LänderReport
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9.11.2004
Verdammt lang her?!
Impressionen aus Magdeburg von 1991 und 2003
Von Michael Frantzen

Magdeburger Dom (Bild: AP Archiv)
Magdeburger Dom (Bild: AP Archiv)
Zweimal hinschauen und vergleichen. Das haben die Fotographen Moritz Bauer und Jo Wickert gemacht, auf ihrer Zeitreise durch die ehemalige DDR. Dieselben Motive - 1991 und 2003. Wir folgen ihren Spuren. Beispiel Magdeburg: Da gibt es das Bahngelände, das 2003 komplett verschwunden ist.

Es gibt die Martinstraße, wo man sich fragt, welches der beiden Bilder das ältere ist; und es gibt das ehemalige Hotel International, das jetzt Maritim heißt und sich hinter einer Glitzer-Fassade versteckt. Wir wollen den Vorhang zur Seite nehmen. Leben da immer noch dieselben Menschen? Was ist von der Aufbruch-Stimmung von damals übrig geblieben? Alles verdammt lang her?!


"Die Stadt des Schwermaschinen-Baus. Man wusste, da is' viel Industrie. Und so sah es eben auch ringsherum aus. Alles grau in grau. Schmutzig. Staubig."

"Was vermissen? Was vermissen?! Ja, man erzählt natürlich immer so, im Kreise der älteren Kollegen: Ja, Mensch, weißt du noch!"

"Wenn ich heute unterm Strich Bilanz ziehe, dann sage ich: Wer von sich aus Initiative ergreift und alle Chancen nutzt, der schafft das auch."

"Wer ist heute zahlungskräftig? Nen paar Einzelne vielleicht. Aber die breite Masse, sie kennen das ja. 20 Prozent Arbeitslosigkeit, das is ja kein gutes Omen."

Die Reise beginnt. Station Nummer Eins: Hasselbachplatz.

52 Grad, Komma sieben, Komma dreizehn Nord, elf Grad, Komma 37, Komma 41 Ost.

November 2004.

"Also: Der Hasselbach-Platz - Magdeburg - da weiß jeder, wo das is. Und das man da eben auch hingehen muss."

Er ist wirklich schön geworden - der Hasselbach-Platz. Die Gründerzeit-Häuser: Aufwendig renoviert, selbst die fein zieselierten Holz-Treppenhäuser wurden einem Facelifting unterzogen. Der Hasselbach-Platz - sagen die Magdeburger - ist exklusiv. In der Hasselbach-Passage kann man Designer-Möbel kaufen, sich beim Frisör "Bubikopf" wahlweise einer Thalasso- oder Salus-per-qua-Therapie unterziehen; oder man kann sich von Simone Stutzki-Weber beraten lassen - der sehr blonden und sehr dynamischen Besitzerin von "Sissi Brautmoden."

"Es gibt halt immer noch genug Geschäfte, die einfach nichts tun. Die einfach warten, dass die Kunden kommen. Die noch die Einstellung haben, die wollen ja was von uns und nich andersrum. Und das ist dann sicherlich irgendwo, wo's dann nich mehr so läuft, wie's vielleicht auch direkt nach der Wende noch lief. Es ist mehr auf dem Markt, es sind mehr Anbieter. Und man muss wirklich was tun. Ansonsten: Es kommt niemand von allein. Wir mussten auch sehr viel Werbung machen. Wo wir hierher gegangen sind. Oder an Veranstaltungen. Was haben wir an Messen teilgenommen! Um zu zeigen, wir sind jetzt hier auf dem Markt."

Zeigen, dass sie auf dem Markt sind - eigentlich haben die Diederichs das nicht mehr nötig: Ihre Schusterei gibt es seit dem 16. März 1932 - "Großvaters Geburtstag" - wie Senior-Chef Karl-Heinz Diederichs betont. In dem verwinkelten Eckladen hängt noch das Original Werbe-Plakat:

"Sind Deine Schuhe entzwei und nicht mehr dicht, bring sie zur Reperatur bei Diederichs."

