LänderReport
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16.11.2004
Esel, antreten zum Einsatz
Tiere als Therapeuten in Niedersachsen
Von Petra Marchewka

Schwein auf einer Wiese (Bild: dradio.de/Andreas Lemke)
Schwein auf einer Wiese (Bild: dradio.de/Andreas Lemke)
In einem kleinen Dörfchen nördlich von Hannover, in der Wedemark, gibt es seit genau zehn Jahren ein ganz besonderes Institut: Die Mitarbeiter hier sind Enten, Ziegen und Esel, Schweine, Pferde und Hunde, Katzen, Meerschweinchen und Kaninchen. Sie sollen den Menschen soziales Verhalten beibringen, sollen die Schmerzen des Einsamseins lindern, Krankheiten überstehen helfen. Die Institutsmitarbeiter reisen zusammen mit ihren "menschlichen" Begleitern in Krankenhäuser und Altenheime, Schulen und Kindergärten. Wichtig ist, dass die Tiere sich ruhig und besonnen verhalten - selbst in außergewöhnlichen und extremen Situationen, etwa in der Arbeit mit Autisten oder mit Schwerkranken. Und das müssen sie häufig erst lernen.

Es ist Montagmorgen. Louis hat montags Dienst.

Louis schreitet entschlossen in Richtung Gatter. Bei jedem Schritt nickt der große graue Kopf bedächtig, die langen Ohren wippen im Takt.

Louis trägt das lange, struppige Fell seiner Vorfahren, der französischen Riesenesel-Rasse Poitou. Weil die Poitou so groß sind und so robust, mussten sie den Menschen als Packtiere stets viel zu schwere Lasten tragen. Und weil sie das geduldig und ruhig ertrugen, hielt man sie gern für blöd.

In Louis' dunkelgrauem Zottelfell hängt noch etwas Stroh von der Nacht. Es ist früh, nicht einmal halb neun. Aber seine Schicht beginnt in einer Stunde, da muss sich der Esel langsam auf den Weg machen. Vorne an der Dorfstraße betritt er gemächlich einen Hänger, auf dem schon zwei Kollegen stehen: Elly, das Schaf, und Ronja, das Pony.

Wir nehmen jetzt noch Hühner mit und Meerschweinchen und ein Kaninchen...

Ingrid Stephan ist die "Chefin" von Ronja, Elly und Louis. Ihr gehört das "Institut für soziales Lernen mit Tieren" in der Wedemark bei Hannover. Das Schaf, das Pony und der Esel sind die Mitarbeiter, so wie die 62 anderen Tiere auch.

Alle haben irgendeinen Job. In unterschiedlichen Einrichtungen. In Kinderkrankenhäusern, in Sonderschulen, in Altenheimen, ganz verschieden, die Einsätze sehen auch sehr unterschiedlich aus, je nach dem, wo wir eben sind, wie alt das Klientel ist, welche Handicaps da sind...

Tiergestützte Therapie und Pädagogik. So heißt das, was Ingrid Stephan da macht. Tiere als Therapeuten haben sich in vielen medizinischen und sozialen Bereichen längst bewährt. Aber die meisten Einrichtungen können oder wollen sich keine eigenen Tiere leisten. Da kam die Sozialpädagogin und Tiertrainerin auf die Idee, mit Esel, Ente, Gans und Schwein auf Reisen zu gehen. Seit genau zehn Jahren macht sie das jetzt.
Das jüngste Mitglied der tierischen Familie hat rotbraunes Strubbelfell und große braune Kulleraugen.

Das ist Emma, das ist ein vier Monate altes Kuhkalb, die haben wir mit der Flasche groß gezogen, die Mutter hat das Tier nicht angenommen, und auf so eine Gelegenheit habe ich einfach schon lange gewartet, das ist nämlich die einzige so genannte Nutztierrasse, die uns hier im Repertoire gefehlt hat, wir haben Schafe, Ziegen, Esel, Enten, Hühner, Gänse ... Schweine, nur noch kein Rind, und jetzt ist das unsere erste kleine Kuh.

