LänderReport
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23.11.2004
Ich spreche westdeutsch
Wie die Ossis eine neue Sprache lernten
Von Claus Stephan Rehfeld

Können Sie sich noch erinnern? Damals, nach der Wende, musste der Ostdeutsche 2000 bis 3000 westdeutsche Vokabeln büffeln, um sprachlich "in" zu sein. Mehr als 800 Begriffe aus dem DDR-Deutsch landeten im Plastesack der Sprachentsorgung GmbH. Nur rund ein Dutzend Ost-Vokabeln überlebten die Sprachenwende. Wer heute mit der Botanisiertrommel auf die Suche nach Wörtern aus der DDR geht, muss lange suchen, ehe er fündig wird.

Mann: Ich spreche westdeutsch.

Wie die Ossis eine neue Sprache lernten. Nahaufnahmen aus Halle, Sachsen-Anhalt, von einem auswärtigen Sprachfeldforscher. Na schaun wir mal.

Frau: Okay, ich spreche westdeutsch, ja, ostdeutsche Wörter im Allgemeinen benutze ich nicht mehr.

Selten trifft man noch auf Träger der altdeutschen Sprache, kurz ostdeutsch. Irgendwie hat sie noch was von DDR. Nicht die Filmhandlung, für Wessis: Story, die ist schon neugesamtdeutsch - zwei Leichen, Versicherungsbetrug. Tatort Sachsen-Anhalt, die Spur führt zu einer Agentur mit Sitz in Halle.

Der Herr gehört einer aussterbenden Gattung an. Der ostdeutsche Regisseur sagt nicht Action, sondern "Bitte". Wie in der DDR. Der veränderten Sprachumwelt hat er sich nicht angepasst. Seine kommunikativen Normen sind veraltet. Learning by doing klingt in seinen Ohren irgendwie nichtdeutsch.

Ick sage "Jakob, bitte" und "Ton ab" und ich bin am "Drehort".

Als der Regisseur aus dem Mauerstaat zum ersten Mal hörte, die Schauspieler seien am Set, da fragte er: An welchem Zelt? Seine Westdeutsch-Kenntnisse sind als rudimentär zu bezeichnen.

Halle in diesen Tagen. Der Schlächter nennt sich nun City-Metzger, er bestellt Wasser statt wie früher Selters. Und er hat das Problem realisiert. Vor der Wende hatte er dann etwas verwirklicht, jetzt meint er damit, dass er was begriffen hat.

2000 bis 3000 westdeutsche Vokabeln mussten die Ostdeutschen nach der Wende büffeln. So schätzen westdeutsche Sprachforscher. Mehr als 800 Begriffe aus dem DDR-Deutsch landeten im Plastiksack der Sprachentsorgung GmbH. Der Wessi hat die Mülltüte gehalten und wenig dazugelernt. Rund ein Dutzend Ost-Vokabeln hat er gebimst.

Wer heute mit der Botanisiertrommel auf die Suche nach Wörtern aus der DDR geht, muss lange suchen. Die Zeiten, da sich ein Wessi in der "Mitteldeutschen Zeitung" über den fortdauernden Gebrauch des Begriffs Dispatcher erregte und als "blühenden Unsinn" verdammte, sind passé. Jetzt gibt es Obstdispatcher.

Die häufigste Frage, die heute gestellt wird, gilt nicht mehr dem Wohlbefinden des Gesprächspartners. Auch erkundigt sich niemand mehr nach dem Weg zur nächsten HO-Verkaufstelle, der nächsten Parteiversammlung oder der Dicke der Lohntüte.

Kann ich das noch sagen? Wie muss ich jetzt dafür sagen?

Das Interesse an westdeutscher Zunge ist allenthalben anzutreffen. Beim Schlachter, in der Straßenbahn, im Restaurant. Die Überwindung von Sprachbarrieren mit dem Trabi gehört der Vergangenheit an. Mit der Wende wurden flugs die Speisenkarten ausgewechselt.

In Restaurants haben manche merkwürdiges ausgelöst, wenn sie eine Juice oder Most verlangten. Dann muss man O-Saft sagen oder Wasser. Man hat hier immer Selters gesagt, nich.

Westdeutsch ist heute die offizielle Amtssprache. In den Bürostuben der Macht wird an ihrer meisterlichen Formung emsig gearbeitet. Altdeutsche Vokabeln und dem Lateinischen entsprungene Formen werden sensibel eliminiert. Behutsamkeit und Rücksichtnahme gelten als oberstes Gebot.

