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14.12.2004
Meer Land
Hamburg seit der Wende
Von Werner Nording

Verladung von Containern im Hamburger Hafen (Bild: AP)
Verladung von Containern im Hamburger Hafen (Bild: AP)
Hamburg - das Tor zur Welt. Der Warenverkehr mit Polen, Russland, Ungarn oder Tschechien wird bis 2010 um 69 Prozent wachsen. Mit dieser Prognose rennt der Hamburger Hafen allen davon: Rotterdam, Antwerpen und Bremerhaven. Aber auch da, wo Land in Sicht ist, sozusagen nach hinten raus, hat Hamburg nach 1989 seine Wirtschaftskraft verdoppelt. Die Hansestadt - ein echter Wendegewinner.

Der Umschlag im Hamburger Hafen brummt. Aus aller Welt werden Schiffe gelöscht und beladen, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Der größte deutsche Seehafen erlebt eine Sonderkonjunktur wie noch nie.

Möglich gemacht hat die rasante Umschlagsentwicklung der Fall der Mauer. Von einem Tag auf den anderen hatte Hamburg sein Hinterland wiedergewonnen. Dabei konnte der Hamburger Hafen auch vor der Wende auf ein Wachstum von fünf bis zehn Prozent verweisen. Doch seit der Öffnung der Mauer haben sich die Frachtraten verdoppelt. Um jeweils 15 Prozent ist der Umsatz allein in den letzten drei Jahren gestiegen. Ohne die deutsche Wiedervereinigung wäre das nicht möglich gewesen, sagt der Sprecher des größten Umschlagsbetriebs, der Hamburger Hafen Lagerhaus Aktiengesellschaft (HHLA) Florian Marten.

Der Verkehr in den Ostseeraum war vorher auch nicht schlecht, Skandinavien hatte ja auch gute Zuwachsraten und Finnland, aber in dem Ausmaß hätte es die Entwicklung nicht gegeben, Hamburg ist heute die Drehscheibe zwischen zwei Sonderkonjunkturregionen, nämlich Fernost, insbesondere China und dem Ostseeraum und Hamburg profitiert von beidem und beides hat überdurchschnittliche Wachstumsraten.

Ein Prozent Wirtschaftswachstum bedeuten zweieinhalb Prozent Wachstum im Containerverkehr. Denn die Stahlboxen, in denen zum Beispiel Fernseher oder Motorräder aus Fernost für den nord- und osteuropäischen Markt transportiert werden, müssen verschifft und gelöscht werden. Außerdem schafft die Versendung an den Empfänger über den Landweg zusätzlich Arbeit. Die HHLA ist nicht nur für die Arbeit an der Wasserseite zuständig. Die Hafengesellschaft übernimmt auch den Transport bis in die Auslieferungslager an die Verbraucher.

Und wir haben als HHLA aktiv uns in den Hinterlandverkehr eingebracht, indem wir Bahntöchter gegründet haben, mit anderen Partnern zusammen, Polzug war das erste Unternehmen, das fährt heute nach Polen, Ungarn aber auch bis Aserbeidschan und wir haben inzwischen eine Beteiligung auch bei Metrans, das ist ein tschechisches Bahnunternehmen und schließlich fahren wir mit Transfracht auch in die Schweiz, nach Deutschland, nach Österreich und über unsere Bahntöchter binden wir auch wieder Ladung an den Hamburger Hafen. Der Hamburger Hafen hat den höchsten Schienenweitertransportanteil aller Häfen in der Welt, das ist ein ökologisches Verkehrsmittel, es ist auch ein zukunftsfähiges Verkehrsmittel und mit ein Grund dafür, warum der Hamburger Hafen schnell ist.

Drei Tage dauert es in der Regel, bis ein Container, der in Hamburg gelöscht wurde seinen Empfänger im Hinterland erreicht. Was die Hamburger dabei alles als ihr Hinterland betrachten, sagt der Vorsitzende des Hamburg-Hafen-Marketing-Vereins, Jürgen Sorgenfrei:.