Ingrid Stephan führt Emma am Strick in den hinteren Teil des weitläufigen Geländes in der Wedemark. Hier soll das Kalb zusammen mit den anderen Tieren, die heute nicht im Dienstplan stehen, seinen "freienTag" verbringen.

Na komm her, trau dich... Ja, hier haben wir jetzt einen Teich für unsere Tiere, das ist richtig schön, (...) das ist natürlich gerade für die Enten und Gänse total schön...

Die zierliche Frau mit den kurzen blonden Haaren schließt das Tor hinter den Tieren und läuft zurück zur Dorfstraße. Ruhig schließt sie die Klappe des Anhängers hinter Elly, Ronja und Louis und setzt sich vorne ans Steuer ihres kleinen Transporters.

Julia? - High, Ingrid hier, kann Stephanie mit ihrem Auto hinter mir herfahren?


Das Gespann rappelt über die kleinen Dorfstraßen in südlicher Richtung, nach Hannover.

Wir fahren jetzt ins Therapiezentrum zur Förderung autistischer Kinder und Jugendlicher.

Studien haben ergeben, dass Tiere einen Beitrag zur Heilung von Krankheiten leisten, weil sie Kranke zu mehr Bewegung animieren, weil sie Einsamkeit vermeiden, Zufriedenheit fördern. Tiere wirken präventiv bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Erkrankungen des Bewegungsapparates, psychosomatischen Erkrankungen. Als Therapiebegleiter sind Tiere besonders wirkungsvoll bei einsamen und allein stehenden Menschen, bei psychisch Kranken und Depressiven, bei alten Menschen, bei Behinderten und chronisch Kranken.

Bei autistischen Kindern ist es eben so, dass sie zum Teil ein hohes Maß an Kommunikationsstörungen haben, ein hohes Maß an Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen, (...) die Tiere können einfach eine Türe öffnen, haben eine Eisbrecherfunktion, und dann kann man an dem Punkt auch sehr gut weiterarbeiten.

Während Ingrid Stephan ihr Gespann auf die Autobahn 7 nach Hannover lenkt, steht Louis zusammen mit Elly und Ronja entspannt hinten im Hänger. Die Tiere sind die Fahrerei gewöhnt, knabbern allenfalls ein wenig Heu, ansonsten dösen sie dem Fahrziel entgegen. Stress haben die Mitarbeiter des Instituts weder beim Herumfahren noch bei ihren Einsätzen.

Die haben in der Regel drei Einsätze in der Woche. Die ungefähr drei Stunden dauern. Bei dieser relativ geringen Menge macht es immer wieder Spaß, wenn man an der Reihe ist. Und von daher habe ich sehr einsatzfreudige Tiere dabei, und das ist auch ganz wichtig und schön, mit eine Grundlage für erfolgreiche Arbeit.

Ingrid Stephan und die Tiere sind am Ziel. Der kleine Bus mit dem Anhänger fährt auf den Hof des Therapiezentrums für autistische Kinder, mitten in Hannover.

So, jetzt muss ich ein bisschen Gas geben.

Ein kleiner Park, alte Bäume, ein Spielplatz. Eine alte Villa, weiß getüncht.

Gelassen geht Louis rückwärts runter vom Anhänger. Stephanie und Jessica, die beiden Praktikantinnen des Instituts für soziales Lernen mit Tieren, sind inzwischen auch eingetroffen und helfen bei den Vorbereitungen. Sie binden das Pony Ronja und den Esel Louis an einem Pfosten fest, setzen die Meerschweinchen, die beiden Hühner und das Kaninchen in ein kleines Gehege.

Da sagen wir mal Hallo Louis, ne, begrüßen wir den mal, guck mal, wie weich der ist...

Die ersten Kinder kommen aus dem Haus in den Garten. Jedes hat eine Betreuungsperson dabei. Luzie, ein keines Mädchen mit blonden Haaren, geht direkt auf Louis zu. Ingrid Stephan hilft Luzie beim Aufsteigen. Das Mädchen strahlt begeistert.

