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1.12.2004
Wer wird Kandidat in Baden-Württemberg?
Wie sich Schavan und Oettinger profilierten
Von Barbara Roth

Annette Schavan, Kultusministerin von Baden-Württemberg (Bild: AP)
Annette Schavan, Kultusministerin von Baden-Württemberg (Bild: AP)
Der Ministerpräsident hat seinen Rücktritt angekündigt, die Kandidaten für seine Nachfolge gingen binnen weniger Stunden in Stellung. Teufel geht, Schavan und Oettinger meldeten umgehend ihre Kandidatur an. Die Kulturministerin wird vom noch amtierenden Ministerpräsidenten favorisiert und gilt als Vorzugskandidatin von CDU-Chefin Merkel. Der Fraktionschef der Landes-CDU hat seine Fraktion hinter sich und diverse Verbände. In der baden-württembergischen CDU, so Beobachter der Szene, tobt ein heftiger Kampf um die Kandidatur.

25. Oktober. Ein Montag. 13 Uhr.

Erwin Teufel: Um dem Spitzenkandidaten oder der Spitzenkandidatin zur Landtagswahl die Chance zu geben, als Ministerpräsident in den Wahlkampf zu ziehen, gebe ich mein Amt am 19. April 2005 auf.


Erwin Teufel blass, übernächtigt, ernst. Fragen der Journalisten lässt er nicht zu. Deutschlands dienstältester Ministerpräsident gibt dem massiven Druck aus den eigenen Reihen nach, und kündigt seinen Rückzug an.

Monatelang schon hatte es in der baden-württembergischen CDU rumort, war der 65-Jährige zum Aufhören aufgefordert worden. Oft hinter vorgehaltener Hand. Manchmal auch öffentlich. Junge Union, Frauenunion, Kommunalpolitiker, Arbeitnehmerschaft - die Vereinigungen innerhalb der Südwest-CDU meldeten sich mehr oder weniger deutlich zu Wort, empfahlen dem Regierungschef den wohlverdienten Ruhestand. Monatelang hatte Erwin Teufel diesem Druck Stand gehalten. Rechtzeitig vor Ende des Jahres wolle er seine Entscheidung bekannt geben - er wiederholte wochenlang gebetsmühlenartig immer den gleichen Satz, wenn er gefragt wurde.

Doch an diesem Montag war alles anders. Es war der Tag nach der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart, die der CDU-Amtsinhaber Wolfgang Schuster deutlich für sich entscheiden konnte. Die Stuttgarter Christdemokraten hatten allen Grund zum Feiern. Doch dann kam es auf der Wahlparty zum Eklat: Sein politischer Ziehsohn, Staatsminister Christoph Palmer, ohrfeigte einen Parteifreund, weil auch dieser sich für einen Generationswechsel an der Spitze des Landes ausgesprochen hatte. Die Ohrfeigen krönten den Streit um die Teufel Nachfolge. Ein unwürdiger Akt. Seit an Seit treten Ministerpräsident und Minister vor die Presse. Palmer legt das Ministeramt nieder. Und auch Teufel gibt auf.

Teufel: Wenn die CDU mich nicht mehr geschlossen als Spitzenkandidat will, bin ich in meiner Entscheidung frei. Unerträglich wäre für mich, wenn die Bürger den Eindruck bekommen würden, dass ich an meinem Amt klebe. Ich habe dieses Amt immer als Dienst empfunden und nicht als Pfründe, als Verpflichtung und nicht als Spiel. Ich entscheide mich also, nicht mehr für das Amt des Spitzenkandidaten der CDU zur Landtagswahl 2006 zu kandidieren.

Fast 13 Minuten lang begründet Erwin Teufel seinen Entschluss, leicht gefallen war er ihm nicht. Keinen Fehler habe er sich vorzuwerfen. Das Land Baden-Württemberg und seine Partei stünden gut da, bestens gerüstet für die Landtagswahlen im Frühjahr 2006. Klar und deutlich in der Wortwahl. Innerlich bewegt wirkt der Ministerpräsident allerdings, als er auf die fehlende Unterstützung seiner Parteifreunde anspielt.

Teufel: Wir können unsere Chancen nur selbst verspielen durch innere Auseinandersetzungen, wie sie seit einigen Wochen vom Zaun gebrochen wurden und täglich geschürt werden. Weder Versäumnisse in der Landespolitik, noch eine schlechte Ausgangslage für die CDU können von der Gruppe ins Feld geführt werden, die aktiv einen Generationswechsel - wie sie sagt - betreibt. Und einfach nur ein neues Gesicht will. Diese Gruppe will endlich selbst an die Regierung, dass ist der einzige Grund. Das ist legitim, aber das rechtfertigt nicht jedes Mittel.

