LänderReport
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22.12.2004
Baulücken und Lückenbau
Die Architektur von Hamburg nach der Zerstörung 1943/44
Von Adolf Stock

Die Hammaburg, eine hölzerne Burg von Ludwig dem Frommen, war die Keimzelle Hamburgs. Später wurde hier ein Dom errichtet, und heute ist hier ein Parkplatz. Die Bausünde im Herzen der Stadt ist ein Relikt aus der Nachkriegszeit, als die Stadtplaner vor allem an das Auto dachten: Schnelle Straßen und viele Parkplätze waren damals gefragt. Nach 1945 wollte auch Hamburg modern sein, doch zum Glück ist Hamburg dann doch Hamburg geblieben, oder sagen wir besser, wieder geworden, nach dem großen Feuersturm 1943, als das "Tor zur Welt" in Trümmern lag.

Ich weiß nicht, ob es Ihnen schon mal aufgefallen ist: Wenn Sie nach Hamburg rein fahren, in Hamburg wird Zentrum nicht mit 'Z' sondern mit 'C' geschrieben auf den Verkehrsschildern und den Straßenhinweisschildern, und das ähnlich wie die City, die tatsächlich auch als solche verstanden wird. An vielen solchen Dingen können Sie sehen, dass Hamburg immer über den Kanal geblickt hat. Und Hamburg war traditionell eher mit England und mit London eng verbunden und man schaut lieber nach London als nach Berlin, und dass hinterlässt auch Spuren in der Stadt.

Hartmut Frank, Architekturexperte von der Hamburger Hochschule der Künste, gibt einen ersten Hinweis. Hamburg ist und bleibt eben Hamburg, und das ist schon ein wenig erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Stadt nach dem großen Feuersturm 1943 nur noch ein Trümmerhaufen war und 45.000 Menschen in einer Nacht ums Leben kamen. Umso mehr wundert sich Manfred Sack, langjähriger Architekturkritiker des Wochenblatts "Die Zeit", dass die Spuren der Zerstörung im Hamburger Stadtbild so gründlich getilgt worden sind.

Wenn man heute durch die Stadt geht, merkt man…, eigentlich sieht man überhaupt keine Spuren mehr vom Krieg. Also wenn man diese Trümmerbilder sieht und die Stadt jetzt, das ist wie in allen Städten, dann ist das wie ein merkwürdiger Zauber.

Während Manfred Sack noch staunt, lenkt Hartmut Frank den Blick auf die Geschichte der Hansestadt.

Ich würde sagen, dass der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg nicht der erste, sondern der dritte Wiederaufbau in Hamburg war. Das betrifft zwar nicht immer die gleichen Quartiere, aber man kann schon sagen, dass nach dem Großen Brand 1842 das moderne Hamburg, also das Herz der Stadt, neu entstanden ist und dann nach dem Zollanschluss Hamburgs in den achtziger Jahren, ja dann zwei ganze bürgerliche Quartiere niedergelegt wurden, um die Speicherstadt im Freihafen anzulegen, in der wir hier ja sitzen, und dann eben nach 45. Oder die Planungen beginnen ja schon während des Krieges, also nach dem Feuersturm, also man kann dann sagen der Wiederaufbau der 40er und 50er Jahre.

Beim Italiener in der Speicherstadt blickt Hartmut Frank auf Fleete und Lagerhäuser. Er blickt auf ein Stück Hafen, wo zurzeit viel renoviert und neu gebaut wird, denn in der Speicherstadt ist Hamburg auf dem Weg in das 21. Jahrhundert.

Der historische Teil des Freihafens wird heute nicht mehr gebraucht. Die großen Schiffe legen nur noch vor dem alten Elbtunnel an, und der liegt ein ganzes Stück stromabwärts in Richtung Altona.

Als am Ende des 19. Jahrhunderts die Speicherstadt entstand, war das Viertel schon einmal Synonym für den Aufbruch Hamburgs in die neue Zeit. Nach der Reichsgründung kam die Stadt zum deutschen Zollgebiet, und an der Elbe wurde der damals größte Lagerkomplex der Welt gebaut.

In dieser Speicherstadt sind glaube ich 24.000 Wohnungen zum Opfer gefallen. Und da hat man nicht überlegt, was machen wir denn mit den armen Menschen, bauen wir denen was Neues, sondern daran hatten die gar nicht gedacht, sondern die haben das platt gemacht und haben dann die für sich wiederum sehr imponierende Speicherstadt, die ja fast zweieinhalb Kilometer lang ist, errichtet.

