LänderReport
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8.11.2004
Das Objekt der Begierde
Von der Ersteigerung eines Immobilien-Traumes
Von Verena Kemna

Insgesamt 103 Immobilien aus Sachsen-Anhalt stehen auf der Auktionsliste der Deutschen Grundstücksauktionen AG. Darunter das 1736 im Neorenaissancestil gebaute Schloss Hohenthurm im Saalkreis, zwei Villen aus Magdeburg, ein kompletter Reiterhof in der Region Salzwedel und acht Forstflächen aus dem Burgenlandkreis. Wer bekommt den Zuschlag und was macht er dann damit?

Es ist ein sonniger Septembertag. Die Blätter der Laubbäume im Berliner Volkspark leuchten gelb und rot. Doch die Sportstudentin Lisette Kramer aus Magdeburg hat an diesem Dienstag für so etwas keinen Blick. Zwar liebt sie alte Bäume, ist gerne draußen in der Natur, aber in ihrem Kopf routiert nur ein einziger Gedanke. Vielleicht klappt es ja diesmal, bei der dritten Auktion. Vielleicht wird ja der langgehegte Wunsch vom eigenen alten Haus endlich wahr.

Im Auktionssaal im historischen Rathaus Berlin Schöneberg geht es nüchtern zu. Längst nicht alle Plätze in dem riesigen Saal sind besetzt, niemand unterhält sich. Wie im Theater richten alle den Blick auf die Bühne. Da sitzen in langer Reihe die Hostessen von Deutschlands größtem Grundstücksauktionshaus neben schwarzen Telefonen. Auch per Telefon kann gesteigert werden. Abwechselnd treten die jungen Damen in ihren dunklen Hosenanzügen und hellen Blusen hinter das Stehpult in der Mitte der Bühne. In gleichbleibendem Tonfall leiern sie die Eckdaten der Immobilien und Grundstücke in das Saalmikrofon. Ort und Lage, Größe und Zustand, steht das Haus unter Denkmalschutz, ja oder nein. Es sind Fakten, so wie sie im Auktionskatalog geschrieben stehen. Die ganze Prozedur gilt als eine eher langweilige, aber juristisch notwendige Aufklärung. Für die Bieter im Saal uninteressant. Wer dort unten sitzt, weiß längst, bei welchem Objekt die Hand nach oben schnellt. Meistens dauert es nur wenige Minuten, dann fällt der Hammer.

Stunden sind vergangen, mehr als 20 Wohnhäuser, Grundstücke, Villen, Plattenbauten, Garagen sind versteigert. Längst haben sich auch die Ohren derer, die zum ersten Mal dabei sind, an den Hammerschlag gewöhnt. Die Spannung im Saal lässt nach. Lisette Kramer hält den Auktionskatalog aufgeschlagen vor sich auf den Knien. Ihr Traumhaus sieht in dem farbigen Heft winzig aus. Das Bild zur Katalognummer 325 ist nur ein kleines Passfoto. Das Mindestgebot steht bei 10.000 Euro. Viel mehr soll Lisette Kramer auch nicht bieten, so ist es mit den Eltern abgesprochen. Dann endlich der Aufruf.

Wir kommen zur Katalogposition 325. Leerstehendes Wohnhaus in Magdeburg, Alt Benneckenbeck 17 b. Zum Aufruf kommt auch ein noch zu vermessendes Flurstück mit einer Fläche von 2400 Quadratmeter. Die Teilung und Vermessung des Grundstücks wird vom Verkäufer beauftragt und bezahlt. Eingeschossiges Bauernhaus als Teil eines ehemaligen Gutshauses. Baujahr vor 1900, Grundstücksgröße circa 2400 Quadratmeter.

Die Auktionschefin übernimmt den Platz am Stehpult.

Das Mindestgebot für dieses Objekt in Magdeburg beträgt 10.000 Euro. Mögliche Steigerungsraten lege ich hier fest auf 500 Euro. Meine Frage an sie, gibt es ein Gebot zum Mindestgebot von 10.000 Euro, gibt es ein Gebot ?

Sie hält den kleinen Holzammer in die Luft. Ein fragender Blick vom Pult herab ins Publikum. Lisette Kramer sieht sich vorsichtig um und hebt noch etwas zögernd den Arm.

