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10.12.2004
Das ganze Jahr Schiller
Das thüringische Bauerbach ist schillersüchtig
Von Michael Frantzen

Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar (Bild: AP)
Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar (Bild: AP)
"Jeder im Dorf kennt seinen Schiller", sagt die Bürgermeisterin. "Schiller ist uns einfach vertraut", erklärt der Schlosser, der für Ehrengäste schon einmal das "Schiller-Kostüm" überzieht. Im thüringischen Bauerbach dreht sich fast alles um den deutschen Dichterfürsten, der hier von 1782 bis 1783 Zuflucht fand. Über die Hälfte der 310 Bauerbacher ist Mitglied im Schiller-Theaterverein, noch einmal 30 im Schiller-Verein, Parteien gibt es keine, bei den Kommunalwahlen stellen der Schiller-Verein und die anderen Vereine Listen auf. Höhepunkt des Jahres ist der 7. Dezember - der Tag, an dem "der Seelenverwandte" inkognito als Dr. Ritter im Dorf auftauchte. Dann trifft sich das ganze Dorf im Gasthof "Zum Brauen Roß" - der Schiller-Begegnungsstätte, um groß zu feiern, zu tanzen und ihren Schiller zu deklamieren.

Ansorg: Meine Mutter hat gespielt, mein Vater hat gespielt. Ich spiele, der Bruder spielt, meine Kinder spielen wieder.

Volker Ansorg ist süchtig. Schiller-süchtig. Ein schwerer Fall. Fast ein halbes Jahrhundert schon beschäftigt den Bauerbacher Geschäfts-Mann mit der Halbglatze und dem Kugelbauch der Dichterfürst; seitdem sein Großvater Ende der 50er für das neugegründete Arbeiter- und Bauerntheater Friedrich Schiller den Tell auf die Bühne brachte und er einen Hirtenknaben spielte.

Ansorg: Den Rüdli-Schwur - den kann, glaub ich, in Bauerbach fast jeder. Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr, wollen trauen...(stockt)...sehen se, da geht's schon los.

Muss er wohl doch mal wieder einen Blick in Schillers Werke werfen. Die stehen bei Volker Ansorg zu Hause. Komplett. Nichts Ungewöhnliches im Dorf.

Bauerbach, das Schillers Spur,
Schillers Erbe treulich prägt,
dessen Geist nährt die Kultur,
die all dein Sein und Leben prägt.


Das Bauerbachlied. Erste Strophe

Ohne Schiller, sagen sie im Dorf, wären wir nichts. Schiller ist alles in einem: Ist Idol, Lebensversicherung in stürmischen Zeiten; Halt. Bei Schiller, meint Volker Ansorg, Bauerbachs vielleicht größter Schiller-Fan - bei Schiller weiß man, woran man ist.

Ansorg: Wenn man in den Räubern den Räuber-Hauptmann sieht: Den Karl Mohr. Oder den Franz Mohr - die sind klar definiert: Da ist der Böse und da ist der Gute.

Morgen ist es soweit. Morgen werden Volker Ansorg und das halbe Dorf wieder in den "Braunen Roß" strömen - die denkmalgeschützte Schiller-Begegnungsstätte - um die Ankunft des Dichters in Bauerbach an einem verschneiten Dezembertag im Jahre 1782 zu feiern.

Thomas: Also das ist der berühmte Schiller-Tisch und die Schiller-Bank.

Auftritt Gisela Thomas, Vorsitzende des Fremdenverkehrsvereins.

Thomas: Hier aß und trank Friedrich Schiller. Hier ist auch noch die unbezahlte Rechnung.

Desweiteren hat die Begegnungsstätte zu bieten: Eine Schiller-Büste, Schiller-Heftchen und Schiller-Weißwein aus Baden-Württemberg. 900.000 Euro wurde in die Renovierung des Gasthauses gesteckt - selbst die Fassaden-Inschrift - eine Schmähschrift aus der Feder des Meisters - wurde originalgetreu wieder aufgemalt. Vom Land Thüringen gab es Fördergelder - damals in den satten 90ern, als das Geld noch sprudelte und das Dichterland auf Vordermann gebracht werden sollte. Schiller, sagt Bauerbachs vielleicht größter Schiller-Fan - Schiller hat dem Dorf einen warmen Geldsegen gebracht. Und aus den Bauerbachern Spieler gemacht.

