LänderReport
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18.1.2005
Sind wir Preußen?
Wie Lehrern und Schülern Geschichte und Landesidentität Brandenburgs vermittelt wird
Von Claudia van Laak

Schloss Sanssouci in Potsdam, Sinnbild für Preußens Glanz und Gloria (Bild: AP)
Schloss Sanssouci in Potsdam, Sinnbild für Preußens Glanz und Gloria (Bild: AP)
15 Jahre nach der Wende haben Sachsen und Thüringer ihre Identität wieder gefunden, die Brandenburger ringen noch mit sich und ihrer Geschichte. Auch ein Grund dafür, dass sich die Fusion der Länder Berlin und Brandenburg so schwierig gestaltet. Bekennt Euch dazu, Brandenburger zu sein und sagt nicht immer, dass ihr aus der Nähe von Berlin kommt, schimpfte Innenminister Jörg Schönbohm jetzt vor einer Schulklasse. Das kürzlich eröffnete Haus der brandenburgisch-preußischen Geschichte in Potsdam hat sich zum Ziel gesetzt, Lehrern und Schülern ihre Heimatgeschichte näher zu bringen. Mit Lehrerfortbildungen, Arbeitsmaterialien, einem Atlas, einem Quiz für Kinder und besonderen Führungen.

Ich fühle mich sicherlich als Brandenburg-Preuße, und ich denke, das ist auch nichts schlechtes, wenn wir das an den preußischen Tugenden festmachen.

Ob ich mich als Preuße fühle, würde ich nicht unbedingt sagen, ich kann mit vielen preußischen Tugenden eine ganze Menge anfangen.

Ich bin auch ein geborener Bürger des Staates Preußen, 1931, ich bin also auch Preuße, der sich nicht nur auf Brandenburg und Berlin bezieht, und eigentlich bin ich ja auch noch ein Mitteleuropäer.

Die Brandenburger sind auch stolz, dass sie Brandenburger sind, und dass sie auch mal Preußen gewesen sind, das nehmen sie auch zur Kenntnis.


Letzteres sagt Gerd Streidt, Direktor des Hauses der brandenburgisch-preußischen Geschichte in Potsdam.

Wir sind mitten in Preußen, eigentlich sind wir hier in einem der Herzen von Preußen.

Nämlich im ehemaligen Kutschstall am Neuen Markt, der eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat. Ab 1790 standen hier die königlich-preußischen Kutschpferde. Nach dem Ende der Monarchie 1918 brachte die Polizei im Kutschstall ihre Pferde unter, dann wurde das Haus als Möbellager, später als Garage genutzt, in der DDR als Lager für Obst und Gemüse. Der Kutschstall kam immer mehr herunter. Doch seit einem Jahr grüßt die Quadriga wieder vom Hauptportal des rosa-weißen frühklassizistischen Gebäudes. Bemerkenswert für diese Zeit und vielleicht typisch preußisch: die Skulpturengruppe zeigt einfache Hofbedienstete und ihre Arbeitswelt.

Streidt: Und insofern in guter Tradition machen wir Geschichtsvermittlung in einem Ort, der mitten in Preußen liegt.

Wo früher die königlich-preußischen Pferde standen, kann man heute einen Gang durch 900 Jahre brandenburgische Geschichte unternehmen - Landeskinder genauso wie Gäste der Stadt Potsdam und geschichtlich Interessierte. Aber zuallererst will das Haus junge Leute ansprechen. Denn, so Direktor Gerd Streidt:

Streidt: Man kommt besser durchs Leben, wenn man die Geschichte kennt, wo man herkommt, wenn man Zusammenhänge weiß, und wenn man auch weiß, das ist für Brandenburg ganz wichtig, in Brandenburg war es nie einfach.

Sprich: wer heute über die hohe Arbeitslosigkeit klagt, die fehlende Wirtschaftskraft, die Abwanderung von gut ausgebildeten jungen Leuten und die mangelnde Attraktivität des Landes, den tröstet vielleicht ein Blick zurück. Auch in den vergangenen Jahrhunderten war die Situation in der Mark nicht einfacher: karge Böden, keine Bodenschätze, aber viele politische Interessen.

Streidt: Brandenburg ist trotzdem ein faszinierendes tolles Land mit einer wunderbaren unzersiedelten Landschaft, mit einer kulturellen Tradition, und dies bewusst zu machen, damit so ein Stück zu einer Landesidentität beizutragen, das sehe ich schon als Aufgabe des Hauses an.