Die Schusterei hat einiges überstanden: Den Zusammenbruch verschiedenster Systeme, die meinten, für die Ewigkeit bestimmt zu sein; den Bombentreffer englischer Flieger 1945; Umzüge von einem Ende des Hasselbach-Platzes zum anderen. Die Diederichs sind ihrem Platz treu geblieben, seit vier Jahren haben die Zwillings-Söhne des Seniors das Sagen.

Die Diederichs und Simone Strutzki-Weber: So nah und doch so fern. Während die Besitzerin des Brautgeschäfts wirkt, als sei sie gerade einem Werbe-Clip von Guido Westerwelles Partei der Leistungs-Bereiten entsprungen, umweht die Schusterei ein Hauch von Nostalgie. Bei den Diederichs ist die Vergangenheit gegenwärtig.

"Die Geschäfte haben sich inzwischen verändert. Teilweise stehen se schon leer. Da drüben, wo jetzt noch Meyer-Reisen dran steht - was ja och leer is - da war nen großes Gemüse-Geschäft. Da standen die Menschen jedes Mal Schlange, wenn es Bananen gab. Wie das so war. Oder zu Weihnachten, wenn es Apfelsinen gab. Also, es war eigentlich nen gut laufendes Geschäft. Nebenan war hier, was wir jetzt als Jugend-Mode-Verkauf hier haben - das war ne Drogerie. Die war auch schon seit ‘45 hier. Aber dann machte hier Rossman auf, vor drei Jahren. Und dann kriegte der die Miete nich mehr zusammen."

März 1991.

Jörg Diederichs ist 19. Die Familie wohnt direkt am Hasselbach-Platz. Laut ist es; laut und grau. 40 Jahre DDR haben Spuren hinterlassen - auch wenn Madgeburg seit knapp einem halben Jahr Teil der Bundesrepublik ist und die Marktwirtschaft ihr Mantra via Werbe-Plakate unter die Leute bringt: "Schnell. Schneller. Express." Noch versorgt die Buchhandlung an der Ecke die Hasselbacher mit Literatur, wirbt die Leuchtreklame für "SKL - Kraftmaschinen und Industrie-Ausrüstungen." Noch ahnt niemand, dass die Buchhandlung einmal der Hasselbach-Passage weichen müsste - und die Reklame einem braunen Klinker-Neubau, in den die Hypo-Bank ziehen würde - nur um nach der Fusion mit der Vereinsbank die Filiale wieder dicht zu machen.

1991, erinnert sich Jörg Diederichs, war der Hasselbach-Platz grau, aber voller Leben.

"Tagsüber war hier eine Menschentraube. Gerade hier am Plett-Boltzen - nennt sich dieser kleine Platz aufgrund dieses Hauses, der Form des Hauses ... der war hier morgens früh um halb sieben, sieben ... war hier eine Menschentraube. Weil ja hier die Straßenbahnen sich alle trafen. Die Arbeiter sich hier getroffen haben. Die mussten ja alle Richtung Buckau fahren, um da in diesen großen Schwermaschinen-Bauten zu arbeiten. Da haben ja wohl über 20.000 Leute gearbeitet. Lass es jetzt vielleicht noch 1000 sein."

Weiter geht es. Zur Station Nummer zwei: Der Martinstraße in Buckau.

52 Grad, Komma sechs, Komma 15 Nord, elf Grad, Komma 38, Komma 23 Ost.

November 2004.

"Nix is geschehen. Da sind zwei, drei Häuser gemacht worden. Alles andere sind Ruinen."

Irgendwie hatte sich Ernst Zander - der Besitzer des Angler-Ladens - das anders vorgestellt. Da ist die Martinstraße Teil des Sanierungs-Gebietes Buckau - doch seit Jahren schon passiert hier rein gar nichts. Im Gegenteil: Die Straße verkommt, kaum ein Haus, das noch bewohnt ist. "Elektro-Anlagen Fischer" nebenan hat genauso dicht gemacht wie das Fuhrgeschäft und die Eckkneipe. Auf dem Bürgersteig ein zerfetzter Sessel, aus dem das Futter quillt.

