LänderReport
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8.12.2004
Neunzehnhundert 2004
Der Alltag im Doku-Soap-Gutshaus Belitz
Von Alexa Hennings

Als Barber und Tilman Bongardt 1992 ihre Trekker sattelten, alles Hab und Gut aufluden und aus dem ostfriesischen Greetsiel nach Mecklenburg tuckerten, war das das große Abenteuer der achtköpfigen Familie. Sie traten Großvaters Erbe an und zogen in das Gutshaus in Klein Belitz ein, im tiefsten Mecklenburg. So ackerten sie auf ihren 400 Hektar vor sich hin, bis zwölf Jahre später das nächste große Abenteuer begann. Die ARD hatte das Haus für seine neue Doku-Soap ausgewählt: "Abenteuer 1900 - Leben im Mecklenburger Gutshaus". Die Drehteams sind längst abgezogen, die Soap zu Ende und die Bongardts dürfen nun selbst im originalgetreuen Interieur wohnen - mit Plumpsklo, Waschschüssel und der Hoffnung auf ein paar Gäste mehr.

Filmausschnitt: Gutshaus Belitz in Mecklenburg. Kein normales Haus, sondern eine Zeitmaschine. Denn unter diesem Dach wagen 20 Menschen von heute das Abenteuer 1900. Acht Wochen leben sie wie vor 100 Jahren, 24 Stunden am Tag. Mit Haut und Haar. Ohne Strom, ohne Telefon, ohne Internet, ohne Fernseher. Die einen als Herrschaft, die anderen als Dienstboten. In strenger Hierarchie. Widerworte unerwünscht...

Guten Tag! Sie können auch gerne reingehen, klopfen und es von innen besichtigen. - Gut, danke! - Müssen vielleicht ein bisschen rufen, meine Frau ist grad' drin und hat die Bratkartoffeln aufgesetzt, da muss sie die wieder abstellen!

Ein Film und seine Folgen. Über drei Millionen Zuschauer hatte die Dokusoap "Abenteuer 1900" an jedem Abend. Bis gestern. Und einen gewissen Prozentsatz der Zuschauer hält es nicht am heimatlichen Fernseher. Das müssen sie sehen: Gutshaus Belitz, Mecklenburg, 2004.

Frau Bongardt, Besucher: ... - die Fischer bringen den Fisch, und alle, die zur Mamsell wollen, kommen hier rein - hier ist ihr Reich, hier muss geläutet werden. Dann ruft sie: Ich komme gleich, ich komme sofort! Gehen Sie in die Vorratskammer! Schauen Sie sich da mal um! Also, die ganzen Regale waren voller toller Sachen. Und das sind so die Reste, die sie dann nicht geschafft haben. - Und was sind das für Teeblätter? Pfefferminze? - Genau. - Und hier unten? Ach, das sind Körner? Dinkel und Weizen...

Die Besucher staunen, als hätten sie noch nie echte Getreidekörner und echtes Eingewecktes gesehen. Aber vielleicht haben sie es wirklich noch nie gesehen? Speckschwarten an der Decke, Körner im Jutesack und Käse hinter Gaze im Käseschrank, das alles scheint in Zeiten von Tiefkühltruhe und Supermarkt eine Faszination auszuüben. Die Besucher wärmen sich mit großen, glänzenden Augen an dem riesigen Küchenherd. Frau Bongardt, die Hausherrin, greift zu dem gusseisernen Waffeleisen. Zum Entzücken der Gäste ist es zum Umklappen und praktischerweise mit dem Rezept versehen. Alles original 1900, versteht sich.

Frau Bongardt: Erstmal finde ich ja toll, dass es gleich mit Rezept ist! Und man arbeitete ja mit acht Eiern!
Besucherin: Wenn man alte Rezeptbücher nimmt, das schlägt einen ja nieder! Man nehme dreieinhalb Pfund Butter, schlage ein oder zwei Dutzend Eier rein - lachen.
Genau, immer im Dutzend. Dann tat man den Teig rein, dann brutzelte das zwei Minuten und dann - Knall - drehte man das so um. Toll, ne?


Wie eine Schlossherrin wirkt sie nicht, wie sie da so mit dem Feuerhaken hantiert. Pullover, Watteweste, derbe Schuhe. Dass sie schon 57 ist, sechsfache Mutter und fünffache Großmutter, verraten höchstens die grauen Haare. Ihr frischer Teint und ihre drahtige Figur haben weder etwas mit einem Wellness- noch mit einem Fitnessstudio zu tun. Und auch nicht ihr ostfriesischer Vorname Barber. Barber Bongardt ist Bäuerin.