Der Ministerpräsident verletzt, beleidigt, gekränkt. Erwin Teufel nennt keinen Namen. Und doch weiß jeder, wen er meint: Den Fraktionsvorsitzenden Günther Oettinger und dessen Umfeld. Allen voran die Junge Union und Oettingers Freunde in der CDU-Landtagsfraktion, die sich an die Spitze derer gesetzt haben, die massiv auf einen Stabwechsel drängen. Mit 65 sei er zu alt - Teufels Demontage verläuft öffentlich: Fast täglich werden ihm Rücktrittsforderungen über die Medien serviert. JU-Chef Thomas Barreis formuliert deutlich:

Thomas Barreis: Wir fordern Erwin Teufel auf, dass er den Generationswechsel einleiten soll. Denn es geht jetzt darum, wer unsere Kernthemen bis 2011 und darüber hinaus vertritt. Ich glaube, wir haben in den nächsten fünf bis zehn Jahren enorm viele Punkte umzusetzen, wir brauchen da einfach einen anderen Geist von Politikern. Ich glaube, dass Erwin Teufel nicht mehr derjenige sein wird, der unsere Themen zielsicher angehen wird, und glaubwürdig und entsprechend entschlossen auch vertreten kann.

Favorit der Jungen Union ist Günther Oettinger. Doch Annette Schavan ist vorbereitet: Teufels Erklärung war noch keine Stunde alt, da quillt eine Pressemitteilung aus dem Faxgerät, in der sie ihre Kandidatur ankündigt. Der Kultusministerin gelingt ein weiterer Coup: Sie verkündet, man wolle die Mitglieder befragen:

Annette Schavan: Jetzt ist wichtig, dass alle Mitglieder, dass also eine wirklich breite Basis in der Partei Gelegenheit hat, sich an dieser Weichenstellung zu beteiligen, damit die CDU Baden-Württemberg wieder zu einer wirklichen Atmosphäre des Vertrauens und der Geschlossenheit kommt.

Der Konkurrent wird überrumpelt. Auf einem Sonderparteitag wäre Oettinger durchmarschiert, denn die Funktionäre und die Landtagsfraktion hat er mehrheitlich hinter sich. An der Parteibasis aber kann sich der 51-Jährige seiner Sache nicht so sicher sein. Hier sieht sie ihre Chance.
Der Kompromiss: Schavan - im Hintergrund unterstützt von Teufel - setzt die Mitgliederbefragung durch. Allerdings wird Basis früher befragt, als es ihr lieb ist. Noch vor dem Bundesparteitag, der an diesem Wochenende in Düsseldorf stattfindet, muss die Entscheidung in trockenen Tüchern sein, darauf besteht Oettinger. Seine Befürchtung: Ein medienwirksamer Auftritt der stellvertretenden Bundesvorsitzenden und Merkel-Freundin Schavan könnte das eine oder andere Mitglied noch beeindrucken. Der Landesvorstand nickt Befragung und Zeitplan ab. In der Fraktion jedoch bleibt die Nachfolge-Findung umstritten.

CDU-Fraktionäre: Aus meiner Sicht ist eine Mitgliederbefragung nicht notwendig. Wir haben klare Alternativen. Und wir brauchen eine schnelle Entscheidung. Die Mitgliederbefragung würde das ganze nur verzögern. Am Ende des Prozesses wird eine einige und kampfbereite Basis stehen, die dann geschlossen in den nächsten Wahlkampf ziehen kann. Ich bin der Auffassung, dass eine Mitgliederbefragung wenig Sinn macht. Wenn sie 80.000 Mitglieder befragen, dann haben sie keinerlei Manipulationsmöglichkeiten. Der Gewinner oder die Gewinnerin hat eine extrem breite Basis. Und damit ist ein ruhiger Neuanfang möglich. Und das ist wohl das, was die CDU am Moment am meisten braucht.

Die Spitzenkandidatin oder der Spitzenkandidat soll nach dem 19. April auch das Amt des Ministerpräsidenten von Erwin Teufel übernehmen. Den Regierungschef jedoch wählt die Fraktion. Doch wie werden die Fraktionäre reagieren, sollte nicht ihr Favorit Oettinger, sondern Schavan die Basisbefragung gewinnen? Keiner wagt eine Prognose. Nur soviel heißt es hinter vorgehaltener Hand: Wenn die Basis Oettinger nicht will, werden wir handeln - deuten seine Freunde vage das drohende Szenario an.

