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27.1.2005
Orte erinnern
Auf den Spuren des NS-Terrors in Berlin
Von Ulrike Braun und Joachim Scholl

Besucher der Ausstellung "Topographie des Terrors" auf dem ehemaligen Gelände des Gestapo-Hauptquartiers in Berlin (Bild: AP-Archiv)
Besucher der Ausstellung "Topographie des Terrors" auf dem ehemaligen Gelände des Gestapo-Hauptquartiers in Berlin (Bild: AP-Archiv)
"Brad, Hirschfeld & Co. Hausvogteiplatz Nr. 5-6 bis 1935" - Wer an dieser U-Bahn-Station in Berlin-Mitte die Treppen hinabsteigt, wird von der Geschichte gleichsam eingeholt: eine Spiegelwand reflektiert 19 in die Stufen eingelassene Namensschilder von jüdischen Textilfabrikanten, die hier ansässig waren, bis die Nationalsozialisten sie vertrieben. Es gibt zahlreiche solcher unscheinbaren Denkmäler in der Hauptstadt. Jenseits der bekannten "touristischen" Orte der Erinnerung verweisen sie auf Praxis und Alltag des Schreckens, wie er in Berlin als Schaltzentrale der Diktatur organisiert wurde. Die Spuren führen zu den Folterkellern der Gestapo, verborgenen KZs, zu den Bahnsteigen und Sammelstellen, wo die Vernichtung jüdischer Bürger begann. Aber auch jene meist vergessenen Adressen finden Erwähnung, an denen sich Menschen des Widerstands trafen, um dem Terror die Stirn zu bieten.

Die Kurfürstenstraße im Berliner Bezirk Tiergarten macht ihrem Namen keine Ehre. Ohne jede Pracht herrscht die Beton-Tristesse der 70er Jahre, Wohn- und Büroblocks reihen sich aneinander, auf vier Straßenspuren wälzt sich unablässig der Verkehr. Auch das Hotel "Sylter Hof" passt mit seiner grauen Fassade ins unschöne Ambiente, kaum ein Ort für romantische Wochenenden zu zweit. Vom Eingang gelangt man mit wenigen Schritten zur Bushaltestelle Schillstraße. Hier verkehrt die Linie 100 vom Bahnhof Zoologischer Garten bis Alexanderplatz, eine bei Touristen beliebte Strecke mit einer Sehenswürdigkeit nach der anderen.
Das Wartehäuschen Schillstraße gehört dazu, obwohl man es leicht übersieht.
Nur wer aussteigt, bemerkt etwas Besonderes: Keine Werbung ziert die Glaswände, links sieht man Fotografien eines historischen Gebäudes, rechts blickt ein kleiner, glatzköpfiger Mann mit Brille verlegen nach unten - es ist ein Gesicht des "Dritten Reiches": Adolf Eichmann...

Ronnie Golz: Was ich jetzt hier gemacht habe, ist: Es gab zwei Bilder, die sehr wichtig waren, nämlich das Bild von dem damaligen Haus des jüdischen Brudervereins, es gibt nur zwei Bilder davon, und eins, das ich genommen habe, stellt das Haus 1961 dar. Es zeigt, dass das Haus kaum beschädigt war, es wurde verkauft und abgerissen und dafür wurde das Hotel Sylter Hof dann hingebaut. Und das zweite Foto, das mir auch sehr wichtig war, weil alle es kennen: Eichmann im Gerichtssaal in Jerusalem, damals bei dem Prozess 1961.

Ronnie Golz hat ein 'Denk-Zeichen' gesetzt. 1947 wurde er in London geboren. Seine jüdischen Eltern stammten aus Berlin und Mähren, sie entkamen rechtzeitig nach Großbritannien. Als Jugendlicher kam Ronnie Golz mit seiner Familie nach Köln. Seit 1970 lebt er in Berlin. Er hat recherchiert und den Ort entdeckt, eine der wichtigsten Schaltstellen nationalsozialistischer Verbrechen. In jenem Haus des jüdischen Brudervereins befand sich das so genannte "Judenreferat IV B4", von hier aus wurden ab 1941 unter der Leitung von Adolf Eichmann sämtliche Deportationen in Gettos, Konzentrations- und Vernichtungslager organisiert. An seinem Schreibtisch sorgte Eichmann mit bürokratischer Sorgfalt für den reibungslosen Ablauf. Er koordinierte die 'Transporte' der zuständigen Polizeistellen und der Reichsbahn; er dirigierte Millionen Juden aus ganz Europa auf den Weg in den Tod.