Ziel des Museumsdirektors ist es, jede Brandenburger Schulklasse einmal im Haus zu haben und durch die Ausstellung zu führen. Ein ehrgeiziges Ziel.

Rüdersdorf, eine Kleinstadt östlich von Berlin. Pünktlich um neun steht der Bus auf dem Parkplatz in der Nähe des Gymnasiums. Für 30 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 11 fällt heute der normale Unterricht aus, die Geschichts-Leistungskurse fahren nach Potsdam ins Haus der brandenburgisch-preußischen Geschichte.

Lehrerin: Wir wollen ja heimatverbunden erziehen und wollen natürlich auch, dass gerade die Geschichtsereignisse, die in unserer Region ablaufen, den Schülern bekannt gemacht werden.

Geschichtslehrerin Sonja Hackert hatte die Idee zum Besuch der Ausstellung. Sie klagt darüber, dass in den Klassenstufen 7, 9 und 10 nur eine Wochenstunde Geschichte auf dem Stundenplan steht. Es bleibe keine Zeit, die Kinder und Jugendlichen mit der Historie ihres Bundeslandes und ihrer Region vertraut zu machen. Ihr Kollege Rainer Eckhardt sieht dies genauso.

Lehrer: Ich denke, es ist doch ganz wichtig, dass man etwas weiß, was die Geschichte seines eigenen Landes betrifft, und deshalb hätte ich mir das auch gewünscht, dass das im Rahmenplan der Fall ist.

Preußische Geschichte. Kaum vorstellbar, dass 17-jährige für dieses Thema brennen. Einige Schüler schlafen, andere haben Kopfhörer aufgesetzt und hören ihre Lieblingsmusik, ein paar frühstücken oder bereiten sich auf die Klausur am nächsten Tag vor. Benjamin Rabe spielt mit seinen Freunden Skat. Der 16jährige hat sein blau-weiß kariertes Hemd bis oben zugeknöpft, aus der Tasche seiner Hose hängt ein Schlüsselband. "Erkner Razor Backs" ist darauf zu lesen - Benjamin spielt mit Begeisterung American Football. Nach seinem Abitur will er Geschichte studieren.
Benjamin: Man sollte schon wissen, wo man herkommt und was hier passiert ist, dann kann man sich schon ein bisschen mit dem Bundesland identifizieren.

Der pummelige Benjamin und sein Klassenkamerad Martin wetteifern um die beste Geschichtsnote - sie stechen die Lehrerin mit ihrem Wissen aus. Ein Quiz über Preußen würden die beiden spielend gewinnen. Der 17-jährige Martin Trautwein doziert.

Trautwein: Wir müssen bedenken, das Preußen einen sehr großen Einfluss darauf hatte, wie die Zukunft Deutschlands ausfällt, und ich denke, man muss immer wissen, wo man herkommt, und die Traditionen, die dort entstanden sind. In der Hinsicht war Preußen eben ein Vorreiter für viele Neuerungen in Deutschland.

Uwe Fröhlich: So, einen schönen guten Morgen (Lehrerin: Kommt mal ein bisschen schneller jetzt). Herzlich Willkommen im Kutschstall, im Haus der brandenburgisch-preußischen Geschichte.

Historiker Uwe Fröhlich führt durch die Ausstellung. 900 Jahre Geschichte in einer Stunde. Von der Geburtsstunde der Mark Brandenburg 1157 bis zur Wiedergründung des Landes am 3. Oktober 1990. Von den Askaniern über die Hohenzollern und Hugenotten bis zu den Soldaten der Roten Armee. Vom Großen Kurfürsten über Theodor Fontane und den Alten Fritz bis zu Matthias Platzeck. Vom Marienpsalter aus dem Kloster Zinna über einen präparierten Pestfloh und ein Maschinengewehr aus dem Jahr 1908 bis zu einem Häftlingskamm aus dem KZ Sachsenhausen. 900 Jahre Geschichte in einer Stunde. Das ist zwangsläufig Häppchenkost.

Großer Kurfürst wurde er deswegen, weil er was gewonnen hat. Was wohl? Einen Titel. Titel ist auch gut, was hat er gewonnen. Land. Nicht ganz. Krieg hat er gewonnen. Eine Schlacht. Die Schlacht bei Fehrbellin.