Schavan: Ich bewerbe mich um die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl 2006. Ich möchte meine Erfahrungen, meine Leidenschaft einbringen.

Oettinger: Ich bitte Sie, liebe Mitglieder, um ihre Stimme. Und ich werde sie nicht enttäuschen. Und ich bitte Sie sehr um Ihr Vertrauen.

Zwei bewerben sich. Zwei bitten um Vertrauen und um die Stimmen der rund 80.000 Parteimitglieder. Wem traut die Parteibasis das Erbe von Ministerpräsident Erwin Teufel zu? Nur darum geht es im Moment in der baden-württembergischen CDU. Einem Hiesigen? Einem Schwaben?

Oettinger: Ich bin in diesem Land geboren. Meine Vorfahren stammen von hier. Ich lebe gerne in Baden-Württemberg. Und will, dass dieses Land auch für unsere Kinder eine erfolgreiche, eine sozial gerechte Zukunft bleibt. Ein Volkslied sagt, kein schöner Land in dieser Zeit als hier das unsere weit und breit. Das Land heißt Baden-Württemberg.

Eine Zugezogene, eine Rheinländerin, fordert den Platzhirsch heraus. Annette Schavan weiß um die Widerstände: Frau, ledig, kinderlos, eine Reingeschmeckte. Sie sei nicht unbedingt die Person, die sich ein Schwarzwaldbauer als Landesmutter wünscht. Eine Behauptung, die das Oettinger-Lager streut.

Schavan: Ich spreche kein Schwäbisch. Ich halte es mit Berthold Leibinger, der gesagt hat, Schwäbisch ist kein Dialekt. Schwäbisch ist eine Geisteshaltung. Und die hat unser Land groß gemacht. Und im Übrigen bin ich Baden-Württembergerin mit dem Herzen. Und ich habe in diesem Land tiefe Wurzeln geschlagen. Baden-Württemberg ist meine Heimat. Für dieses Land möchte ich mich mit meiner ganzen Kraft einsetzen.

Sechs Regionalkonferenzen verteilt über zehn Tage haben die beiden Bewerber hinter sich. Rund 8000 CDU-Mitglieder haben sie in Schwäbisch Gmünd, Heilbronn, Rust, Tuttlingen, Bad Saulgau und Sankt Leon-Rot bei Heidelberg direkt erreicht. Die restlichen 72.000 Mitglieder konnten sich jeden Tag in Zeitung, Hörfunk und Fernsehen genauestens informieren, wer wo die Nase vorn zu haben schien. Inhaltliche Unterschiede in der Programmatik waren bei Schavan / Oettinger kaum auszumachen. Beispiel: Zuwanderung und Integration.

Oettinger/ Schavan: Ob der ausländische Einwohner hoch-schwäbisch oder breit-schwäbisch, alemanisch oder nach der Schrift spricht, ist mir egal. Aber er muss uns verstehen. Und wir ihn.
Und wir müssen jenen, die nicht bereit sind, sich zu integrieren, sagen, dass wir das in unserem Land nicht akzeptieren. Übrigens auch nicht in Moscheen.

Zweites Beispiel: Die Debatte um die Streichung eines Feiertags.

Schavan/Oettinger:Mit der Christlich Demokratischen Union wird weder der Nationalfeiertag noch werden kirchliche Feiertage abgeschafft.
Feiertage sind Haltepunkte in Familie und Kultur, die behalten wir auch in Zukunft bei. Ich plädiere für eine etwas längere Arbeitszeit in der Woche und im Leben ist mehr Arbeit zumutbar.
Wir müssen über Wochenarbeitszeit, über Lebensarbeitszeit sprechen. Über mehr Beweglichkeit. Aber nicht über das, was zur Kultur in unserem Land gehört.


Beide wildern im fremden Revier: Sie - die Bildungsexpertin - spricht über Arbeitsmarktpolitik. Er - der Wirtschaftsfachmann - über Kinderbetreuung an der Schule. Wie bestellt die Fragen: Er will Beschäftigung sichern. Sie darf über das C im Parteinamen sinnieren.