Bäuerin, Schlossherrin und nun auch noch Schlossführerin.

Bongardt: So, hier haben wir Svenjas Zimmer. Hier hat die kleine süße Svenja geschlafen. Ich zeig Ihnen hier, wie sie auf Stroh geschlafen hat. Wirklich, es ist Stroh! Da werden mir natürlich unglaubliche Geschichten erzählt von älteren Herrschaften. Die erzählen mir: Ja, das muss aber hier offen sein, das musste man morgens wieder aufschütteln, man konnte da reingehen. Also, das wäre nicht sehr orginial. Viele wissen das noch, viele haben noch nach dem Krieg so geschlafen. Erstaunlich...

Und so geht es weiter durch das ganze Haus, treppauf zu den herrschaftlichen Räumen, treppab zum Gesindereich, das beim Publikum immer am besten ankommt. Vielleicht, weil die modernen Zuschauer, Hartz IV vor Augen, eher mit dem geplagten Gesinde aus dem "Gutshaus 1900” fühlen konnten als mit denen, die da oben im Prunk residierten? Als sich alle Neugierigen in der Leutestube versammelt haben, erzählt Barber Bongardt, wie sehr sich doch Spiel und Wirklichkeit vermischt haben bei dem Film. Während der Dreharbeiten im Frühjahr war sie mit ihrer Familie aus dem Gutshaus ausgezogen.

Jeden Sonntag, erinnert sie sich, sah man die Darsteller des Gesindes in ihrer 1900-Tracht in der Kirche, im Gottesdienst von 2004. Das war das einzige Mal in der Woche, wo sie herauskamen. Und die Belitzer bemerkten etwas an ihnen.

Bongardt / Besucher in Leutestube: Man sah nach ein paar Wochen die Schwere bei dem Gesinde. Die guckten kaum noch hoch. Die hatten das ja so unglaublich verinnerlicht, dass sie nach unten gucken mussten. Die waren einfach zu müde und stumm. Sie machten einen lethargischen Eindruck. Der Pastor, der alte Pastor, registrierte das und ließ sich einmal einladen von der Mamsell. Und er hat hier mit ihnen einen Abend verbracht. Er hat ihnen die Geschichte von Rudolf Tarnow vorgelesen, wo der Baron und der Kutscher diskutieren, welchen Landauer sie nehmen sollen zur Ausfahrt. Den Landauer mit der geschlossene Kappe oder den offenen? Und da sagt der Kutscher auch immer: Is egal. Is mi egal, seggt hei, Baron. Und dann diskutieren sie 'ne halbe Stunde und immer wieder sagt der Kutscher: Is egal, Baron. Und am Ende ist es ja auch egal, der Kutscher sitzt eh im Freien, egal ob Regen oder Sonne! Der Kutscher kann ja gar nicht anders entscheiden. Und das hat der Pastor umgemünzt: Übersteht die Zeit jetzt hier. Macht so ein bisschen egal.

Nachdem nun wirklich alle Fragen geklärt sind, entlässt Frau Bongardt die Leute aus dem Film von 1900. Oder aus dem Gutshaus von 2004? Egal, die Ebenen mischen sich, damit muss die Gutsfrau jetzt leben.

Schön, ja, das war sehr nett. Auf Wiedersehen! Vielen Dank! Tschüß. Sind wir am Ende. Oh Gott, viertel vor eins!

Ach ja, Bratkartoffeln stehen auch noch auf dem Herd. Na, ausgestellt waren sie ja zum Glück.

Bongardt: Schöne Urlaubstage wünsch' ich Ihnen! ... Ja, da haben wir stramm zu tun, haben wir gut zu tun. Wir kommen kaum zum Mittagessen. Wer das eine will, muss das andere mögen! Die können ja nun nicht außen vor bleiben. Ich verdien' ja auch damit. Ich hab' an die 30.000 Euro für Requisiten ausgegeben, was ich erworben habe vom Film.

Gutshaus Belitz 2004. Dass es wirklich so aussieht wie 1900, haben die Bongardts ihrem beherzten Entschluss zu verdanken, das Geld, das sie von der Filmproduktion für die siebenmonatige Belagerung und den Umbau des Hauses bekamen, in den Erwerb all der schönen Dinge zu stecken, die die Berliner Requisiteure so anschleppten - vom Gründerzeit-Kachelofen bis zum Kerzenständer, vom den wunderschönen Tapeten bis zum Nachttopf. Und weil für den Film sämtliche Elektro- und Wasserleitungen rausgerissen wurden, mussten schließlich auch alle Installationen neu verlegt werden. Egal, sagt Herr Bongardt und winkt ab, die Leitungen waren sowieso alle aus dem Jahr 1922. Da musste ohnehin was getan werden. Deshalb fiel ihm auch die Entscheidung, für mehr als ein halbes Jahr auszuziehen, nicht schwer.

