LänderReport
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25.11.2004
Frau Prechtls Untermieter
Studenten ''Wohnen für Hilfe'' in München
Von Alexa Hennings

Nirgendwo in Deutschland ist der Mangel an Studentenunterkünften so groß wie in München. Wenig verwunderlich also, dass ausgerechnet dort eine Studenten-Idee zur Wirklichkeit wurde: Das Projekt "Wohnen für Hilfe". Das Prinzip ist einfach und fein säuberlich per Vertrag geregelt: Studenten leben kostenfrei zur Untermiete bei älteren Vermietern und übernehmen dafür kleine Dienste in Haushalt und Garten. Die 77-jährige Frau Prechtl kann gut damit leben. Momentan hat sie ihren vierten studentischen Untermieter. Sie ist für ihn eine Art Ersatz-Oma und er für sie unentbehrlich.

Da sind Frösche drin, kleine, so kleine, mittlere und ein großer. Der ist schon sieben Jahr' da.

Frau Prechtl bewohnt ein hübsches kleines Haus in München-Passing. Besucher führt sie gleich in ihren Garten. Er ist ihr ganzer Stolz. Ein gepflegter Rasen, blühende Rabatten, üppige Geranientöpfe, die auch im November noch blühen, eine gemütliche Sitzecke und ein kleiner Brunnen mit Fröschen darunter und Goldfischen darinnen.

Prechtl: Ja, und dann hat er kleine Fische geholt. Da haben Freunde von mir Fische ausgesetzt -, also, abgegeben. Die waren einmal von uns. Es sind drei rote verfressene und sechs kleine schwarze. Das ist alles, was man früher in der Kindheit nicht hatte - das holen die dann nach. Ja so ist das./

Virginia Prechtl lässt sich langsam auf dem Gartenstuhl nieder. Es fällt ihr schwer, lange zu stehen. Sie freut sich, an diesem warmen Herbsttag noch einmal in ihrem geliebten Garten sitzen zu können. Ein junger, blonder Mann reicht das Sitzkissen aus dem Küchenfenster heraus: Sebastian. Der, der die Goldfische in den seit Jahren verwaisten Brunnen setzte und der Leben in Haus und Garten brachte. Sebastian Zintl, Anfang 20, aus Torgau in Sachsen, und Virginia Prechtl, Mitte 70, aus München, bilden seit einem Jahr eine Wohnpartnerschaft.

Prechtl:
Er ist sehr fröhlich. Wie er kam, war das erste, was er gesagt hat: Es muss lustig sein, lustig muss es sein (lacht) ... naja, man lacht ja auch. Und am Abend um halb elf - er ist jetzt immer abends um neun von Tengelmann an der Kasse gekommen, dann isst er eine Kleinigkeit und bis dann alles aufgeräumt ist. Na, und dann kommt er und sagt halb elf zu mir: Wo geh'n wir denn heut' noch hin? Ich sag': Da suchst dir a Junge …

Alt und Jung gemeinsam - die Homeshare-Idee wurde vor mehr als zehn Jahren in London geboren. Sich die Wohnung teilen, zum gegenseitigen Vorteil, war die Idee. Wohnen für Hilfe heißt: Die einen geben Wohnraum und die anderen leisten, statt Miete zu zahlen, Hilfe dafür. In Großbritannien, Spanien, in Österreich und der Schweiz ist Homesharing in den Universitätsstädten schon weit verbreitet. In Deutschland waren es Darmstädter Studenten, die dieses Projekt als erste verwirklichten. Auch in Freiburg und München und seit diesem Herbst in Frankfurt und Köln wird "Wohnen für Hilfe" - meist über die ansässigen Studentenwerke - angeboten.

Frau Prechtl hatte schon für zwei Jahre eine russische Studentin im Haus, ein anderer Mitbewohner ist jetzt in Jerusalem. Die beiden melden sich noch regelmäßig bei ihr, rufen an oder schreiben. Das Zusammenwohnen schmiedet zusammen. Man teilt den Alltag miteinander - wenn man möchte. Zum Beispiel das gemeinsame Frühstück.

...was nimmst du bitte (Klappern... Kaffee eingießen) ...da ist auch noch Käse...

Bei Virginia Prechtl und Sebastian, dem angehenden Medizinstudenten, der gerade eine Krankenpfleger-Ausbildung macht und nebenbei im Supermarkt jobbt, sitzen heute gleich noch zwei Gäste mehr am Tisch: Sebastians Freunde aus Leipzig, die mal einen München-Trip machen und ganz selbstverständlich hier mit übernachten dürfen und bemuttert werden. Auch die Hundedame Tessi hat unterm Tisch Platz genommen, Sebastian hat sie heute Morgen schon ausgeführt. Das ist ein Teil ihrer Abmachung.