Oettinger/Schavan: Wir dürfen uns in Baden-Württemberg an Arbeitslosigkeit nicht gewöhnen. Beschäftigung muss Vorrang haben, ist für Politik auf dem Rathaus, im Landtag das überragende, das wichtigste Ziel.
Eine Politik aus christlicher Verantwortung weiß um die großen Versuchungen, den Menschen zu instrumentalisieren. Durch politische Ideologien ebenso wie in der Folge des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts. Wir wollen nicht den Menschen nach Maß. Wir wissen, dass der Mensch Geschöpf Gottes ist.


Die Entscheidung, wer von den Mitgliedern der Südwest-CDU auf's Schild gehoben wird, hängt nicht in erster Linie von politischen Aussagen ab. Sondern: Es stehen zwei völlig unterschiedliche Typen zur Wahl.

Günther Oettinger. Der kühle Politmanager. Fleißig, ehrgeizig und zielorientiert. Ein Macher, der das politische Geschäft von der Pike auf gelernt hat. Ein Strippenzieher. Seit 14 Jahren an der Spitze der Landtags-Fraktion, verfügt er über einen riesigen Erfahrungsschatz, gepaart mit detailliertem Fachwissen.

Annette Schavan. Die politische Quereinsteigerin. Vor neun Jahren von Erwin Teufel entdeckt und mit dem Ministeramt nach Baden-Württemberg gelockt. Intellektuell, rhetorisch versiert, prinzipientreu und werteorientiert. Die 49-Jährige ist feingeistig. Manchmal wirkt sie fast pastoral, sie steht aber mit beiden Beinen auf dem Boden.

Er spricht mit kühler Leidenschaft den Verstand an. Sie mit warmherzigem Engagement das Herz. Die Parteibasis sucht beides. Für eines muss sie sich entscheiden.

Umfrage: Mein Verstand sagt mir, ich muss mich für Oettinger entscheiden als Wirtschaftsexperten. Aber mein Bauch sagt mir, ich möchte jetzt zur Abwechslung für die Politik mal Werte setzen. Und da glaube ich, dass man dies mit der Frau Schavan ganz gut setzen kann. Er hat ein Hauch mehr Fachwissen in den verschiedenen Themenbereichen. Aber die charmante Note von Annette Schavan kann wieder ein bisschen legalisieren. An Oettinger gefällt mir seine Wirtschaftskompetenz. Und an der Frau Schavan gefällt mir, dass sie sehr die Werte in den Vordergrund auch gestellt hat. Des wird sowieso ein Rennen geben - knapp wie in Amerika. Lachen.

Erstaunlich genug, denn Günther Oettinger geht als Favorit ins Rennen. Wirkt aber ob der Konkurrenz verunsichert, streckenweise ungewohnt nervös, angespannt und alles andere als souverän. Der Politikprofi, der im Landesparlament stets als freier Redner brilliert, liest auf den Regionalkonferenzen vom Blatt ab, fängt Stimmungen im Saal nicht auf, spricht noch schneller, im Stakkato-Ton als üblich - obwohl ihm dringend geraten worden war, er solle nicht schneller reden als die Zuhörer denken.

Für Oettinger geht es um alles oder nichts - um seine politische Zukunft. Der 51-Jährige will Teufels Erbe antreten. Seit über einem Jahrzehnt arbeitet er auf dieses Ziel hin. Der Lohn bislang war Spott: Den Titel Ewiger Prinz Charles der Landespolitik klebte man ihm an. Entscheidet sich die Basis gegen ihn, wird er gehen:

Oettinger: Mit Sicherheit nicht durch Flucht und im Zorn, aber dann werde ich mich in den nächsten ein, zwei Jahren neu orientieren.

Doch die Basis macht es Oettinger nicht einfach. Ihm begegnen Misstrauen und in den Fragerunden immer wieder der Vorwurf, er habe all die Jahre ungeduldig am Stuhl von Erwin Teufel gesägt, den 65-Jährigen regelrecht aus dem Amt gemobbt.

Parteimitglieder in der Fragerunde: /Sie konnten es mit ihren Funktionärshelfern nicht erwarten, bis sie an die Macht gelangen. Obwohl dazu kein, ich betone noch einmal, keinerlei Anlass bestand. Wie können Sie diese parteischädliche Verhaltensweise mit dem unserer Partei innewohnenden christlichen Gewissen vereinbaren? Wie wollen Sie die politische Kultur in unserem Land verbessern? Ich bin entsetzt über die Art und Weise … (Tagungspräsident: Danke Sie haben Ihre Frage gestellt.) … wie Herr Teufel aus dem Amt gedrängt wurde. Und ich muss ganz klar sagen, dass mir das stinkt. (Applaus)

Königsmörder müssen sich Oettinger und die Seinen nennen lassen. Drahtzieher der Intrigen gegen Teufel soll er gewesen sein. Obwohl - oder gerade weil - Oettinger sich in den vergangenen Monaten auffallend loyal dem Regierungschef gegenüber verhalten hat. Der Angegriffene mehr als ein Mal in Erklärungsnot.