(Wessi): Ich glaub', viele Ostdeutsche haben auch gemeint, mit anderen Worten passiert was anderes. Aber im Prinzip ist es dasselbe, ja?

Der Sieg des westdeutschen Zungenschlags über altdeutsche Kehllaute im östlichen Landesteil lässt sich genau bestimmen. Es war ein Wochentag.

Ein Kaufhaus suchte Werbehelfer, um ein bestimmtes Produkt vor Weihnachten unter die Leute zu bringen, und schreibt dann in der Zeitung: "Wir suchen eine Propagandistin." Und da hat mich jemand angerufen und gefragt: Gibt es schon wieder Propagandisten?

Als diese Begebenheit über Rundfunk publik gemacht wurde, da wussten nun auch die Wessis, dass die DDR endgültig vorbei war. Die Zahl der Westpakete an die Brüder und Schwester konnte verringert werden.

Schreiner statt Tischler, Zielsetzung statt Zielstellung, Flieger statt Flugzeug. Warum nennt man eine Neubausiedlung jetzt Wohnpark? Der Sachsen-Anhaltiner guckt, staunt und wundert sich. Schneller als die Sprache ändert sich in Halle nur die Straßenführung wegen Baumaßnahmen.

Früher fühlte man sich wohl, jetzt ist man gut drauf. Die westdeutsch geprägte Sprache ist rasch angenommen worden, aber nicht problemlos. "Fremdheit in der Muttersprache" konstatierten anfangs Wissenschaftler von der hiesigen Martin-Luther-Universität. In Raum 7 der maroden Villa des Germanistischen Instituts wurde ein Sorgentelefon eingerichtet.

Kostenlose Sprachberatung seit Anfang 1993. Rund 8500 mal fragten dort vor allem Ostdeutsche: "Wie sagt man das heute?" Früher ging man hier kleechen, später arbeiten, jetzt heißt es jobben. Spricht der Wessi harmlos von Überzeugungsarbeit, zuckt der Ossi zusammen und glaubt "Agitation" gehört zu haben.

Das jeder Satz einen Sinn hat und jeder westdeutsche einen tiefen, hat das sachsen-anhaltinische Gemeinwesen in kurzer Zeit verinnerlicht. Der Obstgärtner bietet neuerdings Neuerntige Granny Smith-Äpfel an. Ein lokales Sprachtalent hat zwischenzeitlich westdeutsches Spitzenniveau erreicht: Der Intercoiffeur von heute ist clean und cool.

Coiffieur: Und wenn man dort reingeht, die Mädchen, die sprechen ja ganz schrecklich. (lacht) Ich muss dauernd irgendwie korrigieren. Was die mit meinem Haar machen wollten! Die wollten die nicht waschen, sondern - was weiß ich - shampoonieren, glaub' ich. (lacht)

Die freundliche Begleitung westlicher Sprachentwicklungshelfer hat zur schnellen Durchsetzung der hoch entwickelten westdeutschen Sprache beigetragen. Das Oberlehrerhafte war verpöhnt, Gemeinsamkeit war in. In der Orthographie herrscht nun - wie überhaupt - ein großer Meinungspluralismus.

Wie soll man es anders bewerten, wenn zum Beispiel hier eine der ersten Anruferinnen, eine Sekretärin, war ganz traurig. Da hatte ihr kurz vorher ihr Chef gesagt, bei ihm wird jetzt das Wort Stenografie mit "ph" geschrieben.
Das ist im Duden beides richtig. Und sie hat es so gelernt vor Jahrzehnten, dass man es mit "f" schreibt. Ich habe daraufhin auch nachgesehen. Die Lehrbücher schreiben das alle mit "f".

So, ich sage, das ist doch egal. "Nein, mein Chef hat gesagt, es muss jetzt mit ph geschrieben werden. Und mit f dulde er nicht.


Auf Grund ihrer sprachlichen Meisterschaft kommen die meisten Chiefs aus dem Westteil des Landes. Dort gilt, was der Vorgesetzte sagt und nicht der Duden. "Du-den, ich-den" lautet die Marschrichtung. Die Erkenntnis durchzusetzen brauchte Zeit und Einfühlungsvermögen. Beides war Mangelware.

