LänderReport
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29.11.2004
Der Bitterfelder Weg
Der Standort, die Arbeit, der Mensch
Von Michael Frantzen

Die Arbeit lockte die Leute über ein Jahrhundert in die Bitterfelder Region. Sie kamen, weil es anderswo keine Arbeit mehr gab. Nun hatten sie wieder eine und blieben. Dann, zu DDR-Zeiten, zogen Tausende dort hin, weil sie dort mehr als andernorts gebraucht wurden. Auch sie blieben. Die Industrie wuchs und wuchs, dann kam die Wende. Die Einwohnerzahl der Region ist nun wieder auf den Stand von 1920 gesunken.

Kapitel Eins: Es war einmal

Es war einmal eine Industrieregion im Herzen Deutschlands, die in Superlativen schwelgte: 70.000 Menschen standen in Lohn und Brot. Eine riesige Ansammlung von Schloten, Werkhallen und Kraftwerken: Einfach gigantisch. Bevölkert von Menschen, die über die Jahrzehnte gekommen waren - wegen der Arbeit. Und mit den Jahren nahmen sie eine neue Identität an. Willkommen in Bitterfeld-Wolfen!

Kapitel Zwei: Die Menschen

Uwe Holz: Zum einen Dreckschleuder, zum anderen Arbeitsplatz. Und da kommt irgendwo auch der Begriff Heimat auf. Und das ist, was manchen Leuten gar nicht in den Kopf will. Wir haben mit Heimat immer den plätschernden Bach im Sinn, den schönen Kiefern- oder Tannenwald oder den röhrenden Hirschen, ja?!

Uwe Holz. Leiter des Kreis-Museums Bitterfeld.

Jahn: Was jetzt gut is, dass diese Umweltbelastungen aufgehört haben. Das schlimme is dran, dass diese nur aufgehört haben, weil alles stillgelegt wurde. Weil alles kaputt gemacht worden is.
Moos: Gerade bei uns hier in der ehemaligen DDR ... da sind de Leute, also zumindest die ich kenne ... ich wüsste da nich', wer da irgendwie faul wär. Da is jeder bestrebt, hoffentlich kann ich bald mal wieder arbeiten, kriege ich ne Arbeitsstelle. Von wegen: Jammern! Jammertal! Ja! Jammern nur deswegen, weil das ganze irgendwie versandet. Da kommt nüscht. Da tut sich nüscht.

Harry Jahn und Hans-Jürgen Moos. Mechaniker, ehemalige Schichtleiter in der Filmfabrik Wolfen. Diverse Umschulungen und ABM-Maßnahmen.

Gabriel: Für mich ist erst mal Fakt: Die Arbeitsplätze, die hier waren, die waren 1990 keine international wettbewerbsfähigen Arbeitsplätze. Das waren Scheinarbeitsplätze. Und die waren in Wahrheit schon weg. Das ist für mich die Geschäfts-Grundlage, so dass die Arbeitsplätze, die wir jetzt haben, neu geschaffene sind.

Matthias Gabriel. Geschäftsführer des Chemieparks Preiss-Daimler in Bitterfeld.

Conrad: Hier bin ich, ich sag's mal so, doch nen bisschen froh, dass ich dann heute noch hier sein kann. Weil: Manch einer is eben nich mehr da.

Elisabeth Conrad. Mitarbeiterin im Marketing des Chemieparks, ehemals Buchhalterin im Vorgängerbetrieb, dem Chemiekombinat Bitterfeld.

Gill: Der letzte markante Bau ist 2002 verschwunden. Das war dieser graue Klotz, den hat man schon von der Autobahn aus gesehen. Elf Etagen hoch, der größte Gleitkern-Bau der DDR.

Manfred Gill. Archivar im Industrie- und Film-Museum Wolfen.

Kapitel Drei: Der Standort. Wie alles begann. Oder: Warum Bitterfeld Berlin in der Gründerzeit den Rang abläuft.

Mit der Braunkohle fängt es an. Sie drückt Bitterfeld und Wolfen ihren Stempel auf: Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gibt es schon zehn Gruben, 1872 nimmt die erste Brikettfabrik den Betrieb auf. Braunkohle: Das heißt billige Energie für die Stromerzeugung.