Oettinger: Ich bin nicht Erwin Teufel. Ich bin ein Partner von ihm. Ich war sein Mitarbeiter. Und bewerbe mich jetzt. Und wir haben immer effektiv zusammengearbeitet. Und gewisse Spannungen waren dabei. Und von Spannung und Wettbewerb lebt gute Politik.
Wir waren nicht immer einer Meinung. Ich habe meine Argumente eingebracht. Habe Einzelsiege im Detail erreicht. Aber habe mich gefügt - zum Teil nicht mit voller Überzeugung gefügt. Das Primat des Ersten war mir immer klar. 14 Jahre lang.


Obwohl Erwin Teufel auf keiner Regionalkonferenz auftauchte, er war stets zu gegen. Sein Abgang spaltet die Partei. Das habe er nicht verdient, sagen die einen voller Mitleid. Er sei selbst schuld, meinen die anderen: Teufel habe sich und der Partei geschadet, weil er seinen Rückzug zu lange hinausgezögert hat. Der Amtsinhaber hält sich raus. Kein Statement, keine Erklärung, schon gar keine Hilfestellung für seine Wunsch-Nachfolgerin Annette Schavan. Eine Anhängerin wundert sich:

Mitglied: Wenn ich die Medien in den letzten Tagen und Wochen verfolgt habe, so fiel mir auf, dass sich zahlreiche altehrwürdige Vertreter der CDU Baden-Württemberg für Herrn Oettinger ausgesprochen haben. Ich denke dabei an Herrn Alt-Ministerpräsident Lothar Späth, ja sogar Hans Filbinger hat sich berufen gefühlt, sich zu äußern. Der Herr Schäuble hat seine Meinung kundgetan, von Herrn Mayer-Vorfelder habe ich heute in der Zeitung gelesen. (Buh-Rufe) Ich frage mich dabei, ist es so: die Funktionäre unterstützten Herrn Oettinger. Sie setzen auf die Sympathie an der Basis. Oder haben wir auch ein paar Prominente in der CDU, die sie unterstützen?

Denn auch Bundesparteichefin Angela Merkel - die bekanntlich eine persönliche Freundschaft mit Schavan verbindet - ergreift nicht Partei. Wohlweislich. Dem Schavan-Lager sind die Outings der Oettinger Freunde ein Dorn im Auge. Selbst die Blümchen und das Küsschen, die der Konkurrent auf jeder Regionalkonferenz von einer jungen, hübschen Parteifreundin auf offener Bühne erhält, werden hinterfragt. Wie die gut organisierte Jubeltruppe der Jungen Union, die Oettinger quer durchs Land begleitet. Annette Schavan ficht es nicht an:

Schavan: Es gibt verschiedene Wege, in solchen Tagen jemanden nervös machen zu wollen. Ich bin ganz ungeeignet, um nervös gemacht zu werden. Ich nehme es auch niemanden übel. Ich habe es auch der Jungen Union gesagt, dass macht gar nichts, dass sie für Günther Oettinger sind. So ist das im Wettbewerb, da muss man mit leben. Wenn ich das nicht ertragen würde, hätte ich nicht in diesen Wettbewerb gehen dürfen. Und ein dritter Satz. Ich weiß, dass ich viele Freunde habe. Und die wissen von mir, dass ich kein öffentliches Votum erwarte. Meine Freunde halten sich zurück. Wir haben eine Mitgliederbefragung und keine Mitgliederbevormundung entschieden. Und das halten wir jetzt durch. (Applaus)

Die Kultusministerin punktet. Sie geht die Werbetour an der Parteibasis locker an. Flott zurechtgemacht, mit mehr Rouge auf den Wangen und mehr Lippenstift als sonst üblich, wirkt sie gelassen und entspannt. Erweckt gar den Eindruck, als bereite ihr der innerparteiliche Wettkampf eine diebische Freude. Dabei wird der Wahlkampf von Tag zu Tag härter, persönlicher und schmutziger. Die alleinlebende 49-Jährige muss sich sogar Gerüchten erwehren, sie lebe in einer lesbischen Verbindung. Anonyme Flugblätter waren verteilt, vage Andeutungen über ihr Privatleben gestreut worden.