"Ich wohne selbst hier. Das habe ich dann gebaut mit Krediten. Und das is jetzt natürlich schon mal schwierig, diese Kredite zurückzuzahlen. Die Wohnungen sind vermietet. Und da muss man eben kämpfen, das die Mieter auch da bleiben. Da muss man viele Kompromisse eingehen. Zum Beispiel, dass man nich drauf pocht, am dritten, Anfang des Monats, die Mieten druff sind. Da muss man eben mit dem sprechen. Dann sagen se einen, bis zum zehnten. Die eine Familie da: Da is sie in der Apotheke. Die hat Arbeit. Aber ihr Mann, der arbeitet bloß bei so ne Zeitfirma und is ständig unterwegs. Und die zweite Partei: Die sind beide arbeitslos."

März 1991.

Damals fängt es an. Dass die ersten wegziehen. Auch zu DDR-Zeiten ist in der Martinstraße nichts gemacht worden: Verfallene Häuser, dazu Außenklo und Ofenheizung - bloß weg!

Damals und heute - eigentlich kein großer Unterschied - sieht man einmal davon ab, dass ein paar renovierte Häuser in der Zwischenzeit Zentralheizung bekommen haben und damals noch Trabis und ausrangierte Ladas ohne Reifen am Straßenrand stehen, während es heute irgendwelche japanische Wagen sind und ein Golf mit einem Aufkleber der rechten Rock-Band "Die Bösen Onkelz". Der Martinstraße geht es wie einem Patienten mit Schwindsucht: Der Körper verfällt - unaufhaltsam. Seine Lebensadern - die Arbeitsplätze in der Schwer-Industrie und dem Güterbahnhof - abgeschnitten.

Ernst Zanders Freund Martin Hoffmann kennt die Zahlen aus dem Eff-Eff: Arbeitsplätze allein im Maschinen-Bau zu DDR-Zeiten: 30.000, heute arbeiten bei SKET und SKL, den beiden größten übrig gebliebenen Unternehmen, noch knapp 3000. Die Bevölkerung: Runter von 290.000 auf 230.00, Magdeburg zählt zu den zehn Städten in Europa mit dem höchsten Bevölkerungs-Rückgang. Höhere Sterbe- als Geburtenrate.

Martin Hoffmann ist Politiker. Seit 1990 sitzt der 68jährige für die Magdeburger SPD im Stadtrat. Illusionen hat er keine mehr: Die De-Industrialisierung der Stadt?! Kann man höchstens abmildern, aber nicht mehr aufhalten. Der Bevölkerungs-Schwund?! Muss man sich mit abfinden. Deshalb "Rückbau" - also der Abriss von Häusern. So ändern sich die Zeiten.

"Wir haben 1990 noch das Wohnungs-Bauprogramm weitergeführt. Haben beschlossen: Unbedingt müssen wir die Plattensiedlungen noch weiter bauen, weil Wohnungs-Mangel 1990 noch war. In der Zwischenzeit haben wir 40.000 Wohnungen in Magdeburg als Leerstand."

Knapp 15 Minuten dauert es, um mit der Acht von Buckau zur Station Nummer drei zu kommen: Dem Hauptbahnhof.

52 Grad, Komma sieben, Komma 48 Nord, elf Grad, Komma 37, Komma 43 Ost.

November 2004.

"Na, was besser aussah? Wenn man so druff guckt, pfu, Gottchen?! Ja, nu hier haben se auch schon nen bisschen heller gemacht."

Heller ist er tatsächlich geworden - der Magdeburger Hauptbahnhof. Die Sandstein-Fassade des Eingangs-Portals von 1882 ist seit der Renoverierung in tadellosem Zustand, am Hintereingang haben sie ein zickzackformiges Zeltdach aufgespannt. Ziemlich futuristisch - das Ganze.

Aber was hilft die futuritischste Architektur, wenn die Gegenwart trübe ist. Taxifahrer Peter Hertig wartet jetzt schon seit zwei Stunden am Hauptbahnhof auf Kundschaft. 61 ist er, drei Jahre noch bis zur Rente.

"Wenn ich nen guten Tag habe, habe ich 15 Fahrten. Wenn ich nen schlechten Tag habe so wie jetzt - jetzt ist Mittag, da habe ich drei Fahrten. Seit dem wir die D-Mark hatten, is hier schlechter geworden. Und der zweite Einbruch war mit dem Euro."

