LänderReport
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7.1.2005
Theater in der Provinz
Das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen in Dreikretscham
Von Dieter Kranz

Junge Frauen in traditionellen sorbischen Kostümen (Bild: AP)
Junge Frauen in traditionellen sorbischen Kostümen (Bild: AP)
Wenn das Theater über das Land zieht, dann gibt es Geschichten - für die Leute, die kommen. Und für die Leute, die sie aufführen. Warum also auch nicht beim Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen? Im einzigen bikulturellen und zweisprachigen Theater Deutschlands kommen zwei Kulturen zusammen. Und manchmal auch eine dritte, die vom Land. Zum Beispiel in Dreikretscham.

Das Theater hat viele Gesichter. Auf der einen Seite gibt es in Deutschland die großen Häuser mit leistungsfähigen Ensembles aus fest engagierten Schauspielern. Auf der anderen findet man die breit gefächerte Off-Szene, aber auch kleinere Stadttheater, zu deren Aufgaben es gehört, die Leute auf dem Lande durch Abstecher-Vorstellungen mit Theater zu versorgen.

Die Aufführung, die mit dieser Musik beginnt, hatte unlängst in Dreikretscham Premiere. Sie werden den Ort auf der Landkarte vergeblich suchen. Auch in meinem größten Autoatlas ist er nicht verzeichnet. Das Dorf liegt in der Oberlausitz, hat nur 84 Einwohner, und man erreicht es auf abenteuerlich schmalen Straßen, wenn man von Bautzen Richtung Nordwesten fährt. Aber die Inszenierung des Stücks "Mein Name ist Erling", die dort ihre Premiere erlebte, hat noch eine weitere Besonderheit. Es handelt sich um ein schwedisches Stück...

...eine deutsche Erstaufführung...

...aber in sorbischer Sprache; denn es handelt sich um eine Aufführung des Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen, des einzigen professionellen zweisprachigen Theaters der Bundesrepublik.

Szene "Maria Stuart": Ihr sprecht als wüsstet ihr bereits das Urteil / Da es Lord Burgleigh bringt, so weiß ich es.

Lilli Jung als Maria und Jan Mickan als Burleigh in "Maria Stuart". Sie spielen heute Schillers deutschen Originaltext, aber zumindest Mickan, der Sohn einer sorbischen Mutter und eines deutschen Vaters, könnte die Rolle auch in sorbischer Sprache spielen.

Jan Mickan: Wir haben Shakespeare gespielt, Sommernachtstraum, erstmals in einer direkten Übersetzung aus dem Original ins Sorbische. Wir haben jetzt gerade im Niedersorbischen ein Auftragswerk gespielt. Es ist jetzt geschrieben worden extra fürs niedersorbische Theater. "Matto Kossyk" nach einer authentischen Figur. Also wir spielen quer durch den Gemüsegarten. Es gibt nichts, was wir nicht spielen.

Das gilt allerdings nur für das Stammhaus in Bautzen. Bei den Abstechern auf dem Lande muss man logischer Weise kleinere Brötchen backen. Dennoch kann Intendant Lutz Hillman die für alle geltenden Grundsätze betonen

Hillma: Das Schöne und Wichtige, denn das macht unser Theater aus, ist dass das Ensemble zweisprachig ist zu 60 Prozent. Also das heißt Schauspieler, die in beiden Sprachen spielen. Und das ist normal. Und dann gibt es noch einen Teil, die spielen nur im deutschen Spielplan, werden aber auch herangezogen, wenn es Rollen im sorbischen Spielplan gibt, die besetzt werden müssen. Und dann spricht auch schon der eine oder andere deutsche Schauspieler schon mal 'nen sorbischen Satz ohne Probleme.

Dass Lutz Hillmann meint, was er sagt, hat er bewiesen: Als der Darsteller des Leicester kurzfristig ausfiel, sprang der Intendant selber ein.

Szene Maria Stuart: Es ist geschehen Königin. Und nun da der Himmel deinen Schritt hierher gelenkt, so lass die Großmut und das Mitleid siegen.

Im Gasthaus von Dreikretscham wäre eine großformatige Klassiker-Aufführung allerdings beim besten Willen nicht möglich. Dafür hat Theater dort andere Reize. Die Überraschungen beginnen damit, dass die Zuschauer bevor sie den Saal betreten von einer Mitarbeiterin des Theater begrüßt werden, auf Sorbisch, versteht sich. Familien-Atmosphäre.

Und wer rechtzeitig gekommen ist, kann sich beim Theaterwirt, zum Beispiel eine Schinkenplatte bestellen, wie ich sie so saftig und würzig in der Großstadt seit Jahren nicht mehr auf der Zunge hatte.
Überhaupt der Aufführungsort... der strotzt nur so vor Historie. Das Gasthaus ist so alt, dass der große Dichter der Aufklärung Gotthold Ephraim Lessing, der aus dieser Gegend stammt, dort schon hätte eingekehrt sein können...

