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22.11.2004
Bio = Brodowin im Osten
Das Öko-Dorf Brodowin - eine Aufstiegsgeschichte

Das Bio-Siegel haben Produkte aus Brodowin ehrlich verdient. (Bild: AP)
Das Bio-Siegel haben Produkte aus Brodowin ehrlich verdient. (Bild: AP)
Brodowin - das war mit der Wende eine runtergewirtschaftete LPG mit kaputten Böden und veraltetem Maschinenpark. Die Betonung liegt auf war, denn heute wirtschaftet dort einer der größten und erfolgreichsten Bio-Betriebe Europas. Hiesige LPG-Bauern und zugereiste Öko-Bauern haben gemeinsam die Wende in der Uckermark geschafft. Ost und West, Pragmatismus und Idealismus, alte Erfahrungen und neue Sichten - eine Aufstiegsgeschichte.

Krenz: Meine Frau sagt jetzt noch, Du hättest was anderes machen können, dann hättest Du nicht soviel Ärger und soviel Leid und soviel Probleme gehabt, sag ich jetzt mal.

Das Dörfchen Brodowin liegt still und schön zwischen sieben Seen und buckeligen Endmoränenhügeln. Der Kirchturm leuchtet rot in der Morgensonne. Graugänse und Kraniche ziehen mit ein paar Wolken um die Wette. Das war schon immer so.

Mit der Wende 1989 nistete sich die Unruhe in der Idylle ein. In den Häusern und Ställen wurde die Zukunft diskutiert. Wie weiter mit der "LPG 8. Mai"? Fast ein Jahr lang wurde gestritten, manchmal heftig gestritten. Weiter wie bisher? Oder alles anders? Aber was heißt "anders"? Hier, im ältesten Naturschutzgebiet Brandenburgs.

Macht aus Brodowin ein Ökodorf, riet der Dorfschriftsteller Reimer Gilsenbach. Ökologisch landwirtschaften, ökologisch denken, ökologisch heizen, ökologisch essen. Die Idee fand viele Befürworter. Und Peter Krenz setze sich in einen Bus und fuhr in den Westen. So fing die neue Geschichte an: vom Betrieb "Ökodorf Brodowin" und vom Dorf Brodowin.

Krenz: Meine Frau sagt jetzt noch, Du hättest was anderes machen können, dann hättest Du nicht soviel Ärger und soviel Leid und soviel Probleme gehabt, sag ich jetzt mal.

Als die LPG dicht machte und als Agrargenossenschaft wieder öffnete, war Krenz Ex-Brigadeleiter und auf der Suche. Seine Reise führte ihn irgendwann nach Norddeutschland, wo er einen Bio-Bauernhof nach seinem Geschmack fand. Das war. Heute ist Krenz der Chef vom Betrieb "Ökodorf Brodowin".

Krenz: Und natürlich die Aufgabe für mich ist, dass ich auch viel Existenzangst hatte, sag ich mal, und immer noch habe von der Sache her, und die Belastung natürlich enorm ist, aus der Verantwortung heraus. Wir haben jetzt mittlerweile 60 Mitarbeiter, und es ist eine ungeheuere Last, die täglich auf einem lastet, und wenn man dann die Jahresabschlüsse sieht, die ernüchternd sind muss man sich selbst täglich motivieren, das zu tun, und nicht sagen, man meldet sich irgendwo anders.

Krenz bleibt im Dorf und bei der Ökologie. Der Betrieb hat sich zu einem der größten landwirtschaftlichen Bio-Höfe Europas hoch gerackert. Die Felder, auf denen Traktoren und Pflüge ihre Bahnen ziehen, reichen bis zum Horizont. Was da wächst und was daraus gewonnen wird, geht republikweit über den Ladentisch. Von Rügen bis München Öko-Produkte aus Brodowin. Was sich wie eine Erfolgsstory anhört, begann mit dem Mut der Verzweifelten und der Hilfe einiger Wessis.