Damals war Auguste Victoria mit Wilhelm II. auf einer Reise in Belgien und ihnen wurde nahe gelegt, nicht wieder nach Deutschland zurückzukehren, weil in Brandenburg-Preußen und anderen Regionen sonst ein Bürgerkrieg ausgebrochen wäre.

Brandenburg hatte früher drei DDR-Bezirke. Wisst ihr das noch?

Es gab dann ein großartiges Edikt, das nannte man das Edikt von Potsdam, das war das so genannte Zuwanderungsedikt, heute hochmodern, damals auch hochmodern, denn es war ja aus wirtschaftlichen Gründen klar, dass man Leute brauchte.


Die Gymnasiasten aus Rüdersdorf folgen Uwe Fröhlich durch die Ausstellung, mehr oder weniger interessiert. In den Händen halten sie Zettel mit Aufgaben, die ihre Geschichtslehrerin vorher verteilt hat. Was war ein Landjahrlager? Wann wurde in Preußen die allgemeine Wehrpflicht eingeführt? Alle Schülerinnen und Schüler stehen, bis auf den pummeligen Benjamin Rabe. Er hat sich einen Klappstuhl geholt und schreibt auf Knien mit. Die anderen versuchen, einen Blick auf seine Mitschrift zu erhaschen.

Benjamin/Fröhlich: (Lehrerin) Benjamin, Du wolltest noch was fragen. Ja, dann los. (Schüler) Ich wollte fragen nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. (Fröhlich) Dazu kann ich dir ehrlich gesagt nichts sagen, da bin ich auch ratlos.

Benjamins Wissensdurst kann nicht befriedigt werden, seinen Mitschülern dagegen wird die Zeit lang. Sie sind unaufmerksam und unkonzentriert. Zuviel Geschichte bringt nichts, findet der 18-jährige Tom Steinmann.

Steinmann: Wenn einem ständig erzählt wird, wir haben den zweiten Weltkrieg begonnen. Und da kriegt man immer was auf den Deckel. Wir haben so ein schlechtes Gewissen immer noch nach so einer langen Zeit, dass Deutschland kaum aus dem Popo kommt.

Tom will nach vorne gucken, nicht zurück. Aus der Geschichte lernen, das hält der Gymnasiast für Unsinn. Was hat der 2. Weltkrieg mit dem königlichen Preußen zu tun? Das war schon untergegangen. Lernziel nicht erreicht - müssten die Ausstellungsmacher eigentlich konstatieren. Doch im Haus der brandenburgisch-preußischen Geschichte wird derzeit nicht gefragt, was hängen bleibt nach dem Besuch der Ausstellung. Zunächst ist man bemüht, das Haus bekannt zu machen und die Besucherzahlen zu erhöhen. Das Interesse der Schulen lässt zu wünschen übrig, klagt Historiker Volker Punzel. Er hat alle 1.900 Schulen in Berlin und Bandenburg angeschrieben.

Punzel: Ich habe vielleicht von 25 bis 30 Schulen eine echte Reaktion. Und von der Masse habe ich nie wieder etwas gehört.

Auch ein Sponsor hat das Desinteresse am Besuch des Hauses der brandenburgisch-preußischen Geschichte zu spüren bekommen. Die Sparkassen hatten sich angeboten, einen Teil der Reisekosten für Schulklassen zu übernehmen. Es war gar nicht so einfach, das Geld unter die Leute zu bringen, sagt Andreas Fellmann, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Dahme-Spreewald.

Fellmann: Die Realität war dann so, dass eine erhebliche Zahl von Direktoren und Lehrern mit fadenscheinigen Argumenten wie beispielsweise, ich bin so beschäftigt mit dem Zentralabitur, plötzlich der Meinung waren, sie würden das nicht unterbringen können.

Sponsor Fellmann versucht, Erklärungen für das Desinteresse der Lehrer zu finden. Vielleicht sind die Pädagogen zu bequem, vielleicht ist es die Scheu vor dem Thema Preußen.

Fellmann: Dass der ein oder andere Pädagoge mit dem Begriff Preußen ein paar Probleme hat und das also falsch interpretiert.

Brandenburgs Bildungsminister glaubt nicht an diese Erklärung. Die Lehrerinnen und Lehrer hätten jetzt 15 Jahre Zeit gehabt, sich vom Preußen-Bild der DDR zu lösen, ist Holger Rupprecht überzeugt. Die Entwicklung sei eindeutig positiv.