Prechtl /Zintl:
Das mit der Arbeit ist halt so, dass, wenn ich denke, das was anfällt, dann sage ich es vorher. Das muss in der Regel nicht gleich sein, das kann man sich dann einteilen. Rasenmähen und - was hast' noch getan? Straße hat er gekehrt./ Was machen wir sonst noch? - / Sonst fährt er mich zum Arzt und so, das gilt dann als Arbeitszeit. Ich mein', das sind 14 Stunden die Woche, das Zimmer hat 14 Quadrat - / Im Monat! / Im Monat, Entschuldigung! Ah, i' hab' mir denkt, i' probier's halt! (Lachen) Also, diese 14 Stunden errechnen sich aus den 14 Quadrat. Und dann kommen die Nebenkosten dazu, dafür gibt der Herr Zintl 70 Euro. Das fällt als Einziges in Bar an. Und das ist dann schon günstig.

Vieles hat sich einfach so ergeben, erzählt Frau Prechtl. Das kann man nicht festlegen, das geschieht halt. Sebastian ist zum Beispiel ihr erster Mitbewohner, mit dem sie gemeinsam frühstückt, die anderen kamen nicht so früh aus den Federn. Der Rhythmus einer diabeteskranken Frau und der eines Studenten, der bis nachts über seinen Büchern sitzt, ist nicht so ohne weiteres zu koordinieren. Aber zuerst einmal ging es der alten Dame um ganz einfache Bedürfnisse.

Prechtl:
Ich vermiete eigentlich, und das sage ich auch jedem, weil ich - ich will net unterhalten werden, das ergibt sich oder nicht - aber, dass man halt überwiegend daheim ist, vor allem natürlich nachts.

Jemanden im Haus zu haben, gibt den älteren Menschen Sicherheit. Und so gehört der banale Punkt "häufige Anwesenheit" oft zu den Regeln, die beide miteinander festlegen. Und es gibt noch eine Menge anderer Regeln - die sich manchmal jedoch auch einfach von selbst erledigen.

Zintl, Prechtl:
/Es war ja eigentlich von Haus aus so, dass es hieß: Selbstverpflegung. Und da war ich ja drei Jahre meine eigene Wohnung gewöhnt, da war ich relativ selten zuhause, und wenn ich zuhause war, habe ich halt schnell ein Fertiggericht zusammengeklatscht. Und dann war es gut. Und da habe ich irgendwann mal so ein schmackhaftes Fertignudelgericht gemacht und habe es dann auf den Tisch gestellt. Und Frau Prechtl hat's angeguckt wie ‘ne tote Maus, hat es aber dann freundlicherweise gegessen und hat dann gemeint: Pass auf, probier's nie wieder! - (lacht) - Und seitdem essen wir eigentlich gemeinschaftlich. / Einen österreichischen Kaiserschmarr'n hat er mal g'macht, nach dem Kochbuch1 Der war gelungen, nur zu wenig! Lachen...

Wie viel Nähe sucht der eine? Wie viel Abgrenzung braucht der andere? Wie viel Zeit verbringt man miteinander? Oder belässt man es beim "Guten Morgen!" und der kurzen Verständigung über die Hilfestunden, die in dieser Woche zu leisten wären? In jeder Wohnpartnerschaft müssen diese Fragen geklärt werden, und bei allen wird das Ergebnis ein anderes sein. In Sebastian und Virginia zum Beispiel treffen sich zwei Menschen, die trotz ihres großen Altersunterschieds ähnliche Bedürfnisse haben: Sie wollen viel, und nicht wenig miteinander zu tun haben. Und sie sind unternehmungslustig, beide.

Zintl:
Ich bin gern unter Leuten, bin schon eigentlich ein geselliger Mensch. Und wenn man einen Neustart beginnt, ist es ganz sinnvoll, wenn man jemanden an seiner Seite hat, der tolerant, kollegial und weltoffen ist. Und diese Sachen trafen einfach bei Frau Prechtl zu. Ich glaube, in dieser eigenen Welt für sich, die ja München ist, hätte man sonst keinen Einstieg gefunden. Ich habe Leute getroffen, die schon Jahre hier sind und nichts kennen außer ihr Viertel. Und wir waren schon viel unterwegs, haben uns viel angeschaut. Ich habe von dem München auch abseits von Schickeria und Stress schon sehr viel gesehen und bin dafür sehr, sehr dankbar. Und habe es dadurch nicht bereut.

