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4.2.2005
Dresdner Gedenken an die Zerstörung der Stadt vor 60 Jahren
Von Andreas Roth

Blick vom Dresdener Rathausturm auf die zerstörte Stadt 1945 (Bild: AP Archiv)
Blick vom Dresdener Rathausturm auf die zerstörte Stadt 1945 (Bild: AP Archiv)
Seit 60 Jahren gibt es in Dresden eine eigene Erinnerungskultur an die Opfer der alliierten Luftangriffe vom 13. Februar 1945. Aus der Trauer wuchs dort ein international beachtetes Zeichen des Friedens und der Versöhnung. Doch zugleich zeigen sich in Dresden die Fallstricke des Erinnerns: in den letzten Jahren versuchten rechts- und linksextreme Gruppen das Gedenken immer stärker für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, während die Zeitzeugen sterben. Deshalb haben nun Dresdner Bürger im Vorfeld des 60. Jahrestages der Bombennacht eine Diskussion über Formen und Inhalte des Erinnerns begonnen: wie kann man der deutschen Opfer gedenken, ohne die deutsche Täterschaft zu verschweigen oder zu relativieren?

Fiedler: Das war der 13. Februar, und ich hatte abends Dienst als Sanitäter. Und um neun hieß es dann: es kommt ein Anflug auf Dresden. Alarm, Alarm, Alarm...

Chor: Wie liegt die Stadt so wüst, die voll Volks war...

Wie liegt die Stadt so wüst, die voll Volks war - Das Klagelied über die Zerstörung Dresdens, es beginnt mit biblischen Worten. An jenem 13. Februar 1945 war eine junge Krankenschwester mitten in der brennenden Stadt: Else Fiedler.

Fiedler: Lieber Gott, hab ich immer gesagt, hilf uns doch, hilf uns doch. Wie kriegen wir denn die Kinder raus, wie kriegen wir denn die vielen Leute jetzt hier raus. Und dann kamen auch schon die ersten Bomben geflogen.

Umfrage: Was bedeutet der 13. Februar für Sie?
Nazi: Naja, ich würde sagen, 13. Februar, das war eines der besten Beispiele, dass die Alliierten genauso Kriegsverbrecher sind wie die Deutschen angeblich.

Dort, wo Else Fiedler am 13. Februar 1945 Verletzte verband, stehen 60 Jahre später zwei junge Männer. Der eine hat eine Jacke an, auf der steht: ”Nationaler Widerstand”. Der andere hat auf seine Wollmütze die Zahl 88 aufgenäht, die Chiffre für "Heil Hitler”.

Umfrage: Was denken Sie, wie viele Leute da umgekommen sind?
Nazi:
Geschrieben war 35.000, aber es sind wahrscheinlich mehr.
Was schätzen Sie?

Nazi 2: Circa 500.000, die jetzt wirklich originell da umgekommen sind. Die Zahl, die da jetzt so runterkata-, katapultiert worden ist. Die schreiben sowieso nur Scheiße. So eine Abschlachtung wie in Dresden gab's fast nirgendwo in Deutschland.

Lang: Und nun: Zum 13. Februar kommen also Kräfte auf den Heidefriedhof, die legen Kränze nieder - ich habe es voriges Jahr fotografiert - da steht drauf: Keine Vergebung!

Nora Lang hat als 13-jährige die Bombardierung Dresdens miterlebt. Nun muss sie mit ansehen, wie Rechtsextreme auch ihr Schicksal benutzen.

Lang: Das ist so furchtbar. Keine Vergebung, das bedeutet Hass, das bedeutet Feindschaft, das bedeutet Krieg. Das treibt mir Tränen eigentlich des Zorns in die Augen.

Der 13. Februar ist für die rechtsextreme Szene in ganz Deutschland zu einem ihrer wichtigsten Termine geworden. Das sonst so zersplitterte rechte Lager legt dann gemeinsam Kränze nieder. 2000 Neonazis waren es im letzten Jahr.