März 1991.

Damals verkündet eine Riesen-Werbetafel aus den 70ern, dass "Sie mit der Deutschen Reichsbahn schnell, sicher und bequem reisen" - eine der vielen, uneingelösten Utopien der DDR; heißt der Kölner-Platz noch "Platz der Volkssolidarität;" hegt Peter Hertig erste Zweifel, ob er die blühenden Landschaften jemals zu Gesicht bekommen wird: Die Zeiten jedenfalls, als die Kunden noch auf die Taxifahrer warten mussten und nicht umgekehrt, sind '91 vorbei. Noch aber regiert das Prinzip Hoffnung. Das ist heute anders.

"Das Geld sitzt nicht so locker wie früher. Das is nich nur Magdeburg. Also, vielleicht im ganzen Land, zumindest in Sachsen-Anhalt auf alle Fälle. Denn wir sind ja das Land mit der größten Arbeitslosigkeit im Wechsel mit Mecklenburg-Vorpommern. Und ansonsten?! Ich weiß bloß: Mein Sohn fährt im Westen, in Gütersloh zum Beispiel, fährt der Taxe. Da läuft's weitaus besser. Is zwar nen kleeneres Städtchen; das ist anders, da is mehr Betrieb."

Keine 30 Meter vom Taxistand entfernt, wo sich Peter Hertig die Beine in den Bauch steht, regiert immer noch das Prinzip Hoffnung. Genauer gesagt: Das Prinzip Leistung. Hier zieht Sabine Rothenberger ihre Fäden. Die Frau mit den rotgefärbten Haaren und dem silberfarbenen Glitzer-Pullover ist seit kurzem die Magdeburger Bahnhofs-Managerin. Der resoluten 50jährigen unterstehen 125 Mitarbeiter und nach einem Gespräch mit der Power-Frau kann man sich lebhaft vorstellen, welcher Wind im Bahnhof weht.

"Für mich als in der DDR-geborener Mensch - ich bin inzwischen fünfzig Jahre alt - bedeutet die Wende Freiheit und Entwicklungs-Möglichkeiten. Wenn ich heute so Revue passieren lasse, was sich in den letzten 15 Jahren für mich und meine Familie und in meinem direkten Umfeld so getan hat, dann muss ich wirklich sagen: Wer die Chance der Stunde ergriffen hat, sich weitergebildet hat - ich hab zum Beispiel sofort nen Fernstudium aufgenommen, hab mit 40 noch mal Betriebswirtschaft studiert - sich beruflich neu orientiert - der hat auch die Möglichkeit, mit persönlichem Einsatz sich sein Leben neu aufzubauen."

1991 kann man vom Hauptbahnhof noch direkt hinüber sehen zum Inter-Hotel. Das geht jetzt nicht mehr. Dort, wo früher ein Park war, breitet sich das City Carreé aus - eines der größten Einkaufszentren der Stadt, in dem Ketten wie Real zu Hause sind und der Makro-Markt, Motto: "Es lebe billig." Und noch etwas hat sich verändert: Aus dem Inter-Hotel ist das Maritim geworden. Station Nummer vier.

52 Grad, Komma sieben, Komma 46 Nord, elf Grad, Komma 37, Komma 50 Ost.

November 2004.

"Dies Hotel is so toll konzipiert worden, dass man wirklich sagen kann: Jeder Architekt sollte mal hierher kommen und gucken, wie er ein Hotel baut."

Willkommen in der Welt von Henrik Müller-Huck! Hier ist nicht nur "das Hotel toll konzipiert", hier sind auch die 185 Mitarbeiter - Neudeutsch "die Software" - "top", ist das von dem gebürtigen Pfälzer seit drei Jahren geleitete Hotel auf einem "super, super Trip."

