir sind ein Volk" - dem Ruf nach Einheit. Die Wende in der Wende: Eingeleitet durch den Austausch dreier Buchstaben: Aus "das" wird "ein". Viel zitiert, gelesen und gehört - aber: historisch abgesichert? Wie war das nun damals im Herbst 89 wirklich? Die Spurensuche verläuft nicht ganz so einfach und klar.

Das Archiv Bürgerbewegung in Leipzig, Monika Keller: Also wir haben in unseren gesamten Archivbeständen recherchiert und konnten auch kein Transparent zuordnen, was datiert ist aus der Zeit Oktober November 1989. Auch nicht als Sprechchor, auch nicht auf Mitschnitten von Montagsdemonstrationen oder Fernsehaufzeichnungen - es ist nicht zu finden gewesen.

Ähnlich die Antwort im Städtischen Museum in Leipzig. Nächste Nachfrage beim Zeithistorischen Forum. Prof. Bernd Lindner, Autor zahlreicher Bücher über den Herbst 1989, bei jeder Demonstration in Leipzig dabei:

Lindner: Diese Losung "Wir sind ein Volk" - dafür gibt es meiner Kenntnis nach in Leipzig keinen Beleg, dass das gerufen wurde. Ich habs nie rufen gehört.

Alles nur Einbildung? Verklärung der Erinnerung? Reiner Tetzner, Autor des Buches "Leipziger Ring / Aufzeichnungen eines Montagsdemonstranten", vermerkt unter dem Datum des 23. Oktober 89:

Dann stimmt er in den Ruf "Wir sind ein Volk" ein und singt mit uns "Stasi in die Volkswirtschaft".

Eine Quelle, auf die sich auch die Birthler-Behörde beruft. Aber jetzt, nach einem erneuten Blick in seine Original-Aufzeichnungen, muss Tetzner widerrufen:

Tetzner: Bei genauerer Betrachtung und Vergleich muss ich sagen, an diesem Tag, am 23. Oktober, das kann nicht gewesen sein, das muss ein Druckfehler sein.

"Wir sind ein Volk!". Die Ausbeute der Birthler-Behörde fällt nach einem Monat Dringlichkeitsrecherche in der Zentrale sowie in den Außenstellen überraschend mager aus. Dabei gehen Schätzungen davon aus, dass sich bei den großen Demonstrationen allein in Leipzig an die 3000 Stasihelfer unters Volk gemischt haben. Fleißig notierten sie die Texte der Losungen oder gaben sie in ein Diktiergerät. Sollte ausgerechnet der Ruf, der das Ende der DDR bedeutete, nicht erfasst sein?


Leipzig, 9. Oktober. Für diesen Tag rechnen die Organisatoren der Montagsdemonstration mit dem Schlimmsten. Sie fürchten heftige Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht. Ein Aufruf gegen Gewalt wird vorbereitet. Er richtet sich an beide Seiten: Demonstranten und Sicherheitskräfte. Der entscheidende Satz steht gesperrt geschrieben.

Wir sind ein Volk!

Gewalt unter uns hinterlässt ewig blutende Wunden.

Unterzeichner des Flugblattes: Arbeitskreis Gerechtigkeit, Arbeitsgruppe Menschenrechte und Arbeitsgruppe Umweltschutz.

Thomas Rudolph, Sprecher des Arbeitskreises Gerechtigkeit, formuliert den Text. Vier Tage vorher, am Abend des 5. Oktober, legt er den Vertretern der Gruppen den Entwurf vor: "Wir sind ein Volk".

Thomas Rudolph: Das ist ein Satz, der sich ganz normal ergab, weil ich deutlich machen wollte, dass diejenigen, die zwangsweise gerade beim Militär waren, jetzt in der Gefahr standen, gegen die Bevölkerung vorzugehen, letztlich auch auf der Seite der Demonstranten standen. Das wollte ich mit diesem Satz zum Ausdruck bringen.

Und der Satz ist nicht unumstritten. Oliver Kloss, erinnert sich an die Sitzung:

Oliver Kloss: Es gab das Problem: kann man da reinschreiben "Wir sind ein Volk!" und sich derartig gemein machen mit den Sicherheitsorganen?