Wirt: Hätte er ja. Wir sind doch hier an der historischen Seidenstraße und da waren an dieser Furt an diesem Bach, der hier lang fließt, waren früher drei Gasthöfe, die Gerichtsbarkeit hatten. Deswegen der Name Dreikretscham. Ein Kretscham ist ein Gasthof mit Gerichtsbarkeit gewesen. Diese wurden von unterschiedlichen Richtern betrieben und hatten immer ein gutes Geschäft, da früher hier die Pferde ausgespannt wurden und gewechselt wurden dann. - 1935 wurde dieser Gasthof umgebaut durch unseren Opa. Und dann waren meine Eltern hier sozusagen die Eigentümer. Jetzt sind wir das in nächster Generation. Also mein Bruder führt die Gaststätte und ich arbeite bei ihm.

Es gibt noch ein paar Hinweise zur Benutzung der Kopfhörer für die Simultan-Übersetzung, damit des Sorbischen Unkundige Besucher nicht vom Theater-Erlebnis ausgeschlossen bleiben. Und schon geht es los.

Beim Weihnachtsshoppen haben sich eine Frau und ein Mann mittleren Alters wieder getroffen. Sie waren in der Jugend ineinander verliebt; dann führte sie das Leben voneinander fort. Sie hatten einander gänzlich aus den Augen verloren. In der Cafeteria des Warenhauses werden Erinnerungen ausgetauscht; und dann geht jeder seiner Wege. Doch plötzlich steht an der Wohnungstür der Frau mittleren Alters ein fremder junger Mann, und behauptet, ihr Sohn zu sein. Sein Name sei Erling. Und merkwürdiger Weise ist auch der Liebhaber von damals wieder zur Stelle.

Das Ganze ist ein melancholisch, vorsichtig moralkritisches Stück, das weder ästhetisch noch inhaltlich irgendwelche Bäume ausreißen will. Es geht um ungelebte Träume, um den Wunsch nach Geborgenheit und die Sehnsucht nach einer heilen Familie, witzig, ironisch und ein bisschen überdreht. Die drei Schauspieler finden dafür (geführt vom Gastregisseur Nils Düwell) den richtigen Ton. Und auch die Zuschauer kommen auf ihre Kosten.

Zuschauerin: Es ist ganz schön unter die Haut gefahren, weil es meiner Meinung nach menschliche Probleme anspricht. Vielleicht hat jeder was Ähnliches schon erlebt. Der Mensch ist halt kompliziert. Ich denke es ist so rüber gekommen, dass das Leben gar nicht so einfach ist. Oder dass man sich's schwerer macht, als es ist. Ich weiß es nicht.

Ortspfarrer: Ich bin hier Ortspfarrer seit 26 Jahren. Ich bin praktisch hier mit der Bevölkerung verwachsen und ich begrüße das, dass hier ab und zu so etwas aufgeführt wird. Ethische Dinge oder was nachbarschaftliche Beziehungen betrifft. Immer wieder das Thema Liebe und Beziehung. Also wenn's aus dem Leben gegriffen ist.

Während einige Theater-Besucher sich noch zum Bier in den vorderen Gastraum gesetzt haben, hört man aus dem Saal, wie Dekorationsteile und Bühnen-Technik abgeräumt und verladen wird.

Bühnentechniker: Die Schwierigkeiten liegen darin, dass jeder Saal anders in den Maßen ist. Das heißt unterschiedliche Höhen und Breiten der Säle. Die eigentliche Bühne wird als Garderobe benutzt…

..Die eigentliche Bühne meint den Ort, wo früher die Kapelle saß, wenn zum Tanz aufgespielt wurde...

und unsere Bühne wird dann vor diese Garderobe gebaut. Für den Aufbau braucht man etwa zweieinhalb Stunden und der Abbau geschieht in einer dreiviertel bis einer Stunde. - Mit wie vielen Leuten sind Sie unterwegs - Wir sind so als Technik mit vier Mann unterwegs. Und das ist ein richtiges Geklotze. Ich bin zum Beispiel heute seit sechs Uhr tätig.

Eines ist erstaunlich: Trotz aller Plackerei der Mitarbeiter für Bühnentechnik: Bei solchen Abstecher-Vorstellungen auf dem Dorfe kann natürlich Theater nur in seiner einfachsten Form geboten werden: Ein Podest und ein paar wacklige Pappwände müssen als Dekoration genügen. Den Lichtzauber, den größere Bühnen heutzutage bieten, muss man vergessen. Der stärkste, ja fast der einzige Wirkungsfaktor ist der Schauspieler mit seiner Persönlichkeit und seinem handwerklichen Können. Bedenkt man, dass die Welt, der Film, ja auch teilweise das große Theater via Bildschirm ins kleinste Dorf gelangen, könnte man fast meinen. Aufführungen wie die in Kleinkretscham hätten gegen solche Konkurrenz kaum eine Chance. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Zuschauer: Theater ist Theater. Das ist halt was anderes. - Man ist hier der Sache näher, wie im Fernsehen. Weil man das live erlebt. Das ist eine ganz andere Wirkung, als wenn ich mir 'nen Film anschaue. Hier ist man bei der Sache dabei. Als wenn man fast mitspielen würde.