Bongardt: Denn meinte mein Mann: Natürlich machen wir das, das kann ich dir in den nächsten zehn Jahren nicht bieten, wie die unser Haus verschönern!

Tilman Bongardt mag gern um sein Haus gehen. Lichtgelb sieht es jetzt aus, vor einem Jahr noch war es grau. Es neu zu verputzen, hatten die Bongardts noch nicht geschafft. Zwölf Jahre sind sie jetzt hier in Mecklenburg, und so viel wirft die Landwirtschaft nicht ab, dass man an so einem Haus gleich alles machen kann, sagt Bauer Bongardt.

Tilman Bongardt: Das Haus war, als wir kamen, voll bewohnt. Wir haben dann 1992 einen Antrag bei der Gemeinde gestellt als Mieter. Dann haben wir genauso bis 97 als Mieter gewohnt. Aber dann wurde der Druck von Spekulanten und - ja, wie nennt man diese? - Immobilienspekulanten immer größer und wir haben dann das Haus gekauft. Aber bis 2002 waren die Letzten mit im Gutshaus.

Es waren Tilman Bongardts Großeltern, denen bis 1945 das Gutshaus gehörte. Seine Mutter wuchs hier mit sieben Geschwistern auf, lebte und arbeitete später mit ihrem Mann auf dem Gut. Nach der Enteignung 1945 flüchtete die Familie nach Neustadt in Holstein, dort wurde Tilman geboren. Seine Eltern gingen als Bauern nach Ostfriesland. In den 70er Jahren übernahmen die jungen Bongardts, Tilman und Barber, die Wirtschaft mit 50 Kühen, 35 Sauen und 40 Hektar Land. Ihre sechs Kinder wuchsen auf dem Bauernhof auf und alles schien seinen geregelten Gang zu gehen, bis die Wende kam und die Frage: Was wird mit dem alten Besitz in Mecklenburg?

Tilman Bongardt: Dann konnte ich als Mitvierzigjähriger schlecht vor meinem 90-jährigen Vater stehen und sagen: Ich bin zu bequem dazu. Das war also der innere Antrieb zu sagen: Wir fassen es wieder an. Und eigentlich auch schon die Vorausschau, dass die kleine Betriebsgröße, wie sie in Ostfriesland war, schwer zu halten war. Vor allem hat es sich jetzt doch gezeigt durch den Preisrückgang, dass man mehr Flächen, größere Betriebe braucht, um als Landwirt weiterzumachen. Also auch der Gesichtspunkt, vielleicht etwas länger Landwirt zu sein auf größerer Fläche.

Hier in Mecklenburg ist Herr Bongardt mit seinen 400 Hektar, von denen nur drei ihm gehören, immer noch ein Kleinbetrieb. Die LPG-Nachfolger um ihn herum bewirtschaften das Doppelte. Aber zu Hause, in Ostfriesland, wäre Gut Belitz ein Riesenunternehmen. Es ist eben alles relativ, das lernte Herr Bongardt schnell. Ob es die Betriebs- oder die Wohnungsgröße ist. Er zog zwar in ein Gutshaus, was sich riesig anhört, aber seine Wohnung hatte 60 Quadratmeter und den Komfort der 50er Jahre: Zwei Bäder gab es für sieben Familien und Öfen, die nicht so richtig zogen.

Mein Mann ist im August 92 mit Trecker und zwei Anhängern von Ostfriesland nach Mecklenburg gekommen. Und hatte dabei: ‘ne Waschmaschine, Häcksler, Kühlschrank, Betten - Betten auch?
Ja, Strohäcksler, Grubber.
Genau. Die Geräte, die du unbedingt brauchtest und dass er vor Ort leben konnte. Wir sind in drei Räume eingezogen: Küche, Wohnzimmer und ein Schlafzimmer gab es, wo wir fünf mit unseren drei Söhnen eingezogen sind.


Tilman Bongardt: Ja, dies war der ehemalige Kuhstall. Laut Kirchenchronik hat durch böse Hand jemand Feuer gelegt 1905 im Februar. Deshalb sind hier sehr viele Gebäude abgebrannt und daraufhin wurden Pferdestall, Inspektorenhaus, Gutshaus alles neu gebaut. Hier war nur das Dach runter und man hat die Scheune wiederhergestellt und etwas verbreitert, deshalb sieht das etwas undimensional aus …

Herr Bongardt steht in seiner riesigen Scheune, um sich die Trecker, Grubber und Häcksler, geputzt und winterfein gemacht, und stapelweise Holz zum Heizen fürs Gutshaus. Jetzt, im Winter, ist nichts zu tun. Da kann ein Bauer eigentlich nur hoffen und beten: Dass die Düngerpreise nicht schon wieder steigen und die Zuckerrübenpreise nicht schon wieder fallen und dass es ein vernünftiger Winter wird.