10.000 Euro zum ersten, die sind dort geboten, gibt es ein höheres Gebot, 10.000 Euro zum ersten. Gibt es ein höheres Gebot, 10.000 Euro sind dort geboten, 10.000 Euro zum zweiten. 10.000 Euro sind hier links geboten, gibt es ein höheres Gebot, 10.000 Euro zum dritten.

Nur wenige Augenblicke, schon ist fast alles vorbei. Vor dem Auktionssaal, im ersten Stock des Schöneberger Rathauses, stehen altmodische Polstersessel. So gediegen wie die Einrichtung ist auch die Atmosphäre. Da gibt es keine dramatischen Szenen, Tränen der Trauer oder Freude, Jubelschreie oder gar knallende Sektkorken. Lisette Kramer, die schlanke Sportstudentin mit den schulterlangen glatten braunen Haaren sitzt allein und etwas verloren in einem Polstersessel. Zuerst telefoniert sie mit den Eltern in Magdeburg und erzählt, dass es nun endlich geklappt hat. Denn der Traum vom alten Haus ist keine spontane Idee. Es ist ein seit langem geplantes Familienprojekt.

0Meistens hat es nicht geklappt, weil die Gebote schnell hoch gingen und es dann über unsere finanziellen Möglichkeiten ging. Klar haben wir uns dann geärgert und fanden es traurig, dass wir da nicht mit rein gekommen sind. Aber es gibt ja viele verschiedene schöne Häuser und da haben wir bisher immer gedacht, wir finden noch irgend etwas Schönes, das unseren Wünschen entspricht und heute war es halt soweit, dass wir Glück hatten. Dass es mit dem Preis hingehauen hat, dass keine Leute da waren, die mitgeboten haben und das Haus ist sehr schön.

Während Lisette auf den Notar wartet, erzählt sie. Und es klingt, als wollte sie ihr Haus in Schutz nehmen. Innen, sagt sie, hat es Charme aber im Katalog sieht es aus wie ein hässlicher grauer Schwan. Sie nickt, schon ganz in Gedanken verloren.

Sieht auf dem Bild im Katalog klein aus und verkommen, aber wenn man reinkommt, dann macht es erstmal uup, Überraschungseffekt. Die Eingangshalle hat uns sehr beeindruckt, dann sehr hohe große Räume mit Stuck, dann ein wahnsinnig großer Wintergarten, das war ein Punkt für meinen Vater, der da ganz heiß drauf war und natürlich ein schöner Garten draußen, ziemlich groß. Ja, es hat richtig viel Charme, von innen ist es echt toll.

Wochen später in Alt Benneckenbeck am Stadtrand von Magdeburg. Dort hat Ritter Bonike 1225 das Rittergut Bonikenbeke gegründet. Daraus wurde Bennickenbeck. Wer es weiß, findet noch heute die Spuren des einstigen Rittergutes. Mitten auf einer Wiese ist ein Burgturm aus Feldsteinen zu sehen. Direkt an der Straße steht ein halb verfallenes Scheunengebäude aus roh behauenen Feldsteinen. Von einer angrenzenden Hofmauer ist außer dem Torbogen nichts übrig. Etwa 50 Meter weiter flattert rot-weißes Absperrband. Dahinter steht das alte Gutshaus. Das neue Traumhaus der Familie Kramer. Katrin Kramer wartet auf ihren Mann und die Tochter Lisette.

Wir wissen, dass es ein altes Gutsobjekt war, wahrscheinlich so aus dem 17. /18. Jahrhundert, da ist es entstanden. Man sieht ja auch vieles so an der alten Bauweise, da gucken noch die alten Steine so raus. Das ist das, was wir bisher wissen, das ist nur noch das Rudiment. Wir haben auch im Internet nachgesehen und einiges gefunden, wir wissen, das ist ein Haus mit Geschichte.

Das schräge Dach hat in der Mitte einen Giebel, rechts und links der Eingangstür zu ebener Erde sind jeweils drei meterhohe Fenster. Aber alles ist verrammelt, der Putz ist schmuddelig gelb und bröckelt. Ob das ein Traumhaus ist? Die Zahnärztin Katrin Kramer überlegt nicht lange.

Aus einem Traum kann schnell ein Albtraum werden. Also mein Mann und meine Tochter sehen das viel emotionaler, ich sehe das eher nüchtern. Als wir davor standen, haben wir auch gedacht, also innen drin muss jetzt mindestens Parkett sein, Stuck, ein Wintergarten, eine Galerie und das war dann auch so.

