LänderReport
LänderReport
Montag bis Freitag • 13:05
26.11.2004
Wo mal die Kaserne stand
Rüstungskonversion in Halle
Von Andrea Seifert

Das größte innerstädtische Konversionsprojekt der Bundesrepublik befindet sich in Halle an der Saale. Dort, wo einst russische Truppenteile stationiert waren, entstand der alte neue Stadtteil Heide-Süd. Der Beitrag legt den Fokus auf den heutigen Zustand, auf die Entwicklungsgeschichte des Konversionsprojektes sowie das Lebensgefühl der Hallenser in ihrem neuen Stadtteil.

Früher war es quasi die verbotene Stadt. Da war dann der rote Stern am Tor und es kam niemand rein. Und manchmal kamen ein paar Russen raus. Wenn mir jemand gesagt hätte, das ist das Haus oder das ist das Areal, wo du mal später dein Haus haben wirst, wo du mit deiner Familie wohnst … niemals für möglich gehalten. Ich hätte da Haus und Hof, Familie verwettet. Und jetzt wohne ich hier, das ist schon komisch.

Preis des Bundesbauministeriums.
"Die Stadt Halle (Saale) wurde für die gelungene Umnutzung von zwei aufgegebenen Militärflächen für den Wohnungsbau sowie für die Bemühungen bei der Nutzung von Innenpotenzialen insgesamt prämiert.
Die beiden ehemaligen militärischen Brachflächen Heide-Süd und Wörmlitz-Kirschberg konnten trotz erhöhten Schwierigkeitsgrades (hohe Entwicklungskosten durch Erschließung und Altlasten, Planungsbedarf bei einer relativ geringen Bodenwertsteigerung) entwickelt werden.
Die Reaktivierung (auch Konversion genannt) beider Flächen für den Wohnungsbau leistet einen wichtigen Beitrag zur Eigentumsförderung in der Stadt Halle (Saale)."

Nicht immer sprechen Fakten für sich, manchmal macht erst der Vergleich den Sinn einer Zahl deutlich. Halle ist mit einem rasanten Einwohnerverlust konfrontiert, Heide-Süd kann auf einen raschen Einwohnerzuwachs verweisen.

Die Stadt ist auf den Stand von 1947 gefallen, in das neue Stadtviertel sind in den sechs Jahren seines Bestehens rund 3000 Einwohner zugezogen.

Man musste natürlich dann eine gewisse Vision haben, wenn man hier damals durch dieses völlig verwüstete, von Panzern umgepflügte Gelände ging, dann musste man schon, ja sich in die letzten Winkel seiner Fantasie vorwagen, um sich vorstellen zu können wie das mal aussehen könnte.

Klaus Rauen war damals Oberbürgermeister von Halle. Damals war 1991 und heißt:
als 15.000 russische Soldaten mit ihren Familien aus der "Garnison Heide" abzogen - Richtung Heimat;
als ein militärisch genutztes Gelände und verseuchter Boden vom Bund übernommen wurden;
als die Stadt noch ganz andere Probleme hatte und auch immer noch hat.

Es bestand auf der einen Seite die Aufgabe, diesen synthetischen Baukomplex Halle-Neustadt mehr einzubinden, gewissermaßen näher an die Stadt heranzubringen. Und wir hatten auf der anderen Seite einen großen Siedlungsdruck ins Umland und wollten natürlich nicht, dass uns die Bürger weglaufen, nur weil sie anderswo irgendwo ein Häuschen bauen wollen, sondern wollten ihnen Gelände zur Verfügung stellen, dass sie in der Stadt in einer wunderschönen Umgebung dann auch ein solches Häuschen bauen können.

Not macht erfinderisch, heißt es. Der Druck war groß, sehr groß.

Und wir haben ja ins Umland, in den Saalkreis mindestens 30.000 Einwohner verloren nur alleine wegen des Siedelns. Natürlich hat den ein oder anderen auch der schlechte Zustand der Stadt vertrieben oder die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die nicht so waren wie man sich das gewünscht hat.