Golz: Ich stehe also hier an diesem Ort eines Täters, eines sehr wichtigen Täters, und denke mir, ich finde es doch wichtig, dass man darauf hinweist, dass in dieser Straße mitten im Nirgendwo von Berlin eigentlich der Völkermord an den Juden gelaufen ist. Das hat mich nicht losgelassen, und ich bin 1998 auf der anderen Straßenseite mit dem Fahrrad lang geradelt, und da fiel mir diese Bushaltestelle auf, ohne dieses Häuschen damals - und ich erinnerte mich, als ich weiterradelte, damals, dass es eben diese Firma gibt, Wall AG, die überall in Berlin diese Bushaltestellen auf eigene Kosten aufstellt, um mit der Werbefläche Geld zu verdienen. Ja, und da bin ich nach Hause gegangen, hab´ mich hingesetzt, hab' dem Herrn Wall einen Brief geschrieben: Wie wär' das, wenn Sie mir eine Haltestelle schenken würden und auch die Werbeflächen überlassen für eine Installation, eine Erinnerung, einen Hinweis, was hier eigentlich geschehen ist.

Von seiner jüdischen Herkunft hat Ronnie Golz lange Zeit nichts gewusst. Fünfzehn seiner Familienangehörigen wurden von den Nazis ermordet. Es war die Studentenbewegung der 60er Jahre, die Fragen der Söhne an die Väter, die den Künstler auf eigene Spurensuche gehen ließen. Das kleine Wartehäuschen rekonstruiert den Ort wie die Ereignisse mit Foto-Collagen und Texten, auf deutsch und englisch, für ausländische Touristen. Von der Idee zur Ausführung dauerte es nur kurze Zeit. Der Unternehmer Hans Wall reagierte prompt:

Hans Wall: Da war ich erst einmal erstaunt, dass dieses berühmte "Judenreferat" da an der Kurfürstenstraße stand, und es hat bestimmt so gut wie kein Berliner gewusst. Und da war mir klar, dass darf nicht vergessen werden, was da passiert ist, und was da war, und da hab' ich mich sofort bereit erklärt, eine Wartehalle aufzubauen und auf die Werbung zu verzichten und dafür zwei Tafeln, die auch nachts beleuchtet sind, einzubauen, wo dran erinnert wird, was da für ein schreckliches "Judenreferat" war. Und das ist keine Anklange gegen uns Berliner, gegen uns Deutsche, das ehrt uns, wenn wir helfen die Vergangenheit aufzuarbeiten, es ist doch nur wichtig deswegen, dass solche Verführer keine Chancen mehr haben, dass junge Leute merken, Mensch, wohin führt denn eigentlich Antisemitismus.

Aus der Stadt in den Wald...
Berlin Charlottenburg, unweit des Olympiastadions liegt die berühmte Konzert-Arena "Waldbühne". Vom Parkplatz an der Glockenturmstraße fällt das Gelände steil ab. Von hier geht es zur Murellenschlucht und zum Murellenberg. Im 19. Jahrhundert militärischer Standort von Kasernen und Schießständen, diente die Schlucht den Nationalsozialisten als Hinrichtungsstätte für Opfer des Reichskriegsgerichts, das mehr als 1400 Todesurteile während des Zweiten Weltkriegs ausgesprochen hat. Unter den Verurteilten waren fahnenflüchtige Wehrmachtsoldaten, Kriegsdienstverweigerer, Widerstandskämpfer, aber Zivilisten, die man der "Wehrkraftzersetzung" für schuldig befand. Seit 1993 steht das Gebiet unter Naturschutz: Seltene Insekten und Schmetterlinge leben dort. Im Jahr 2002 wurde hier das "Denkzeichen zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz am Murellenberg" aufgestellt. Man entschied sich für den Entwurf der argentinischen Künstlerin Patricia Pisani. 1958 in Buenos Aires geboren, lebt und arbeitet sie seit 1990 in Deutschland. Ihr Kunstwerk muss man sich erlaufen.

Patricia Pisani: Das gesamte Denkmal besteht aus 104 Verkehrsspiegeln entlang eines Waldweges bis zum authentischen Ort der Exekutionen von den Verurteilten. Er liegt jetzt in einem Polizeigelände, er ist eingezäunt; den authentischen Ort kann man von draußen nicht richtig direkt beobachten, und dadurch kam die Idee auf, mit dem Spiegel etwas zu machen, der irgendwie virtuell den Zugang zu diesem Ort ermöglicht. Die Funktion eines normalen Spiegels im Verkehr ist, den Blick zu erweitern, also um die Ecke gucken zu können, das heißt, wenn ein anderes Auto entgegen kommt, das man normalerweise nicht sieht, dann ermöglicht dieser Spiegel, dass man es sieht, und das habe ich das als Metapher genommen, also ein bisschen um die Ecke zu gucken, sichtbar machen, was nicht im Blickfeld steht und gleichzeitig können die Passanten, die diesen Weg unternehmen, sich selber auch reflektieren.