Du bist ja echt mutig. Gehen wir mal ganz langsam los? Wenn irgendwas ist, sagst du mir irgendwie Bescheid. Louis geht auch ganz vorsichtig mit dir, ne.

Ein anderes Mädchen steigt zielstrebig in das Gehege mit den Kleintieren. Es zeigt mit den Fingern auf ein struppiges, weißes Meerschweinchen.

Magst du es auf dem Schoß haben? - Ja. - Das ist Schneewittchen. Schneeeeewittttchen. Weil sie so weiß ist, guck mal...

Wir setzen absichtlich so viele verschiedene Tierrassen ein, weil jedes Tier andere Zugangsmöglichkeiten hat. Was für den einen vielleicht das Pferd ist, das ihn so anspricht, ist für das andere Kind das Schaf oder der Esel oder das Minischwein oder auch das Huhn.

Darf ich das zu dir draufsetzen? - Mmh. - "Guck mal, dann streichelt man das ganz vorsichtig mit dem Federstrich, von vorne nach hinten.

Louis und Ronja tragen inzwischen ein Kind nach dem anderen durch den Park. Mit stoischer Gelassenheit. Egal, wie sich das Kind verhält, egal ob es schreit, schaukelt oder auf dem Rücken des Tieres herumkrabbelt.

Sie beherrschen die Arbeit und das, was von ihnen erwartet wird, sehr gut, sie müssen sich nicht dazu zwingen, das heißt, sie bringen einfach von ihrem Interieur her ganz viel Ruhe sowieso mit, aufgrund ihres Charakters, aber auch aufgrund ihrer Rasse, von daher ist das ganz entspannt, und das ist, denke ich, auch eine Voraussetzung. Ich kann ein Pferd nicht knebeln mit Ausbindern und Stoßzügeln, damit es irgendwie ruhig bleibt und bei der Sache bleibt.... - (zu Kind:) Kommst Du zu mir? Komm Louis, es geht schon los. Noch ein Schritt, noch ein Schritt...

Für die Kinder ist das schon ein ganz wichtiger Termin...

Die Sozialpädagogin Antje Marché steht an der Hauswand und schaut zu, wie Louis die Kinder durch den Park trägt, zusammen mit Ronja, dem Pony, und Elly, dem Schaf.

Wir merken es daran, wenn es mal ausfällt, weil das Wetter schlecht ist, dass die Kinder das auch vermissen, obwohl sie nicht sprechen, sie das in ihrem Verhalten aber doch zeigen, dass ihnen dieser Tag in der Woche fehlt.

Mittagspause. Knapp zwei Stunden hat Louis bis jetzt gearbeitet. Für die Pause hat ihm Ingrid Stephan Trense und Decke abgenommen, das Startzeichen für Müßiggang. Gleich wird sich Louis genüsslich ins Gras werfen, die Beine in die Luft strecken, sich das Fell auf dem Boden schubbern.

Es ist so gewesen, dass meine Mutter vom Land kam und da auch diejenige auf dem Hof war, die ein besonderes Händchen für Tiere hat, die alle Flaschenkinder groß zog, mir geht das ähnlich...

Ingrid Stephan gießt sich in der Eingangshalle des Therapiezentrums einen Kaffee ein und lehnt sich zurück in die Polster eines alten Sofas. Sie erzählt, wie alles angefangen hat, damals, in der Wedemark bei Hannover, vor zehn Jahren.

...und ich hab auch gemerkt, dass mir die Arbeit sehr viel Spaß macht und dass dieser nonverbale Kontakt mit den Tieren und dieses sich auf Tiere - im wahrsten Sinne des Wortes - einlassen, was unheimlich Schönes ist.