Neubauer: Es war ein weiteres Zeichen dafür, dass Rechte in Deutschland zusammenarbeiten wollen. Dass das in Dresden sich ereignet hat etwas mit dem Schicksal dieser Stadt zu tun.

Sagt zufrieden Harald Neubauer, Herausgeber der Zeitschrift ”Nation&Europa”, des führenden Strategieorgans der deutschen Rechtsextremen. Eine der Geburtsstunden des NPD-Wahlerfolges vom letzten Jahr schlug am 13. Februar.

Neubauer: Die Menschen vor Ort kannten sich schon durch diese gemeinsamen Demonstrationen. Das hat sicherlich dazu beigetragen, unser Vorhaben zu befördern.

Fiedler: Und da bin ich über die Brücke, da hat's ja gebrannt, und die Oper hat ja auch gebrannt und die Feuerwehr war ja zugange an der Hofkirche und so - das war ja alles so - schlimm.

Widera: Die bisher ermittelten Zahlen bewegen sich zwischen 25.000 und 35.000 Todesopfern.

Die Frauenkirche in Dresden (Bild: AP)
Die Frauenkirche in Dresden (Bild: AP)
Thomas Widera vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung untersucht zusammen mit einer Historikerkommission den 13. Februar 1945. Der Auftrag dafür kommt vom Dresdner Oberbürgermeister. Denn die Stadt steht unter dem Druck der Extremisten. Die Zerstörung der Barockstadt war immer ein weltweites Symbol, und zugleich Material für Ideologien - im "Dritten Reich" wie in der DDR. Und in diesen Tagen erst nannte die NPD im sächsischen Landtag den 13. Februar einen "Bomben-Holocaust am deutschen Volk". Thomas Widera soll die historische Wahrheit dagegen halten.

Widera: Zahlreiche westdeutsche Städte - Hamburg, Köln - waren weitaus mehr zerstört als Dresden und auch die Zahl der Todesopfer lag - im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung - in vielen Städten wesentlich über der Opferzahl von Dresden. Aber durch diese Symbolisierung hat Dresden einen Platz in der Erinnerungskultur bekommen, der herausragt.

Kirsch: Und jetzt ganz neu von dem bekannten Dresdner Autor Matthias Gretzschel: Als Dresden im Feuersturm versank, gerade eben erschienen.

Tom Kirsch, Dresdens größter Buchhändler, blättert im Stapel der Neuerscheinungen über den 13. Februar 1945.

Semperoper DresdenKirsch: Sie gehören gerade jetzt ganz deutlich zu unseren Bestsellern, auf jeden Fall unter die Top 50. Dresden hat - was ganz Deutschland angeht - den spannendsten Buchmarkt zum Thema Regionalliteratur. Das liegt ganz sicher auch an der Geschichte der Zerstörung vom 13. Februar 1945. Das hat auch eine sehr schmerzhafte Lücke im Bewusstsein der Dresdner hinterlassen. Das ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass sich die Dresdner ganz besonders mit ihrer Stadt identifizieren. Ich möchte fast sagen, sie identifizieren sich mit ihrer Stadt wie keine Bevölkerung irgendeiner anderen deutschen Großstadt.

Frage auf der Straße: Was machen Sie am 13. Februar?

Mann 1: Da tun ja alle Glocken läuten abends um 10, da machen wir schon die Fenster auf, da geht man auf den Balkon und horcht. Man geht schon stille inne.
Frau: Wir haben's ja als Kinder miterlebt...
Mann 2: Es ist so, dass ich die Fenster öffne und das Glockenläuten jedes Jahr anhöre. Denn auch meine Familie war betroffen.
Frage: Woran denken Sie?
Dass es eine schlimme Sache war und dass es nicht nötig war, Dresden zu bombardieren aus militärischen Gründen und dass es eine Kulturbarbarei war.

Der 13. Februar 1945 - der "Angriff", wie ihn die Dresdner nennen - hat sich in das Gedächtnis, in die Seele der Stadt und ihrer Bewohner eingebrannt. So tief, dass die nationalsozialistische Geschichte Dresdens vor und nach dem 13. Februar 45 leicht verblassen kann.