Bestandsaufnahme des Kasernenareals. 1991.
Die als Krankenpavillons der ehemaligen Landesheilanstalt errichteten Klinkerbauten waren als Offizierslazarett mit Röntgenstation, Apotheke und Behandlungszimmer eingerichtet. Die ehemalige Anstaltskirche hatte man als Turnhalle, das benachbarte Gesellschaftshaus als Basketballsaal umfunktioniert. Ein Gebäudeteil der ehemaligen Anstalt war als Garnisonsgefängnis zweckentfremdet. Unweit der Kirche befand sich der Wirtschaftsbereich der Garnison mit eigener Schweinemastanlage. Im gesamten Gelände verteilt fanden sich Tankstellen mit Tanklagern für Öl und Benzin.

1991. Nach dem Abzug der russischen Soldaten bringt eine Bestandaufnahme Klarheit. Klarheit über den Zustand der vorhandenen Gebäude, über den Zustand des Geländes, über das schwer Machbare.

200 Hektar Vergangenheit und Zukunft. Die Vergangenheit ist ein schweres Erbe, die Zukunft eine noch unsichere Vision. Die Gegenwart 1991 ergibt ein - wie es heißt - "buntes Nutzungsbild". Die "Stadt in der Stadt", erst von der Wehrmacht genutzt, dann von den Amerikanern, schließlich von den Russen, ist militärisch ausgerichtet. Zivile Ansprüche sind da nicht vorgesehen.

Halle sieht eine Chance: Wohnung, Arbeit, Studium, Erholung. Stadt und Bund werden rasch handelseinig. Halle kauft dem Bund das Gelände ab, der Bund beteiligt sich bei der Finanzierung.

Pläne werden gemacht. Und es wird viel bewegt.

Wir haben hier in Halle die Situation habt, das wir eben eigentlich die ganze Bandbreite von der Kontermination vorgefunden haben. Das also hier relativ rücksichtslos mit jeglichen Stoffen und Materialien umgegangen wurde und damit eben der Aufwand zur Vorbereitung der Grundstücke und sagen wir mal der Reinigung der Grundstücke immens war. Die Stadt hat insgesamt bisher für die Sanierung der Altlasten einen Betrag von gut 30 Millionen aufgewandt.

Sven Breuel, Projektleiter. Panzer, Reifen, Munition sind zu beseitigen. Der Boden ist mit Diesel, Benzin und Chemikalien verseucht, er muss ausgetauscht werden.

Wenn man sich ein Fußballfeld vorstellt so sind insgesamt, glaube ich, 13 Fußballfelder mit einer Tiefe von jeweils sechs Meter sechzig ausgehoben worden. Der Boden ist gereinigt worden, teilweise im Gebiet, teilweise aber auch, wenn die Belastung zu hoch war auf Deponien außerhalb von Halle verbracht worden. Und es musste dann wieder verdichtungsfähiger Boden eingebaut werden, um eben zukünftig eine Bautätigkeit auf dem Gebiet zuzulassen.

"Baureifmachung der Flächen" heißt das in der Amtssprache: Altlasten erkunden und Sanierung betreiben, wertlose Bausubstanz wie Garagen, Lagerhallen und Schuppen beseitigen. Grundwasser reinigen. Die neuen Einwohner von Heide-Süd kommentieren die vormalige hohe Bodenbelastung mit gemischten Gefühlen, Grundtenor positiv. So wie Karsten Möbius.

... wenn man so die Tomaten setzt, dann denkt man schon dran: na hmmm ..., was ist da so im Boden drin. Wobei es gibt ein Umweltgutachten, das hat die Stadt wohl als Eigentümer ehemals in Auftrag gegeben. Und die sagen, das ist, was die Werte betrifft, bedenkenlos. Andererseits Bedenkenträger, Leute, die richtig Sorgen haben, gibt es auch, und die dann auch entsprechend was gemacht haben. Wir haben uns persönlich auf das Umweltgutachten verlassen. Und im Moment, ich sage mal, wir essen seit vier Jahren das Zeug, was da so angebaut wird, ein dritter Arm ist uns noch nicht gewachsen.