Im Haus ist es stockfinster. Tochter Lisette läuft auf der Holztreppe in den ersten Stock und holt den tragbaren Scheinwerfer. Im gleißenden Flutlicht erscheinen die Räume groß wie Klassenzimmer, die Wände sind bis zu vier Meter hoch. Zwei Hände aneinander passen auf die Fensterborde, so dick sind die alten Mauern. Und gleich im ersten Saal, hinter grauen Spinnweben, aber doch deutlich zu sehen, der Stuck, den Familie Kramer so schön findet.

Hier muss der Festsaal gewesen sein, hier ist noch der Stuck an der Decke, das Parkett ist noch drin. Also die alten Fenster stehen wohl besonders unter Denkmalschutz, haben wir gelesen. Die sind noch im Originalzustand und ziemlich alt. Entweder werden wir die erhalten oder wir werden die genau so nachbauen, wie es früher mal gewesen ist.

Tochter Lisette hängt längst an dem alten Haus. Sie hat die Geschichte des ehemaligen Rittergutes nachgelesen und ist voller Ehrfurcht.

Ja, es war schon interessant wie viele Leute hier schon gewohnt und gearbeitet haben. Das war schon beeindruckend, ganz viele Adlige und von und zu´s.

Wolfgang Kramer steht unterdessen im Eingang und breitet die Arme aus. Er stellt sich vor, dass er von hier aus durch alle Zimmer bis in den Park sehen kann.

Also das Emotionale, was ja eigentlich nicht sein sollte, das überwiegt erst mal an diesem Haus. Nun hoffen wir, dass das dann auch gepaart ist mit dem Vernünftigen, kaufmännisch untersetzt, muss das dann was werden. Ob uns das gelingt, aber es muss gelingen, dass wir einen Euro auf den anderen setzen, also jeder Euro kann gebraucht werden.

Er rechnet damit, dass die Sanierung etwa 30.000 Euro kosten wird. Es wird Jahre dauern, bis sie einziehen können und es wird sich zeigen, ob die Familie zusammen hält. Aber all das wissen die Kramers längst. Ihre größte Angst sind die Denkmalschützer.

Ja, da haben wir Schiss. Was da auf uns zukommt ist ja noch nicht ergründet. Wir haben auch noch keinen Kontakt zur unteren Denkmalbehörde der Stadt Magdeburg. Wir hoffen auf Einsicht und auf kooperatives Miteinander. Wir hoffen, dass das klappt.


Etwa 100 Kilometer südöstlich von Magdeburg liegt Spören, ein winziges Dorf im Landkreis Dessau. Hier wohnt Obstbauer Wolfgang Ulrich mit seiner Familie, den Kindern und Enkeln. Er selber hat sich nach der Wende einen Plattenbau vom Typ Bitterfeld hergerichtet. Heute sieht sein Haus mit dem aufgesetzten flachen Spitzdach aus wie ein gewöhnliches Einfamilienhaus. Es liegt direkt am Dorfteich. Nur wenige Meter weiter steht das ehemalige Dorfgasthaus. Dieses Gebäude mitsamt Grundstück und dem ehemaligen Kulturhaus des Dorfes wurde vor genau zehn Jahren in Berlin im Rathaus Schöneberg versteigert. Für den Obstbauern Wolfgang Ulrich war es die erste und wohl auch einzige Auktion in seinem Leben. Er erinnert sich noch gut an die Stimmung im Auktionssaal.

Na, das war schon spannend, es waren ja auch Leute, die wohnten in Häusern und wollten die selbst erwerben und da waren andere Mitbieter besser finanziell im Sattel und die ham ihr eigenes Haus, wo sie drin gewohnt haben nicht bekommen und die waren böse. Ja, das war also teilweise ziemlich hart. Für manche war das also schon sehr spannend.

Das Mindestgebot lag bei 15.000 Mark. Weil es noch einen Interessenten gab, bekam Obstbauer Ulrich den Zuschlag für das Treuhandgebäude erst bei 80.000. Trotzdem war er zufrieden.

Also zunächst freut man sich schon, dass das alles so geklappt hat. Aber es ist ja auch eine stolze Summe, die ich ja auch in kurzer Zeit realisieren muss und wir hatten ja alle nicht so viel Reserven. Aber wir haben uns schon gefreut, weil wir ja auch eingeschätzt haben, dass das Grundstück und die Gebäude einen höheren Wert haben und da konnte man was draus machen.