Für einige Mitglieder der Gruppen ist der Satz nur tragbar, weil man ihn eben auch anders lesen kann. So auch für Rainer Müller

Rainer Müller: Deswegen hatten wir gesagt: Gut, wir können den Satz so stehen lassen - "Wir sind ein Volk!" und er wird in der einen Seite verstanden, von vielen, die auch auf der Straße sind. Zum anderen kann man ihn aber auch so schreiben, dass er sich nicht nur auf die Bevölkerung der DDR bezog.

Sondern auch auf die der Bundesrepublik. Zwar steht der Ruf nach Einheit nicht im Vordergrund dieses Appells, aber man kann ihn herauslesen. Die Doppelbedeutung ist gewünscht. Manches Mitglied der Oppositionsgruppen wünscht sich noch mehr. Oliver Kloss.

Oliver Kloss: Da haben einige vertreten: Nun gut, wir können mit dem Satz leben, denn er möge ein Stichwort geben für später. Im Nachhinein muss man nun einfach feststellen, dass es so gar nicht funktioniert hat. Es ist nicht zum Stichwort geworden, was jemals gerufen wurde. Also weder aus Dresden, noch aus Leipzig sind mir solche Rufe bekannt.

Im Büro der Lukasgemeinde wird das ganze Wochenende auf eingeschleusten Maschinen aus dem Westen gedruckt. 20.000 Flugblätter werden am 9. Oktober verteilt. Der Appell wird in der Nikolaikirche verlesen und der Deutschen Presse Agentur zugeleitet.

Die Recherche führt nach Jena. Dort soll er das erste Mal öffentlich gerufen worden sein. Genau eine Woche nach der entscheidenden Demonstration in Leipzig, am 16. Oktober, gehen die Bürger in Jena zum ersten Mal auf die Straße. Joachim Kramer, heute katholischer Pfarrer in Suhl, ist dabei. Eine Woche später, so berichtet Kramer, tauchen vereinzelt Deutschland-Fahnen auf. Wo kamen die her, fragt sich Kramer?

Joachim Kramer: Ich habe in Jena am 23. Oktober beobachtet, dass Menschen in der Demonstration mit Fahnen über den Ring gezogen sind, in denen das Emblem nicht mehr vorhanden war. Und ich habe dort selbst Rufe gehört - nicht "Wir sind das Volk!", "Wir bleiben hier!", sondern "Wir sind ein Volk!". Ich habe damals mit Gesprächspartnern den Kopf geschüttelt und habe gefragt: Wissen die, was die eigentlich hier sagen? Für mich war klar: Der Zaun war noch da. Woher also diese Gedanken kamen, war für mich unerklärlich. Und deshalb hat es sich auch so stark bei mir eingeprägt. (...) Gruppierungen innerhalb des Demonstrationszuges.


11. November 1989. Zwei Tage nach dem Mauerfall. Tausende von DDR-Bürgern strömen über die Grenze. Die "Bild"-Zeitung schreibt:

"Wir sind das Volk" rufen sie heute - "Wir sind ein Volk" rufen sie morgen!

Am Tag zuvor sitzen "Bild"-Chefredakteur Hans-Hermann Tietje und Herbert Kremp, Chefkorrespondent der "Welt" in Brüssel, in Hamburg zusammen. Sie besprechen, wie auf die Maueröffnung zu reagieren sei. Herbert Kremp, Autor des "Bild"-Kommentars:

Herbert Kremp: Als bei den Montagsdemonstrationen der Ruf erklang "Wir sind das Volk!", war es für mich - bei meinen Auffassungen - selbstverständlich, dass ich sagte, das muss eigentlich heißen "Wir sind ein Volk."

Für ihn ist auch klar:

Kremp: Die Wiedervereinigung wird kommen, das war damals, also am 11.11, also genau in dieser Novemberzeit, eigentlich noch gar nicht so ein Tenor der offiziellen Politik.

Sofort nach dem Mauerfall notiert Peter Radunski, Chef der Öffentlichkeitsarbeit der Bundes-CDU, in seiner Kladde: Thema Wiedervereinigung jetzt besetzen!

Radunski: Wir haben festgestellt, das war auch stark diskutiert worden im Bundesvorstand und Präsidium, dass eigentlich die Selbstbestimmung nicht das sein kann, womit das Volk zufrieden gestellt werden kann.

Es gibt auch Zögerer in der CDU. Aber von den entscheidenden Köpfen, weiß Radunski, gibt es Rückendeckung.

Radunski: Dies hat es vorher auch in der Diskussion schon bei einigen Politikern gegeben, die eigentlich mehr dem Rechts-Mitte-Flügel angehören, zum Beispiel Alfred Dregger.