Einen Ausflug in die Berge mit dem eigenen Auto könnte die gehbehinderte alte Dame schon längst nicht mehr machen. Und die Taxifahrten zum Arzt würden auch ganz schön teuer werden. Sogar Urlaubsfahrten haben die beiden schon gemeinsam gemacht. Ohne Sebastian bliebe das für Virginia Prechtl ein Traum. Die alte Dame hatte viele Jahre mit ihrem Sohn das Haus bewohnt, er zog erst aus, als er mit fast 50 Jahren eine Frau fand. Den Auszug musste die Mutter erst einmal verkraften. Akzeptieren, dass jeder sein Leben hat und sie sich jetzt - auch wenn der Sohn sie noch zweimal in der Woche besucht um andere Hilfe kümmern musste. Durch einen Zeitungsartikel war sie auf den Seniorentreff in München-Neuhausen aufmerksam geworden.

Dort sitzt Brigitte Tauer und hält alle Fäden für das Projekt "Wohnen für Hilfe" in der Hand.

Telefonat Tauer:
...Hallo Frau Scheck, hier ist Wohnraum für Hilfe, Tauer. Können Sie sich noch erinnern an mich? Ich war letzte Woche bei Ihnen, mit Ihrem Enkel zusammen. Ich wollte mich ja melden, wenn ich jemand Netten hätte. Und ich hab' jetzt jemand Netten. Nur leider ist das jetzt ein Mann! Möchten Sie sich da gar nicht mal anschauen? Weil, der hat schon Zivildienst gemacht in diversen sozialen Einrichtungen. Und ich dachte mir, dass Sie ihn sich einfach mal anschauen. Das ist ein ganz Angenehmer und Sympathischer...

Manchmal muss Frau Tauer reden wie mit Engelszungen. Zum Beispiel jetzt, denn Frau Scheck am anderen Ende der Leitung wollte es partout nur mit einer Mitbewohnerin probieren. Denn sie benötigt auch Hilfe beim Duschen.

...Sie hätten das nicht gern, wenn der Ihnen hilft? Da verstehe ich Sie schon auch. Das kann ich mir vorstellen. Das war jetzt halt nur einer, der ist auch Heilerziehungspfleger. Und da dachte ich mir: Der ist erfahren und der kann das auch...

Das mit dem Heilerziehungspfleger scheint ein gutes Argument gewesen zu sein. Frau Scheck am anderen Ende signalisiert vorsichtige Zustimmung.

...also wenn Sie wollen, würde ich ihm jetzt mal die Telefonnummer von Ihnen geben. Ich möchte' Sie aber auch net überrumpeln...

Es geht noch eine Weile hin und her zwischen den beiden. Als weiterer Pluspunkt für den jungen Mann stellt sich heraus, dass er aus Garmisch stammt, also auch aus Bayern. Das ist beruhigend für die alte Dame. Nach langem Telefonieren legt Brigitte Tauer erleichtert den Hörer auf.

...gut Frau Scheck, gerne, gerne, bis dann! Wiederhören - legt auf. - Okay. sie versucht's.

Wieder hat Frau Tauer zwei Menschen zusammengebracht - zumindest erst einmal erreicht, dass sie sich "beschnuppern". Doch selbst wenn es diesmal nicht klappen sollte, ist sie sich sicher, den jungen Mann bald unterbringen zu können - wegen seiner Erfahrung im sozialen Dienst. Auch Sebastian Zintl konnte bald an Virginia Prechtl vermittelt werden, weil er seinen Zivildienst in der Altenpflege geleistet hatte. Denn wenn auch die Studenten - bis auf abgesprochene Ausnahmen - keine direkten Pflegearbeiten übernehmen sollen, weil sie das auf die Dauer überfordern würde, so sind doch Erfahrungen im sozialen Bereich äußerst willkommen.

Tauer:
Das sind ganz begehrte Fälle - der zum Beispiel, den wir hier haben. Gerade Zivildienstleute, die haben schon mehr Erfahrung im sozialen Bereich. Das kommt dann immer sehr zugute. Wobei, im Moment ist es so, es werden gerade nur Frauen gesucht von den Vermietern. Es ist grad' so, die meisten wollen Frauen haben, aber wir haben hier so viel Männer, die sich bei uns bewerben. Das stelle ich jetzt gerade fest. Na, da muss man halt versuchen, die Männer ein bisschen mehr anzupreisen!

Neben Brigitte Tauer stapeln sich dicke Ordner: Einer mit den Mietangeboten der Senioren, drei mit den Unterlagen der wohnungssuchenden Studenten. Und die Ablage mit allen Wohnpartnerschaften, die es bisher gab.