Thomas: Wir sind ja nen ganz kleiner Ort. Wir haben ja nich mal 300 Einwohner. Und das Theater hat fast 150 Mitglieder. Und jetzt ist es so, dass schon meine Enkeltochter im Theater mitspielt, bei den Kinderstücken. Das ergibt sich dann so. Weil die Kinder...auch meine Tochter hat mitgespielt...dass wenn eben Proben waren, sind die Kinder mitgegangen auf die Bühne. Von jedem Haushalt ist jemand im Theater integriert. Ob vor, auf oder hinter der Bühne.

Lüdicke: Das bin ich gewesen, als Amalia von Edelreich. Ah ha. Wann war das? Das war 1981,82.

Auftritt Sonja Lüdicke.

Lüdicke: Sie können mich als Ortschronistin bezeichnen. Da machen sie nichts falsch.

Ortschronistin also. Was so viel heißt wie: Schiller-Chronistin. Vier Jahre hat Sonja Lüdicke an der Chronik Bauerbachs und des Theaters geschrieben. Ihren Schiller kennt die 55jährige aus dem Eff-Eff:

Lüdicke: Es lächelt der See, er ladet zum Bade, der Knabe schlief ein, am grünen Gestade.

Lüdicke ist gerade dabei, für den Festakt morgen ein paar Sätze aufs Papier zu werfen: Etwas über Schillers Leben in Bauerbach; wie Freifrau Henriette von Wolzogen ihm Asyl gewährte auf seiner Flucht vor dem württembergischen Herzog Carl Eugen; und sich der junge Schiller unsterblich in die noch jüngere Tochter des Hauses verliebte. Der Dichter holte sich einen Korb, die Erkenntnis, dass ein Normalsterblicher wie er bei einer Adligen keine Schnitte hatte, inspirierte ihn zu Kabale und Liebe. Schiller - sagt Bauerbachs vielleicht größter Schiller-Fan - Schiller war ein großer Romantiker.

Lüdicke: Wenn ich das lese, merk ich immer wieder, was für ein außergewöhnlicher Mann dieser Mensch gewesen sein muss. Und es hat wahrscheinlich seit seiner Zeit, glaube ich, nie wieder so einen genialen Dichter gegeben.

Brief an Henriette von Wolzogen, Juni 1783:
Es war eine Zeit, wo mich die Hoffnung eines unsterblichen Ruhmes so gut als ein Galakleid ein Frauenzimmer gekitzelt hat. Jetzt gilt mir alles gleich und ich schenke Ihnen meine dichterischen Lorbeeren für den nächsten Bouef á la mode und trete Ihnen meine tragische Muse zu einer Stallmagd ab.

Lüdicke: Er war erst Mal ein grundehrlicher Mensch. Seine Erscheinung hinterließ in jedem Fall auch äußerlich schon einen Eindruck auf den Menschen. Man beschreibt ihn als einen hochgeschossenen, schlanken, jungen Mann. Mit hoher Stirn, der leuchtend blaue Augen hatte. Und dem hat man seinen Geist, schon bei seiner ersten Erscheinung, eben angesehen.

Wieseke: Hier ist er wirklich abgestiegen. Und hier hat er gelebt: Vom 7. Dezember 1782 bis zum 24. Juli 1783.

Auftritt Ilona Wiesecke, Leiterin des Schiller-Museums in Bauerbach.

Wiesecke: Ich würd sie mal bitten, mit mir ins nächst kleinere Zimmer zu gehen. Hier dieses ist ein kleines Kabinettchen. Hier sind zum Beispiel am Fenster...liegen da drei Bücher aus. Das ist einmal der Fiesco zu Genua; dann ist zu nennen Kabale und Liebe. Und in Bauerbach ist auch noch der erste Entwurf zu Don Carlos entstanden.

Seit 1993 leitet Ilona Wiesecke jetzt schon das Schiller-Haus, das seit vierzig Jahren in Besitz der Stiftung Weimarer Klassik ist. Schiller - sagt Bauerbachs vielleicht größer Schiller-Fan - Schiller hat mich mein ganzes Leben lang begleitet.

