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10.11.2004
Ein Ton zum Aushalten
Das John-Cage-Projekt von Halberstadt
Von Ruth Jarre

Die Cage-Orgel in St. Burchardi zu Halberstadt. Kleine Gewichte hängen an den Tasten, um die Noten zu halten. (Bild: AP-Archiv)
Die Cage-Orgel in St. Burchardi zu Halberstadt. Kleine Gewichte hängen an den Tasten, um die Noten zu halten. (Bild: AP-Archiv)
Ein Experiment mit Orgeltönen. "As slow as possible" - und das nehmen die Initiatoren wörtlich. 639 Jahre lang soll die Cage Komposition in St. Burchardi zu Halberstadt dauern. Seit Februar läuft der erste Akkord. Die Idee klingt verrückt und der Ton findet Liebhaber in aller Welt. Mit Bussen kommen die Besucher, nur um sich in Halberstadt einen Cage-Ton anzuhören.

Nie gehört - was soll das sein? - Hab ich schon mal was von inner Zeitung gelesen.

Ich war noch nie da.

Was für'n Projekt?- Ja, Schwachsinn - nee, kenne ich nicht.

Halberstadt, das "Tor zum Harz". 42.000 Einwohner, Lebensmittel- und Metallindustrie, mittelalterliche Altstadt, saniert, neun große Kirchen, Gleimhaus und Domschatz. Halberstadt ist fast pleite. Die Begeisterung für das John-Cage-Orgelprojekt hält sich offenbar in Grenzen, auch im Büro des Bürgermeisters:

Also für mich persönlich und auch für viele Halberstädter ist das John Cage Projekt zunächst einmal schwer zu verstehen. Und das ist begründet in der langen Laufzeit von 639 Jahren. Und durch die Tatsache, dass das Musikstück mit einer zwei-jährigen Pause begann. Zwei Jahre Pause kann man in der Wirtschaft nicht machen. Insofern vergleiche ich das John-Cage-Projekt immer mit der Natur. Ein Bestandteil der Natur ist der Wald. Der Wald ist etwas Großes. Er hat Zeit. Und er wird nicht von jedem verstanden. Wie John Cage.

Hausmann, Bürgermeister von Halberstadt, so heißt es, spreche immer vom Wald, wenn es um Cage geht. Ob er weiß, dass Cage ein leidenschaftlicher Pilzsammler war?

Georg Bandarau vom Halberstädter Stadtmarketing sitzt im Vorstand der John-Cage Orgelstiftung. Für ihn ist das Projekt alles andere als schwer zu verstehen.

639 Jahre Werbung für die eigene Stadt zu machen! Das ist schon was Besonderes. Zunehmend wird das Projekt auf jeden Fall akzeptiert. Ich vergleiche das immer mit Paris: der Eiffelturm war am Anfang sehr unbeliebt, und alle Franzosen, alle Pariser waren sehr dagegen. Und haben gesagt: "Das ist eine Monströsität, was soll das!" Und heute ist er das Wahrzeichen von Paris, alle sind stolz, dass sie das haben. Und das wird hier auch passieren.

Und tatsächlich: mit ein bisschen Geduld finden sich auch positive Stimmen auf dem Marktplatz:

Das ist super Werbung für Halberstadt! find ich toll - das söhnt mich mit vielem aus hier in Halberstadt - das ist fast sone Art Weltwunder!

Am Rande der Altstadt soll das "Wunder" zu erleben sein. Auf dem ehemaligen Klostergelände von St. Burchardi. Etwas heruntergekommen sieht alles aus, und ziemlich verlassen: der große Hof, die unscheinbare Kirche auf der linken Seite - und ein altes Herrenhaus. Doch schon auf dem Hof kann man sie hören, die liegenden Orgeltöne. Das muss es sein: das längste Orgelstück der Welt! "Bitte im Herrenhaus klingeln", steht auf einem Zettel an der Kirchentür.