Ich bekam einen Anruf von einer Sekretärin, die hatte geschrieben, die "nächste Dienstberatung" findet dann und dann statt. Und da hat ihr Chef gesagt, man kann das so nicht schreiben. Das muss Dienstbesprechung heißen, denn weder hat er die Absicht, jemanden zu beraten, noch möchte er sich beraten lassen.

Hier handelt es sich um eine den ostdeutschen Ohren vertraute Formulierung. Sie macht das Leben leichter, hat es in der Biographie doch keinen Bruch gegeben. Andersdenkende Randgruppen verständigen sich mit unauffällig placierten Schriftzeichen in der freien Presse. Bevorzugt werden Veranstaltungsinserate und Todesanzeigen.

Todesanzeigen und Danksagungen. Da wird eben noch der Hausgemeinschaft gedankt, ja, denn die Hausgemeinschaft, die existiert ja möglicherweise auch noch.

Auch der Brigade wird noch gedankt, obwohl sie nicht mehr lebt. Die Aufteilung des Landes erzeugte semantische Probleme. Die Einteilung löste nicht alle. Die Verwendung von Gänsefüßchen und "so genannt" bleibt Politikern und Chefs vorbehalten. Hat der Untergebene die Nase voll, dann setzt er sich über das Sprachvermummungsverbot rigide hinweg.

Man kann 's auch bewusst einsetzen. Wenn man mal mit jemandem nicht sprechen will, dann sagt man: Hol mal den Polylux. Dann weiß der nicht, was los is.

Was ist das? Was für ein Ding?

Ein Overhead, ja. (lacht) Und schon ... da verstehen sich die Ossis wider. Ist schon so 'n … vielleicht so ein Begriff, da verstehen sie sich wieder.

Verständnisschwierigkeiten gibt es nur noch gelegentlich. Der Osten gleicht sprachlich einer blühenden Landschaft mit partiellen Verwilderungen. Der Nachholbedarf war groß. Nicht weniger als 24.000 Wörter wurden unterschiedlich gebraucht bevor die Sprachmauer fiel. Hier und da liegen noch ein paar Sprachbrocken rum. Sie werden beseitigt.

Früher hatte man viel gelacht, wenn man sich mal missverstanden hatte. Jetzt versteht man sich. Immer wieder bricht im Sachsen-Anhaltiner der Frohsinn durch. So bot ein Einheimischer per Inserat einen Broilerstall an. Ein anderer Budenbesitzer kreierte Mackies Broilertaler. Sogar ein Bratwürstlehäusle wurde hier gesichtet. Die deutsche Sprachunion macht hier viel Spaß.

Die Sachsen-Anhaltiner gehören sprachlich zum Stamm der Autodidakten. Für sie hat Sprache den gleichen Stellenwert wie ein Fortbewegungsmittel.

Wie sich alles ändert an Mode und Möbeln und Autos, ändert sich auch die Sprache.

Die Bereitschaft, westdeutsch zu lernen, ist groß. In der Firma, im Einkaufscenter, sogar im Kreise der Familie werden die neuen Vokabeln gelernt. Dabei kommt es manchmal zu Verwechslungen.

Frau: Ach so, da gibt 's noch 'n Punkt. Er sagt, bei uns ist das gehacktes Klößchen, und er sagt Frikadelle.
Mann: Oder Fleischküchle.
Frau: Und bei uns ist es gehacktes Klößchen. Nein, sagt er, das ist nicht gehacktes Fleischklößchen. (lacht)
Mann: Aber das sind Dialektsachen. Hat nichts mit Ost und West zu tun.

Regionalismen werden für westdeutsch gehalten, weil der Überbringer der Botschaft von Drüben kommt. Die höchste Aufklärungsrate, was denn nun westdeutsch ist und was nur schwäbisches Geschwätz, gibt es in Mischehen. Die wirksamste Form der Überzeugungsarbeit ist die gemeinsame Ratestunde.

Frau (lacht): Ja, das ist schon so lange her.
Mann (lacht): Da gab es viele, ja, aber …
Kind: LPG.
Frau: Ach, LPG, ja.
Kind: Landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaft.
Frau: Nee, Genossenschaft.
Frau: Ja, das ist richtig. Da sind viele Abkürzungen. LPG.
Mann: Gab 's noch welche.
Frau: PGH zum Beispiel.
Mann: Weiß ich auch nicht, was PGH bedeutet. Weiß ich immer noch nicht.

