LänderReport
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25.1.2005
Das alte Geschlecht
Die Welfen und ihre Spuren in Niedersachsen
Von Ernst Ludwig von Aster

Berühmter Welfe: Prinz Ernst August von Hannover mit seiner Gattin Caroline von Monaco (Bild: AP Archiv)
Berühmter Welfe: Prinz Ernst August von Hannover mit seiner Gattin Caroline von Monaco (Bild: AP Archiv)
Über Jahrhunderte prägten die Welfen die Geschichte Niedersachsen. Sie bescherten Braunschweig den Dom und Hannover das Schloss, in dem heute die Universität residiert. Ursprünglich aus Süddeutschland und Oberitalien in die norddeutsche Tiefebene eingewanderte sind die Welfen - nach eigenen Angaben - das "nachweislich älteste Fürstengeschlecht Europas".

Der derzeitige Welfenchef, Ernst-August Prinz von Hannover ist gleichzeitig Prinz von Großbritannien und Irland. Hierzulande sorgte der Welfenchef in den vergangenen Jahren des Öfteren für Schlagzeilen. Selten mit nobler Zurückhaltung. "PinkelPrinz" taufte ihn etwa die Boulevardpresse, als er an den türkischen EXPO-Pavillon urinierte. "Prinz Haugust" nach einer Regenschirmattacke auf einen Fotojournalisten. In letzter Zeit aber ist es etwas ruhiger geworden um das Welfengeschlecht...


Die Motorsäge kreischt im Wald am Marienberg, zwischen Hannover und Hildesheim.

Das ist die schlosseigene Uhr, die jetzt zur Stunde geschlagen hat, 12. Uhr.

Karin Dükow lehnt sich hoch oben auf dem Berg aus dem Schloss-Fenster, blickt über ein kleines Wäldchen ins Leinetal. Sieht hier und da einen sanften Hügel. Eine kleine Ortschaft. Eine Zuckerfabrik. Aber vor allem viel Gras.

Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert und so ein Schloss in der Nähe, was so aussieht wie ein Märchenschloss, ist ja schon was Tolles.

Mit 16 machte sie hier ihre erste Führung. Seit 15 Jahren zeigt sie Besuchern das Schloss Marienburg. Auf dem Marienberg. Ein Neuschwanstein auf niedersächsisch.

Es hat sehr viele Türmchen, an den Ecken und ist mitten im Wald, ist sehr schön, hat einen großen Mittelturm, der schon von weitem zu sehen ist und mit der Welfenfahne obendrauf.

Weiß-gelb flattert diese auf dem Mittelturm des Schlossbaus, der viel älter aussieht, als er ist. Begonnen wurden die Bauarbeiten 1857. Beendet wurden sie nie...

Stammsitz wird es heute genannt, weil es das einzige große Schloss noch ist, in ihrem Besitz.

An den Säulen der Eingangshalle zwei 700 Jahre alte Holzschilder, an der Wand ein 500 Jahre alter Kleiderschrank.

Alle Gegenstände im ganzen Schloss hier wurden zusammengesammelt, sie stammen aus verschiedenen Jahrhunderten aus dem Besitz von verschiedenen Welfen.

Unter der Decke die Flagge aus der Zeit, als die Welfen auch in England regierten, an den Wänden Rüstungen und Waffensammlungen. Ein Museum der Welfengeschichte.

Das Schloss wurde ja eigentlich für die Königin Marie von Hannover gebaut...

Bloß bevor die richtig einziehen konnte, regierten hier schon die Preußen 1866. Und die Welfen gingen ins Exil nach Österreich.

... Das sollte der Salon des Königs sein, wurde aber nie benutzt.

Computerspiel: Willkommen im 12. Jahrhundert, der König hat ein Problem, seine Tochter sitzt im Verlies der Welfenfestung, die Welfenburg gilt als uneinnehmbar.

Der mittelblonde Mittvierziger sitzt vor dem Computerbildschirm. Lauscht der Einführung zum "Welfenspiel". Sieht die Wörter "Vorwärts in die Vergangenheit" über den Bildschirm gleiten. Greift dann routiniert zum virtuellen Langbogen. Und den Pfeilen.

Mein Name, so wie ich heiße, ist Prinz Heinrich von Hannover. Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, Königlicher Prinz von Großbritannien und Irland. So können Sie mich ja ansprechen, aber der Herr ist so gnädig und lässt sich Herr Hannover oder Herr von Hannover ansprechen...

