LänderReport
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19.11.2004
Die Angst nach dem Krieg
Traumatisierte Bundeswehrsoldaten werden in Hamburg behandelt
Von Petra Marchewka

Wenn der junge Soldat den Geruch von gegrilltem Fleisch wahrnimmt, überfallen ihn Ekel und Angst. Der Grund: Er hatte in Afghanistan einen Schützenpanzer gereinigt, in dem zuvor ein Kamerad mit schweren Verbrennungen transportiert worden war. Immer häufiger treten bei der Bundeswehr Fälle auf, in denen Soldaten ihre Erlebnisse aus dem Einsatz nicht mehr verarbeiten können - seit Beginn der deutschen Beteiligung im Kosovo. Derzeit liegt die Zahl der Soldaten mit "posttraumatischen Störungen" bei etwa einem bis 1,5 Prozent aller deutschen Soldaten im Auslandseinsatz. Das Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg ist auf diese Problematik spezialisiert.

Soldatin: Wir waren ja knapp vier Monate da unten, im Kosovo, das war '99...

Der erste Einsatztag. Jacqueline Czok erinnert sich. Sie hat besondere Gründe dafür.

Soldatin: Da hatte ich nämlich Geburtstag, war mein 30ter, da sind wir nach Köln, dann erst mal nach Tetevo, nach Mazedonien, und waren dort eine Woche stationiert, da ging's ja eigentlich so ganz gut…

Sie ist Soldatin, Rettungssanitäterin. Noch glaubt sie, in diesem Beruf immer anderen helfen zu können.

Soldatin: ...am 13. Juni sind wir einmarschiert. (...) Die Serben sind abgezogen, wir sind in denen ihre Stellungen rein, bis nach Prizren. (...) Minen lagen auf der Straße, wir sind an welchen vorbeigefahren, Minen an den Straßen, alles verkabelt, Schüsse, Minen sind explodiert, das sind natürlich alles Eindrücke gewesen, die ganz schön an den Nerven gezerrt haben, und dann haben wir natürlich mitten in der Nacht auch noch 'n Toten gefunden...

Die Sanitäterin muss das Panzerfahrzeug verlassen, sich um den Toten kümmern. Sie hat Angst. Angst um ihr Leben.

Soldatin: ...und na ja, da wir halt vor Ort waren mussten wir dann... haben wir ihn dann geborgen, weil es halt auch ein Deutscher war, zur Rückführung, dass er halt eine ordnungsgemäße Bestattung bekommt, und dann haben wir ihn halt mitten in der Nacht aufgeladen, wir hatten ein Räumschild vorne am Panzer, dann haben wir ihn da halt reingelegt, (...) das war schon krass.

Jacqueline Czok ist gut ausgebildet. In Trainingscamps, zu Hause in Munster und in Bergen. Da hat sie geübt, wie sie auf Extremsituationen reagiert. Sie hat Amputationen versorgt, Bauchverletzungen, Kopfverletzungen.

Soldatin: Der sah ja nun nicht aus wie ein toter Mensch, sondern er war halt verletzt, war blutüberströmt, hatte eine klaffende Kopfwunde, der Anblick war für einige Soldaten schon ganz schön... wo sie auch im Nachhinein noch dran kämpfen mussten...

Mach einfach deine Arbeit, sagt sie sich. Tu deine Pflicht. Deine Pflicht als Sanitäterin.

Soldatin: ...und dann mussten wir ihn aber in diesen Leichensack, den man dann ja immer bekommt, mit diesem Reißverschluss, und dann mussten wir natürlich diese Panzerplane aufmachen. Das habe ich noch niemals in meinem ganzen Leben so gesehen, ich glaube, da war ‘ne Million von Fliegen auf diesem Menschen drauf, das war richtig schwarz, ne, (...) und dann noch der Gestank dazu...

Soldatin: Wir haben es gemacht, aber wir haben uns darüber keine Gedanken gemacht, weil wir konnten uns auch keine Gedanken machen, wir wussten ja, wir sind noch dreieinhalb Monate da. Es kam ja immer wieder was Neues. (...) Die Ereignisse, die kamen immer und immer und immer mehr.