Was Manfred Sack hier berichtet, ist vorbei und vergessen. Und wenn Hamburg typisch Hamburg ist, dann ganz gewiss in der Speicherstadt, mit den imposanten Backsteinbauten aus rotem Klinker und den weitläufigen Hafenanlagen.

Wer heute an Hamburg denkt, denkt an den Hafen als Tor zur Welt, und er denkt an die Stadt, die etwas versetzt ja nicht an der Elbe, sondern an der Alster liegt. Die Binnenalster und die riesigen Kontorhäuser prägen das Gesicht der Stadt. Vor allem das Chile-Haus von Fritz Höger, das wie ein gewaltiger Ozeandampfer in der Hamburger City vor Anker liegt. Es sind stadtprägende Bauten aus den 20er Jahren, als der Architekt Fritz Schumacher Stadtplaner in Hamburg war. Durch ihn, so Hartmut Frank, wurde Hamburg ein unverwechselbares Markenzeichen.

Schumacher hat ja eine Moderne verfolgt, eine radikale Modernisierung der Stadt, die teilweise auch rücksichtslos war. Aber er hat immer versucht, an die Stelle des Alten eine neue räumliche und gestalterische Qualität zu setzen. Er als Mitbegründer des Werkbundes wollte eine unverwechselbare neue Stadt haben, die aber sich von anderen Orten markant unterscheidet.
Und er hat das zum Teil dann mit diesem Material, mit dem roten Klinker versucht, diese Mischung, was wir hier auch in der Speicherstadt schon haben, von Franz Andreas Meyer geplant. Es gibt nur die Abwandlung im Bereich der inneren Stadt, wo man dann Putzbauten… und sagt, das ist die Tradition in der Wiederaufbauzeit nach dem großen Brand. Also Schumacher versucht mit bestimmten Gestaltungsvorgaben, der Stadt ein unverwechselbares Bild zu geben.


Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die stolze Hansestadt in Trümmern. Die Häuser waren im Feuersturm ausgebrannt. Vor allem das Centrum und die Arbeiterviertel wurden bombardiert. Nach dem Inferno waren 60 Prozent der Stadt zerstört, und erst 1954 konnten die Gazetten den Abschluss der Trümmerbeseitigung vermelden.

Ich guck mir manchmal diese alten Fotos noch einmal an, um überhaupt mir klar darüber zu werden, was das hier war. Ich stelle mir manchmal vor, ich wäre damals der Stadtbaurat gewesen, also dann wäre, ich weiß nicht, da hätte man resignieren können, aber die hatten eben keine Zeit dazu und haben eigentlich das wieder aufgebaut, was sie hatten, und sie haben manches wieder aufgebaut, aber dann haben sie einfach in einem bestimmten Geist das gemacht.

Es war der Geist der 50er Jahre. So erzählt man gemeinhin, denn mit der Demokratie kam auch die Bauhaus-Moderne zurück aus Amerika, aus einem Land, das für die Stadt- und Verkehrsplaner damals das unbestrittene Vorbild war. Doch der grobe Eindruck trügt, bei genauer Betrachtung waren die Pläne für den Hamburger Wiederaufbau auch ein Erbe der Nazi-Zeit.

Nach der Machtergreifung 1933 hatten die Nationalsozialisten mit Hamburg viel vor. Die Gebietsreform von 1937 machte aus der Hansestadt und den Nachbargemeinden Altona, Wandsbeck und Harburg eine Großstadt mit 1,7 Millionen Einwohnern. Eine Fläche wurde zusammengefügt, die dem heutigen Stadtstaat entspricht. Wie München oder Linz gehörte auch Hamburg zu dem kleinen Kreis der Führerstädte. Eine gigantische Hängebrücke sollte den Hafen überqueren und die beiden Elbufer verbinden. Zwischen Altona und der Hamburger City war ein neues Stadtzentrum geplant, mit einer prächtigen Uferstraße und einem 250 Meter hohen Turmhaus für die Gauleitung der NSDAP. Den damaligen Wettbewerb hatte Konstanty Gutschow gewonnen, ein Baumeister, der sich damals "Architekt des Elbufers" nennen durfte.

Was aus dieser schrecklichen Zeit übrig geblieben war, war eben eine wirklich fürchterlich zerstörte Stadt, vor allen Dingen im Inneren, und es gab rings um die Innenstadt auch Stadtteile wie Barmbeck, die also grauenhaft zerfurcht waren.

Manfred Sack markiert die Stunde Null. Mit Kriegsende war ein neues Leitbild für die Stadt Hamburg gefragt. Die Pläne der Nationalsozialisten waren von nun an tabu, jedenfalls verbal, denn - so Hartmut Frank - es wurde ein äußerst ambivalenter Neubeginn.