Wiesecke: Meine Großmutter hat dieses Haus schon zu DDR-Zeiten verwaltet. Und ich bin im Prinzip mit diesem Haus groß geworden. Man wurde auch hier in Bauerbach auch mit der ganzen Dorfbevölkerung so mit Schiller in Kontakt gebracht, daß man gedacht hat, daß Schiller was Wunderbares war. Ein Mann nach dem man aufschaute, ja?! Seine ganze Lebensgeschichte. Es war immer diese Wanderschaft von einem Ort zum anderen. Nie irgendwo die Ruhe finden. Und immer kämpfen müssen ums Überleben. Wie er immer um dieses bisschen Leben kämpfte.

Fickel: Durch Schiller hat Bauerbach Ruf und Weihe erhalten.

Auftritt Rosemarie Fickel, Bürgermeisterin von Bauerbach.

Fickel: Für unsere Bürger besteht die Hauptaufgabe darin, diesen Ruf und diese Weihe weithinaus zu tragen.

Bei anderen Politikern mag man angesichts von so viel Pathos nervöse Zuckungen bekommen - doch wer Bauerbachs resolute Bürgermeisterin, die hauptberuflich als Dezernatsleiterin im Thüringer Landesamt für Soziales und Familie arbeitet und nebenbei noch ihren Job als Bürgermeisterin schultert, Minimum zwanzig Stunden die Woche, ehrenamtlich - wer Rosemarie Fickel einmal erlebt hat, dem schwant: Die Frau meint es tatsächlich ernst. Schiller ist Alltag. Das reicht bis in die Politik: Parteien gibt es keine, die Schiller-Theater-Gruppe und die Vereine stellen Listen auf.

Schiller - sagt Bauerbachs vielleicht größer Schiller-Fan - Schiller ist das Pfund, mit dem wir wuchern. Wenn es sein muss, weltweit. Selbst in Japan waren sie schon mit ihrer Theater-Truppe. Gut zwei Jahre ist das jetzt her.

Dort hatte ich 'ne schöne Rolle. Das war die Frau von dem Könner. Und das war 'ne sehr resolute Frau. Die den Könner eben dazu bewogen hat, nu endlich ins Parlament zu gehen und seine Aufgaben wahrzunehmen. Und das is so richtig aus dem Leben gegriffen, denn es gibt im Dorf auch welche, die man öfters mal anstoßen muss, damit alles in die richtigen Gänge kommt. Damit Entwicklung kommt. Und daher war das sehr eng verbunden mit meiner täglichen Arbeit, die ich hier als ehrenamtliche Bürgermeisterin ausübe.

Das Bauerbachlied, zweite Strophe

Bauerbach, als Dorf so klein,
hast du doch ein hohes Ziel,
Schillers Erbe wert zu sein
zu ehren ihm im Freilichtspiel


Ihren Schiller spielen die Bauerbacher auf der Naturbühne am Hang vor dem Dorf - visavis der Burgruine von Henneberg. Sie spielen ihn immer noch so, wie es schon Sonja Lüdickes Eltern und Volker Ansorgs Großvater zu DDR-Zeiten getan haben: Klassisch. Keine Experimente; kein modernes Theater, keine professionellen Schauspieler. In der DDR hatten sie damit Erfolg: Schon zwei Jahren nach Gründung 1959 erhielt die Theatertruppe den vaterländischen Verdienstorden in Silber, schaute sich Genosse Ulbricht eine Aufführung an. Das Arbeiter- und Bauern-Theater in Bauerbach passte der SED gut in den Kram, hatte sie doch gerade den Bitterfelder Weg eingeschlagen, wonach die Werktätigen auch kulturell produktiv zu sein hatten.

Ansorg: Wir hatten ständig volles Haus. Eben weil das Theater sehr hoch angebunden war. Das wurde damals alles über die Gewerkschaft organisiert. Es wurden die Betriebe im Prinzip auch rausgekarrt.

Männerstimme: Die Papiere bitte.