Krenz: Wir haben damals den Mut gehabt, 1200 Hektar umzustellen auf ökologischen Landbau, das war natürlich für viele aus den alten Bundesländern gar nicht vorstellbar. Die klassischen, herkömmlichen Strukturen im ökologischen Landbau in Europa sind Familienbetriebe, die bis 200 Hektar wirtschaften, aber die Größenordnung von jetzt 1000 Hektar war ja noch gar nicht da, die war einzigartig. Und darin war auch die Schwierigkeit. Wir konnten die bäuerlichen Betriebe nicht abkupfern und die Strukturen übernehmen. Wir mussten uns eigene Strukturen aufbauen, die natürlich sehr, sehr teuer waren, diese Aufbauarbeiten, weil uns niemand helfen konnte dabei.

Jedenfalls kaum jemand aus dem Osten und nicht viele aus dem Westen. Im Osten gab es keinen Bio-Anbau, im Westen nicht in dieser Größenordnung. Also glaubten auch nur wenige Bio-Bauern aus den alten Bundesländern daran, dass Öko- Landwirtschaft in großen Dimensionen funktionieren würde.

Wer trotzdem kam, scheute nicht das Experiment. Zum Beispiel Michael Kuper. Der Bio-Bauer rückte mit seiner Familie aus Süddeutschland an.

Kuper: Wir haben uns das hier oben angeschaut, es war sehr reizvoll, es war für uns natürlich auch völlig neu, diese Dimensionen von landwirtschaftlichen betrieben, so viele Kühe auf einem Fleck, das kannte man aus dem Allgäu überhaupt nicht, aber die Aufgabe war reizvoll und dann sind wir hier hoch gekommen.

Schöne Landschaft, interessantes Projekt. Neuland. Für Einheimische und Zugezogene. Für Traditionalisten und Ökos, für Ossis und Wessis. Zwei Weltanschauungen in einem 440-Seelen-Dorf.

Kuper: Danach kamen die Schwierigkeiten. Dass natürlich viele nicht wussten, wie wir uns hier weiter entwickeln. Das ging auch soweit, dass viele gesagt haben, wir werden untergehen, wir werden verunkrauten, unsere Tiere werden verhungern, die Äcker werden verkommen. Also es war natürlich sehr, sehr zwiespältig, und natürlich viele Leute, die das überhaupt nicht verstanden haben, auch Kommunalpolitiker, die massiven Widerstand gemacht haben, die Ängste geschürt haben aufgrund der Ökologie. Wo gesagt wird, dass die Ökologie die Wirtschaft behindert, den Tourismus behindert, dass die Kröten und die Frösche mehr Einfluss haben als die Menschen usw.

Der Graben zwischen den Gegnern war breiter als die Dorfstraße. Die neuen Anbaumethoden sorgten für Verwirrung, Aufregung und Streit. Hexerei! Den Bio-Bauern wurde der Sektenbeauftrage ins Haus geschickt. Steine, um sie jemandem in den Weg zu legen, gibt es auf dem Land genug. Besonders für "Fremde".

Gareis: Naja, also klar, die neuen werden eben immer erst mal beäugt. Und die Lebensweise ist anders, und da war denn auch immer mal so ne Zeit: Aha, die haben keine Gardinen vor den Fenstern oder so ne Sachen. Aber ich denke mal, arbeitsmäßig, im Betrieb, wenn Sie gezeigt haben, Kupers sind ja auch zugezogen, also wenn se gesagt haben, hier ist mein Betrieb, hierfür arbeite ich, dit und dit mache ich für Brodowin, dafür ist Brodowin bekannt.... ne, man muss sich einfach ein bisschen einbringen, auch gesellschaftlich ein bisschen tätig werden, auch mal zum Tanz gehen, ja, sich unters Volk mischen einfach, auch zu Dorffesten mal präsent sein.. Einfach um den Alt-Brodowinern zu zeigen, ich bin jetzt hier neu, aber möchte mich gerne einfügen, dann ist das schon gut.

Ein junger Mann will ein Kilo Rosenkohl gleich frisch vom Feld kaufen, was kostet der? Kerstin Gareis kennt den Preis, sie arbeitet seit zehn Jahren im Laden, verkauft Produkte vom Öko-Betrieb. Milch, Joghurt, Butter, Obst, Gemüse, Wurst und Fleisch. Der Liebe wegen kam sie Mitte der 80er Jahre aus dem Nachbardorf nach Brodowin, der Neugier wegen stieg sie im Betrieb "Ökodorf Brodowin" ein.