Zuschauerin: Ich kenn ja nun alle persönlich, die hier gespielt haben. Wenn man sie dann wieder so erlebt, das ist was ganz besonderes, find ich.

Obwohl viele der heute 40.000 bis 60.000 Sorben im Alltag ihre Muttersprache als Umgangssprache benutzen, sprechen sie so gut Deutsch, dass sie nicht als Angehörige einer anderen Volksgruppe erkennbar sind. Rein pragmatisch gedacht führt das zu der Frage: ist unter diesen Umständen Sorbisches Theater überhaupt notwendig?

Zuschauerin: Ich freue mich sehr, wenn das auf Sorbisch vorgetragen wird. Gerade von den Schauspielern hat mir das gefallen. Es war ein sehr gutes Sorbisch und die Mimik und Gestik fand ich hervorragend. Wie schnell sich die Personen sich hier gewandelt haben. Wie schnell sie sich geändert haben. Das hat mir sehr gut gefallen.

Das ist die spontane Meinung aller Zuschauer. Aber was denkt in Zeiten leerer Kassen die hohe Politik? Der Landtags-Abgeordnete Marko Schiemann, von Beruf Ingenieur, hebt hervor:

Schiemann: Für ein kleines Volk ist die Kultur etwas ganz Besonderes. Sie unterstreicht unsere Zusammengehörigkeit, definiert unsere Identität. Das war schon im 19. Jahrhundert so. Damals musste sich unser Volk auch schon gegen Assimilierungsbemühungen behaupten. Da waren es besonders das Theater, auch das Laientheater, und der Chorgesang, die das Gemeinschaftsgefühl stärkten und den Zusammenhalt der Volksgruppe förderten.

Die sorbischen Schauspieler des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters empfinden eine Verantwortung, die andere Schauspieler nicht kennen, ganz einfach, weil der nationale Aspekt in ihrem Berufsleben praktisch keine Rolle spielt. Beno Mahr war einer der Protagonisten im Drei-Personenstück "Mein Name ist Erling".

Mahr: Als ich anfing - in den 50er Jahren ist das gewesen - da hatten wir noch viel mehr Abstecher gehabt. In jeden kleinen Saal auf dem Dorf sind wir hingefahren. Das waren am Anfang vielleicht sogar 50 Vorstellungen einer Inszenierung. Das ist heute natürlich nicht mehr erreichbar. Erstens, weil die Möglichkeiten der Säle doch begrenzt sind. In die ganz kleinen geht man nicht mehr, weil die Bühne breiter gebaut wird. Aber zweitens auch die Zuschauer, das ist eine kleine Rückläufigkeit. Klein oder groß - wie man's sieht. Es gibt nicht mehr so viele sorbische Zuschauer.

Woran das liegt, erklärt Janina Brankatschk, die für das Sorbische Theater zuständige Stellvertretende Intendantin, die auch die weibliche Haptrolle in dem schwedischen Stück spielte.

Brankatschk: Viel von unserer Jugend wird leider auswandern in die alten Bundesländer, weil sie dort drüben eine Lehrstelle oder Arbeit gefunden haben, was hier, die Oberlausitz ist im Land Sachsen am meisten von der Arbeitslosigkeit betroffen. Unsere Gegend hat ja eine Arbeitslosigkeit von 24 Prozent.

Auch Mirko Brankatschk, der Sohn der Stellvertretenden Intendantin, war erst einmal abgewandert; und die Erfahrungen, die er an größeren Bühnen gewann (wie Leipzig und Bochum) möchte er um keinen Preis der Welt missen...

Brankatschk: Und dann hat man sich gefragt, wo ist Heimat. Die Frage ist, die neue Generation - wenn wir nicht kommen, wird das sorbische Theater Schwierigkeiten bekommen in der Zukunft. Also hat man hier wirklich Verantwortung. Und das spornt natürlich an.

Wenn man sich bewusst macht, dass die obersorbische Sprache (um Bautzen gesprochen) dem Tschechischen ähnelt und die niedersorbische (um Cottbus gesprochen) dem Polnischen, dann erscheint die Zusammenarbeit der Kulturen wie sie im Deutsch-Sorbischen Volkstheater praktiziert wird, als eine Art Modellversuch für das, was in viel größerem Maßstab nun in der EU auf dem Programm steht. Marko Schiemann hält nicht viel von Grundsatzerklärungen, aber in diesem Fall stimmt er zu:

Schiemann: Das Zusammenleben hat ja nicht nur Sonnenseiten, weder was die Sorben noch was die Deutschen betrifft. Diese Sonnenseiten muss man sich erkämpfen. Und gerade ein Theater, das Sorbisch und Deutsch spielen kann, manchmal von den gleichen Personen gesprochen, wirkt als Brücke und kann tatsächlich Vorbild sein für Europa.

Große Worte von Marko Schiemann...
So hat uns der alte Gasthof in Dreikretscham, der schon immer ein Ort der Begegnung war, unvermutet zu Fragen von großen Dimensionen geführt. Aber in einem Wassertropfen spiegelt sich ja tatsächlich manchmal die Welt.
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