Guten Tag! Mein Name ist Dannenberg, ich darf Sie begrüßen, schauen Sie Dich einfach um, was wir so an Informationen hier haben … dann legen wir gleich los. … Wir befinden uns hier auf einem ganz geschichtsträchtigen Gelände.

Margit Dannenberg ist die Hüterin des John-Cage-Orgel-Projekts in Halberstadt. Sie beantwortet alle Fragen, führt die Besucher herum, öffnet die Kirche.

Ich habe hier mit vielen Tausend Menschen zuerst das Rauschen gehört … denn durch die Dehnung und Streckung des Stücks über 639 Jahre hat die Pause, die am Anfang des Stücks von Cage gesetzt wurde, eineinhalb Jahre gedauert.

Die ersten Töne waren dann gis und h - eine kleine Terz. Bevor man die Orgel im südlichen Seitenschiff sehen kann, fällt der Blick auf eine Leiste mit Messingschildern an der Wand.

Wir haben hier an den Wänden ... vielleicht kann ich Ihnen zu diesen Tafeln noch was sagen: wir verkaufen jetzt diese 639 Musik- oder Klangjahre. Sie sehen hier überall Jahreszahlen drüber, der Sponsor kann sich ein Jahr aussuchen - es sei denn, es ist schon vergeben, und dafür erhält er hier ein kleines Stückchen Ewigkeit in dieser Kirche. Er wird hier für 639 Jahre zugänglich sein für seine Verwandten und Nachfahren. Für 1000 Euro. Preiswerter als ein Grabstein, denn der wird nach 20-25 Jahren wieder geräumt, je nach Friedhofsordnung, und hier können Sie ein kleines Stückchen Ewigkeit erwerben.

Wie gehen wir mit unserer Zeit um? Wie verbringen wir unser Leben, wie verbringen wir unseren Tag?

Auch das sind Fragen, die das Projekt aufwirft. Michael Betzle, Geophysiker, Bauingenieur und Unternehmer hat von Beginn an für das Projekt gestritten, ist Vorsitzender der John-Cage-Orgelstiftung. Die philosophisch-gesellschaftliche Dimension dieses so lange klingenden Musikstücks ist für ihn ein wichtiger Aspekt:

Natürlich kann man da auch Parallelen ziehen zu unserer Gesellschaft, auch zu der Frage, welche Werte wir heute sehen, sind die Werte, die - und jetzt nenne ich ein paar Namen, die aber nur beispielhaft stehen: Deutsche Bank, Opel, Karstadt - sind die Werte, die dort dargestellt werden eigentlich das, was wir brauchen, damit diese Gesellschaft sich weiterentwickeln kann?

Man muss sich mit diesem Projekt beschäftigen. Man kann es nicht im Vorbeigehen begreifen, sondern man muss in diese Kirche hineingehen, man muss die Bereitschaft haben, die Antennen auszufahren, um es zu verstehen. Und diese Bereitschaft ist natürlich eine Fähigkeit, die wir generell brauchen, unabhängig von diesem Projekt. Wir müssen unsere Antennen ausfahren, damit wir in Europa unsere Nachbarn begreifen, damit wir mit unseren Mitmenschen zusammen leben können. Und das alles ist natürlich hiermit auch gewollt.

Die St. Burchardi Kirche in Halberstadt. Darin steht die Cage-Orgel, die in den nächsten 639 Jahren ein Konzert spielt. (Bild: AP-Archiv)
Die St. Burchardi Kirche in Halberstadt. Darin steht die Cage-Orgel, die in den nächsten 639 Jahren ein Konzert spielt. (Bild: AP-Archiv)
Ein E-Dur-Klang erfüllt mittlerweile den schlichten Kirchraum, und verändert sich je nach Standort. Bis auf die Blasebalganlage und die vorläufige Orgel ist die alte Zisterzienserkirche vollkommen leer. Das eigentliche Instrument wird noch gebaut, bislang fehlt das Geld. Sukzessive soll das Instrument entstehen, mit dem Fortschreiten der Partitur. Wer sich genau umsieht kann noch Spuren von Fremdnutzung entdecken, die der Kirche in Jahrhunderten widerfahren ist. Die Truppen Napoleons haben sie belagert, später diente sie als Scheune, und zu DDR-Zeiten wurden hier Schweine gezüchtet.