Dregger, Fraktionsvorsitzender der CDU im Bonner Bundestag, macht schon am 8. November, einen Tag vor der Maueröffnung, im Bundestag unmissverständlich klar:

Alfred Dregger: Es gibt weder eine westdeutsche noch eine ostdeutsche, weder eine sozialistische noch eine kapitalistische Nation. Es gibt nur eine - und ich füge hinzu - unteilbare deutsche Nation. (Beifall)

Hinter den Kulissen stemmt die Bundes-CDU in der Woche vom 11. bis 17. November einen Aktionsplan. Es gilt, die Meinungsführerschaft zu übernehmen:

Radunski: Eine Sitzung war am 16. abends im Adenauerhaus, eine so genannte Kommunikationsrunde. Und bei dieser Kommunikationsrunde, das kann ich aus meinen Notizen deutlich sehen, ist gesagt worden: Kinder, wir machen ein Plakat "Wir sind ein Volk". Das heißt, in Weiterentwicklung des Slogans, der in der damaligen DDR skandiert wurde: "Wir sind das Volk".

Die Geburtsstunde des eigentlichen Slogans, der Kampagne "Wir sind ein Volk!". Die "Bild"-Zeitung weiß um ihre Durchschlagkraft. Herbert Kremp, Autor des "Bild"-Kommentars:

Kremp: Wir hatten natürlich eine Multiplikationskraft, die war enorm, die lag natürlich weit über irgendeiner Plakataktion. Das ist ganz klar, also was in der Bildzeitung damals stand, also in größerer Aufmachung, das wurde also mit Sicherheit allgemein registriert. Auf die Formel möchte ich es mal bringen.

Die Öffentlichkeitsarbeit der CDU verfährt im November 1989 ebenfalls nach dieser Formel.

Radunski: Wissen Sie, ´ne gute Politik ist ja dann ein Dialog. Das eine hört man aus dem Volk, das andere gibt man ins Volk.

Am 13. November, auf der ersten Montagsdemonstration nach dem Mauerfall in Leipzig, beobachtet Matthias Karkuschke, Lehrling in der Berufsschule der Deutschen Reichsbahn:

Karkuschke: An dem besagten 13.11. waren auch schon Stände von Westparteien, die halt ihre Plakate oder sonstiges Informationsmaterial feilboten, dabei.

Also ich hab beobachtet, dass halt diese Sprechchöre nicht zentral gesteuert waren, sondern das sehr spontan von kleinen Gruppen ausging. Das war niemals so, dass das 100.000 gerufen haben. Die Stimmung am 13.11 war halt schon so, dass die Wiedervereinigung dort ´ne Rolle spielte und das da Leute einfach auch dabei waren, die genau in diese Richtung Dinge initiierten. Und wo dann auch gesagt wurde "Wir sind ein Volk!" oder "Wir sind das Volk!". Und diese Sprüche wechselten sich halt schon ab. Das ist in meiner Erinnerung so präsent, ich kanns halt definitiv auf den 13.11 sagen, weil die Stimmung ne komplett andere war.

Die Meinungen auf den Montagsdemonstrationen beginnen sich zu spalten. Die CDU schwört ihre Landesverbände auf die neue "Aktion zur Deutschlandpolitik" ein.

Radunski: Wir haben das nicht zentral gemacht, aber wir haben sehr frühzeitig gewissermaßen die Aufgaben aufgeteilt: ihr Hessen, ihr kümmert euch um Thüringen beispielsweise, ihr Württemberger um Sachsen. Wir haben sie alle gebeten, helft. Und dabei sind sicher auch Junge-Unions-Leute nach den einzelnen Teilen der DDR gekommen und haben sicher da auch die Wandzeitung oder das Plakat "Wir sind ein Volk" hochgehalten.


Aus einem schriftlichen Vermerk der CDU-Bundesgeschäftsstelle geht hervor:

Versand an die Kreisverbände:
Plakate "Wir sind ein Volk" - Erste Auflage 12.800 Stück.
Aufkleber "Wir sind ein Volk" - Erste Auflage: 100.000 Exemplare. Zweite Auflage: 300.000 Exemplare.