Tilman Bongardt: Es müssen zwei Grad frieren, dann darf Schnee kommen und dann darf es frieren ohne Ende.

So sieht also der ideale Bauernwinter aus. Schon zweimal in seiner Mecklenburger Zeit sind dem Landwirt die Saaten auf 80 Hektar erfroren. Winter war es auch, als sich der zugereiste Ostfriese die ersten Freunde machte im Dorf. Denn der Empfang war anfangs doch etwas verhalten, fand Herr Bongardt.

Tilman Bongardt: Aber es sind viele im Dorf, die ja die Nachkommen sind von Leuten, die bei meinem Großvater gearbeitet haben. Und als ich dann gesagt habe, dass ich die Bodenreform so anerkenne und dass wir jetzt zusammen weiter machen müssen, wurde die Stimmung etwas anders, positiver. Und im ersten Winter war es auch, da habe ich gleich für viele Leute Holz gefahren, und die dann im Schnee festsaßen, mit meinem Schlepper raus gezogen. Da wurde die Sache freundlicher. Und heute ist es so, dass ich sehr viele Gärten mit bearbeite, pflüge, Dünger streue, mit abdresche, damit die Leute ihr Hühnerfutter haben. Ja, so machen wir gemeinsam weiter.

Nur manchmal klingt es so, als meine Herr Bongardt mit "den Leuten” noch die Angestellten des Gutes. Die Belitzer jedenfalls müssen bald gemerkt haben, dass der Zugereiste, der Westdeutsche, der Erbe, der kein Erbe bekam, sondern es zurückkaufen musste, dass er, der kein "von” und kein "zu” und kein "Graf” und kein "Freiherr” vor dem Namen hatte und sich auch nicht so benahm, dass dieser kleine, stämmige Mann ein Vollblutbauer ist wie sie auch.

Tilman Bongardt: Es gab ein Schlüsselerlebnis. Ich war am Düngerstreuen. Und da fing es an zu nieseln. Und ich bin nach Hause gefahren, hatte aber meinen Anhänger nicht zugedeckt mit der Plane. Und als ich am nächsten Morgen wiederkam, war alles mit der Plane abgedeckt und alles ordnungsgemäß verzurrt. Da war ich doch erfreut. Das war gleich im ersten Jahr. Da wusste ich, dass ich hierbleiben kann.

Das mit der nonverbalen Aufenthaltserlaubnis ist jetzt zwölf Jahre her. Längst sind die Bongardts aufgenommen im Dorf, wurde der Bauer zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt und hat sich als einer, der die Arbeit nicht verteilt, sondern der selber ordentlich wegschleppen kann, Anerkennung verdient.

Tilman Bongardt: Ich habe auf diesen 420 Hektar einen Mitarbeiter. Wir sind beide voll - ich bin Gutsherr, Buchhalter, Heizer und Traktorist.

"100-Stunden-Woche" war auf den Werbeplakaten für die Serie "Abenteuer 1900” zu lesen. Bauer Bongardt und sein Mitarbeiter können mit ihrem Arbeitspensum - den Winter ausgenommen - durchaus mitreden.

Wir haben vor kurzem mal ausgerechnet, wir waren bei 92. Nein, ist uns nicht fremd. Darum durfte ich auch im Film nicht mitspielen - weil der Regisseur meinte, ich könnte ja alles, dann würde der Film langweilig werden!

Das Pensum von Frau Bongardt erinnert auch eher an 1900 als an 2004. Acht riesige Kachelöfen heizt sie jeden Tag. Alle zwei Stunden dreht sie mit Schürhaken und Holzeimern bewaffnet ihre Runden durch die Räume. Vom Keller bis in die oberste Etage.

Eigentlich mache ich das gerne. Weil: Das gesamte Haus mit Öl oder Gas versorgen, ist unglaublich teuer. Und da ich mich bewegen muss und eh den ganzen Tag im Haus bin - ich brauch' nicht joggen, ich brauch' nicht auf Diät achten - es ist alles perfekt!