Wo die Politik versagt hat, springt die Liebe ein. Wo wenig Liebe ist, helfen Schiefertafeln weiter. An der hiesigen Martin-Luther-Universität gehört das Studium der verschiedenen deutschen Zungenschläge zur lustvollen Alltäglichkeit an allen Fakultäten.

Wir waren wirklich 50 Prozent Wessis oder noch mehr, fast 60 Prozent. Und die haben sich wirklich an die Tafel so Wörter geschrieben, die sie nicht kannten. Naja, eben wie Broiler, Untertrikotagen. Och, was war denn das noch? Das waren viele Wörter, die kannten die nicht. Aber die Hits waren Ober- und Untertrikotagen, weil das wussten sie wirklich nicht, was das ist. (lacht)

Vermögensberatung, Küchenfachberatung, Unternehmensberatung, Sprachberatung - gelegentlich fühlen sich die Hallenser von Beratern umstellt. Einzelne nennen es "Bevormundung". Dennoch hat der bisherige westdeutsche Sprachgebrauch den Geltungsbereich "gesamtdeutsch" erreicht.

Das macht sich im Verhalten bemerkbar. Früher begannen ostdeutsche Nutzer des Sprachberatungstelefons häufig mit einer Frage, das Problem wurde zaghaft und wortreich umschrieben, Wissensdefizite wurden offen eingeräumt. Das war und geschieht immer seltener. Häufig wird Westniveau erreicht: Tatsachen voraussetzen, entschieden auftreten, Entscheidung erwarten, eigene Unsicherheiten verhüllen.

Mit dem Beitritt der Bevölkerung zum westdeutschen Sprachgebiet ergaben sich sprachliche Identifikationsprobleme. Immer wieder wird die Frage gestellt: Sind wir Anhaltiner oder Anhalter?

In der Firma ist die Sprachanpassung am weitesten vorangeschritten. Manager buchen Kurse, den Rest erledigt der Chief. Bürger aus der ehemaligen DDR werden in mittleren Positionen für Übersetzungsdienste aus dem Westdeutschen ins Ostdeutsche eingesetzt.

Beliebtes Forum für den Erkenntnisaustausch sind Pausengespräche auf dem Gang. Während dort gerade einige Mitarbeiterinnen etwas gröbere Formulierungshilfen wie "Kunden krallen", "Kunden anlocken" und "Kunden einpacken" austauschen, demonstriert der Herr Kiecountmanager (phon.), also ein Buchhalter, die elegantere westdeutsche Locksprache.

Na wenn man sagt, wir haben einen bestimmten Sachverhalt nicht, dann sagt man: Das liegt nicht in unserem Leistungsumfang. Hört sich wesentlich besser an.

Sprache ist dynamisch. Ostdeutschland ist die dynamischste Region. Notorische Zweifler, die aus dem Westteil des Landes eingeschleust wurden, sind kläglich gescheitert. Ein Westmanager wurde entlassen, viele Ossis eingestellt. Massenhaft.

Ja natürlich, massenhaft diese Nachfragen, wie muss ich jetzt dafür sagen? Das ist typisch deutsch - und DDR-mäßig noch stärker - diese Normgläubigkeit, nich. (lacht) Und da brauchten sie auch nichts zu erklären, sie brauchten nur das andere Wort dazu. Das sagt man jetzt, sind die Leute zufrieden.

Von einer Gleichwertigkeit des Ostdeutschen mit dem Westdeutschen gehen Germanisten am Sprachberatungstelefon aus. Sie geben "Hilfe bei deutsch-deutschen Sprachproblemen". Der Teufel steckt im Detail, pflegt der Deutsche zu sagen und erinnert bezüglich westlicher Terminologie an den Nachholbedarf.

Ich habe bewusst Nachholbedarf etwas langsamer gesprochen. Wenn ich nämlich "Nachholbedarf" gesagt hätte, was wir sehr oft noch antreffen, auch heute. … Ich habe es selber erlebt. In Münster hat man mir gesagt, daran erkennt man, woher sie kommen - dieses "Nachhole". Das "e" ist nicht ganz korrekt.

Nicht ganz korrekt oder nicht neuwestdeutsch? Das ist hier die Frage.

Tja, ich weiß auch nicht. Ich weiß, auf jeden Fall würde das hier als falsch bezeichnet, ja. Aber man fällt dadurch auf, ja.