Also: Heinrich von Hannover. Auch wenn Heinrich Hannover auf dem Klingelschild steht, hier in Göttingen, wo sein Vorfahr Georg August vor 271 Jahren die Universität gründete, und er heute den Verlag Matrix-Media leitet.

Was bei mir so der Schwerpunkt ist, das ist vor allem Geschichte, vor allem welfische Geschichte, weil ich eben den Markt gut kenne, z.B. Welfen und Romanows und der Zarenhof....

Er publiziert vor allem historische Bücher. Und betreut nebenbei noch die Welfen-Homepage www.welfen.de. Familiengeschichte virtuell, samt Welfenspiel.

14 Punkte, das ist der Bonus

Auf dem Bildschirm tauchten hinter den Zinnen jetzt Mäuse auf. Eine nach dem anderen fällt den Pfeilen des Prinzen zum Opfer. Heinrich von Hannover sitzt entspannt vor dem Computer. In Turnschuhen, dunkelgrüner Jeans, orangem Pullover.

Wenn Sie genug Punkten haben, dann geht ja die Zugbrücke auf und Sie können in die Welfenburg eindringen, wenn Sie alle Mäuse erlegt haben, alle Welfenmäuse.

77 Punkte in einer Minute. Von Hannover nickt zufrieden. Die Zugbrücke senkt sich. Er wechselt ins Hauptmenü. "Die Welfen sind nachweislich das älteste Fürstenhaus Europas" ist da zu lesen. Ein Klick mit der Maus und die Stammtafel erscheint. Oben steht Ruthard, Graf in Argenau, gestorben 790. Dann folgen die anderen Welfen- Generationen.

Langsam arbeitet sich Heinrich von Hannover auf der Stammtafel Richtung Gegenwart vor. Über Heinrich mit dem goldenen Wagen, gestorben 934, über Welf IV von Bayern.

Um 900 waren es die Welfen, die die wichtigsten Alpenpässe beherrschten, darum war Heinrich der Löwe, als er an die Macht kam, schon so einflussreich.

Zu einflussreich, fand damals Kaiser Barbarossa. Und beschlagnahmte kurzerhand die welfischen Besitzungen im Süden. Fortan ging es mit der Familie bergab. Bis ins Braunschweigische, nach Niedersachsen. Vier Welfen-Fürstentümer entstanden zwischen Weser und Elbe. Kirchen, Burgen und Schlösser in Braunschweig, Lüneburg, Celle und Hannover.

Bei uns war es so, dass unser Großvater, der letzte regierende Herzog von Braunschweig, sich sehr viel Mühe gegeben hat, alles zusammenzuhalten. Und er hat seinen noch nicht geborenen Enkel als Erben eingesetzt. Und hat seine Kinder dazu gebracht, zu verzichten. Mein Vater und mein Onkel haben verzichtet. Um das Erbe zusammenzuhalten, damit jetzt einer alles verbraten darf.

Ganz unten links, in der untersten Kästchenreihe der Stammtafel: Da steht sein Name, und das Geburtsdatum: 1961. Vier Positionen über ihm, im selben Kästchen aber fett gesetzt, sein Bruder: "Ernst-August, 1954". Der Erbe. Und heutige Welfenchef.

Das Oberhaupt, das ja allen bekannt, das geistert ja durch die Medien, das sind ja enorme Spuren, die da hinterlassen werden, ich hoffe nicht mehr all zu lange, da gibt es nichts zu diskutieren, der diskutiert nur vor Gericht zurzeit und in der Familie hält er sich bedauerlicherweise zurück.

Hannover, Staatsanwaltschaft beim Landgericht. Auf den Fluren stehen Umzugskartons. Im Zimmer von Oberstaatsanwalt Thomas Klinge haben Akten ihre Spuren an der Wand hinterlassen. Eine dicke, grün-gelbe Mappe liegt vor ihm. Klinge greift zur Lesebrille, beginnt zu blättern

Das älteste Blatt ist von irgendwelchen Kollegen, da ging es um diese Geschichte Regenschirmvorfall, das sagt Ihnen sicherlich auch noch etwas, von '98 sind die ersten Sachen.

Da prügelte der Welfenchef einen Fernsehreporter mit dem Regenschirm. Und musste 90.000 Mark Geldstrafe und 15.000 Mark Schmerzensgeld zahlen.

Grob gesagt, sind es drei ältere Fälle, die inzwischen schon verhandelt worden sind, das waren die Vorfälle in Lamun in Kenia, wo ihm vorgeworfen wird, das er da eine Körperverletzung begangen haben soll, dann war es eine Beleidigung BILD-Zeitungsmitarbeitern gegenüber, im Rahmen der Expo ist das damals gewesen und dann noch ein Verfahren, in dem es auch um Beleidigung und Körperverletzung ging.