Perfekte Bedingungen für Walter Rathenau. Der Gründer der AEG macht sich 1892 auf den Weg nach Bitterfeld, um die "Elektrochemischen Werke" zu gründen. Gerade einmal 25 Jahre ist er. Sieben Jahre wird er bleiben - und nicht nur den Grundstein für die chemische Industrie legen: Rathenau erschafft auch den Mythos Bitterfeld: Eine einzige, rund um die Uhr laufende Riesen-Jobmaschine, die den Menschen fest im Griff hat; ihn formt; ihm Identität gibt. Fast ein ganzes Jahrhundert lang.

Dass man im Raum Bitterfeld billig produzieren kann, erzählt Manfred Gill, der Archivar, bleibt auch einem anderen Unternehmen nicht verborgen: Der Agfa.

Gill: 1909 beginnt hier der Aufbau. Weil die ursprüngliche Filmfabrik in Berlin ist; ist in Berlin-Treptow. Und in Berlin-Treptow ist es a) zu schmutzig und zweitens zu teuer. Man such sich also 'nen Platz auf der grünen Wiese. Und sie sehen, die sieht im Prinzip aus wie Berliner Mietskasernen mit Hinterhöfen. Eine ganz, ganz enge Bebauung und zwar aus folgendem Grund: Der Film soll ja in seinen einzelnen Fertigungs-Stufen ... darf er ja weder ans Licht noch mit Staub belästigt werden. Also hat man die Gebäude so eng zusammen gebaut, dass man über kurze Dunkel-Flure alles transportieren konnte.

Expansion! Immer größer, immer schneller, immer mehr. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs macht Bitterfeld-Wolfen eine rasante Entwicklung durch, werden Headhunter nach Polen und Schlesien geschickt, um Arbeiter zu werben. Denn die Nachfrage nach chemischen Produkten und Filmen steigt. Gut für die Agfa und ihre 10.000 Angestellten.

Gill: Ihre Firmen-Philosophie war, für die Leute möglichst viel zu tun, denn sie arbeiteten ja hier im Dunkeln. Man konnte sie nicht kontrollieren. Also musste man solche Arbeitsbedingungen schaffen, dass man ne liebe, treue Belegschaft hier hatte. Ja?! Denn die haben nich nur im Dunkeln hier gearbeitet, sondern die haben hier auch mit sehr teuren Chemikalien gearbeitet: Jod, Brom, Silbernitrat, Goldsalze. Man musste sich also in jeder Form auf diese Leute verlassen können. Also hat man solche Bedingungen im Umfeld geschaffen, dass klar war: Wenn jemand hier drin nicht spurt, fliegt er. Die gesamte Siedlung, so wie sie hier steht, gehört der Agfa. Und sie sehen: Zu jeder dieser Wohnung, egal wie klein, gehört Garten. Wer hier drin im Dunkeln arbeitet und im Dreischicht-System - hier wurde rund um die Uhr gearbeitet - der sollte sich zu Hause erholen. Und war klar: Wer hier also 'nen Arbeitsvergehen hat, verliert seine sichere Wohnung. Und vergleichen sie diese schönen Häuser im Grünen mit den Berliner Mietskasernen. Und der verliert auch im Krankheitsfall seine Ansprüche auf dieses Krankenhaus.

Kapitel 4: Die Blütezeit. Oder: Man arrangiert sich.

Die erste synthetische Faser; der erste Farbfilm; PVC - alles Innovationen made in Bitterfeld-Wolfen. Die Region trotzt den politischen Stürmen: Selbst das Ende des Ersten Weltkriegs und die Weltwirtschaftskrise überstehen die Firmen hier noch relativ glimpflich. Keine rasante Expansion mehr, aber anderswo geht es den Leuten noch schlechter: So packen in den 20er Jahren arbeitslose Chemiearbeiter aus dem Rheinland ihre Koffer, um in Bitterfeld zu arbeiten. Richtig aufwärts, betont Uwe Holz, geht es dann wieder in den 30ern.


Holz: Sicherlich müssen wir die Blütezeit in die 30er, 40er Jahre rechnen. Die Industrie, die deutsche Industrie, die chemische Industrie hatte sich zusammengeschlossen zu den IG-Farben, um einfach ihre führende Stellung, die sie auf dem Weltmarkt hatte, zu festigen. Und zum anderen um nach innen hin auch zum Beispiel Forschungs-Doppelung zu vermeiden.