Schavan: Da wird gesagt, wie steht die eigentlich zu gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften? Nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch. Und sieht man die nicht hin und wieder am Bodensee in Begleitung von Frauen. Es ist meiner eigenen Mutter mal so gegangen, dass sie gefragt wurde, ob sie auch eine meiner Bekannten sei. Das, was da in Flugblättern verteilt wird, was ich in der Zeitung lese, ist schäbig, absurd und Rufmord. Und wer es genau wissen will, mir fehlen Eignung, Lust und Neigung dazu.

Annette Schavan hat nichts zu verlieren. Ihr Sieg wäre eine Sensation. Unterliegt sie, wird ihr Ergebnis dennoch beachtlich sein. Beobachter gehen davon aus, dass sie Oettinger mehr Stimmen kosten wird als je gedacht.

Zieht man die Statistik zu Rate, spricht einiges dafür, dass er den Kampf für sich entscheiden wird. Fast 80 Prozent der CDU-Mitglieder im Südwesten sind Männer. Rund 70 Prozent sind über 50 Jahre alt. Und bei der Vergabe von Führungspositionen wird Männern nachgesagt, dass sie eher Männern vertrauen. Hinzu kommt, dass weit über die Hälfte der Parteimitglieder erwerbstätig ist. Ein Viertel ist selbstständig. Und Oettinger gilt als der Kompetentere in Sachen Wirtschaft. Zudem sind gut 2/3 der CDUler verheiratet. Die Familie im klassischen Sinn hat hohen Stellenwert bei den Parteigängern. Annette Schavan aber ist ledig, Oettinger hat Frau und Kind. Ein Gegenargument: Die Südwest-CDU ist zu 60 Prozent katholisch. Oettinger jedoch ist Protestant. Sie dagegen - im Vorstand des Zentralrates der Katholiken - bedient das Thema aus Überzeugung.

Wer verliert, zieht zurück. So die Absprache zwischen Oettinger und Schavan. Am 11. Dezember auf dem Landesparteitag - der den Teufel Nachfolger dann offiziell kürt - wird es nur einen Kandidaten geben.

Oettinger: Mehrheit ist Mehrheit. Und deshalb gilt die Spielregel: eine Stimme Vorsprung reicht.

Ein Sieger der Mitgliederbefragung steht bereits fest: die CDU, die Partei. Die Aufbruchstimmung bei der Südwest-CDU ist mit Händen zu greifen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl und auch die Identifikation der Mitglieder mit den Mächtigen an der Spitze ist gewaltig gewachsen - in nur zehn Tagen, auf nur sechs Regionalkonferenzen. Ein Segen für die Partei. Denn die zermürbende Diskussion um die Zukunft von Ministerpräsident Erwin Teufel hat sie beinahe zerrissen. Schon gibt es Stimmen, die die Basisbefragung als Instrument zur Bestimmung des Kanzlerkandidaten für die Union vorschlagen. Singens OB Andreas Renner, der dem CDU-Vorstand angehört, und Mitglieder:

Renner/Mitglieder: Für die Mobilisierung der Partei ist es irrsinnig gut. Und für mich ist diese Mitgliederbefragung auch ein Beispiel dafür, wie wir mit der Kanzlerkandidatur umgehen sollten. Auch wenn wir zwei Partner sind. Man fühlt sich ernst genommen. Das hat die Partei wieder zusammengebracht. Ich wünsche mir, dass der mündige Bürger mehr dazu befragt wird. Ich war am Anfang sehr, sehr skeptisch. Aber wenn es sich zeigt, dass es möglich ist, so eine Entscheidung fair zu führen, dann finde ich es gut.

Die sechste und letzte Regionalkonferenz endet mit einer spontanen Fete der Oettinger-Freunde. Aus 70 biergetränkten Kehlen ertönt das Badner-Lied. Oettinger, der einzige Schwabe im Raum, grölt kräftig mit. Die Stimmung ist aufgekratzt und siegessicher:

Fete: Hoch soll er leben. Hoch. Wir haben jetzt die Krönungsmesse aufgeführt. War das die Generalprobe? Ja. (lacht)

Im Raum nebenan, nur durch eine dünne Holzwand getrennt: Annette Schavan im Kreis ihrer Unterstützer. Zwölf Frauen und Männer sitzen mit der Kultusministerin am Tisch.
Morgen wird der Sieger verkündet.
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