Ende November verurteilte das Landgericht den Prinzen Ernst-August wegen gefährlicher Körperverletzung, sah es als erwiesen an, dass er einen Discothekenbesitzer in Kenia zusammengeschlagen hatte. Der Richter sprach von einem furchtbar brutalen Vorgang. Strafmildernd wirkte allerdings, dass der Angeklagte betrunken gewesen sei. Und unter einer - Zitat - "tiefgreifenden Bewusstseinsstörung" gelitten haben könnte.

Das Urteil: Eine Geldstrafe. Ausgerichtet am geschätzten Einkommen des Prinzen. Das Gericht legte einen Monatsverdienst von rund 75.000 Euro zu Grunde. Verurteilte zu 178 Tagessätzen a 2.500 Euro. Macht summasummarum 445.000 Euro. Dagegen hat jetzt allerdings der Prinzen-Anwalt Revision eingelegt. Die Prinzen-Akte von Oberstaatsanwalt Klinge wird also Fall noch weiter wachsen. Einige aktuelle Fälle sind auch noch gar nicht verhandelt...

... Da wird ihm vorgeworfen, das er in Grünau in Österreich bei einer Veranstaltung einen Journalisten, über den er sich wohl geärgert hatte, weil der ihn als Preuße bezeichnet hat und nicht als Welfe, beleidigt hat. Und dann seinen Leibwächtern die Weisung gegeben haben soll, ihn hinauszuschmeißen, das sind die Vorwürfe, die hier erhoben werden. Das müssen wir prüfen.

Zum einen. Zum anderen:

Das zweite Verfahren, das ist auch durch die Presse gegangen, da ging es darum, dass der Beschuldigte kontrolliert werden sollte, am Flughafen Hannover, nach einem Besuch hier in Hannover und er sich nach Angaben des BGS-Mitarbeiters dagegen gewendet haben soll. Er soll den Mitarbeiter des BGS beleidigt haben und dann die Hand erhoben haben, die er, der BGS Mitarbeiter, als so genannten Hitlergruss aufgefasst hat.

Röhrbein: Was darüber in den Zeitungen steht, das verfolge ich natürlich auch, das habe ich so alles ausgeschnitten und aufgehoben, ja, das ist ein etwas unglückliches Kapitel, das kann man nicht anders sagen.

Missbilligend schüttelt Dr. Waldemar Röhrbein den Kopf. Nichts als Ärger mit der neueren Welfen-Geschichte für den ehemaligen Leiter des historischen Museums in Hannover.

Wenn Sie so andere Fürstenhäuser angucken, da sind die Chefs bei irgendwelchen karitativen Organisationen an der Spitze, aber hier sind es eigentlich nur Skandale, mit denen das Welfenhaus in Erscheinung tritt, als gebürtiger Hannoveraner schämt man sich manchmal.

Wie gut, dass es da noch den anderen Ernst-August gibt. Den standfesten Welfen. Der den Hannoveranern seit jeher Orientierung bietet.

Seit 1861 treffen sich die Hannoveraner oder die Niedersachsen, die nach Hannover kommen, unterm Schwanz.

Und zwar direkt vor dem Hauptbahnhof.

Und zwar unterm Schwanz des Ernst August Denkmals vor dem Hauptbahnhof.

Unter dem Pferdeschwanz. Ernst-August thront hoch zu Ross, in Husarenuniform. Auf dem Sockel:

Da steht drauf: Dem Landesvater sein treues Volk. Es erinnert einen sofort an die neue Publikation: Der Genitiv ist dem Dativ sein Tod. Dies ist der niedersächsische Genitiv. Es heißt natürlich: Dem Landesvater Gedankenstrich sein treues Volk...

Nur das der Gedankenstrich fehlt. Beim Ernst-August Denkmal. Auf dem Ernst-August Platz. Von dem links das Ernst-August Carre und geradeaus die Ernst-August-Markthalle liegt.

Sie müssen ja bedenken, dass Hannover hier in der Innenstadt zu 90 Prozent zerstört war. Und das von all diesen Bauten wenn überhaupt nur die Außenmauern stehen geblieben sind. Aber Stadtbild prägend sind diese Bauten aus dem welfischen Hannover allemal noch heute...

Der Bahnhof, das Opernhaus, die Herrenhäuser Gärten - alles Welfenwerk. Und nicht zu vergessen: Der heutige Landtag, das ehemalige Leineschloss:

Das ist ein durchaus repräsentativer Bau, der in einer Bauzeit von 1816 bis Ende 1830 bis 1840er Jahre - da ist der Herr Ministerpräsident - errichtet wurde.