Rupprecht: Ich glaube, nach der Wende, da gab es schon große Hemmungen, sich mit dem Begriff Preußen zu beschäftigen, oder sich womöglich mit preußischer Geschichte zu identifizieren, die ja durchaus positive Ansätze bietet. Ich glaube, dass ist zum großen Teil überwunden.

Brandenburgs parteiloser Bildungsminister unterstützt das Haus der brandenburgisch-preußischen Geschichte in seinem Ziel, jeder Schulklasse im Land die Ausstellung zu zeigen. Für Holger Rupprecht steht dabei eine stärkere Identifikation der Kinder und Jugendlichen mit ihrem Bundesland im Vordergrund.

Rupprecht: Ich denke, dass so etwas allgemein in der jüngeren Generation fast vollständig verloren gegangen ist. Das hat natürlich auch mit der Entwicklung der Gesellschaft zu tun, mit Globalisierung und mit Medien, also man hat mehr den Blick nach draußen als den Blick auf das, was im näheren Umfeld ist.

Um den Blick der Schülerinnen und Schüler auf das nähere Umfeld lenken zu können, auf die eigene brandenburgische Geschichte, müssen zunächst die Lehrer überzeugt werden. Kein einfaches Unterfangen, wie das Haus der brandenburgisch-preußischen Geschichte im ersten Jahr seiner Existenz festgestellt hat. Deshalb bieten die Mitarbeiter extra Führungen für Pädagogen an.

Ein ganzes Kollegium ist angereist, um sich die Geschichtsausstellung anzusehen. Das kommt selten vor, umso mehr bemüht sich Historiker Volker Punzel um eine unterhaltsame Führung für die 45 Gymnasiallehrer aus Luckau. Ein Test ihrer Geschichtskenntnisse gehört dazu.

Punzel: Und da hätte ich gerne mal eine Antwort von Ihnen. Wie hieß Deutschlands Hauptstadt im Jahr 1850?

Der Rollentausch ist den Lehrern sichtlich unangenehm. Normalerweise stellen sie die Fragen und erwarten eine klare Antwort von ihren Schülern. Heute ist es ausnahmsweise andersherum. Volker Punzel bekommt keine Antwort auf seine Frage, nur Gemurmel ist zu hören.

Punzel: Ich hab's zwischendurch schon einmal gehört, ja bitte.

Berlin - gibt jemand zur Antwort. Ein anderer Lehrer sagt: Potsdam. Der Rest ist Schweigen.

Punzel: Deutschland gab es 1850 noch nicht. Ja. Man muss sich nur sicher fühlen. In allen Gruppen, die ich bisher gehabt habe, da war nur ein Schüler dabei, 9.Klasse, der auf Anhieb gesagt hat, Deutschland gab's noch nicht und hat seine Hauptstadt erst seit 1871.

Den Geschichtstest hat das Lehrerkollegium nicht bestanden. Zum Glück sind keine Schüler dabei, mögen sich die Pädagogen gedacht habe. Historiker Punzel nimmt die Bildungslücke gelassen und schildert den Aufstieg Berlins nach 1871.

Punzel: Das Umland hat profitiert, und nicht wenig, man konnte gar nicht so schnell im Umland profitieren wie die Menschen in Berlin versorgt werden mussten und man konnte gar nicht so schnell Baumaterial produzieren, wie gearbeitet wurde.

Schulleiter Dietmar Becker ist zufrieden. Der Mathe- und Physiklehrer ist mit ganzem Herzen Brandenburger und würde am liebsten seine gesamte Schule auf eine Geschichtstour nach Potsdam schicken.

Schulleiter: Ich möchte, dass die Kollegen mit dem heutigen Tag motiviert herausgehen und sagen, das ist mir die Sache wert und ich fahre da mit meiner Klasse hin.

Schulleiter Becker gehört zu der wachsenden Zahl Brandenburger, die kein Problem mit ihrer preußischen Vergangenheit haben. Was noch lange nicht heißt, dass sie sich als Preußen bezeichnen.

Also ich bin kein fanatischer Verfechter des Preußentums, ich habe mich mit den Dingen beschäftigt, aber würde nicht soweit gehen, dass ich sage, ich identifiziere mich 100prozentig damit.

Ich bezeichne mich lieber als Brandenburger als als Preuße

Mit Preußen habe ich eigentlich nichts mehr am Hut, Preußen ist für mich Geschichte.

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