Ab 1933 haben auch in Bitterfeld-Wolfen die Nazis das Sagen. Dabei war die Region einmal tief-rot, holten Sozialdemokraten und Kommunisten die meisten Stimmen. Vorbei! Man arrangiert sich. Hauptsache Arbeit!

Gill: 1934, 35 in der Zeit des Nationalsozialismus ... wo man ja diese sechs Millionen Arbeitslose abgebaut hat ... da kriegen wir also einen großen Schub von Arbeitern aus dem Raum Köln. Weil dort die Arbeitslosigkeit besonders groß ist. Und die werden schlicht und einfach hierhin zwangsverpflichtet. Und in der Zeit entstehen schon die ersten Barackenlager. Für diese, die aus anderen Regionen kommen. Die dann ab Kriegsbeginn für die Fremdarbeiter aus den anderen Staaten genutzt werden.

20. April 1945: In der Filmfabrik und den anderen Fabriken stehen die Bänder still. Das hat es vorher nur beim Kapp-Putsch 1920 gegeben. Die Nazis machen neuen Herrschern Platz.

Filmausschnitt: In den Händen des verbrecherischen IG-Farben-Konzerns waren diese Werke Stätten skrupellosesten Ausbeutung. Heute, in den Händen der Arbeitklasse, rauchen hier die Essen für die Verwirklichung des großen Chemieprogramms, das allen Brot, Wohlstand und Schönheit bringt.

Kapitel 5: Brot, Wohlstand und Schönheit. Oder: Von Reparationszahlungen und Schwerpunktversorgung.

Filmausschnitt: Und da sind wir schon mitten in unserem Werk, dessen Gesicht sich seit 1945 mehr und mehr gewandelt hat. Und das sich noch immer in einem ständigen Prozess des Ausbaus und der Modernisierung befindet.

Von wegen Ausbau und Modernisierung! Die neuen Machthaber - die Sowjets - erklärt Museumsleiter Uwe Holz, haben anfangs anderes im Sinn, als ausgerechnet dem ehemaligen Kriegsgegner unter die Arme zu greifen.

Holz: Die DDR hat durch die enormen Reparationsleistungen, die sie an die Sowjetunion nach dem verlorenen Krieg erbringen musste, erst mal ein Innovationshemmnis gehabt. Die Top-Technologie, die noch in den 30er und 40er Jahren eingerichtet wurde, wurde zu großen Teilen - hier in der Filmfabrik zu 50 Prozent - weggenommen. Und jetzt musste man was Neues entwickeln. Das andere Problem war dann, dass der größte Teil der Industrie-Produktion auch noch als Reparationsleistung weggenommen wurde. Und das war natürlich sehr, sehr schwierig, aus dieser Ausgangslage jetzt ne neue moderne Industrie aufzubauen. Das führte dazu, dass wir zum Beispiel 1993 in Holzweißig - einige Ortschaften weiter von hier - eine Brikettfabrik stillgelegt haben, deren Pressen aus dem Jahre 1909 stammten. Also von 1909 bis 1993 durchgelaufen sind.

Trotz der Reparationszahlungen: Es tut sich was in Bitterfeld-Wolfen. Mitte der 50er ist die Filmfabrik die größte im Ostblock - und weltweit die Nummer Zwei bis zum Zusammenschluss der westdeutschen Agfa und der belgischen Geevert Mitte der 60er. Um sich vom kapitalistischen Namensvetter im Westen abzuheben, verpasst sich die Filmfabrik zur selben Zeit einen neuen Namen: Original Wolfen - kurz Orwo. Man ist wer in Wolfen.

Filmausschnitt: Da strömen sie heran - aus den Dörfern und Städten der Umgebung: Tausende von Arbeiterinnen und Arbeitern...