Alltag in Bauerbach - damals zu DDR-Zeiten: Ausweiskontrolle. Der Ort lag im Sperrgebiet, bis zum Klassenfeind waren es nur ein paar Kilometer. Wer hier nicht wohnte, hatte nichts verloren - es sei denn, man gehörte zum exklusiven Kreis derer, die passierscheintauglich, sprich politisch unbedenklich, war. Fast vierzig Jahre Isolation. Einmal im Jahr aber gingen die Schlagbäume hoch - Schiller sei Dank. Zu den Aufführungen der Natur-Bühne durften auch Leute von außerhalb rein, sogar Westdeutsche. So wie Bauerbach einst die Rettung für Schiller war, rettete der Dichter das Dorf vor dem Vergessen. Das prägt.

Beate Burkhardt kann sich noch gut an damals erinnern. Die Schneiderin, die nach der Wende zum Naturtheater gestoßen ist und jetzt die Kostüme näht, hat sich ein paar Aufführungen mit ihren Kindern angeschaut.

Burckhardt: Dann hat man überall Armee-Angehörige gesehen, die haben das dann wirklich überprüft und sind dann auch stehen geblieben. Und wo die Vorstellung zu Ende war, mussten wa direkt wieder zum Bus. Und das war ja son Sammelschein, den der Lehrer dann immer vorweisen musste. Denn man wurde dann ja schon von der Polizei am Schlagbaum überprüft: Da wurden die Leute nachgezählt; dass man auch wieder genau die Menge war, wo man wieder rausgefahren war. Und keiner ausgeblieben is, nä?! Und das sind eben nich so gute Erinnerungen. Es war irgendwie, so innerlich...man war so aufgeputscht.

Die alten Zeiten: Ortschronistin Lüdicke geht es wie vielen älteren Bauerbachern: Unsicheres Terrain. Die DDR ist nicht Schiller. Schiller ist entrückt, ein Mythos, Lebenselixier für die 300-Seelen-Gemeinde, die ohne den Dichter ein hübsch anzusehendes, aber x-beliebiges Dorf in der Mitte Deutschlands wäre.

Schiller ist mehrheitsfähig. Doch die DDR?! Ist zwar auch längst vergangen, aber sie spukt in der eigenen Biographie umher. Mit Schiller musste man sich nicht über 40 Jahren arrangieren. Und arrangieren musste sich auch das "Arbeiter- und Bauerntheater": Maximal acht Aufführungen pro Jahr, der Spielplan wurde vom Kultusministerium in Ost-Berlin abgesegnet. Wilhelm Tell haben sie zu Mauer-Zeiten nur ein einziges Mal aufführen dürfen, dann bekamen die Kultur-Bürokraten in der Hauptstadt kalte Füsse.

Lüdicke: Da kommt diese Passage vor: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern. Das ist dieser berühmte Rüdli-Schwur: "Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. Wir wollen frei sein wie unsere Väter waren und uns nicht fürchten vor der Macht der Feinde."

Den Tell haben sie direkt nach der Wende wieder aufgeführt - zur Freude der Westdeutschen, die aus dem nahen Bayern und Hessen vorbeischauten und dafür sorgten, dass die Bauerbacher in den ersten Jahren nach der Wende nicht vor leeren Rängen spielten: Die Landsleute aus dem Osten hatten anfangs anderes im Sinn als sich ein paar Amateur-Schauspieler anzuschauen: Reisen in den Westen; ein neues Auto; Konsum statt Bauern-Theater. Mit der Zeit hat sich das gelegt, heute kommt wieder die Hälfte des Publikums aus den neuen Bundesländern. Doch die Sicherheit von früher, sinniert Sonja Lüdicke, die ist weg.

Lüdicke: Wir haben zum Beispiel auch zu DDR-Zeiten, wenn es eng wurde bis zur Premiere - dann hat unsere Kulturabteilung beim Rat des Kreises - die hat dann auch dafür gesorgt, dass die Betriebe uns auch mal einen Tag freistellen, dass diese Premiere stattfinden kann. Das ist natürlich überhaupt nicht mehr möglich. Es wurde halt viel schwieriger, die Leute zu Proben zusammen zu bekommen. Es is alles viel schwerer geworden. Und können wa eigentlich stolz darauf sein, dass wir so viele Jahre - es sind ja nun 15 Jahre dieses Jahr - bestehen konnten.