Marketing-Lyrik. Fakt ist: Das Maritim ist eines der besten Hotels der Stadt: Vier Sterne Plus, im angeschlossenen Restaurant Da Capo soll öfters der Wirtschafts-Minister dinieren, der direkt gegenüber sein Ministerium hat. Ob das Hotel aber jemals in einem Architektur-Führer auftauchen wird? Die Fassade: Grauer Granitstein, rostfarbene Fensterrahmen, viel Glas. Austauschbar. Drinnen: Eine über 30 Meter hohe Hotelhalle mit Glasdach. Das sieht luftig und hell aus, gibt es aber auch in den Maritim-Hotels in Köln und Hannover. Austauschbar. Das Umfeld: Links, zwei Häuser weiter, ein verrammelter DDR-Plattenbau, rechts die Kneipe "Die Ambulance", die mit einer dürftig bekleideten Comic-Krankenschwester wirbt und dem Versprechen: "Feiern, bis der Notarzt kommt." Austauschbar. Und schlechter Geschmack. Und der hat im Maritim nichts verloren. Wobei Henrik Müller-Huck und seine "Top-Mitarbeiter" jetzt auch schon versuchen, Normalsterbliche ins Hotel zu locken.

"Zumindest erst mal müssen wir dieses Haus öffnen für die Gesamt-Bevölkerung in Magdeburg. Um nich ein elitärer Klotz zu sein in dieser Stadt. Und das ist uns wirklich ausgezeichnet gelungen mit verschiedenen Aktionen. Wir haben verschiedene Mal Boxen im Hotel, dann wird also in unserem großen Maritim-Saal ein Boxring aufgebaut. Es war von Anfang an klar. Wir haben uns zusammengesetzt und dann durch diese Strategie bezeichne ich jetzt mal. Das ist ein Prozess gewesen. Und diesen Prozess haben wir inzwischen so weit, dass sogar die Minister zu mir sagen: "Sie, Herr Müller-Huck sind ne Institution in Magdeburg geworden."

März 1991.

Noch heißt das Maritim Inter-Hotel; ist das Hotel und nicht der Hotel-Manager eine Institution in Magdeburg. Küchen-Chef Wilfried Kluge kann sich noch genau erinnern. Wie sich die Magdeburger zu DDR-Zeiten schon Monate vorher anmelden müssen, um im Restaurant zu essen oder in der Juanita-Bar auf der beleuchteten Tanzfläche zu tanzen. Und die Stasi jedes Mal zu ihm in die Küche kommt, wenn Genosse Honecker sein diplomatisches Chor nach der Staatsjagd zum Festschmaus einlädt.

Noch ahnt niemand, dass das Hotel zweieinhalb Jahre später abgerissen werden würde, um Platz zu machen für einen Neubau. Wilfried Kluge jedenfalls beschäftigen andere Sachen: Ankommen in der Bundesrepublik - das ist ihm 1991 wichtig. Und die Frage: Was wird mit dem Inter-Hotel? Wird es verkauft? Und wenn ja, an wen: Steigenberger; Sixt; die Manager der großen Hotel-Konzerne geben sich die Klinke in die Hand. Und auch die Gastronomie muss sich umstellen. Der Kunde hat anders im Sinn, als im Inter-Hotel zu essen.

"Der ist in Richtung Westen gefahren. Hat sich neue Möbel gekauft. Oder Heim-Elekronik. Oder ist gereist. Oder hat sich nen Auto gekauft. Für das Essen hat er nach der Wende wenig ausgegeben. Demzufolge mussten wir natürlich Personal abbauen. Logisch. Wir haben die Bierstube anschließend geschlossen, das große Cafe geschlossen. Bis wir dann zu Maritim gekommen sind. Im März 92. Ich war damals Küchenchef schon. Und wir hatten 90 Köche. Und 70 hab ich entlassen müssen. Man wusste seinerzeit nicht: Was machen die Köche? Wo gehen die hin? Einige sind natürlich in Alters-Teilzeit gegangen - die älteren Mitarbeiter schon. Es ging immer so schrittweise. Nich?! So hat sich das letztendlich gestaffelt. Weil immer wieder die neue Richtlinie kam: Es reicht noch nicht. Bis letztendlich noch 20 Leute übrig geblieben sind."

"Meine Damen und Herren: Auf Gleis Drei fährt ein der Regionalexpress von Erfurt zur Weiterfahrt ..."