Sechzehn der rotweißumrandeten Verkehrsspiegel sind beschriftet. Kurze Textausschnitte informieren über die Urteilspraxis der NS-Militärgerichtsbarkeit und auch über den feindseligen Umgang mit Deserteuren im Nachkriegsdeutschland. Der Gang durch den Wald entfaltet eine bedrückende Dramaturgie: von der Sachlichkeit der Fakten hin zum persönlichen Schicksal und Empfinden der Verurteilten. Zeitzeugen beschreiben ihre unmittelbaren Erlebnisse.

Pisani: Also die Idee ist, langsam einzusteigen mit nüchterner Information, dies sind Zitate aus Urteilen und Gesetzen in Bezug auf das Thema Desertion und wie die öffentliche Meinung sich dadurch geändert hat. Da ist auch das Datum, als Beispiel, da wurden erst 2002 die verurteilten Deserteure freigemacht von Schuld, erst 2002. Und ich wollte damit auch diesen langen Weg repräsentieren, bis dahin, dass sie wieder nicht bestraft oder vorbestraft sind.

Je näher man dem Erschießungsort kommt, umso dichter aufeinander folgen die Spiegel. Oben auf dem Hügel steht eine ganze Gruppe von ihnen. Hier reflektieren sie nicht nur den Wald und den Betrachter, sondern auch sich gegenseitig in immer wieder neuen Perspektiven. 20 der 104 Spiegel stehen zurzeit jenseits des Zaunes auf dem abgesperrten Gelände. Das Kunstwerk ignoriert den Zaun, der die ehemalige Hinrichtungsstätte abgrenzt, die Spiegel weisen den Weg. Man darf hoffen, dass das Gelände eines Tages vollends für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, vor allem die Partei der Bündnisgrünen setzt sich dafür ein. Die überwiegend positiven Reaktionen sind ein zusätzliches und vielleicht das stärkste Argument.

Pisani: Die negativen gehen in Richtung der Störung der Landschaft, obwohl die Spiegel sich eigentlich integrieren, die sind keine Klötze, die mitten im Raum stehen, sondern sie sind sehr zierlich, und durch die Reflektion reflektieren sie auch den Wald selber und die Passanten. Und da war ich auch positiv überrascht, dass ältere Leute es gut fanden, war wirklich überrascht, weil die Kunstsprache, die ich genommen habe, keine herkömmliche ist, es ist keine zentrale Gedenkstätte mit einem Stein, sondern es ist fast so wie ein Pilgerweg, wo man Stationen hat, wo man sich informiert und weiterlaufen kann und darüber nachdenken kann.

Acht Uhr in der Frühe... Die Tausende von Angestellten, die im Konfektionsviertel beschäftigt sind, eilen ihrer Arbeitsstätte zu. Jedem Omnibus, jedem der zahlreichen, das Konfektionsviertel kreuzenden Straßenbahnwagen entsteigen in großer Zahl die jungen Leute... Bald nach acht kommen auch schon die ersten Lieferdroschken... Wenn gerade Hochsaison ist, so rollt hier unaufhörlich eine Droschke nach der anderen heran. Der ganze Platz ist von den Lieferwagen eingenommen, kaum dass der mitfahrende Meister daneben noch Platz findet... Nun rollen auch in Taxametern nach und nach die Chefs heran, der eine oder andere Mantelkönig auch wohl in eleganter, zweispänniger Viktoria.