Die roten, vertikal verlegten Ziegelsteine wirken wie Schmuckleisten. Die Wände dazwischen sind gelblich verputzt. Das Gebäude, erbaut um 1900 war früher die Dorfgaststätte. Heute wohnt dort die Tochter des Obstbauern mit ihrer Familie. Gleich daneben liegt das ehemalige Kulturhaus. Auch das hat Wolfgang Ulrich von der Treuhand mitersteigert. Aber längst hat die Gemeinde ein neues Gebäude, keiner weiß, was tun, mit dem alten Kulturhaus. Von außen sieht es eher aus wie eine Scheune. Wolfgang Ulrich öffnet die Flügeltüren. Er geht in eine Ecke, räumt Gerümpel beiseite und zeigt auf einen Sandstein.

1902 und das war oben drüber über dem Eingang und den hat noch jemand aus dem Ort gefunden und da haben wir ihn wieder hier her gebracht.

Das ehemalige Kulturhaus ist ein großer Saal mit einer richtigen Theaterbühne. Der Raum mit Eichenparkett und hohen Fenstern misst etwa 20 mal 20 Meter. Die Heizung funktioniert längst nicht mehr, da stehen Campingzelte, alte Stühle, eben alles, was im Wohnhaus nebenan keinen Platz findet. Früher, zu DDR-Zeiten, erzählt Wolfgang Ulrich, haben wir hier Kirmes und Erntedankfest gefeiert. Aber jetzt gibt es niemanden, der das alte Kulturhaus noch haben will. So ist es eher eine lästige Zugabe, aber keinesfalls ein Traumobjekt.

März 2000. Im Auktionssaal im Schöneberger Rathaus sitzen Renate und Gerhard Schult aus Leipzig. Schon zweimal hatten sie sich für ein Traumobjekt entschieden. Zweimal haben sie die Schlacht um das höchste Gebot verloren. Diesmal setzen sie alles auf eine Karte. Es geht es um ein Flächendenkmal mit Kasernengebäuden aus napoleonischen und aus Kaisers Zeiten. Das Gelände ist 20 Hektar groß. Es liegt direkt an der Elbe gegenüber der Lutherstadt Wittenberg. Kurz, es ist genau das, was Familie Schult aus Leipzig haben will. Das Limit steht bei 250.000 Mark. Im Auktionssaal muss sich Wolfgang Schult gegen fünf andere Bieter durchsetzen. Er schafft es. Der Hammer fällt bei 430.000 Mark.

Dreieinhalb Jahre sind vergangen. Auf dem Werbeprospekt der Familie Schult steht: Marina-Camp Elbe, Brückenkopf Lutherstadt Wittenberg. Vier Ferienwohnungen, der Yachthafen und der Campingplatz sind fertig. Das Hotel in der halbrunden Kaserne mit Kreuzgewölbe aus dem 17. Jahrhundert ist im Bau. Auf dem riesigen Gelände investiert Familie Schult dreieinhalb Millionen Euro, Fördergelder vom Land Sachsen-Anhalt inklusive. Die Flut vor zwei Jahren hatte den neuen Campingplatz zerstört, alles ist zum zweiten Mal neu angelegt. Aber das Hochwasser ist so gut wie vergessen. Renate und Wolfgang Schult sind euphorisch wie am ersten Tag. Beide sagen, es war Liebe auf den ersten Blick.

Wir sind hier vorne auf den Platz gefahren und meine Frau hat gesagt, das isses. Das war das Entscheidende. Sie hat das Grundstück gesehen und die Silhouette von Wittenberg direkt am Fluss und das wars. Wir sind auf das Grundstück gefahren, der Zaun war aufgerissen, an den Gebäuden waren Vandalismusschäden. Aber wir sind direkt gegenüber von der Silhouette von Wittenberg ausgestiegen und haben gesagt, das isses. Das klingt verrückt, aber das Grundstück hat es verdient, dass jemand etwas draus macht.

Das älteste Gebäude auf dem Gelände ist ein kleiner Bunker über der Erde, die Kasematte. Aus den Schießscharten haben Napoleons Soldaten mit steinernen Kanonenkugeln den Platz an der Elbe verteidigt. In dicken Schichten hat Wolfgang Schult den Außenputz abklopfen lassen. Jetzt sind die historischen roten Ziegelsteine wieder zu sehen. Drinnen ist es dunkel, die Wände sind meterdick, die niedrige Decke ist als Kreuzgewölbe konstruiert.