Die Zweiteilung des Landes erzeugte sprachliche Probleme, die Einteilung auch. Was dem Ossi Freude macht, bringt dem Wessi Spaß - die Amtsprache westdeutsch. Sie zu beherrschen komme einem "sehr intensiven, hohen operativen Geschäft" gleich, das "abgearbeitet" werden müsse. Dadurch verschiebe sich, wie uns versichert wurde, manchmal die Mittagspause.

Gelegentlich zeichnet sich ein neuer Separatismus ab. Etwa wenn jemand Fernverkehrsstraße statt Bundesstraße sagt und Ostbrötchen verlangt, die nicht so aufgeblasen sind. Zu beobachten ist ein entspanntes Verhältnis zu Anglicismen. Main-Mapping, cool und clean sowie erwerbstätig sind oft zu hören. Entstanden ist eine Mischsprache. Das Ärzteteam wird vom Krankenhauskollektiv unterstützt. Wiederholt waren Verwechslungen zu konstatieren. Regionalgeprägte Ausdrücke werden häufig für westdeutsch gehalten. Dies gilt insbesondere für das Bayerische.

Der Sachsen-Anhaltiner hat seine Lektion gelernt. Sein Zungenschlag ist verständlich und trendy. Der Ruf nach Einführung der D-Mark war eine versteckte Forderung nach landesweiter Dominanz des Westdeutschen.

So wie man mit dem Westgeld umgehen kann und mit dem neuen Auto und den Reisemöglichkeiten, genauso kann man jetzt mit der Sprache gut umgehen.

Die Anpassung des Ostdeutschen an seine Brüder und Schwestern ist ein permanenter Prozess. Schwierigkeiten werden freudig zur Kenntnis genommen. An ihnen kann man - wie die Germanistin Frau Prof. K. - seine Sprache, seine Gedanken und sein Verhalten schulen.

Aber ich muss ganz schnell lernen, so zu denken, wie sie denken, damit ich darauf reagieren kann. Weil mir manches so fremd ist, ja, dass ich das gar nicht so denken kann, wie man sich verhalten könnte.

Notorische Zweifler, das dies gelingen könne, sind häufig aus dem Westen zugewandert. Sie pflegen ein lockeres Verhältnis mit den Widersprüchen des Alltags. Gemeinhin gelten sie wie Herr E. als Meister der Widerspruchsphilosophie.

Mann: Wenn 's ein Broiler ist, ist es ein Broiler. Aber für mich als Westdeutscher ist es halt ein Hähnchen, ja.

Die Deutsche Einheit ist wesentlich und sprachlich vollzogen. Nur hier und da sind noch geringe Abweichungen zu bemerken. Ossis und Wessis machen sich dann - wie Dr. A berichtet - gerne darauf aufmerksam.

Dieser Herr sagte mir, man merkt es auch daran, dass ich schon mehrfach das Wort "Wende" verwende. Das unterläuft wahrscheinlich einem Redner aus den alten Bundesländern nicht so. Der redet dann immer wieder von der Einheit und so weiter.

In Halle und Umgebung werden derzeit gerne "Sprachschlips" getragen. Derjenige hat einen, der von sich sagen kann: "Die haben überhaupt nicht gemerkt, dass ich ein Ossi bin." Herr K., der Manager aus der Buchhaltung, hat einen Schrank voller "Sprachschlipse". Auch er pflegt die Einheit ... von Sprache und Auftreten und hat vieles dazugelernt.

Das beides 'ne Einheit sein muss, ja, Kleidung, Haltung, Aussprache müssen eine Einheit bilden.

Hier in Sachsen-Anhalt spricht man westdeutsch. Belege für die sprachliche Angleichung haben wir viele gefunden. Unterschiede zwischen Ossi und Wessi sind kaum noch vorhanden. Einzig an Äußerlichkeiten lässt sich der unterschiedliche Sprachgebrauch festmachen. "Todsicher" heißt der "Tatort", der hier in Halle gedreht wird. Filmkommissar Sch. schlussfolgert.

'N Ostdeutscher, der würde sagen: Hast aber ne schöne Jacke, Mann. Farbe chick, Stoff och janz jut; sieht chic aus.
Der Westdeutsche würde sagen: Ist aber ne schöne Jacke. Wie teuer war die denn? Und dann würde er sagen: Ich habe die gleiche Jacke gesehen bei … in einem anderen Geschäft. Wie viel hat die gekostet? Aha, 350. 310, 40 Mark gespart. So reden die Westdeutschen.
Es ist eigenartig, ganz eigenartig. Man muss da immer Preisschilder dran haben.


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