So, jetzt gehen wir mal hier durch - fallen Sie nicht über den Grabstein der Äbtissin Susanna von 1698 - den haben wir hier beim Beräumen der Kirche gefunden. Es sind 200 Jahre Viehstall und Scheune gewesen, 200 Jahre Geschichte. Was soll man das alles schöntünchen? Diese Kirche soll wirklich so bleiben als Mahnmal für die nächsten Generationen, denn hier können Sie deutsche Geschichte von den Wänden ablesen. Besucher: Wer weiß, ob's das Gebäude noch geben würde, wenn's nicht genutzt worden wäre. Das sage ich auch immer, wo Licht ist, ist auch Schatten.

Margit Dannenberg wickelt die Besucher mit ihrer offenen und zupackenden Art fast immer um den Finger - und lädt sie ein, sich aktiv zu beteiligen - und die sechs Blasebälge zu treten, die der Balganlage der alten Orgel von 1361 aus dem Halberstädter Dom nachgebildet sind. Berührungsängste kennt sie nicht.

Wenn Sie möchten, Sie können gern mal. Hier geht's am besten hoch, und dann kommen Sie einfach mal hierher und demonstrieren uns mal - kommen Sie mal nach außen, Sie müssen nach außen, die Haltestange - Ja! Sie bleiben auf dem stehen, treten dann runter, das Bein wieder hoch - Bein hoch! So. Und dann wieder runter, immer im Wechsel. Und Sie hören sehr schön wie der diese Luft rauspresst.

As slow as possible - das Stück ist in der Originalversion 29 Minuten lang. Hochgerechnet auf 639 Jahre wird eine Minute im John-Cage-Orgelprojekt auf gut 22 Jahre gestreckt. An dieser Stelle wird man also ungefähr im Jahr 2045 angelangt sein. Ohne Margit Danneberg allerdings wäre man wohl noch nicht einmal bis zum ersten Tonwechsel gekommen. Sie ist die Seele des Projekts, hat sich dem längsten Orgelstück der Welt mit Leib und Seele verschrieben. Pionierarbeit hat sie geleistet, ihre Familie mit eingespannt, im Herrenhaus und in der Kirche. Und die größten Schwierigkeiten sind - zum Glück - Geschichte:

Und dann habe ich wirklich 2002 im Sommer hier ca. 30 Tiere, weibliche Tiere drin gehabt, die vier Mal gebrütet haben, und jedes Tier hatte so ca. vier Junge. Der Blasebalg war so hoch voll geschissen. Ich habe dann Betttücher, Laken draufgepackt, die aber nach 14 Tagen auch nicht mehr zu erkennen waren. Die habe ich dann erneuert, versucht, überall was zu erbetteln, um diesen Blasebalg zu schützen! Denn das erste Grün, was diese Tiere im Frühjahr fressen, das ist so farbintensiv - ich kriege heute noch manchen Flecke da nicht wieder ab. Das zieht einfach ins Holz rein.

Besucher: Aber das war zu einer Zeit, wo das Projekt schon gestartet war? - Ja natürlich! - Die mochten Cage! - Die mochten Cage, die Tiere wussten, das tut uns nichts, und das ist überhaupt nicht schlimm. - Cage hätte es vielleicht sogar gemocht! - Ja! Cage wäre da sehr tolerant, der hätte gesagt, die gehören einfach dazu. Aber das sind ja tickende Zeitbomben, da hätten wir dann bald ne neue Orgel gebraucht.