Also das ist eine richtige Bunkeranlage mit sieben Kanonenlöchern. Da oben an den Decken kann man noch die Ösen sehen, da wurden die Kanonen mit Flaschenzügen aus- und eingehoben. Da wurde die Straße seitlich in Beschuss genommen. Ich kann mir nur vorstellen, dass die Soldaten, wenn hier ein Schuss abgefeuert wurde, hinterher taub waren. Die Russen haben das hier als Kartoffellager genutzt und für uns gibt es nur eine Lösung, das wird der Weinkeller.

Nur wenige Meter entfernt hat Wolfgang Schult sogar die Reste der jahrhundertealten, strategisch einst so wichtigen Straße von Wittenberg nach Leipzig entdeckt. Nach der Flut haben sich die darüber gelegten Betonteile gelöst. Darunter liegen kopfgroße dicke Feldsteine. Der vier Meter breite Weg führt direkt zum Campingplatz am Elbufer. Auf der rechten Seite ist die neue Elbbrücke zu sehen. Nur das Rauschen der Autos stört die Idylle. Die Kulisse ist einmalig. Da fließt die Elbe in ihrem natürlichen Flussbett an hellen Sandstränden vorbei. Brach liegende Auenwiesen geben den Blick frei bis zur Stadtkulisse Wittenberg. Der Schlossturm mit der charakteristischen runden, türkis schillernden Haube ist zu sehen, daneben die Stadtkirche.

Dieser Blick zusammen mit Wittenberg drüben, die Elbe vor einem hinter einem, also man kann bei uns ganz dicht an die Elbe herantreten, man sieht die Schiffe von beiden Seiten kommen. Luther hat das von der Sache her genauso sehen müssen, ich kann mir das schon vorstellen. Es ist ja doch idyllisch gelegen.

Das Ehepaar Schult und die beiden erwachsenen Söhne haben sich mit der Brückenkopfkaserne ganz dem Tourismus und dem Wasser verschrieben. Hobbyschiffer auf der Elbe können in einem eigens angelegten Yachthafen anlegen. Für Campingtouristen ist die Lage am Wasser einzigartig. Aus ganz Europa kommen Touristen nach Wittenberg, erzählt Wolfgang Schult, und immer sind sie auf den Spuren Luthers. Früher war Familie Schult einfach nur protestantisch, inzwischen wissen sie fast alles über Luther.

Ich habe Lutherbücher gelesen, von Katharina und von Cranach, also die wichtigsten Leute aus der Zeit. Das hätte ich vorher nicht so gelesen aber das macht ja auch Spaß und die Fragen werden täglich neu gestellt, manchmal auch komplizierte Fragen mit Jahreszahlen und da möchte man schon ein paar Antworten geben können.

Auch der Reformator hat seinen Teil dazu beigetragen, dass Familie Schult an der Elbe bei Wittenberg angekommen ist. Das hier ist kein Traum, sagt Renate Schult. Es ist viel mehr, es ist eine Lebensaufgabe für uns, unsere Kinder und Enkel.

Es ist so dieses Putzen eines Edelsteins, der Brückenkopf ist ein besonderes Gelände, da ist das Zusammenspiel der historischen Gebäude, die Kasernen aus der napoleonischen Zeit, das Gebäude aus Kaisers Zeiten, in dem wir jetzt sitzen. Dann diese uralten Wasseranlagen, es ist das Zusammenspiel auch mit dieser zurzeit völlig unterbelichteten Stadt Wittenberg. Also die Lutherstadt hat ein Potential, das steckt noch weit in den Kinderschuhen.

Die ersten Feste, Theater und Musik im Innenhof der Kaserne waren ein Erfolg, erzählt sie, an Ideen für die Zukunft mangelt es nicht. Am Brückenkopf läuft alles nach Plan. Bebauungspläne, Denkmalschutz und Bauarbeiten, die Familie aus Leipzig hat bisher jede Hürde genommen. Die Campinggäste empfehlen den einzigartigen Platz an der Elbe weiter. Trotz der vielen Arbeit, Renate Schult freut sich schon, wenn im Frühjahr das Hotel eröffnet.

Zu uns kommen ganz nette Menschen. Interessante Leute, Leute mit Anspruch, mit denen können sie sich auch mal gut unterhalten. Das ist auch immer so, na, ja, nach Sachsen-Anhalt können sie ja nicht reisen, das stimmt überhaupt nicht. Für Leute, die Anspruch haben, bietet Sachsen-Anhalt unwahrscheinlich viel.
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