Hamburg als Tor zur Welt sollte die moderne Stadt in der Nazi-Zeit sein. Und das wirkt sich in der Nachkriegszeit auch aus, dass man in Hamburg eigentlich sich gegen diese Modernisierung - wie sie von Ende der 30er Jahre an geplant war - auch zur Wehr setzt. Und es gibt dann ganz seltsame Verschiebungen, Verzögerungen und Verdrehungen.

Öffentlich wurde der demokratische Neuanfang propagiert, doch die Pläne für den Wiederaufbau waren nicht selten nur die abgespeckten Pläne aus der Nazi-Zeit.

Jeder, der irgendetwas vorschlug, schlug es als eine Neuerung vor und als eine grundsätzliche Veränderung. Also, das Dogma der Stunde Null ist eigentlich politisch korrekt gewesen und irgendetwas anderes zu sagen, wäre einfach nicht gegangen.
Es war ja ursprünglich von der britischen Besatzungsmacht dann auch vorgesehen, den Konstanty Gutschow mit der Wideraufbauplanung zu beauftragen, worauf er ja auch vorbereitet war. Er war ja von Albert Speer auch schon für die Wiederaufbauplanung eingesetzt gewesen, und er war sehr überrascht, dass er den Auftrag wieder entzogen bekam und stattdessen Arbeitsdienst in der Enttrümmerung leisten musste.


Das zerstörte Hamburg musste zur Normalität zurückfinden, und zunächst wurden dringend Wohnungen gebraucht. Die Aufgabe ließ sich nur pragmatisch bewältigen, man reparierte und improvisierte wo immer es ging.

Doch auch nach dem Krieg wurden die neuen Ideen nicht aufgegeben. Die Stadt wurde als eine Art organisches Wesen gesehen, mit gewaltigen Verkehrsadern, die keinesfalls stocken durften, um den drohenden Kollaps des Stadtkörpers zu vermeiden. Städtebauliche Ideen, an die sich Manfred Sack noch gut erinnert.

Ich erinnere mich an einen, der sagte: wiederaufbauen nein, aufbauen, neu und ganz anders. Und manche haben sich ja gefreut, dass die Bomben eigentlich ihr Geschäft sozusagen vorbereitet hatten, sie mussten nicht mehr abreißen, das haben dann die Bomben getan und hatten natürlich wilde Pläne, und dass dabei die Stadt als festes Gebilde dabei zugrunde gehen könnte, daran hatten sie gar nicht gedacht. Sie dachten immer an die Autos, die ja auch bald kommen würden und haben überlegt, wie können wir des Verkehrs Herr werden?

Anfang des letzten Jahrhunderts wollte Fritz Schumacher die Stadtwunden heilen. Seine Nachfolger im Stadtplanungsamt verstanden sich als Chirurgen. Die sechsspurige Ost-West-Straße wurde in den Stadtkörper implantiert. Seitdem trennt ein dreißig Meter breiter Canyon das Hafenquartier vom Centrum der Stadt, und bis zum heutigen Tag ist das Thema Ost-West-Straße ein Dauerbrenner geblieben: Wohin mit dem Verkehr zwischen den Elbbrücken und Altona? Und wie lassen sich die innerstädtischen Viertel wieder verknüpfen, besonders jetzt, wo es um die Stadterweiterung in Richtung Hafen geht?

Ein weiteres Großprojekt im Wiederaufbau waren die Grindel-Hochhäuser in Eimsbüttel. Ursprünglich war hier das Hauptquartier der britischen Besatzungsmacht geplant. Im Sommer 1946 wurde das Projekt vorgestellt, kurz darauf kamen die Bauarbeiter und hoben Gruben aus. Doch schon bald wurden die Pläne der Briten wieder aufgegeben. Später hat die Stadt Hamburg auf den schon vorhandenen Fundamenten Hochhäuser mit Wohnungen gebaut. Es wurde ein eigenständiges Viertel, das Manfred Sack so beschreibt.

Es sind ja auch keine Wolkenkratzer, sondern sie sind acht bis zwölf Stockwerke hoch. Wohnscheiben, ganz lange, die wie so ein Flottenverband, wie Schiffe da in dieser Gegend schwimmen. Und damals war das natürlich ungewöhnlich, aber an die man sich gewöhnt hat und wo man eigentlich jetzt ganz froh ist, dass es die, dass es sie gibt.

Ein Scheibenhaus beherbergt das Bezirksamt von Eimsbüttel. Hier wird der Hamburger Stadtteil verwaltet. Der Eingangsbereich und die Etagen wurden gerade frisch renoviert. Auch die Paternoster haben neue Farbe bekommen, obwohl sie noch rattern und quietschen wie eh und je. Oben im sechsten Stock arbeitet der Leiter der Stadtplanungsabteilung. Von seinem Büro aus blickt Klaus Lange auf die berühmte Siedlung.