Vielleicht ist ja diesmal jemand dabei, der mit dem Taxi weiterfahren will. Prinzip Hoffnung. Doch genau wie sein Kollege Peter Hertig ist auch Wolfgang Dora skeptisch - mag der Bahnhof noch so sehr in neuem Glanz erstrahlen.

"Hübsch is zwar schön, aber wenn man kein Geld hat, dann is das nich so schön. Man verdient wenig Geld. Janz einfach: Da brauchen wa nich drum rum reden. Watt nützt datt, wenn wa überall Prachtbauten hinsetzen überall und die Leute haben kein Geld. Das bringt nichts."

Jammer-Ossis! Nichts für Henrik Müller-Huck. Magdeburg, doziert der Maritim-Chef, braucht einen Mentalitäts-Wandel.

"Der Magdeburger neigt sehr schnell dazu zu klagen. Weh zu klagen. Ach Gott, wie geht's ihm schlecht! Er stellt gar nicht fest, wie schön - alleine die drei Jahre, die ich jetzt hier verbracht habe - wie viel hier in Magdeburg passiert ist. Das stellt er überhaupt nicht fest. Nein! Er klagt. Wenn sie irgendwelche Entscheidungen treffen wollen, dann geht's erst mal immer los: "Nein, nein." Dass Menschen hier noch nicht unbedingt die Verantwortung übernehmen wollen für Dinge. Ja?! Wo jeder andere, der in Frankfurt lebt: "Ja! Das mach ich. Das mach ich sofort!" ja?! Hier so: "Nä, ich bin ja zufrieden, so wies is. Nä, lassen wa mal so." Wissen se: Das sind alles so Dinge, das sind Prozesse, die sich in den nächsten Generationen auswachsen werden."

Sagt der gebürtige Pfälzer. Der gebürtige Magdeburger Wolfgang Dora macht sich derweil Sorgen: Um die nächste Generation. Der Sohn steht jeden morgen in aller Herrgotts-Frühe auf, um in einer Backstube das Bäcker-Handwerk zu lernen. Die Tochter geht aufs Gymnasium.

"Und werden eben auch auswandern. Wenn's soweit is. Wie das so die Jugend hier in Sachsen-Anhalt macht. Die Chancen hier auf dem Arbeitsmarkt sind miserabel. Egal, welche Regierung hier gerade das Sagen hat: Wenn die Industrie nich hierher kommt, dann hauen die Leute ab. Bloß für uns Alte is es eben schlimm. Man kann, na ja, nich so schnell aus seiner Haut springen. Außerdem sind wa mit wenig auszukommen gewöhnt gewesen."

Noch einmal zurück zum Hasselbach-Platz. Karl-Heinz Diederichs hat gerade die Schlagzeilen der Volksstimme überflogen: Das City Carreé will expandieren. Vom "Überlebens-Umbau-Programm" ist die Rede, das noch größere Allee-Center setzt dem City Carreé zu. Groß, größer, mega-groß - für kleine Dienstleister wie die Diederichs wird es eng.

"Machen die Großen die Kleinen kaputt. Das is eigentlich ne Entwicklung, die hätte man hier vielleicht verhindern müssen, gleich nach der Wende. Die drüben schon im Gange war. Aber das haben se ja hier genauso gemacht. Große Sachen bauen; Parkplätze anbieten. Alles fährt da hin. Das is natürlich nie gut für die Infrastruktur der Innenstädte."

Schräg gegenüber, wo die Zukunft gegenwärtig ist, zuckt Simone Stutzki-Weber mit den Schultern: "Konkurrenz belebt das Geschäft." Die Frau, die mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern auf einem Bauernhof im nahegelegenen Schönebeck lebt, ist auf Erfolg programmiert.

"Ich konnte mich nie hinstellen und nie stöhnen. Oder lamentieren. Wir mussten schon immer kämpfen. Wir haben Super-Zeiten hinter uns, es kamen auch schlechte Zeiten. Dann muss man sich halt wieder aufrappeln und sich irgendwo rausmanövrieren aus der ganzen Situation. Und dann geht's auch irgendwie weiter."
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