Von den Aufklebern gibt es verschiedene Varianten. In einer frühen bekennt sich die CDU noch nicht zu ihrer Autorenschaft. Erst später ist im Kleingedruckten die Bundesgeschäftsstelle zu lesen. Die Aufkleber sind trapezförmig in Andeutung an eine wehende Fahne. Auf schwarz-rot-goldenem Untergrund steht in Schreibschrift, blau: "Wir sind ein Volk". In welche Stimmung fällt der Aufkleber bei den DDR-Bürgern? Der Leipziger Rudolf Kompf ist am 18. November mit seiner Familie zum ersten Mal in Westberlin. Am Abend schlendert er über den Ku-Damm.

Kompf: Plötzlich hatten wir Kontakt mit jemandem, der dort Zettel verteilte. Wir haben uns also dann so einen Zettel genommen. Und es stellte sich heraus, dass das ein Autoaufkleber war. Und auf dem stand der Text, der uns dann so schwer berührt hat: "Wir sind ein Volk". Und das war ein Schlag für uns, das kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Wir haben ja nie, auch nicht zu dem Zeitpunkt - das ganze war ja gerade mal eine Woche offen -, geglaubt, dass die DDR jemals zu Grunde gehen könnte. Und jetzt auf ein Mal dieser Text "Wir sind ein Volk". Und der Blitz war da - vielleicht ist das möglich.

Zwei Tage später, am 20 November, bei der Montagsdemonstration in Leipzig. Michael Peter ist wie jeden Montag wieder dabei:

Michael Peter: Wir kamen aus der Grimmaischen Straße und da sind wir ganz langsam über die Straße rüber. Und es wurde gerufen ... also "Keine Gewalt" auf jeden Fall und "Wir sind das Volk". Und plötzlich hörte ich "Wir sind ein Volk". Ich dachte zuerst, ich hab mich verhört. Aber es kam ja wieder: "Wir sind ein Volk. Und wir guckten uns an, waren erstaunt und erfreut, dass es eben aus der Masse kam und haben dann mitgerufen, auch in dem gleichen Rhythmus. Also "Wir sind das Volk", " Wir sind ein Volk" - da war auch der Rhythmus drin. Und das war, also das war ein sehr, sehr erhebendes Gefühl.

Das nicht alle teilen. Die meisten der Befragten hören den Ruf nicht. Aber Pfarrer Günther Heipp. Er ist an diesem Tag zu Besuch bei Freunden in Leipzig.

Heipp: Für uns war es ganz klar, dass der Anfang dieser Slogan-Rufe nicht von DDR-Leuten gekommen ist, sondern es waren Leute aus dem Westen. Von solchen Teilnehmern waren auch Plakate und Fahnen und alles mögliche mitgebracht worden.

Klaus Landowski, damals Generalsekretär der Berliner CDU, erinnert sich:

Landowski: Der Satz hat die Leute erreicht. Und Journalisten haben das vernünftigerweise auch so geschrieben, kampagnenfähig den Satz haben wir gemacht.

"Wir sind ein Volk" wird zum Motto der "Allianz für Deutschland" im letzten Volkskammerwahlkampf. Von Mitte Januar 1990 an wird er in der DDR flächendeckend plakatiert. Am 18. März gewinnt die "Allianz für Deutschland", der Ost-Verbündete der CDU, die Wahlen. Rainer Müller, Mitunterzeichner des Appells vom 9. Oktober, dazu:

Rainer Müller: Auf den Wahlplakaten warb die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Lothar de Maizère mit dem Spruch. Und es war so dargestellt, dass es ein Ausspruch wäre, den Lothar de Maizère getätigt hätte. Und er war wohl auch als Zitat gekennzeichnet. Deswegen dachten wir: Das können wir so nicht stehen lassen, da müssen mal öffentlich auftreten dafür, dass es nicht die Sache der CDU war, dieses Zitat in die Welt zu setzen und diesen Spruch "Wir sind ein Volk", sondern das wir damals am 9. Oktober auf unserem Flugblatt sagen "Wir sind ein Volk!"


"Wir sind ein Volk." In der Sammlung des Deutschen Historischen Museum in Berlin findet sich ein Schmuckstück von Transparent. In Form der heutigen Landesgrenzen, auf schwarz-rot-goldenem Hintergrund, steht der Slogan in weißer Schrift. Berlin ist besonders hervorgehoben. Datiert ist das Transparent auf "Herbst 89". Aber wann und wo tauchte es auf? Die Mitarbeiter des Deutschen Historischen Museums teilten mit, sie würden es auch gerne genauer wissen.