Zentral- Mittel- und Osteuropa, in der Tat, Staaten wie Schweden und Finnland im Norden, in der Mitte Polen, Weißrußland, Tschechien aber auch im Osten Rußland selbst, bis an den Ural ran werden wir heute über Hamburg die Länder bedienen.

Für Tschechien, das keinen eigenen Seezugang hat, ist die Hansestadt der Im- und Exporthafen schlechthin geworden. Über 50 Prozent aller Container des Landes werden mittlerweile per Eisenbahn von Tschechien nach Hamburg gebracht. Mit der Maueröffnung hat Hamburg die alten Märkte wiedergewonnen.

Es war ja schon früher so, dass die schlesische Kohle oft über Hamburg verladen wurde, also die polnischen Güter durchaus über Hamburg gingen und von dort in die Welt hinein, und dadurch auch die Importe über Hamburg nach Schlesien hineinkamen, Schlesien, der südpolnische Bereich, wo die Industrie stark repräsentiert ist, das haben wir alles wiedergewonnen, insofern war das ein sehr glücklicher Umstand.

Der Boom des Hamburger Hafens erklärt sich vor allem aus seiner geänderten geografischen Lage. Vor 1990 lag die Hansestadt aus der Sicht der USA gleichsam am Ende der westlichen Welt. Lediglich für Skandinavien wurden hier Seegüter auf die so genannten kleineren Feederschiffe umgeladen. Seit 14 Jahren kann die Hafenstadt wieder aus dem Zentrum der Märkte agieren. Die Warenströme der großen Weltschifffahrtslinien auf der sogenannten Range haben sich seitdem vervielfacht.

Das ist unser großer Vorteil, dass wir der nördlichste und östlichste Hafen in dem Range sind, weil damit die großen Schiffe, die wirtschaftlichsten Schiffe, bis nach Hamburg kommen, hier drehen sie um und fahren wieder nach Süden, an England vorbei , französische Küste ins Mittelmeer nach Asien.

Dann sind die Waren erst mal in Hamburg, von hier aus werden sie weiterverteilt, nach Moskau, Prag, in die baltischen Staaten oder nach Finnland hin und das ist eine Tatsache, dass diese großen Schiffe heute nicht mehr in die Ostsee reinfahren und wir damit diese Drehscheibenfunktion wahrnehmen.

Also die Großen kommen her, wir laden um auf die Kleinen, das macht heute einen Anteil von über 30 Prozent im Hafen aus, dieser Transshipment Anteil ist in den letzten Jahren sehr stark gewachsen.


Aber nicht nur Container werden im Hamburger Hafen verladen. Auch Massengüter wie Kohle oder Heizöl werden von hier aus verteilt. Am Vormittag ist die George mit 63 .000 Tonnen südamerikanischer Sojabohnen angekommen. Die Ware geht über eine Pipeline direkt in eine Ölmühle.

Rund 150. 000 Arbeitsplätze werden durch den Hafen gesichert, in Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern. In der Hansestadt allein hängt jeder zehnte Arbeitsplatz am Hafen. Dass die Stadt insgesamt von der Maueröffnung profitiert, steht außer Frage, doch es gibt auch Verlierer der Wende. Jana Kleinschmidt von Lengefeld ist Geschäftsführerin der Neuhof Hafengesellschaft, die Getreide und Futtermittel umschlägt. War auch für ihr Unternehmen der Fall der Mauer positiv?

Eigentlich eher gegenteilig in Anführungsstrichen, das kann man so nicht direkt sagen, hier der Getreidehafen Hamburg, die Getreide-Maffia, war sehr stark an dem Rußland-Geschäft und an dem Geschäft mit der DDR beteiligt und hat riesige Mengen in diese Regionen geliefert, noch weit vor der Wendezeit, das müssen traumhafte Zeiten gewesen sein, hab sie selber nicht erlebt, aber wenn ich meine Kollegen höre, die schwärmen mir von den Umsätzen vor, das ist heute ein Zehntel, was wir vom Umschlag berechnen im Vergleich zu dem, was man damals genommen hat zu der Zeit .