Gareis: Also ich muss mal sagen, ich war ja noch sehr jung und es war Neuland, aber wir haben gesagt, wenn es irgendwie weitergehen soll, dann kann es nur auf dem Wege geschehen. Klar, an einige Sachen musste man sich erst gewöhnen, wenn man das nicht so kennen gelernt hat, muss man sich einfach mit befassen. man muss nicht sagen, es ist alles Spinnerei, sondern man muss sich wirklich damit mal befassen, mal die Leute fragen und sagen: He, was machst 'n jetzt? Und dann kann man das eben auch gut nachvollziehen.

Sagt 's und wischt energisch die Ladentheke blank. Mancher konnte das nicht "gut nachvollziehen". Einige Einheimische stiegen aus dem Bio-Betrieb aus, manche Zugezogene verließen Betrieb und Dorf.

Gareis: Jeder hat ja so seine Ideen, und manche Ideen sind in so 'n Dorf und so 'n Betrieb umsetzbar, aber es gibt auch ne menge Ideen, die einfach nicht umsetzbar sind. Und wenn ich mit dem Kopf durch die Wand will ... also ich bin immer der Meinung, die Leute, die schon früher zu LPG-Zeiten hier waren, die haben ja eine Erfahrung. Die Älteren, die wissen, dieses Land hat den und den Boden, da kann ich die und die Früchte raufbringen. Und wenn ich da als völlig Fremder komme und da auch nie mal den Rat der Älteren höre, denn isset einfach schwer. Also wenn ich auf Dauer immer Konfrontation suche und keine Einigung kriege, glaube ich, gefällt mir das Dorfleben nicht, und dann gehe ich wieder...

Der Frühbus nach Eberswalde fährt gerade ab. Hin und wieder tuckert ein Auto über den Dorfanger, Hähne krähen, ein Hund kläfft. Auf der Wiese gegenüber weiden Öko-Kühe. Ein paar Bauarbeiter kommen, setzten sich mit einem Pott Milch oder Kaffee auf die Bank vor dem Laden und begucken die Kühe. Andere pflegen einen kurzen Nachbarschaftsschwatz - der Hofladen ist Dorf-Treffpunkt. Und Verkaufsladen für Bio-Produkte a la Brodowin. Trotz der Schwierigkeiten der vergangenen Jahre. Die waren besonders gern und ausführlich am Biertisch in der "Gaststätte Am Ziegenberg" Stoff für manche Zote. Und sie hielten auch Einzug in den Gemeinderat. Alles ausgestanden heute? Heute halten sich die Gegner bedeckt. Der Bio-Produzent schreibt schwarze Zahlen.

Bert Wollbrink steuert den Bio-Landen an, hat Kisten mit frischem Rosen-, Weiß- und Rotkohl geladen. Wollbrink leitet seit einem Jahr die Abteilung Gemüsebau. Auch er ein Zugezogener, aus Holland.

Wollbrink: Was hier natürlich wunderschön ist, das sind diese Seen und diese Wälder. Und die Luft hier ist sehr gut, das gefällt mir auch sehr. Im Kulturellen sieht man Ähnlichkeiten, findet immer wieder niederländische Spuren. Es gibt Oranienburg, es gibt das niederländische Viertel in Potsdam, man trifft immer Leute, die meinen, niederländische Vorfahren zu haben. Das Oderbruch ist mal von Niederländern trockengelegt worden, dass preußische Königshaus hat auch viele Verbindungen nach Niederlande gehabt. Also, ich fühle mich schon als Europäer, und wir sind hier in Brandenburg mitten in Europa. Die Nähe zu Polen, ich denke, hier gibt es auch europäische Aufgaben.

Die Kühe schlendern von der Wiese vor dem Laden in den Stall, der nur einen Kuhfladenwurf entfernt ist. Boxen, wie man sie aus konventionellen Ställen kennt, fehlen hier. Die Meierei steht direkt neben dem Stall. Täglich werden 2400 Liter Brodowiner Milch allein in Berlin verkauft. Hersteller: Betrieb "Ökodorf Brodowin", Land Brandenburg. 1200 Hektar, biologisch-dynamisch bewirtschaftet.