Holz: Zu DDR-Zeiten hat noch mal ne ganz starke Vermischung stattgefunden. Die eigentlich mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges beginnt. Wir haben riesige Flüchtlingsströme, die durch unsere Region gekommen sind. Wir haben 1946 33 Prozent unserer Einwohner im Flüchtlingsstand. Und da hat noch mal ne enorme Vermischung der Bevölkerung stattgefunden. Und wenn sie mal so'n ganz feines Ohr haben, dann hören, wenn einige Leute zusammen sind, dann merken sie an einem schleppenden E oder einem etwas nasalen I - Ah! Das ist Sudeten, das ist Schlesien. Sind also aus den ganzen Gebieten dann hier gelandet. Also, so dass wir im Landkreis Bitterfeld jetzt ne sehr durchmischte Bevölkerung haben und eigentlich nur noch nen geringen Bevölkerungsanteil haben, der wirklich hier geboren, groß geworden is.

Flüchtlinge sind auch die Conrads. Die Familie kommt aus dem Sudetenland. Nach dem Krieg haben sie ihr Glück zunächst in Westdeutschland versucht - vergeblich: Keine Arbeit! Jetzt also Bitterfeld. Hier klappt es: Der alte Conrad findet eine Stelle als Buchhalter beim Chemie-Kombinat, genau wie seine erwachsene Tochter. Wohnen tun sie direkt in der Kraftwerkssiedlung, die - verglichen mit den später gebauten Plattenbauten im nahen Wolfen-Nord - immer noch wie ein architektonisches Kleinod wirkt. Dort wächst auch Enkeltochter Elisabeth auf. Abitur, BWL-Studium in Halle, Anfang der 70er schließlich fängt sie im Chemie-Kombinat an - als Buchhalterin.

Conrad: Ich bin quasi vom Elternhaus in diese Richtung gelenkt worden. Dass ich also diesen Beruf ergreife. Weil in meiner Familie alle hier gearbeitet haben. Und deswegen war das fast selbstverständlich, dass man auch hier anfängt. War sehr typisch Da war ich kein Einzelfall. Sondern das war für die Leute, die hier in der Region gelebt haben, speziell auch in der Kraftwerkssiedlung ... dass also dann auch die Kinder hier im Werk gearbeitet haben. Dieses Chemie-Kombinat war für sich schon ne abgeschlossene Einheit, muss ich sagen. Wir hatten ja ne eigene Parteikreis-Leitung, ne eigene Gewerkschaftsleitung. Also, die war ja abgekoppelt von der Stadt. Wir hatten ja auch eigene Geschäfte. Eigene Kindergärten. Ne eigene ... das nannte sich Schwerpunktversorgung, also für spezielle Produkte, die es draußen nich gab, wie Fernseher, Kühlschränke, Waschmaschinen. Das war doch schon son bisschen wie so ne kleine Stadt für sich.

Eine Kleinstadt, die aus allen Nähten platzt. Gebäude an Gebäude, Betrieb an Betrieb, selbst die Büros sind überfüllt. Bei Elisabeth Conrad in der Buchhaltung sitzen sie zu acht in einem winzigen Büro - vor großen, alten Rechenmaschinen. Ein monotoner Job, aber: Immer noch besser als die meisten Arbeitsplätze ein paar Kilometer weiter in der Filmfabrik.

Kapitel 6: Die Arbeit. Oder: Über einen schlimmen Namen und Vergünstigungen.

Gill: So! Das is nen ganz besonders markanter Raum - besonders schön: Das ist die Hänge. So heißt dieses ganze Ding. An dieser Stelle arbeiten zwei Frauen, mit dem schlimmen Namen Hänge-Frauen. Weil ett die Hänge hier is. Die gleichzeitig im Dunkeln von unten her auf der feuchten Seite die Pappe einziehen. Jetzt wird gekühlte, gereinigte Luft eingeblasen. Und zwar mit acht Grad. D.h., die Hänge-Frauen: Hier auch Trainingshose als Arbeitskleidung. Und sich bewegen. Und wer hier arbeitete, kriegte ja auch noch Zulagen. Also: Schichtzulage, Dunkelraumzulage, kostenloses Nachtschichtessen. Ferienplatz und solche Vergünstigungen gab es für die Schichtarbeiter nur.

Kapitel 7 : Wohlriechende Seife und Fischgestank. Aber: Warum man trotzdem nicht einfach so die Koffer packt!