Sie wird im Verlauf ihres Einsatzes auf Massengräber stoßen, auf verbrannte Frauen und Kinder, auf Schwerverletzte, denen sie nicht helfen kann. Später dann, in etwa eineinhalb Jahren, da wird sich Jacqueline Czok in die Abteilung VI des Bundeswehrkrankenhauses in Hamburg einweisen lassen müssen. Lebensunfähig, von Schuldgefühlen geplagt. Von Alpträumen und Selbstmordphantasien zerrissen.

Biesold: Die Auswirkungen, muss man sagen, sind bei heftigen Traumatisierungen, egal, welche Ursache oder welche Geschichte das Trauma hat, durchweg die gleichen.

Hamburg, Bundeswehrkrankenhaus, Abteilung VI. Doktor Karl-Heinz Biesold ist Psychiater, Psychotherapeut und ärztlicher Leiter der Abteilung für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie.

Biesold: Das eine sind immer wiederkehrende, sich aufdrängende Erinnerungen an das traumatisierende Erleben, verbunden aber mit ganz heftigen Emotionen, mit ganz heftigen Ängsten, mit heftigen vegetativen Reaktionen wie Herzrasen, Schweißausbrüche, (...) das zweite sind Zeichen einer erhöhten Erregbarkeit, Nervosität, innere Unruhe, extreme Schlafstörungen, die die Betroffenen haben. (...) Und der dritte Symptomkomplex ist das, was wir Vermeidung nennen, dass der Betroffene alles das, was ihn an das traumatisierende Ereignis erinnert, seien es Gerüche, wenn einer an so einer Bombenattentatsstelle war, verbranntes Fleisch gerochen hat, nicht mehr Grillen kann, sei es, dass es Bilder sind, oder dass es Geräusche sind, die dann wieder diese heftigen Emotionen auslösen bei ihnen, dass diese Dinge eben alle vermieden werden, und depressive Stimmungen dann auftreten, bis hin zu Selbstheilungsversuchen mit Alkohol, (...) bis hin zu Drogenkonsum, wie man das ja von den Vietnamveteranen weiß, die chronische, posttraumatische Belastungsstörungen hatten.

Als in den 70er Jahren tausende traumatisierter US-Soldaten aus dem Vietnamkrieg zurückgekehrt waren und mit ihren massiven Störungen in einem zivilen Land erheblich auffielen, begann man in den Vereinigten Staaten, posttraumatische Belastungsstörungen zu erforschen. Unterstützung bekam diese wissenschaftliche Initiative von der Frauenbewegung, die auf die zahllosen Opfer von Vergewaltigungen und deren psychische Verletzungen hinwies und den Betroffenen eine therapeutische Versorgung ermöglichen wollte.
Japan und Deutschland öffneten sich der Psychotraumatologie erst in den 90er Jahren: Die eigenen Kriegserfahrungen und die Verdrängung auch der seelischen Folgen hatten die Forschung bis dahin blockiert.

Kabul. Der Bombenanschlag auf einen Bus in der afghanischen Hauptstadt Kabul, der offenbar durch einen Selbstmordattentäter durchgeführt wurde, hat vier deutschen Soldaten das Leben gekostet. Sieben weitere Soldaten wurden schwer verletzt.
Der Spiegel, Juni 2003.

Biesold: Es waren Soldaten, die einen Drei-Monats-Einsatz hinter sich gebracht hatten, schon ihre Abschiedsparty gemacht hatten abends, morgens früh in einen Bus einstiegen, mit 32 Personen besetzt, um zum Flughafen nach Kabul gebracht zu werden (...), und ungefähr fünf Kilometer hinter dem Lager fuhr ein Taxifahrer, ein Selbstmordattentäter, der eine Bombe im Auto hatte, an die Klapptür des Busses hinten ran und zündete diese Bombe, (...) wir haben Soldaten, die dieses Busattentat überlebt haben, einige noch hier bei uns in der Behandlung.