Kuper: Sowas gibt 's eigentlich nicht mehr. Im Westen sieht es so aus, dass die Bio-Landwirte überall so ein zwei Hektar verstreut Land haben, aber dazwischen ist die konventionelle Landwirtschaft, und die gibt 's hier halt nicht. Dazu kommt noch, dass wir Berlin als Markt vor der Tür haben und sehr gute Möglichkeiten, unsere Produkte zu verkaufen, was ein ganz wichtiger Aspekt ist. Und wir können hier sehr schnell arbeiten, da wir sehr nah am Kuhstall sind.

Als Kuper in dem Öko-Betrieb anfing, gab es nur Trinkmilch und ein wenig Schnittkäse. Erst verbesserte er die Qualität der Milch, dann die vom Käse. Als das lief, fing Kuper mit der Mozarella-Herstellung an. Eins kam zum anderen.
1995 erhielt der Betrieb den Tatort-Preis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Das Bundesamt für Naturschutz startete ein "Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben" zum ökologischen Landbau in Brodowin. In diesem Jahr gab es vom Bundeslandwirtschaftsministerium den Förderpreis für ökologischen Landbau. Die Begründungen liegen auf der Hand. Und sie sind sichtbar. Die Wasserqualität der Seen hat sich verbessert, Tierarten werden nicht mehr totgedüngt - Öko-Landwirtschaft der Zukunft. Bringt dem Betrieb Gewinn, dem Dorf Bevölkerungszuwachs, den Hiesigen Arbeitsplätze. Zur Illustration: In den umliegenden Dörfern liegt die Arbeitslosigkeit bei 20 Prozent, in Brodowin bei vier Prozent.

Krenz: Es kann nicht so weiter gehen, dass wir alles kahl schlagen, sag ich mal, und die Dörfer immer weiter rausschicken und ins Elend, wo keine Arbeitsplätze sind, wo Tausend Hektar noch von einer Person bewirtschaftet werden. Und das sich da keine Kultur entwickelt, keine Dorffeste, keine Kinder, keine Schulen, es ist ja eine Kette ohne Ende, sag ich mal. Und wir versuchen hier eigentlich eine Entwicklung aufzubauen, die etwas dagegen hält. Oder zumindest ne Möglichkeit ist, wie man künftig ländliche Räume strukturiert. Und wir erkennen, dass wir nicht nur Landwirte sind oder Bauern, sondern wir sind Dienstleister, gerade im landwirtschaftlichen Bereich. Dass der Bauer nicht mehr nur noch Bauer ist und Lebensmittel produziert, sondern er macht noch zusätzliche Arbeiten. Dass wir Landschaftspflege betreiben, dass wir Grundwasser produzieren, dass wir Naturhaushalt haben, dass wir Vogelschutz machen, Insektenschutz usw., usw.

Krenz, der uckermärkische Dickschädel, kann viele "und so weiter" aufzählen. Über die Jahre hat es sich rumgesprochen. In Brodowin und hinterm Dorfanger. Renommierte Universitäten und ausländische Dokumentarfilmer kamen in das brandenburgische Dorf. Bauern aus Asien und Lateinamerika wollten es vor Ort genauer wissen. Im Betrieb "Ökodorf Brodowin", der sich heute so wie damals vom Dorf unterscheidet. Aus diesem und aus jenem Grund. Pfarrer Lorenz formuliert es so:

Lorenz: Viele kommen hierher und fragen: Was macht Euch denn als Ökodorf eigentlich aus? Nicht wahr, wenn es nach außen heißt "Ökodorf Brodowin", und im Grunde beschränkt sich 's, das ist ja nicht kleinzureden, aber es beschränkt sich auf den Ökobetrieb, den wir hier vor Ort haben. Viele erwarten aber, dass, wenn sie hier durchs Dorf gehen, dass in jedem Vorgarten irgendwie Filzartikel hängen oder irgendwie jemand noch ein ökologisches Aushängeschild in seinem Garten präsentiert, das ist aber eher die Seltenheit, nicht. So, dass es natürlich nach außen her von seinem Charakter her ein sehr schönes Dorf ist.
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