Fragt sich nur wie lange noch? Denn die Bauerbach-Idylle hat Risse bekommen. Schiller mag den Bauerbachern zwar Halt und Identität geben - vor den Sparzwängen anno 2004 feiht er sie aber auch nicht. Und das ausgerechnet vor dem Schiller-Jahr 2005, für das schon kräftig die Werbetrommel gerührt wird. Die Fördermittel vom Land Thüringen sind trotzdem diese Saison massiv zusammengestrichen worden, sitzt auch bei den lokalen Sponsoren das Geld nicht mehr so locker. Was zur Folge hat, dass sich im Vereinsbüro neben Beate Burkhardt, der Schneiderin, nur noch eine weitere ABM-Kraft um die Belange des Theaters kümmern kann. Vor sechs Jahren waren sie noch zu acht. Und: Einschnitte auch beim Publikum.

Burckhardt: Es ist alles eine Kostenfrage. Die Leute müssen herantransportiert werden - die Kinder. Und manchen Schulklassen geht's im Moment nich so gut. Die haben kein Geld zur Verfügung, so haben ses uns immer gesagt. Mir haben also ganz schön zu kämpfen, dass wir das Haus voll kriegen.

Wieseke auf einer Treppe: Dann gehen Sie bitte mit nach oben.

Trübe Aussichten auch im Schiller-Haus. Schon jetzt hat das Museum nur noch am Wochenende geöffnet - von elf bis 15 Uhr. Nicht gerade Besucher-freundlich. Doch Ilona Wiesecke zuckt nur die Schultern. Anweisung von oben, aus Weimar. Schiller - betont Bauerbachs vielleicht größter Schiller-Fan - Schiller trägt keine Schuld.

Wiesecke: Das Interesse ist schon da. Das muss man schon sagen. Also, die Gäste möchten schon gerne die Woche über kommen. Es sind ja viele Reisegesellschaften, Schulklassen, die am Wochenende nicht kommen können. Die fallen dann auch weg.

Die Stiftung Weimarer Klassik - für Bürgermeisterin Fickel sind die Hüter des klassischen Erbes in Thüringen ein rotes Tuch. Wissen anscheinend nicht ihr Bauerbach und ihren Schiller richtig zu würdigen: Zu wenig Werbung für das Haus; zu wenig Hinweisschilder zum Museum; und zu allem Überfluss jetzt auch noch die Nachricht, die Stiftung wolle ihren kleinsten Ableger ganz dicht machen - es sei denn, die Gemeinde springe ein und übernehme die Personalkosten.

Fickel: Es ist keine Lösung, wenn man sagt: Trägerwechsel. Oder begrenzte Öffnungszeiten. Gerade in Zeiten, wo wir ein Schiller-Jubiläum haben, muss das Museum offen sein. Bisher ist der Träger die Stiftung Weimarer Klassik. Und es hat keinen Trägerwechsel stattgefunden. Und es wird in absehbarer Zeit auch keiner stattfinden. Denn die Gemeinde fühlt sich durchaus überfordert, dieses Anwesen noch zu übernehmen. Wir unterstützen gerne in Bereichen, aber können nicht die Verantwortung übernehmen. Da macht sich's die Stiftung zu einfach.

Schließlich geht es um Schillers Erbe; um das Pfund, mit dem Bauerbach wuchert. Sein einziges. Rosemarie Fickel, von der sie im Dorf sagen, sie kenne die halbe Regierung in Erfurt und habe noch jeden Förderantrag irgendwie an Land gezogen - Rosemarie Fickel wäre nicht Rosemarie Fickel, wenn sie nicht schon längst wieder alle Räder in Bewegung gesetzt hätte. Der Landrat soll Unterstützung "signalisiert" haben, vielleicht reicht es für eine ABM-Stelle.

Bauerbach, jahrtausend alt,
immer noch bist du voll Schwung,
fest und stark wie Rhönbasalt,
so lebenskräftig herrlich jung.


Das Bauerbachlied, dritte Strophe

Voller Schwung ist auch die Bürgermeisterin. Doch auch eine Rosemarie Fickel hat es in Zeiten wie diesen schwer. Gerade erst ist der Thüringer Sparhaushalt 2005 verabschiedet worden: Der kommunale Finanzausgleich soll um mehrere Millionen gekürzt werden. Für den Bauerbacher Haushalt heißt das: Weniger Geld. Heißt: Erst einmal haben die Pflichtaufgaben wie Kinderbetreuung oder Feuerwehr Vorrang. Heißt: Die Kultur könnte auf der Strecke bleiben.