Bitterfeld-Wolfen - die Drecksschleuder Europas: Irgendwie wird die Region diesen Ruf nicht mehr los, klebt er wie Schwefel an ihr - auch wenn das längst vorbei ist, weil nicht mehr auf Teufel komm raus produziert wird und Milliarden in den Umweltschutz investiert wurden. Damals aber, Anfang der 70er, als Manfred Gill hierher kommt, um als Archivar in der Filmfabrik anzufangen - damals "schießen die Schornsteine von Bitterfeld ihre Dreckladung Tag und Tag und Nacht und Nacht auf die Stadt," wie es die Schriftstellerin Monika Maron in ihrem Roman "Flugasche" formuliert.

Gill: Typisches Beispiel war ja unten die Farbenfabrik: Wenn man dort vorbeigefahren is, zum Beispiel mit dem Fahrrad, dann haben sie alle zwanzig, dreißig Meter andere Gerüche gehabt. Die haben also dort unten - Wolfen und Bitterfeld galt als Apotheke der DDR - 4500 Produkte gehabt. Also, da hatten se wohlriechende Seife und dahinter gleich wieder nen beißenden Geruch. Oder Fischgestank für irgend nen anderes Produkt. Und ditt auf kürzestem Weg. Oder: Mit die größten Umweltverschmutzer waren die Brikettfabriken. Ett konnte ihnen passieren: Wenn sie die Wäsche auf den Balkon gehängt hatten und sie am nächsten Morgen rausgeguckt haben, hatten sie die Russpartikel druff. Aber das waren alles nich Probleme, die einen veranlasst haben, nun seine Koffer zu packen und woanders hin.

Kapitel 8: Die Wende. Oder: Von weltpolitischem Sachverstand und enttäuschten Hoffnungen

Gill: Es ist so gut wie gar nichts übrig geblieben. Komplett is weg der gesamte Chemie-Faserbereich. Abgerissen sind auch unsere drei Kraftwerke. Wir hatten also drei Kraftwerke mit ner Kapazität für ne Stadt von 120.000 Einwohnern - nur für dieses Werk! Abgerissen sind auch die meisten Produktionsbetriebe der Filmproduktion. Der Abriss ging sehr schnell von statten. Und zwar aus dem folgenden Grund: Unsere Arbeitskräfte sollten ja beschäftigt werden. Also, all die Entlassenen. Also haben die in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen im Prinzip ihre eigenen Betriebe abgerissen.

Dass es einmal soweit kommen würde - Hans-Jürgen Moos hätte sich das nicht träumen lassen - in der Wende-Zeit. Orwo ist schließlich kein x-beliebiges Unternehmen: Der ganze Ostblock fotografiert mit den Filmen aus Wolfen.

Moos: Wir sind davon ausgegangen: Mit unserem wenig weltpolitischen Verstand sag ich mal so: Westdeutschland - die Nummer zwei auf dem Weltmarkt und wir als führende Kraft im Ostblock. Und wenn wir jetzt so zusammenkommen - dann konnte man sich doch vorstellen. Ich meine, wir dachten auch, dass, was wir bis dahin produziert hatten, dass das immer noch gut weggegangen is. Im Nachhinein haben wir dann allerdings feststellen müssen, dass die fertigen, eingepackten Filme auf Lager irgendwo waren. Und die haben ABM-Kräfte nachher wieder ausgepackt. Und haben das alles getrennt - das ganzen drum und dran. Das haben wir gar nicht gewusst. Das waren Unmengen.

1994 gehen bei Orwo die Lichter aus. Minus 14.500 Arbeitsplätze. Nebenan in Bitterfeld das gleiche Bild: Das Chemie-Kombinat hat längst schon dicht gemacht: Minus 19.000 Arbeitsplätze. Nicht mehr wettbewerbsfähig, heißt es. Dazu noch die Schließung der Farbenfabrik Wolfen und des Braunkohle-Kombinats - mit einem Mal scheinen fast hundert Jahre Industriegeschichte wie weggewischt.

Gill: So! Und die Arbeitsplätze, die nachgekommen sind - das haben wa dann schnell gelernt: Hier is nen Flachglas-Werk entstanden. Von Anfang an. 250 Millionen werden investiert. Und alle haben gesagt: Mann! Datt jibt Arbeit! Waren genau 250 Arbeitsplätze. Das hat man dann schnell mitgekriegt: Egal, was hier an Arbeit kommt: Nä, is nich mehr personalintensiv, sondern das sind modernste Arbeitsplätze. Und da haben nur noch wenige ne Chance da ranzukommen.