Rahmendaten der größten Stadt Sachsen-Anhalts.

"Drastischer" Verlust an Einwohnern seit der Wende / "23 000 Wohnungen stehen leer" / "Leerstand und Stadtflucht besonders in den vier Plattenbausieldungen". / "Eigentumsmarkt fast gänzlich zusammengebrochen".

"Immens große Arbeitslosigkeit von etwa 20 Prozent" / "Wertschöpfung unter 75 Prozent des Westniveaus" / "Abbau der Industriebeschäftigung um 50 Prozent" / geringe Steuerkraft - "hohe kommunale Sachinvestitionen und Personalausgaben".

"Prekäre kommunale Haushaltslage".

Wohnen und arbeiten, studieren und forschen in Heide-Süd, kurzum innerstädtisches Wohnen auf ehemaligen Brachflächen. 18 renommierte Planungsbüros beteiligen sich an der Umwandlung von Militärgelände in Zivilraum. Eine "neue Stadt in der Stadt" entsteht auf dem Reißbrett. Das Erbe ist schwer, die Ausgangsbedingungen sind günstig. Das Gelände liegt nur drei Kilometer vom Stadtzentrum Halles entfernt, mit Bus und Bahn schnell zu erreichen. Und es grenzt unmittelbar an die Dölauer Heide, dem Stadtwald der Saalestadt. Einen Steinwurf entfernt locken die Saaleauen mit der Peißnitzinsel.

Also das Grün und die Bausubstanz, das sind wohl so die prägendsten Elemente, die an die vormalige Nutzung auch erinnern. Ansonsten hat das ein anderes Gesicht. Das Ganze ist ein Wohngebiet mit hohem Standard. Jetzt findet man eine Vielfalt verschiedenster Wohnformen, begonnenen mit der Sanierung von Mannschaftsunterkünften, als auch über das Reihenhaus, über das Doppelhaus bis hin zu Einfamilienhäusern, die dann am Rande der Siedlung zur Heide hin, in sehr lukrativer Lage, auch sehr gern gebaut wurden. Es gibt dort eine Fahrzeuggarage, die hat eine Länge von über hundert Metern, die dann vielfältige Wohnungen, also unterschiedlichster Größe, also Maisonettwohnungen, aber auch Einraumwohnungen beinhaltet. Und das, vermute ich einmal, ist ein einzigartiges Beispiel für solche Umnutzungen.

Thomas Braunschweig ist der zuständige Stadtplaner für Heide-Süd, dem anderen Gesicht von Halle, dem neuen. 1997 begann die Stadt mit der Erschließung der Fläche, 1998 zogen die ersten Bewohner in Heide-Süd ein, 1999 folgten die ersten Firmen im Wissenschafts- und Innovationspark. Heute leben in Heide-Süd knapp 3000 Hallenser. 5000 sollen es mal werden.

Die ehemaligen Mannschaftsunterkünfte wurden umgebaut und sind alle vermietet. Für die Zwei- und Dreiraumwohnungen interessierten sich besonders ältere Ehepaare. In unmittelbarer Nachbarschaft entstanden 50 Reihen- und Doppelhäuser mit Dachterrassen. Sie sind alle verkauft. Vor allem erwerbsfähige und eher wirtschaftlich stärkere Familien zogen dort ein.

Es gibt in der Mischung von Wohnen, was den flächenintensivsten Bestandteil der Bebauung dort ausmacht, auch den Aspekt, den Wissenschafts- und Innovationspark, der sich in den letzten Jahren nördlich am Weinbergweg entwickelt hatte, dort aber keine weiteren Bauflächen zur Verfügung standen, jetzt in Heide-Süd dort eine Fortführung findet. Das dritte Standbein ist die Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg, die hier ihre geowissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Fachbereiche unterbringt. Und das in den ehemaligen Gebäuden der Heeres- und Luftnachrichtenschule. Also in den schon damals als Schulungsgebäuden genutzten Bauwerken, die hier saniert werden, sehr gut saniert werden und eine hohe Qualität darstellen, als Campus gewissermaßen auch. Das korrespondiert gut eben auch zwischen der mit der Martin-Luther-Universität und dem Wissenschaftspark selbst von der Nutzung her.