Der 9. November kann es nicht sein. Auch wenn es im zweiten Band der von Etienne Francois und Hagen Schulze herausgegebenen aufwendigen Reihe "Deutsche Erinnerungsorte" so vermerkt ist. Der Leipziger Historiker Hartmut Zwahr ist verärgert über das, was er nach dem Druck des Buches entdecken muss:

Zwahr: Dort habe ich einen Beitrag drin "Wir sind das Volk", hatte Bildvorschläge gemacht und dann erscheint auf Seite 261 eine Abbildung "Wir sind ein Volk", so ein Transparent, das ein Demonstrant hochzeigt, und die Bildunterschrift lautet: "Demonstration in Berlin am 9. November 1989". Also am 9. November hat keine Demonstration in Berlin stattgefunden. Und schon gar nicht unter einem solchen Slogan. Diese Abbildungsbeigabe ist falsch.

Eine weitere Abbildung des Transparents mit der Aufschrift "Wir sind eine Volk" findet sich in dem 1989 beim Forum Verlag erschienen Buch "Jetzt oder nie. Demokratie." Der Leipziger Fotograf Matthias Hoch nimmt es am 13. November 89 auf - nach der Montagsdemonstration:

Matthias Hoch: Und da habe ich dieses Plakat "Wir sind ein Volk" abgestellt am Neuen Rathaus gesehen, ich hab's aber während der Demonstration nicht bewusst wahrgenommen.

Zwar nicht zu sehen, aber zu hören ist der Satz in der langen ARD-Dokumentation, die die Ereignisse vom Herbst 89 Revue passieren lässt. Eine Ko-Produktion des Mittedeutschen und des Bayerischen Rundfunks mit dem Titel "Im Sog der Einheit". Erstausstrahlung 1994. Wiederum Leipzig, hier am 18. Dezember. Eine kurze Sequenz von etwa 10 Sekunden zeigt die Masse der Demonstranten. Dann eine kleine Gruppe, die eine DDR-Fahne zerreißt. Der Ruf ist zu hören. Doch Ton und Bild sind nicht synchron. Wo sind die Rufer? Wer sind die Rufer?

"Wir sind ein Volk"
"Wir sind ein Volk! Wir sind ein Volk!"


Die Frage stellt sich auch bei diesem O-Ton. Viele Medien bedienen sich des Tondokuments. Ein zweites war auch nach intensiver Recherche nicht aufzufinden. Der verwendete Ruf stammt aus dem Archiv des Deutschlandfunks. Ort und Datum des historischen O-Tonschnipsels konnten nicht mehr rekonstruiert werden. Als eine mögliche Quelle wird ein Fußballspiel des FC Bayern in Nürnberg im Herbst 89 genannt.
"Wir sind ein Volk" - hier und da wurde er gerufen. Als Massenruf aber ist er von Anfang Oktober bis in den Dezember 89 hinein in der DDR nicht zu hören. Ganz im Gegensatz zu "Deutschland, einig Vaterland", der Zeile aus dem Becher-Text der DDR-Nationalhymne. Über zwei Jahrzehnte ist es eine Hymne ohne Text. Ab dem 13. November wird "Deutschland, einig Vaterland" immer lauter skandiert. Ist "Wir sind ein Volk" nicht griffiger? Prof. Bernd Lindner, Zeithistorisches Forum Leipzig:

Lindner: Wenn er griffiger gewesen wäre für die Leute hier, dann hätten sie ihn auch gerufen. Das sie ihn nicht gerufen haben zeigt ja, dass es nicht ihre Losung gewesen wäre.

"Wir sind ein Volk!" - die Formel, in der alles zusammenrinnt. Der Spruch der Medien und Politiker. Hartmut Zwahr:

Zwahr: Wie Dinge sich ausbreiten, wie Gerüchte sich ausbreiten, wie ein Slogan sich ausbreitet, wie eine solche Sache ... im Grunde, dass sie so passförmig ist, dass sie so hineinpasst in dieses große Ereignis, das den Status quo in Europa stürzt.

"Bild am Sonntag", vom 3.10.2004, zum Tag der Deutschen Einheit: Vor 15 Jahren fiel die Mauer zwischen Ost und West. In Berlin schlossen sich Menschen aus beiden Hälften der Stadt unter dem Brandenburger Tor in die Arme. Unter den Augen der ganzen Welt jubelten sie immer wieder den einen Satz: "Wir sind ein Volk."
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