So beschrieb der Journalist und Theaterkritiker Moritz Loeb den hektischen Tagesbeginn am Hausvogteiplatz im Jahre 1906. Zwei Jahre später bereits wurde an diesem geschäftigen Ort eine U-Bahnstation eröffnet. Der südlich des Gendarmenmarktes gelegene Platz war einst der Mittelpunkt der Berliner Mode- und Bekleidungsbranche. Viele jüdische Textilfabrikanten hatten sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts hier und in den umliegenden Straßen niedergelassen. Firmen wie Gerson, Hertzog, Levin und Manheimer begründeten das weltweite Ansehen der Berliner Mode. Der glanzvollen Geschichte des Konfektionsviertels setzten die Nationalsozialisten ein jähes Ende. Ab 1933 trieben sie die jüdischen Geschäftsleute und ihre Angestellten ins Exil oder deportierten sie in die Vernichtungslager. - Die repräsentativen Geschäftshäuser aus dem 19. Jahrhundert wurden zum großen Teil im Krieg zerstört. Manches wurde rekonstruiert, wie zuletzt das Haus zur Berolina, wo nun die Zeitung "Jüdische Allgemeine" residiert. Die historische Anlage des Platzes wurde auf der Grundlage eines Entwurfs von 1908 rekonstruiert und im Jahr 2001 eingeweiht.

Heute ist es still am Hausvogteiplatz. Wenige Menschen, überall parkende Autos. Leben hinter den Fassaden in Büros. Der Geschichte der Berliner Konfektion und ihrer Zerstörung durch die Nationalsozialisten widmete der Publizist Uwe Westphal Ende der achtziger Jahre eine ausführliche wissenschaftliche Publikation. Zusammen mit dem Verleger Gerhard Hentrich setzte er sich für ein Denkmal an diesem Ort ein, das an die jüdischen Inhaber und Beschäftigten der Berliner Konfektion erinnert. Aus einem Wettbewerb der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen ging der Künstler Rainer Görß mit dem "Denkzeichen Modezentrum Hausvogteiplatz" als Gewinner hervor. Wer dort aus der U-Bahn aussteigt und aufmerksam die Treppe zum Platz emporsteigt, wird auf den Stufen Namensschilder erblicken.

Ja, ich sehe hier die Inschriften Briese und Löbach, Hausvogteiplatz Nummer 11, bis 1939, Kraft und Lewin, Hausvogteiplatz, Leon Bernhard, Hausvogteiplatz Nummer 3 bis 4, bis 1938, und schließe daraus, dass das Juden gewesen sind, die hier gelebt haben oder gewohnt haben, und die hier eben bis zu dem entsprechenden Zeitpunkt gewohnt haben, wo sie dann entfernt worden sind, oder geflohen sind, was auch immer.

Herr Axmann ist zum ersten Mal am Hausvogteiplatz. Er hält sich geschäftlich in Berlin auf, nur einen Tag. Der nächste Passant kennt bereits diesen Ausgang:

Na ja, im Winter, wenn ich mit der U-Bahn fahre, ist das eigentlich eine schöne Angelegenheit, die Treppe heraufzusteigen und an jeder Treppe eine neue Erinnerung zu finden, dort sind die ehemaligen Anrainer dieses Platzes in Stein gemeißelt, und es ist für mich sehr abwechslungsreich, dieses immer wieder zu sehen und zu erkennen, dass hier großes jüdisches Leben stattgefunden hat.

Auf dem Platz, direkt am Ausgang der U-Bahn-Station, stehen drei schmale, 2,70 m hohe, doppelseitige Spiegel. Sie sollen an Ankleidespiegel in Modegeschäften erinnern. Einander leicht zugeneigt, deuten sie einen Raum an. Tritt man zwischen die Spiegel, wähnt man sich in einem Labyrinth. Unterstützt wurde die Initiative zu einem Denkmal an diesem Ort auch von Hermann Simon, dem Direktor der Stiftung "Neue Synagoge Berlin". Er ist in unmittelbarer Nachbarschaft des Hausvogteiplatzes zur Schule gegangen ist und hat in den sechziger Jahren hier sein Abitur gemacht.

Hermann Simon: Ja, es ist einfach begreifbar, es ist erfassbar, begreifbar, es überfordert nicht, man wird mit dem Ort konfrontiert, aber ich glaube, also jedenfalls geht es mir so, ich bin eigentlich nur einmal, nämlich zur Einweihung dieser Sache, glaube ich, da bewusst hingegangen, ansonsten bin ich eigentlich immer wieder von dem Denkmal überrascht worden. Also es ist nicht so, dass ich aus der U-Bahn aussteige und sage, ach so ja, jetzt kommt gleich das Denkmal, sondern jedes Mal überrascht es mich neu, und das ist vielleicht das Entscheidende bei einem solchen kleinen Denkmal. Ja, es mag Leute geben, die es bewusst aufsuchen, ich hab' das nie getan.