Dynamisch federt Christian Wulff die Stufen Richtung Landtag empor. An dessen Giebel ein Wappen daran erinnert, dass die Welfen einmal ein Weltreich regierten. Von Hannover aus richtig große Politik gemacht wurde

Wir machen es jetzt mal unheraldisch: Oben links drei übereinander schreitende Leoparden, die stehen für England, rechts davon ein steigender Löwe für Schottland, unten links sehen sie eine Harfe für Irland und unten rechts noch einmal drei Leoparden für England.

Immerhin 123 Jahren saßen die Welfen auf dem britischen Thron. Georg August wurde zu George. Am Ende reimten die Briten voller Spott:: "Georg I war hundsgemein, schlimmer noch Georg II das Schwein, kein Sterblicher hat je vernommen, das Gutes von Georg III gekommen, Seit Georg IV von hinnen geschieden, ist's gottlob aus mit Georgs hienieden". Aber immerhin: Der Ausflug der Welfen auf den Empire-Thron bescherte den Hannoveranern eine neue Namensschöpfung:

Der Name Georg heißt hier in Hannover Schorse. Und das ist zurückzuführen auf die mangelhafte Aussprache des englischen George, daher kommt der Name Schorse.

Und dann ist da noch das Welfen-Wort, das weit über die niedersächsischen Landesgrenzen Karriere machte. Als die Preußen 1866 die Welfen-Karriere im Königreich Hannover beendeten. Und Otto von Bismarck kurzerhand das Welfen-Vermögen beschlagnahmte:

Er nahm dieses Vermögen, um die ihm nicht immer wohlgesonnene Presse zu deckeln oder Journalisten zu kaufen, die in seinem Sinne schrieben, die Presse-Leute, die gegen ihn schrieben, waren in seinen Augen Reptilien, und daher hat dieser Fond, dieses welfische Vermögen aus dem die Journalisten/Reptilien bekämpft wurden, den Namen "Reptilien-Fond".

Und der Einfluss des Reptilien-Fonds reicht noch weiter - nach Süden:

Aus diesem Reptilien-Fond ist auch Ludwig II. geschmiert worden, Schloss Neuschwanstein ist teilweise auch mit Geldern aus diesem Reptilienfond bezahlt worden. Denn Bismarck musste Ludwig II. auf seine Seite kriegen, dass der den berühmten Brief schrieb, damit die deutschen Fürsten Wilhelm I. von Preußen zum Kaiser vorschlugen.

Das bayerische Märchenschloss gesponsert durch Preußen. Mit Geld aus der Welfenkasse. Röhrbein lächelt. Geschichte, die verbindet:

Die Bücher über die Welfen, die herausgegeben werden, teilweise im Verlage Matrix-Media des Prinzen Heinrich, sind, wie ich erfahren habe, Renner, die laufen ausgezeichnet, es scheint also, eine gewisse Rückbesinnung auf die Geschichtswürdigkeit des Welfenhauses zu registrieren zu sein.

In Göttingen erobert Heinrich von Hannover das Welfenschloss. Am Computer. Im virtuellen Raum.

Im Laufe der Zeit haben die Welfen ja so ziemlich alles durchgemacht, was man machen kann, waren die Mächtigsten im Reich unter Heinrich dem Löwen, sind dann sehr stark abgestiegen...

Im Laufe der Jahrhunderte. Bis nach Niedersachsen. Und darum plädiert Heinrich von Hannover auch für Gerechtigkeit. Im Falle seines Bruders. Und der Geldstrafe vom 445.000 Euro.

Ich weiß gar nicht, was die Richter für Vorstellungen haben, was so ein Chef des Hauses verdient, er gibt sehr viel Geld aus und darum denken die, er verdient auch sehr viel. Aber mein Bruder verdient gar nüscht, der hat sein ganzes Leben nur Geld ausgegeben. Der kann doch nicht einmal die 500.000 bezahlen, wüsste nicht, wie.

445.000 Euro Geldstrafe für eine gefährliche Körperverletzung, wie vom Landgericht geurteilt, das würde die Welfen-Kasse sprengen, glaubt Heinrich Hannover. Und fürchtet um die Kunstschätze der Familie auf der Marienburg.

Vielleicht haben Sie dann das Privileg, zufällig den LKW eines Kunsthändlers zu sehen, der dort einige Kunstsachen verkaufen will, damit der Chef des Hauses sich den nächsten Gerichtprozess leisten kann...

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