Ich weiß, dass es dann intensive Diskussionen in Hamburg gegeben hat, soll man dieses Projekt übernehmen, soll man die Stadt neu bauen? Es soll sogar eine erste Demonstration nach dem Krieg zu diesem Thema gegeben haben. Und diese Entscheidung ist dann auch von vielen als ein besonderes Signal und Fanal für den Wiederaufbau in Hamburg gesehen und verstanden worden. Und die Wohnsituation in den Grindel-Hochhäusern war offensichtlich sehr beliebt. Diese Beliebtheit, der entspricht eine Infrastrukturqualität, und das hat sich fortgesetzt, ich glaube bis heute.

Die Grindel-Hochhäuser kündeten von einer neuen, demokratischen Zeit. Auch der Klinker kam wieder zum Einsatz, aber für diesmal war er gelb und nicht rot. Und das, so Hartmut Frank, hatte ideologische Gründe.

Es gibt einige Modernisierer, die sagen, der rote Klinker, das ist reaktionär, das geht nicht. Man muss wissen, dass ab 1943 im Konzentrationslager Neuengamme rote Klinker hergestellt worden sind. Das war ein hervorragendes Argument, den roten Klinker auszuschalten. Die Klinker, die dort noch auf Lager waren, sind natürlich im Wiederaufbau alle verarbeitet worden, aber man hat dann gelbe Klinker aus Geilenhofen importiert, um zum Beispiel die Grindel-Häuser damit zu verkleiden, die ja Stahlfachwerkbauten sind.

Also, es gibt dann so eine Ideologisierung - wie es die zu allen Zeiten gab - aber dann eine besonders verschärfte und polemisch zugespitzte Polarisierung die dazu führt, dass zumindest Schuhmacher als Gestalter nicht mehr weiter verfolgt wird, der wird erst in den 80er Jahren wieder entdeckt."

Man wollte modern sein. Doch die Folgeprojekte - ein Ring mit Hochhäusern auf den alten Wallanlagen, die Hochhäuser unterhalb des Hauptbahnhofs oder die City-Nord - hatten nicht mehr den Charme des Neubeginns. Sie gelten vielmehr als Beleg für einen unsensiblen Umgang mit der Stadt.

Das Umdenken begann Ende der 70er Jahre, als man wieder an die historische Stadt dachte und sich an Hamburgs großen Baumeister Fritz Schumacher erinnerte, der ja stets die europäische Stadt vor Augen hatte. Die Frage nach der Substanz der Stadt wurde wieder gestellt: Was macht den Charakter von Hamburg aus? Für Hartmut Frank ist es vor allem die einmalige Lage am Wasser. Alster und Elbe, der Hafen und die Fleete verleihen der Hansestadt eine unverwechselbare Identität.

Während im Mittelalter die Fleete selbst der Hafen waren in der Stadt, ist es dann ab dem späten 19. Jahrhundert der Freihafen als das zentrale Gebiet und jetzt zunehmend die Containerhäfen. Um die Hafenfunktionen herum sind dann natürlich die kommerziellen Funktionen und auch die Industrien entstanden. Das ist bis heute so, wenn Hamburg als ein Finanzzentrum, also vor allen Dingen Versicherungen und ähnliches gilt, dann hängt das ursprünglich mit der Schiffsfinanzierung und den Handelskontrakten und Absicherungen und solchen Dingen zusammen. Und diese verschiedenen Charaktere, die Summe um diesen Hafen herumgelegt, die machen eben das Bild der Stadt und den Charakter der Stadt.

Diesen unverwechselbaren Charakter hat die Stadt seither verteidigt. Der rote Klinker ist wieder da, in die Speicherstadt kommt großstädtisches Leben, und das Chile-Haus soll Weltkulturerbe werden. Dass Hamburg seine Identität bewahren konnte, das liegt - glaubt man Manfred Sack - vor allem an einer selbstbewussten Bescheidenheit der Hanseaten.

Es gibt hier keine Baurakete, die in die Welt gezischt ist, und alle haben gesagt, oh das müsst ihr in Hamburg euch angucken. Nein, es ist das, was eigentlich durch den Fritz Schuhmacher schon zur Tradition geworden ist und was man so gern das Hanseatische nennt. Nichts Aufregendes, nichts Extraordinäres, sondern es soll eine gute, eine hohe Durchschnittsqualität haben. Und das hat Hamburg eigentlich immer geschafft. Und das ist dann auch in den Jahrzehnten danach auch immer wieder gelungen.
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