Tauer:
Ja, das sind jetzt die bestehenden seit Beginn des Projektes. Da wird auch immer festgehalten, wie lange es gedauert hat. Das hier sind die aktuellen. Und hier steht einfach drin, wenn wir jetzt zum Beispiel Gespräche führen. Wir legen dann einen Bogen an von den Vermieter: Wo die wohnen, wie groß das Zimmer ist, was sie für Bedürfnisse haben. Ich schreibe dazu einen Bericht nach meinem Hausbesuch, was ich für einen Eindruck gehabt. habe. Und das sind die Bögen der Studenten: Was sie studieren, was sie sich vorstellen könnten, welche Arbeiten sie machen. Das ist jetzt Hausarbeit, Fenster putzen, Anwesenheit, Begleitung zum Arzt, Gartenarbeit und Einkäufe. Also, generell ist es so, dass wir etwa fünfmal so viele Studentenanfragen haben nach Zimmern, fünf- bis achtmal so viel, als wir eigentlich Zimmer zur Verfügung haben.

Ungefähr 35 Wohnpartnerschaften zwischen Alt und Jung vermittelt Brigitte Tauer in jedem Jahr. Oft werden die Karten auch neu gemischt, etwa, wenn ein Student den Studienort wechselt oder ins Ausland geht. Dass jemand auszieht, weil sich beide nicht verstehen, das passiert äußerst selten. Und es ist vor allem der behutsamen Arbeit der Vermittlerin zu verdanken, denn sie schaut sehr genau, wer zu wem passen könnte. Das herauszufinden, ist manchmal ein Balanceakt.


Tauer: Es gibt Leute, die möchten manchmal gar nicht so viel mit der Person, die bei ihnen wohnt, zu tun haben. Die sich einfach nur sicherer fühlen, wenn bei ihnen jemand ist im Haus. Die einfach nur guten Morgen und guten Abend sagen, vielleicht irgendwas anschaffen, was wichtig ist und was sie brauchen. Aber die sonst sehr zurückhaltend sind. Dann gibt es andere, die sind sehr gesprächsbedürftig, die hätten gern, dass man mehr mit ihnen spricht - das ist ganz, ganz unterschiedlich.

Das größte Handicap, erzählt Brigitte Tauer, ist die Angst vieler Senioren. Deshalb ist der Hefter mit den Vermieterangeboten ihrer Meinung nach noch viel zu dünn. Viele Ältere sind das jahrelange, manchmal jahrzehntelange Alleinleben gewohnt und fragen sich, was wohl alles passieren könnte, wenn sie einen Mitbewohner, der noch dazu so jung ist, aufnehmen. Nicht jeder Ältere, meint sie, ist so offen und unkompliziert wie Frau Prechtl, aber auch nicht jeder Student so anpassungsfähig und an tieferen Kontakten interessiert wie Sebastian, der junge Mann aus Torgau.

Zintl: Ich glaube, wenn ich allein hergekommen wäre und mir eine Wohnung gesucht hätte - da weiß ich nicht, ob ich auf Dauer hier geblieben wäre. Das ist am Anfang schon schockierend, wenn man mit diesen ganzen Existenzsorgen jeden Tag leben muss. Sobald die wegfallen, lebt es sich ganz angenehm - für beide. Ich glaube, es ist für beide eine Erleichterung im täglichen Alltag. Für mich ist es gut, wenn ich jemanden habe, mit dem ich reden kann. Wir unterhalten uns viel über alles Mögliche, ohne dass es da irgendwelche Einschränkungen gibt. Sie kann halt viel zu einem Gespräch beitragen, das macht einfach Spaß.

Wohnen für Hilfe - das ist viel mehr, als dass einer Geld spart und der andere die Fenster geputzt bekommt, die Goldfische und die Frösche versorgt werden. Wohnen für Hilfe heißt, dass Alt und Jung sich nahe kommen, miteinander zu tun haben in Zeiten, wo das gar nicht so üblich ist. Wo sie sich helfen, miteinander reden, gemeinsam lachen. Und bestenfalls werden aus einst Fremden Enkel und Großeltern auf Zeit. Menschen, die sich etwas zu sagen haben.

Prechtl: Sie verlernen das Sprechen nicht. Die Dame nebenan, die kaum Besuch hat, kaum eine Ansprache, die ist dann auch nicht redegewandt. Also, mit den Sachsen, da verlernen ‘s Reden net! Die sind sprachlich sehr schnell und reden auch gerne. Ich sag' Ihnen was! Es ist schon nett.
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