Manfred Gill hat noch Glück gehabt: Aus den Resten der Filmfabrik macht der Landkreis ein Museum. Und das braucht auch einen Archivar. Sein Sohn dagegen, der Lokfahrer ist, hat nach der Wende keinen Job in der Region gefunden. Jetzt lebt er in München.

Weggehen - das kommt für Hans-Jürgen Moos und Harry Jahn nicht mehr in Frage: Zu alt. Moos wird in zwei Jahren 65, Jahn ist 57 und nicht gerade optimistisch, dass er bis 65 noch arbeiten wird - trotz aller Weiterbildungen und seiner ABM-Stelle in der Werkstatt des Filmmuseums.

Jahn: Ich geb mir da keinen Illusionen hin, dass das klappt bis dahin. Das is nen Sechser im Lotto. Wenn das irgendwo klappen würde. Ich wär im Moment zufrieden, wenn ich bis 60 kommen würde. Dass man erst mal Rente kriegt.

Kapitel 9: Die Zukunft. Oder: Geht nicht, gibt's nicht.

Heißt es auf der Fußmatte am Eingang der Zentrale vom Chemiepark. Das strahlt Optimismus aus. Könnte gut eine Idee von Matthias Gabriel sein. Jemand, der schon Mitte der Achtziger in der DDR Wetten darauf abgeschlossen haben will, dass die Wiedervereinigung nur eine Frage der Zeit sei - so jemand muss einfach optimistisch sein. Und es gibt ja durchaus Grund zum Optimismus: Insgesamt wieder 25.000 Arbeitsplätze im Landkreis, alleine im Chemiepark arbeiten 11.000 Menschen, sollen laut Berechnungen des Geschäftsführers in den nächsten Jahren noch einmal 1500 Arbeitsplätze dazukommen.

Doch Gabriels Optimismus hat es schwer: Was sind schon 25.000 Jobs verglichen mit 70.000?! Weniger Jobs, gleich weniger Bevölkerung: Bitterfeld hat die Bevölkerungszahl von 1919 erreicht. In Wolfen sind sie dabei, Plattenbauten in der Trabanten-Siedlung Wolfen-Nord abzureißen, weil die Bevölkerung um die Hälfte auf 17.000 gesunken ist.

Und dann ist da noch die Optik: Zu viele Brachen, zu viele abgerissene Fabriken, zu viele verrammelte Gebäude - dem Riesen-Industriegebiet scheint seine Bestimmung abhanden gekommen zu sein. Das schmerzt. Genau wie die Arbeitslosigkeit, die um die zwanzig Prozent liegt.

"Selber schuld" - meint Matthias Gabriel.

Gabriel: Für Bitterfeld ist das erst mal so: Die schnellen Auswärtigen nehmen den langsamen Einheimischen die Arbeitsplätze weg. Wenn sie hier morgens rein fahren - da kommen die Autos aus Halle, da kommen die aus Leipzig, aus Delitzsch, aus Dessau, aus Wittenberg - also von überall her rein gefahren. Ich will nich von Stau reden, so kritisch ist die Verkehrssituation nich. Aber zwei, drei Ampelschaltungen brauchen se schon. Das ist der Grund, warum hier die Arbeitslosigkeit trotz unserer massiven Aktivitäten eben so hoch is.

Schlusskapitel: Es war einmal

Es war einmal eine Industrieregion im Herzen Deutschlands, die schwelgte in Superlativen. Dreckigste Region Europas war sie; Apotheke der DDR; Zentrum der Innovation. Vorbei! Der Standort: geschrumpft; die Arbeit: spezialisiert und auf wenigen Schultern verteilt; die Menschen: sind zwar den Dreck losgeworden, aber viele dafür auch ihren Halt.

Gill: Lieber lass ett noch mal stinken, aber ick habe Arbeit.

Meint nicht nur der Archivar. Arbeit - in der Industrieregion war das Identität. Ein Stück Heimat. Vorbei - die Tradition und die Identität. Auf Wiedersehen Bitterfeld-Wolfen!
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