Fickel: Von vielen wird's als freiwillige Aufgabe gesehen. Insbesondere die Rechnungsprüfer. Aber ich denke, zu unserem Ort, der ganz einfach Schiller Asyl gewährt hat und es war ja seine schaffensreichste Zeit und es gehört zum Weltkulturerbe - dann kann man nicht einfach sagen, das ist nur ne freiwillige Aufgabe. Ich seh' das schon als Pflichtaufgabe: Brauchtum und Tradition zu erhalten. Und auch auszubauen. Und weiterzugeben.

Morgen wird Volker Ansorg wieder auf der Bühne stehen: Beim Festakt wollen sie eine erste Szene von der Jungfrau von Orleans spielen, nächstes Jahr im Juni dann die Premiere - zu Schillers 200. Todesjahr. Dann, hoffen sie in Bauerbach, rollen die Sehnsuchts-Touristen über die neue Autobahn an - auf den Spuren des Dichters, um bei Schillers Wallfahrtsort, ihrem Theater, Station zu machen. Bauerbachs vielleicht größer Schiller-Fan freut sich jetzt schon drauf.

Ansorg: Wenn man dann auf der Bühne steht - dann ist erst mal für mindestens drei Stunden alles weg. Und das ist eigentlich auch das jetzt im Moment das Schöne dabei; daß man hier beim Theater mal wirklich voll abschalten muss. Und sich nur auf das Theater-Spielen konzentrieren. Also sind alle Gedanken erst mal alle weg für die Zeit. Das find ich sehr gut. Bei jedem anderen Hobby: Wenn ich in die Sauna geh. Oder ich geh irgendwo Spazieren, sind immer die Gedanken: Firma.

Ein paar Vorbereitungen noch - dann ist alles fertig für die Gedenkveranstaltung morgen. Der Ablauf ist eigentlich immer der gleiche, auch da gehen sie in Bauerbach keine Experimente ein: Erst ein bisschen Musik auf dem Flügel, Grußwort der Bürgermeisterin, eine Szene aus dem neuen Stück, schließlich: Das Schiller-Menü a fünf Euro. Schiller - meint Gisela Thomas, Bauerbachs vielleicht größter Schiller-Fan - Schiller hätte es bestimmt geschmeckt.

Thomas: Das ist nen ganz einfaches Gericht. Das gab's früher schon. Ich will's mal auf Platt sagen: Kochrüben mit Detscher. Wissen se, was das ist? Kohlrüben und aus geriebenen Kartoffeln Detscher dazugepacken.

Das Bauerbachlied, Refrain:

Bauerbach, wir liebe dich,
stolzes Dorf in unserer Rhön,
Gotte halte schützend auf dich
auf ewig seine Vaterhand,
du liebes, liebes Heimatland.


Rosemarie Fickel freut sich schon auf den Festakt morgen. Sie will die Bauerbacher auf das Schiller-Jahr einstimmen. Das Dorf soll sich herausputzen. Wenn es nach der Bürgermeisterin geht, werden die Häuser wieder mit Schiller-Gedichten geschmückt, wie das früher im Dorf üblich war.

Fickel: Zum Beispiel hier aus dem Tell: Die Axt im Haus erspart den Zimmermann. Also, die handwerkliche Fertigkeit, die doch jeder im Dorf haben muss. Wenn ich ne Axt hab, kann ich vieles machen. Und brauch nicht den Profi-Handwerker dafür zu holen. Und so gibt's ja noch viele andere Sprüche, die brandaktuell sind.


Brandaktuell: Das ist Friedrich Schiller auch für Sonja Lüdicke. Schiller - denkt sich Bauerbachs vielleicht größter Schiller-Fan und lässt ihren Blick durch das Küchenfenster auf Ihre Schiller-Bühne schweifen - Schiller hätte heutzutage bestimmt nicht die Arme in den Schoß gelegt.

Lüdicke: Er hat sich generell über Ungerechtigkeiten aufgeregt. Und da gibt es ja einige, die ich hier nicht unbedingt erwähnen muss. Aber ich denke schon, dass er genug Material hätte (lacht) um wieder Revolutionär zu sein.

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