Zusammen mit fünf Mitarbeitern und ein bis zwei Praktikanten betreut sie heute etwa 200 Menschen, die sie regelmäßig besucht. Der Einsatzbereich des Instituts für soziales Lernen mit Tieren umfasst die gesamte Region in und um Hannover. Aber Ingrid Stephan bietet auch einwöchige Projekte an, da fährt sie mit den Tieren bis nach Köln und Berlin, bis München und Hamburg.
Viele der Einrichtungen, die Ingrid Stephan betreut, haben sich Sponsoren gesucht, um die zusätzlichen Kosten, die durch die tiergestützte Therapie entstehen, zu decken. Ingrid Stephan selbst konnte einen großen Futtermittelhersteller gewinnen, der ihre Arbeit fördert. Aber das reicht längst nicht aus.

Mit behinderten Menschen, Menschen mit Handicaps, und Tieren zu arbeiten und das kostendeckend zu schaffen beziehungsweise sogar noch gewinnbringend, damit man wieder Geld für neue Projekte hat, das ist wirklich schwierig und grenzt manchmal an Zauberei (...), das Problem dabei ist, dass die Tiere eben maximal drei, allerhöchstens mal vier Stunden an einem Stück arbeiten, und diese drei bezahlten Stunden plus die Arbeit, die dazu gehört, das Hinfahren, das Zurückfahren, Aufladen, Abladen, Stroh holen, Heu holen, misten, die ganze Logistik die dranhängt, plus Organisation und Büro, eben viel mehr Stunden frisst und sich eigentlich nicht rechnet (...), ja.

Ein Stündchen noch, dann hat der Esel Louis für heute Schluss. Jetzt wartet schon die nächste Kindergruppe.

Ein Mädchen, Katharina, steht abseits, hat sich die Jacke über den Kopf gezogen, die Arme vor dem Gesicht verschränkt. Den Oberkörper biegt sie wie ein Klappmesser nach unten zu den Knien. Erst als sie zu Louis geführt wird, sein Fell fühlt, lugt sie vorsichtig aus der beschützenden Jacke hervor. Als sie dann schließlich von Louis getragen wird, richtet sie sich auf und zeigt der Welt ihr Gesicht - einen kurzen Ritt lang.

Sie (die Tiere) haben ein Gespür dafür, ob da ein Mensch oben sitzt, der gesund ist, der mutig da drauf sitzt und reiten möchte, oder ob da ein Mensch drauf ist, der in irgendeiner Form ein Handicap hat. Das spürt ein Tier schon. Die gehen mit einem behinderten Kind um wie mit einem rohen Ei. Ganz, ganz vorsichtig. Dieses Gespür: Da ist jemand hilfloser, ja. Und das wird auch in keiner Weise ausgenutzt.
Klasse machst du das, ich staune! - Staune. - Ja, ich staune über dich. Finde das toll. Ich weiß nicht, ob ich mir das getraut hätte, als ich so klein war wie du.

Ist gut, ist okay... (Quieken, Rascheln) Jedes ist eine eigene Persönlichkeit.

Praktikantin Stephanie bringt die kleinen Instituts-Mitarbeiter zurück nach Hause in die Wedemark: Vier Meerschweinchen. Das Kaninchen. Die beiden Hühner.

So, raus mit euch.

Morgen im Dienstplan: Die Schweine.

Hier vorne, das ist Elsbeth, Elsbeth, genau, das ist Elli und das ist Billy. So, ihr drei, kommt mal raus. Hallo Billy, alles klar? Schweine, die haben 30 verschiedene Grunzlaute. (...) Elsbeth, komm mal her!

In einer halben Stunde wird auch Louis wieder zu Hause sein. Louis, der französische Riesenesel der Rasse Poitou.

Es ist Montagabend.

15 Kinder hat Louis heute durch den Park getragen. Er hat ihnen ein bisschen Selbstbewusstsein geschenkt, ihnen für einen Moment vier starke Beine geliehen und sie kurze Zeit über sich selbst hinauswachsen lassen. Das war eine Menge.

Den Feierabend hat er sich also verdient. Entschlossen schreitet Louis zurück Richtung Gatter, der große graue Kopf nickt bedächtig, die langen Ohren wippen im Takt.
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