Mann 3: Man argumentiert ja gern: die Dresdner haben Adolf gewählt, deshalb ist ihnen recht geschehen. Dass man den Dresdnern noch die Schuld dafür gibt, dass sie bombardiert worden sind, dass sie mit Phosphor übergossen worden sind am 13. Februar, das ist für mich eine Unverschämtheit.
Mann 4: Der Krieg war längst gewonnen für die Alliierten. Das musste nicht sein. Da wollten die ihre Bomben noch abwerfen, so wie sie's heute in der ganzen Welt machen, die Amis.

Fiedler: Da unten am Königsufer, das war ja nun Luft, Luft, da war nicht so viel Qualm. Das muss man sich vorstellen wie ein, wie ein Schneegewitter, nur glühend.

Chor: Warum, warum?

Ares: Ich bin geborener Dresdner und habe natürlich für den Untergang dieser Stadt die gleichen Empfindungen wie höchstwahrscheinlich alle Dresdner, dass das was ganz Furchtbares ist.

Heinz-Joachim Ares war am 13. Februar 1945 zehn Jahre alt. Dresden war seine Heimat, und sie ist es noch.

Ares: Meine Mutter war arisch, mein Vater und meine Schwestern waren aufgrund dessen, dass wir von Geburt an der jüdischen Gemeinde angehörten also als Halbjuden erfasst. Und für diesen Kreis war ja im Rahmen der Endlösung der Judenfrage in dem Zeitraum 14. bis 16.Februar in Sachsen im wahrsten Sinne des Wortes die Endlösung festgelegt. Durch den Angriff sind die Gestapo-Strukturen so zerschlagen worden. Wäre der Angriff nicht gewesen, wäre der Transport am 16. Februar planmäßig via Theresienstadt gegangen. Es ist natürlich eine unendlich tragische Verknüpfung, aber es war eben das Ende des Teufelskreises. Und bedauerlicherweise neigen jetzt manche dazu, Ursache und Wirkung auseinander zu dividieren.

Fiedler: Und die Frauenkirche ist ja..
. und da bin ich dann den zweiten Tag nach dem Angriff dann wieder hin und da gab's einen Mordskrach und eine ungeheure Staubwolke und da sank die in sich zusammen.


Die Frauenkirche blieb Jahrzehnte eine Ruine, und in den 80er Jahren wurde sie zum Symbol: An jedem 13. Februar stellten Tausende Dresdner - ganz ohne jede Genehmigung der SED - schweigend oder singend Kerzen an ihr ab: als Demonstration gegen das Wettrüsten und für Versöhnung. Der Herbst von 1989 bekam hier eine seiner Wurzeln.

Ziemer: Richtig ist, dass es in Dresden die größte Anzahl von Friedensgruppen und ökologischen Gruppen gegeben hatte.

Erinnert sich Christof Ziemer, damals evangelischer Superintendent in Dresden und eine der führenden Gestalten der Friedensbewegung in der DDR.

Ziemer: Vielleicht hängt das damit zusammen, dass der 13. Februar da etwas wie ein Nährboden war auch dafür.

Widera: Das Gedenken an den 13. Februar hat diese Dimension zu den Bezügen der aktuellen Politik weitgehend verloren.

Das beobachtet der Historiker Thomas Widera nach 1990.

Inzwischen dominiert tatsächlich die Fokussierung auf die zivilen Opfer in der Endphase des Krieges.

Ziemer: Trauer hat ihre Zeit. Diese Trauer zu reaktivieren, das denke ich kann nicht der Sinn eines solchen Gedenkens sein.

Der 94 Meter  hohe Turm der Dresdener Kreuzkirche (Bild: AP)
Der 94 Meter hohe Turm der Dresdener Kreuzkirche (Bild: AP)
Der Theologe Christof Ziemer warnt davor, dass die Beschwörung der Vergangenheit auch Munition für Ideologen liefern kann.