Am Vopak-Terminal werden Chemikalien, Flüssigdünger, Kohlensäure, Latex oder auch Heizöl umgeschlagen. Auch der Geschäftsführer Jürgen Franke reagiert eher zurückhaltend auf die Frage, ob sein Unternehmen denn vom Fall der Mauer profitiert habe?

Jein, würd' ich sagen. Wir waren damals schon zu Zeiten der DDR sehr stark involviert in Transporte für Leuna, das ist von einem Tag auf den anderen zum Stillstand gekommen, wir haben uns in den darauffolgenden Jahren sehr schwer getan, diesen Wegfall zu kompensieren, das hat einige Jahre gedauert.

Durch die Ausweitung des Sortiments und die Transitfunktion Hamburgs für Osteuropa ist der Umschlag aber beständig gewachsen. Heute schlägt Vopak 20 Prozent mehr um als vor der Wende.

Osteuropa, die baltischen Staaten und Skandinavien sind die eine Seite der Handels-Drehscheibe, die Hamburg nützt. Die andere Seite sind die Boom-Staaten im Fernen Osten, allen voran China. Die Hamburger Handelskammer hat als Vertretung der Wirtschaft in der Stadt in diesen Tagen einen China-Gipfel veranstaltet. Deutschland will in den nächsten sechs Jahren den Handel mit dem Reich der Mitte verdoppeln, hatte der Bundeskanzler bei seinem jüngsten China-Besuch gesagt. Der Präses der Handelskammer, Karl-Joachim Dreyer betont, welche Rolle Hamburg dabei spielt:.

Der Hamburger Hafen hat eine ganz entscheidende Rolle im Handel mit China und zwar, ein Großteil der Waren, 20 Prozent die aus China kommen, gehen über den Hamburger Hafen und von daher hat der Hamburger Hafen gerade auf Grund der Entwicklung in China eine überproportionale Entwicklung genommen.

Hunderte von Geschäftsleuten hatten die Gelegenheit genutzt, um ihre Kontakte nach China zu pflegen. Unter ihnen auch der Chef des Otto-Versands, Michael Otto.

Das nützt insgesamt der Wirtschaft in Hamburg, denn es ist nicht nur der Hafen, wo ein großer Umschlag ist, es sind auch viele chinesische Firmen, die hier sind, das heißt, es werden Arbeitsplätze geschaffen, aber auf der anderen Seite auch die Zusammenarbeit Hamburger Unternehmen mit China dadurch auch noch einmal deutlich intensiviert.

Hamburg ist das Zentrum Chinas in Europa. Hier haben die Staatsunternehmen aus dem Reich der Mitte ihre Firmenzentralen angesiedelt. Wie zum Beispiel die Cosco-Reederei, die im letzten Jahr eines ihrer Schiffe auf den Namen Hamburg getauft hat, sagt Geschäftsführer Wie Jiafu.

Die internationale chinesische Schiffahrtslinie Cosco hat seine Europazentrale in Hamburg, wir haben sechs Schiffe die wöchentlich Hamburg ansteuern, das macht es für uns sehr einfach, den Handel zwischen Deutschland und China aufrechtzuerhalten.

400 der 900 chinesischen Firmen bundesweit haben ihren Sitz in Hamburg. Mang Chen leitet ein chinesisches Touristik-Unternehmen mit Filialen in Paris, Wien, Peking, Shanghai und München. Der Geschäftsmann lebt seit elf Jahren in der Stadt.