Kacanik. Im Süden des Kosovo haben KFOR-Truppen neue Massengräber entdeckt. Das Ausmaß der Massaker, die im Kosovo verübt worden sind, übersteige die schlimmsten Befürchtungen, sagen britische Experten.
Der Spiegel, Juni 1999.

Biesold: Wir haben aber auch Soldaten hier in Behandlung, die Zeuge geworden sind von Krieg und Kriegsauswirkungen, zum Beispiel im Kosovo eine Sprachmittlerin, (...) die tätig war in einem Leichenschauhaus, wo so genannte Body-Packs angeliefert wurden, das sind die Körper, die man aus den Massengräbern herausgehoben hat, wo dann in der Pathologie die Leichen identifiziert wurden, auch für den Haager Gerichtshof, und wo sie als Dolmetscherin tätig war, tagtäglich konfrontiert in der Sommerhitze mit diesen Verwesungsgerüchen, aber auch immer wieder mit den trauernden Angehörigen, mit denen sie diese Identifizierung übersetzungsmäßig begleiten musste.

Soldatin: Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich ja gar nicht, was mit mir los ist...

Jacqueline Czok, zurück aus dem Kosovo, lebt von nun an in Deutschland im Krieg mit sich selbst.

Soldatin: ...und wenn man dann hier irgendeine Situation wieder hatte, dann kam das wieder hoch, ich hab zwar gewusst, ich bin in Deutschland, ich hab mir das auch immer selber gesagt, ich bin in Deutschland, aber im Grunde zweifelt man dann an sich selber auch. (...) Ich habe zum Beispiel das erste halbe Jahr kein Fernsehen geguckt. Ich hab's versucht, und dann bin ich ja schon fast zusammengebrochen vor dem ganzen Elend, vor den ganzen Situationen, die da unten gewesen sind, weil ich dachte, ich bin schon wieder da.

Sie verlässt die Bundeswehr, hofft, durch den Abstand zum Militär ihren Frieden zu finden. Schließlich sucht sie Hilfe in Hamburg.

Soldatin: Bei dem Herrn Barre, da haben wir eigentlich so eine Zeitreise gemacht, vom Anfang bis zum Ende, und das ging ja wie gesagt drei Monate, und er hat mich immer wieder in diese Situationen versetzt.

Klaus Barre, Diplompsychologe und psychologischer Psychotherapeut im Hamburger Bundeswehrkrankenhaus, seit zehn Jahren auf Traumatherapie spezialisiert.

Barre: Es wird ihnen nahe gebracht: Das was du jetzt erlebst, ist eine völlig normale Reaktion eines normalen Menschen auf eine unnormale Situation. Und nicht umgekehrt.

Soldatin: Ich hab erzählt und erzählt und erzählt, dann hat er gesagt, so, und jetzt gehen wir da wieder hin...

Barre: Unsere Aufgabe besteht darin, den Patienten zu ermutigen, dem zu begegnen, was er erlebt hat, und zwar ungeschminkt und ungefiltert.

Soldatin: ...es kam wieder alles. Das Unterbewusstsein hat quasi Geräusche, Gerüche, alles sowas, das ist alles wieder hochgekommen. Und das haben wir aufgearbeitet. Und dann hat er mich wieder zurückgeholt, da hat er gesagt: So, jetzt sind wir hier, wir sitzen, fassen sie ihren Stuhl an, wir sind wieder hier, wir sind nicht mehr da, weil bei vielen Gesprächen, da hatte ich Angst, da wollte ich nicht mehr weitererzählen, und er hat aber immer und immer weiter gebohrt, und wir haben ja auch nie geweint. Nie. Und das habe ich da auch wieder gelernt. Dass die Gefühle raus müssen...

Barre: Denken Sie jetzt intensiv an das Bild, holen Sie sich den Satz in den Kopf: Ich muss sterben. Und wenn das Gefühl von Angst und der Druck auf der Brust (...) gut spürbar sind, geben Sie mir ein Zeichen. Und in dem Moment werden die Patienten aufgefordert, den Fingern des Therapeuten, die dieser meist waagerecht vor den Augen des Patienten hin und her bewegt, den Fingern zu folgen, also ihre Augen hin und her zu bewegen...