Ziemer: Die Gefahr besteht, dass ich Emotionen wachrufe und wach halte, die zu Recht auch irgendwann ruhen müssen.

Am kommenden 13. Februar wird es wieder die alljährlichen Rituale geben: die Kranzniederlegungen, die Gedenkgottesdienste, die Requien, die Kerzen an der Frauenkirche.

Lang: Ich benutze auch den 13. Februar. Aber ich will ihn so benutzen, dass ich nicht mein eigenes Leid darstelle.

Das sagt Nora Lang, die als Kind den Bombenangriff miterlebte und nun an den Gedenkveranstaltungen mitwirkt.

Sondern ich möchte den 13. Februar dazu benutzen, zu erinnern an alle Opfer von Terror und Gewalt.

Dies hat in diesem Jahr auch die Dresdner Stadtverwaltung zum offiziellen Leitmotiv der Gedenkveranstaltungen ausgerufen: Gedacht wird nun nicht mehr nur der Dresdner Opfer, sondern auch der Opfer von Warschau, von Coventry, der Opfer des 11. Septembers und von Grosny.

Fiedler: Und heute noch sagen sie: Hört mir auf, wir können's nicht mehr hören. Es ist wirklich wahr: die jungen Leute können das ja gar nicht begreifen, die finden das ganz interessant. Aber was uns belastet, das belastet uns ja innerlich.

Im letzten Jahr versammelten sich am 13. Februar auch etwa 400 junge Menschen, die meisten Studenten: Die Enkel-Generation. Einige von ihnen stießen mit Sekt auf den Jahrestag der Bombardierung an, es gab ein Freudenfeuerwerk und Konfetti.

Heide: Das macht man, um zu demonstrieren, dass man froh ist, dass diese Bombardierung stattgefunden hat. Denn diese deutsche Bevölkerung zur damaligen Zeit hat an der Heimatfront immer noch weiter gekämpft.

Heide ist Mitglied einer linken Gruppe mit dem Namen "Sabotage”. Dass die offiziellen Gedenkveranstaltungen die Dresdner Opfer des 13. Februars - also Deutsche - mit den Opfern der Deutschen Wehrmacht oder des 11. Septembers in einem Atemzug nennen, das kritisieren Heide und ihre Mitstreiter scharf.

Miriam: Das ist sehr problematische, wie deutsche Opfer sich strukturell gleich machen, sich in so eine Kette der europäischen Schicksalsgemeinschaft einreihen möchten, wo jeder Krieg gleich ist. Heide: Und es wird nicht geguckt, wer hat Leid selber mit verursacht, was sind die Umstände, die dazu geführt haben, um einen Mythos zu konstruieren und zu sagen: wir sind alle Opfer.

Auch die sechs Jugendlichen aus der Geschichts-Arbeitsgemeinschaft des Dresdner Berthold-Brecht-Gymnasiums haben schon mit New Yorker Opfern des 11. Septembers telefoniert. Ihre Generation findet ihren eigenen Zugang zum 13. Februar 45. Es geht ihnen um die Zukunft.

Tom: Warum soll man die ganzen Gräueltaten im Krieg vergessen? Man soll daran erinnern und mahnen, damit so was nie wieder vorkommt, nie.
Sind die Dresdner nun Opfer oder Täter?

Evelyn: Deutschland hat den Krieg angefangen, das ist Tatsache. Aber es hat auch hier unschuldige Menschen getroffen. Mann kann das nicht immer so differenzieren, würde ich sagen … obwohl … Opfer, das ist halt auch immer so ‘ne Sache.

Opfer oder Täter - jedes Gedenken an die deutschen Toten des Zweiten Weltkrieges läuft Gefahr, sich heillos in solchen Kategorien zu verheddern. Dresden ist eine deutsche Stadt und merkt dies gerade schmerzhaft.

Fiedler: Diese Stadt ist auch krank, die ist ja krank gewesen. Die ist heute noch krank.

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