Vom Hausvogteiplatz hoch in den Norden der Stadt, Berlin-Reinickendorf... Auf den Fluren der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik...
Die Psychologin Christina Härtel führt die Besucher über Treppen in einen langen Gang. Sie schließt eine Tür auf; dahinter liegen mehrere große, hohe Zimmer.
In den Räumen stehen Vitrinen, man sieht alte Verpackungen von Medikamenten. Auf Stellwänden Texte und Bilder, die Fotografie eines kleinen, abgemagerten Mädchens, Rosemarie K. - die Überschrift lässt keinen Zweifel an ihrem Schicksal: "Die Ermordung behinderter Kinder in Wittenau". - "Wittenauer Heilstätten" hieß die Klinik von 1927 bis 1957. Nach dem Krieg mochte niemand an die Zeit des NS-Terrors rühren, erst in den achtziger Jahren taten sich Mitarbeiter zusammen, um dieser Vergangenheit der Klinik nachzugehen.

Christina Härtel: Es hat sich dann rausgestellt, dass die heutige Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, damals die Wittenauer Heilstätten, sehr wohl eine doch wichtige Rolle sozusagen als Drehscheibe auch für die Euthanasieaktion gedient hat, aber nicht nur für ankommende und abgehende Transporte eine Funktion hatte, sondern auch natürlich auch für Patienten hier aus dem Umfeld, aus der Stadt - es gab vier größere oder vier psychiatrische Anstalten in der Stadt, die eine ähnliche Geschichte haben, eine davon sind die Wittenauer Heilstätten - dass auch hier Patienten, die zur Behandlung aufgenommen worden waren, dann im Rahmen der Euthanasieaktion ab Spätherbst 1939 / Winter 1940 bis Sommer 1941 in die sechs bekannten Euthanasieanstalten deportiert worden sind und dann ab März 1942 nach Obrawalde bei Meseritz auch einer psychiatrischen Anstalt und dort ermordet worden sind.

Christina Härtel und einige ihre Kollegen deckten auf, dass weit über tausend Patienten der Wittenauer Heilstätten während des "Dritten Reiches" zwangssterilisiert worden waren. Zwischen 1939 und 1945 wurden außerdem etwa 4000 Patienten in so genannte Zwischen- oder Tötungsanstalten deportiert, und die meisten dort umgebracht. Schließlich fielen in derselben Zeit auch viele der verbliebenen Patienten der "Euthanasie" zum Opfer, die genaue Zahl ist unbekannt.

Härtel: Es gab Psychopharmaka mit der Wirkungsweise, die wir heute kennen, damals nicht. Im Wesentlichen bestanden die Medikamente aus Beruhigungsmitteln, von denen man Überdosen dann den Patienten verabreicht hat. Aber das war nur ein Mittel der Tötung, ein weitaus genauso gebräuchliches Mittel war das Verhungernlassen, man hat die Menschen durch Nicht-Behandeln und durch Hungerrationen sterben lassen.

Wohl auch die kleine Rosemarie K. - "Totgeschwiegen 1933 bis 1945" - so heißt die Dauerausstellung, ein fürchterlich treffender Name. Seit zwanzig Jahren existiert die Schau, von vielen unbemerkt. Zurzeit sind die Räume verschlossen, die Ausstellung wird überarbeitet, neue Dokumente und Exponate sind aufgetaucht.

Noch einmal in die Kurfürstenstraße, mit Ronnie Golz. Er spricht von seinem "Mahnort" als "Un-Ort". Als Ort, der nicht mehr existiert und an dem doch so viel Ungeheuerliches geschah. Zahlreiche solcher Un-Orte kann man in Berlin abseits der offiziellen und bekannten Gedenkstätten entdecken. Man muss nur genau hinschauen, so wie damals Ronnie Golz auf seinem Fahrrad. Er will weitermachen...

Golz: Ich finde es ganz wichtig, dass man Tatorte auch kennzeichnet. Weil man an den Tatorten nicht über das Leiden der Opfer reflektiert, sondern über die Täter. Und das, was sie getan haben, und das ist eben an Schreibtischen passiert, und so weiter, also von der Gaskammer weg zum Schreibtisch oder vom Schreibtisch zur Gaskammer, man sollte beides darstellen... und in dem Sinne finde ich es auch sehr wichtig, und deswegen arbeite ich weiter an solchen "Unorten" im nächsten Jahr.

Es ist dunkel geworden, das Wartehäuschen Schillstraße leuchtet hell. "In der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung" steht auf der Rückwand, ein Satz von Baal Sehem-Tov, eines jüdischen Gelehrten des 18. Jahrhunderts. Die meisten Passanten gehen achtlos daran vorbei, aber nicht alle. Manche bleiben stehen und lesen...
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