Soldatin: Da musst du immer auf so einen Finger gucken, meine Augen musste ich die ganze Zeit immer auf diese Finger, und dann hat er gesagt: So, und jetzt erzählen sie...

Barre: Die Methode heißt EMDR, eye movement desensitazation and reprocessing. (...) Diese Methode bringt nach der Erfahrung offensichtlich einen blockierten Informationsverarbeitungsprozess wieder in Gang, so dass Stück für Stück (...) die Patienten das Erlebte wiedererleben, abarbeiten und integrieren können, so dass am Ende des Prozesses die Belastung extrem gesunken ist...

Zwischen 16 und 18.000 deutsche Soldaten sind jedes Jahr im Ausland stationiert. SFOR-Einsatz in Bosnien-Herzegowina. Prizren im Kosovo. Der ISAF-Einsatz in Kabul, Afghanistan. Dazu Georgien und Dschibuti am Horn von Afrika. Jährlich ungefähr 100 Soldaten kehren wie Jacqueline Czok mit posttraumatischen Belastungsstörungen zurück. Karl-Heinz Biesold vom Hamburger Bundeswehrkrankenhaus schätzt die tatsächliche Zahl aber deutlich höher.

Biesold: Wir glauben, dass wir nur die Spitze des Eisbergs sehen, weil Soldaten natürlich schon von ihrer Auffassung über ihren Beruf her nicht leicht sich in psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung begeben, dass dort eine große Hemmschwelle ist, dass sie auch Angst haben, es könnte Karrierenachteile haben...

Die Hamburger Klinik ist das einzige der acht Bundeswehrkrankenhäuser in Deutschland, das sich auf die Behandlung von einsatzbedingten Traumata spezialisiert hat. Und das nicht etwa, weil man von Seiten des Verteidigungsministeriums hier eine Notwendigkeit erkannt hätte.

Biesold: Wir haben uns hier vor 10 Jahren aus eigener Initiative entschlossen, diese Arbeit zu machen, die wir jetzt machen, das ist noch immer kein offizieller Auftrag der Bundeswehr, (...) hier wird ein Spektrum abgedeckt einsatzrelevanter Medizin, was sonst in dieser Form und in diesem Ausmaß in anderen Bundeswehrkrankenhäusern nicht gemacht wird.

Gewalt und Terror, so die Einschätzung der Hamburger Ärzte, breiten sich zunehmend in nahezu alle Lebensbereiche aus. Psychotherapeutische Kompetenz ist daher nötiger denn je.

Biesold: Selbst wenn wir jetzt noch die Zahlen bewältigen können: (...) Wenn es zu einer Großschadenslage kommt, dann können wir solche ausgebildeten Leute nicht einfach aus dem Boden stampfen, und auch die Organisationsstrukturen nicht einfach aus dem Boden stampfen, wir müssen in diesem Bereich eben genauso etwas vorhalten wie in der somatischen Medizin.

Soldatin: Ich wollte ja wieder ins Leben zurück. (...) Ich hatte bisher mein Leben immer ganz gut gemeistert, warum sollte mich das jetzt so nach hinten werfen.

Jacqueline Czok lebt heute in der Nähe von Hannover, zusammen mit ihrem Sohn und einem neuen Lebenspartner. Sie arbeitet in einem zivilen Beruf, als Beamtin.

Soldatin: Viele Leute wissen ja gar nicht, wo man sich hinwendet, oder wenn dann einer sagt: ohh, Psychologen, da blocken ja viele auch ab, aber es hat ja gar nichts damit zu tun, man ist ja nicht blöd. (...) Sondern es ist halt einfach ein Ereignis, was zu verarbeiten ist, ne, und das ist eigentlich auch nicht schlimm.

Barre: Wir können ganz gewiss nicht jedem Traumatisierten zur Heilung verhelfen. Aber wir können sehr oft in auch schwierigen Fällen zu einer Linderung kommen, oder einer Besserung der Symptome. Manchmal bleibt eine leicht blutende Wunde, manchmal bleibt eine Narbe.
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