Heute sind die Schwierigkeiten ganz andere - eher detailpraktischer Natur im Umgang mit den 9 Teilen der Partitur bezogen auf 639 Jahre. Erklärt Rainer Neugebauer, Kuratoriumsmitglied und Dozent für Soziologie an der Hochschule Harz:

Wenn man jetzt die Partitur nimmt, die neun Teile aneinander klebt, kommt man auf eine Länge von vier Meter 70. Wenn man das maßstabsgerecht jetzt aufblasen und umrechnen würde, dann würde die Partitur für die 639 auf 47.000 Kilometer kommen, also einmal um den Äquator rum und dann hängen noch so 5000 Kilometer als Rattenschwanz in der Luft. Wir wollen bis auf den Monat genau gehen, dann kommt man aber schon in den Bereich der Zeichnungsgenauigkeit. Das ist etwa so wie bei einer Landkarte. Wenn man auf einer Landkarte von 1:1.000.000 Maßstab einen Feldweg einzeichnet, dann ist der Strich auf der Karte umgerechnet nen halben Kilometer breit, während der Feldweg original nur fünf Meter breit ist. Das heißt also wenn wir über die Partitur so ein Raster mit den Monatsstrichen legen, dann haben wir das Problem, dass der Längsstrich, der muss wirklich genau senkrecht stehen. Sobald der son ganz kleinen Millimeter verschoben ist, kann sich das unten schon auf ein oder zwei Monate auswirken. Und ein Monat wäre umgerechnet in der Originalpartitur 0,2 Sekunden.

Einmal haben sie sich in Halberstadt schon verrechnet, fast ein halbes Jahr zu früh waren sie dran - der für August angekündigte Tonwechsel fand nicht statt, erst Ende 2005 ist es soweit.

Im Gästebuch können die Besucher ihre Gedanken zum Projekt niederschreiben:

Endlich mal jemand, der an die nächsten 639 Jahre denkt! Werden dann noch Blumen blühen? Play on. Hörbare Zeit und hörbare Schönheit. Bridge of understanding. Endlich mal ein Ton, an den man sich gewöhnen kann!

Aus Finnland und Australien, Neuseeland und den USA kommen die Besucher, aus Italien, Spanien, Frankreich, der Schweiz, aus allen Teilen Deutschlands. Nicht wenige sogar nur, um das längste Orgelstück der Welt zu erleben. An einige erinnert sich Margit Dannenberg besonders gut:

Zum Beispiel einen Studenten, der von der Harvard Universität hier angereist ist, und hat dann dieses Projekt so euphorisch begleitet, den habe ich aus dieser Kirche gar nicht mehr rausbekommen. Und er hat dann schließlich sogar auch die Nacht hier verbracht und hat dann noch seitenweise drin geschrieben. Und solche Menschen sind natürlich für uns kaum bezahlbar, weil sie das einfach mit an die Universitäten nehmen.

Ob das Ganze wirklich 639 übersteht?

Dannenberg: So lange es kreative Menschen gibt wird das Projekt auch nicht sterben, da bin ich sicher.

Betzle: Haben sie die Kreativität, dann steht das Projekt. Haben Sie die Kreativität nicht, dann ist das Projekt nicht mehr da, aber dann sind auch andere Dinge verloren dieser Gesellschaft.

Neugebauer: 639 sind ja verdammt knapp angesichts "as slow as possible", da stell man sich fast die Unendlichkeit vor, und jetzt reduzieren wir das auf so wenige Jahre … Meine Prognose ist: im Jahre 2620, wenn sich das Projekt so langsam dem Ende zuneigt, sitzen ein paar Leute zusammen, vielleicht auch wieder hier im Herrenhaus und sagen: "So langsam wie möglich - das kann man doch viel länger spielen -also, wir hängen jetzt noch ein bisschen dran!" Das ist meine Prognose.

Die Orgel, die Jahrhunderte überstehen soll, baut die Firma Seiffert aus Kevelaer, mit Unterstützung der Halberstädter Orgelbauwerkstatt von Rainhard Hüfken. Welche Probleme sieht eigentlich der Fachmann für Orgelpfeifen, die 639 ohne Unterbrechung gespielt werden?

Keine. Man wird sie reinigen müssen, aber erfahrungsgemäß sind die Pfeifen so stabil, so fest in der Materialart, dass sie tatsächlich Jahrhunderte überleben können.
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