Hamburg spielt eine sehr wichtige Rolle im Handel mit Asien und insbesondere mit China, denn seit Anfang der 80er Jahre hat die chinesische Regierung Hamburg als Tor von China zu Europa bestimmt und damals hat unser Außenhandelsministerium schon das Außenhandelszentrum in Hamburg gegründet

Als Zentrum für asiatische Kaufleute hat die Hansestadt eine lange Geschichte. Schon vor 150 Jahren hat Hamburg in Japan und China investiert. Es ist kein Zufall, dass heute In der zweitgrößten Stadt Deutschlands der Ostasiatische Verein und das Institut für Asienkunde ihren Sitz haben.

Die Stadt Hamburg macht eine china-freundliche Politik, wenn die chinesischen Geschäftsleute hierher kommen, fühlen sie sich sehr wohl, in anderen Städten müssen sie früh aufstehen, wenn sie Visa beantragen wollen, in Hamburg ist es ganz einfach. Die Ausländerbehörde hat eine Außenstelle in der Handelskammer, die Geschäftsleute rufen einfach an, kommen vorbei und dann ist das alles erledigt.

Die Gastfreundschaft der Hamburger gerade gegenüber China zahlt sich für die Kaufleute der Stadt aus, sagt der Reeder Nikolaus W. Schües:

In Hamburg werden die meisten Container, die von China oder nach China gehen, umgeschlagen, 1,5 Millionen, wir haben Rotterdam inzwischen in Europa überholt, die Chinesen fühlen sich hier wohl, weil hier das Geschäft ist .Wo soll ich mich ansiedeln in Europa, in London, Paris, Frankfurt, aber die Chinesen gehen nach Hamburg, weil sie hier alles haben. Wir haben eine Chinesische Schule, wir haben chinesische Medizin, wir haben hier den größten Umsatz 34 plus und deswegen kommen die Chinesen nach Hamburg.

Mit der chinesischen Schule in Hamburg fördert die Volksrepublik zum ersten Mal den Unterricht der chinesischen Sprache im Ausland. Die Lehrbücher kommen direkt aus Peking, auch die Lehrer werden aus China nach Hamburg geschickt. Der Hamburger Staatsrat für Bundesangelegenheiten sagt, was die Stadt sich von dem Modell verspricht.

Dass nicht zuletzt chinesische Experten, Kaufleute, Investoren sich für Hamburg entscheiden, wenn sie nach Deutschland oder Europa kommen wollen aus familiären Gründen, für uns ist das auch ein Teil des Kulturdialoges, schon jetzt kann man an vier Hamburger Gymnasien Chinesisch als Abiturfach wählen und wenn wir hier einen bilingualen Zweig haben wird es zu einem noch besseren Verständnis von Deutschen und Chinesen kommen und das ist für die Weltoffenheit Hamburgs nur von Vorteil.

Nicht nur für die Weltoffenheit der Stadt sind die engen Kontakte zu China von Vorteil. Die Drehscheibenfunktion Hamburgs für den Handel mit den beiden Wachstumsregionen Fernost und Osteuropa bringt dem Hafen Umsatz und der Hansestadt Arbeit. In den vergangenen fünf Jahren kann der Hafen auf ein zweistelliges Umsatzplus verweisen. Seit 1999 hat die Zahl der umgeschlagenen Container um 60 Prozent zugenommen. Heute werden pro Jahr sieben Millionen der Stahlboxen im Hafen umgeschlagen. Dank der Maueröffnung ist ein Ende des Wachstums noch nicht in Sicht, sagt Marketingchef Sorgenfrei.

Es bestehen zum einen die Pläne, die bestehenden Anlagen wie zum Beispiel die Eurogate- Anlage zu erweitern, da wird neues Land gewonnen, und wir haben eine weitere Planung für den Altenwerder-Terminal, da war geplant auf 2,1 TEU, wird jetzt auf drei Millionen TEU erweitert und das letzte große Projekt ist, dass wir am mittleren Freihafen eine Containerterminal planen, bestehende Anlagen werden umgewidmet um im Freihafen etwa weitere drei Millionen TEU Umschlagskapazitäten bereitzustellen. Wir sind jetzt bei sieben und werden in den nächsten Jahren bis 2010 auf 13 Millionen erweitern.
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