Nur bei der Küchenarbeit gönnt sich Barber Bongardt den Luxus der Moderne. Rasch mixt sie ein paar Rühreier, die dann mit den zweimal aufgewärmten Bratkartoffeln doch noch irgendwann auf den Tisch kommen. So schön sie die alte Film-Gutsküche im Keller auch findet - sie täglich zu benutzen, würde ihr doch etwas zuviel.

Ich würd' wahnsinnig werden, wahnsinnig, wenn ich so leben müsste! Das geht nicht allein, da braucht man einen Stab von zehn, zwölf Leuten.

Dennoch ist die alte Gutsküche das Highlight der Führungen, mehr als das herrschaftliche Esszimmer, der elegante Salon und das Herrenzimmer. Irgendwie scheinen die Leute dazu eine größere Neigung zu haben, meint die Schlossherrin, das Noble ist doch etwas fremd. Die Bongardts selbst haben sich schon an die Eleganz in ihren oberen Stockwerken gewöhnt, schneller als sie dachten. Doch auch sie gehen noch wie Besucher in den herrschaftlichen Zimmern umher, bewohnen sie aber nicht. Sie schlafen in ihrem alten Schlafzimmer, kochen in ihrer Mini-Küche und essen in ihrer kleinen Wohnstube, wie sie es seit 1992 tun. Irgendwie wissen die Bongardts noch gar nicht so richtig, wie sie die Berühmtheit ihres Hauses vermarkten sollen. Profis hätten sicher schon ihre Internet-Seite vom Haus fertig oder zig Annoncen geschaltet. Sicher, man fischt die Adresse schon irgendwie aus dem world wide web heraus, aber so toll wie auf der ARD-Seite zur TV-Serie, wo man per Mouse-Klick virtuell durch jedes Zimmer wandern kann, so toll ist es natürlich nicht. Die Tochter in Berlin wolle sich drum kümmern, versichert Frau Bongardt und schaut wie alle Mütter, denen ihre Kinder mehr versprechen, als sie dann halten können. Aber trotzdem: der große Traum vom "Authentischen Urlaub 1900” hat sich im Belitzer Gutshaus festgesetzt.

Einige werden sich einmieten als Herrschaft und werden einen höheren Preis bezahlen und werden bedient wie zur damaligen Zeit. Und einige werden sicher anfragen nach einem Abenteurerurlaub und müssen sich dann selber versorgen.
Wir versuchen, an die Kostüme nochmal ranzukommen. Das wäre wirklich phantastisch, wenn wir den Leuten auch die Kostüme geben könnten und sie in diese Rolle schlüpfen könnten. Das wäre also die Romantik dabei.


Selber Wasser pumpen für die Waschschüssel auf dem Zimmer, das könnte doch was haben - besonders im Winter. Zuerst pflegt immer rostiges Wasser zu kommen, aber das gibt sich nach fünf Minuten kräftigen Pumpens.

Sehen Sie? Nun ist es klar!

Was die Toiletten betrifft, so ist Frau Bongardt jedoch zu Zugeständnissen an die moderne Hygiene durchaus bereit: Die Plumpsklos - eins für die Herrschaft, eins fürs Gesinde, die für den Film im Haus eingebaut wurden, sehen jetzt nur noch von außen nach holzkistenartigen Plumpsklos aus. Im Inneren verbirgt sich ein Wasserklosett. Der Gestank im Haus war Frau Bongardt dann doch etwas zu authentisch.

Na ihr? Ha, jetzt wollt ihr raus! Gock gock, gock gock! Na. Jetzt wird's auch Zeit...

Noch können die Gäste - so sie kommen - die Original-Filmhühner im original Film-Hühnerstall füttern. Die Gänse mussten leider schon dran glauben. Schließlich steht Weihnachten vor der Tür, und Bauer ist Bauer, da geht Festtagsbraten vor Sentimentalität.
Der Hahn kriegt neue Federn! Kleiner Puschel! Kleiner Puschel hier! Dann schauen wir mal, wie viel Eier wir haben. Nicht viel, vier, fünf, es sind 17 Hühner, die vom Film übrig geblieben sind...

Vielleicht sollten sich die, die noch die Original-Filmhühner vom "Abenteuer 1900” gackern hören wollen, doch etwas beeilen?

Ansonsten bliebe ja noch das Holzhacken, das Ofenheizen, das Wäscherubbeln, das Waffeln backen, die Stroh- und die Seidenbetten, das Waschen in der Porzellanwaschschüssel und das - wenn auch nicht mehr ganz originale - Plumps-Wasser-Klo. Ach ja, und die authentischen Damenbinden aus Baumwolle. Die liegen in der Herrschaftsetage fein säuberlich gefaltet bereit. Für besonders Abenteuerlustige.
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