Im landschaftlich reizvollen Parkgelände wächst aus denkmalgeschützter und neuer Bausubstanz der Wissenschafts- und Innovationspark. Technologie-, Gewerbe- und Dienstleitungsunternehmen entstehen im Konversions-Gebiet, in Heide-Süd.

Das, was dort entsteht, sieht doch alles sehr smart aus. Keine riesigen Gebäude, keine Hochhäuser. Das sind Projekte, wo man dann, wenn man so vorbei fährt, vielleicht doch so als Ostdeutscher so den Eindruck hat: Ach, hier entsteht mal was Modernes. Das sind Sachen, Industriezweige, Bereiche, die nicht laut sind, die keinen Dreck machen und die dann eher so ein bisschen was von einer Erfolgsgeschichte auch dieser Ecke widerspiegeln.

Projekt Heide-Süd. Gesamt 200 Hektar.

Zehn Hektar Stadtteilpark "Grünes Dreieck".
30 Hektar Gelände der Martin-Luther-Universität.
36 Hektar Wissenschafts- und Innovationspark.
58 Hektar Wohngebiet.
66 Hektar Weinbergwiesen.

Probleme: finanzkräftige Investoren, Bau- und Denkmalschutz, "prekäre" Finanzlage der Stadt Halle. Die "Vergabe städtischer Bauaufträge in Heide-Süd ohne Deckung im Haushalt" beschäftigte das Rechnungsprüfungsamt Halle. "An Versorgungseinrichtungen, Schulen und Arztpraxen … mangelt es noch im Rondell der alten Kasernenbauten."

Das Schrittmaß des bundesweit größten innerstädtischen Konversions-Projektes ist sieben Jahre nach Beginn der Erschließung des Geländes ein anderes geworden. Den großen Schritten des Beginns folgen jetzt kleinere.

Was man sieht, was man so empfindet wenn man das sieht, es wird jetzt im Moment - im Verhältnis zu vor vier Jahren -wenig gebaut. Da merkt man schon, dass die Leute nicht mehr so viel im Portemonaie haben, ist zumindest mein subjektiver Eindruck. Und was eben für meine Begriffe jetzt noch ein bisschen schade ist: Wir müssen jetzt noch immer um viele Ecken mit dem Auto fahren oder mit dem Fahrrad, wenn wir mal die Brötchen Früh holen wollen. Da gibt es wahrscheinlich noch nicht genug Interessenten, die dann so ein Einkaufszentrum finanzieren. Das wäre jetzt notwendig.

Sagt Karsten Möbius.

Notwendig. Notwendig, aber auch machbar? Die Stadt sucht einen Investor und nach Auswegen. Die Frage ist zum Beispiel, ob sich das Projekt langsam nun selbst trägt? In Halle ist die Frage schon mehr eine Hoffnung. Klaus Rauen, der das Entwicklungsgebiet Heide-Süd mit auf die Bahn brachte, meint:

Ich bin eigentlich mit der Entwicklung ganz zufrieden. Natürlich gibt es Probleme, natürlich wissen Sie, wie die allgemeine wirtschaftliche Lage ist. Großinvestitionen sind kaum mal irgendwo zu erwarten. Deswegen ist es richtig, darauf zu setzen, dass man kleinere, anfangende, junge Unternehmen so unterstützt, dass sie sich irgendwann auf eigene Beine stellen können. Und das können sie nur dann, wenn sie ein günstiges Grundstück bekommen. Ich glaube, wir sind inzwischen in einer solchen Situation, das wir sagen können, diese Synergieeffekte beginnen jetzt zu greifen. Und wenn es wieder einmal ein bisschen aufwärts geht mit der Wirtschaft in Deutschland, dann denke ich, wird auch hier die Entwicklung weiterlaufen. Jetzt im Moment ist es zögerlich, aber es geht auch immer noch in kleinen Schritten voran.
-> LänderReport
-> weitere Beiträge