LänderReport
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2.2.2005
Zwanzig Jahre Mittler zwischen den Welten
Von der praktischen Arbeit des Essener Zentrums für Türkeistudien
Von Conrad Lay

Türkischer Frieseursalon in Köln (Bild: AP)
Türkischer Frieseursalon in Köln (Bild: AP)
Deutsche und Türken nutzen das Netzwerk, das vor allem in dem dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen eine bekannte und kompetente Adresse ist. Eine "Verständigungsakademie" mit durchaus praktischen Anleitungen. Ein großer Teil der Selbständigen aus der Türkei, die in Deutschland leben, bekommen hier Rat und Hilfe. Aber auch deutsche Mittelständler, die in der Türkei nach neuen Absatzmärkten suchen, finden im Essener Zentrum für Türkeistudien erfahrene Ansprechpartner.

Kaya: Ich lebe hier, ich lebe gerne hier in Deutschland, und das ist mittlerweile eine Heimat für mich, das erleichtert einfach für mich meinen Lebensweg.

Sevki Kaya ist Inhaber der Mondial Druckerei in Duisburg- Meiderich. Im kurdischen Teil der Türkei geboren, lebt er seit 26 Jahren im Ruhrgebiet. Seit Jahren besitzt er die deutsche Staatsangehörigkeit.
Vor elf Jahren kaufte Kaya die Druckerei von einem Landsmann, inzwischen hat er sie vergrößert und modernisiert.

Kaya: Das sind Prospekte und die werden gerade in der Falzmaschine gefalzt auf Endformat, und werden anschließend dann verpackt.

Seine Chancen sieht Sevki Kaya in einer Marktnische: insbesondere bei zweisprachigen, deutsch-türkischen Drucksachen.

Kaya: Da haben wir eine Broschürenfertigungsmaschine, damit werden Broschüren erstellt, Infohefte und ähnliche Sachen. Und hier haben wir noch mal eine kleinere Druckmaschine, an der wir Kleinauflagen drucken, insbesondere Hochzeitskarten, Grußkarten, Visitenkarten und ähnliche Sachen.

40 Prozent seiner Kunden sind inzwischen Deutsche. Vor zwei Jahren wollte der Druckereibesitzer sein Unternehmen erweitern: er kaufte eine Immobilie, baute eine neue Betriebshalle, stellte acht Mitarbeiter neu ein und schaffte sich moderne Maschinen an. Aber, woher den notwendigen Kredit bekommen, so fragte sich Kaya, an wen sollte er sich wenden? Und was verbirgt sich wohl hinter der "Kreditanstalt für Wiederaufbau"? Engagement und Euphorie, die er am Anfang noch hatte, genügten nun nicht mehr: er musste seinem Unternehmen eine solidere Basis geben.

Kaya: Das, was wir vor zehn, elf Jahren nicht gemacht haben, bei der Übernahme, halt Fachleute anzusprechen, einen Businessplan zu erstellen, und auch mit einem ganz anderen Bewusstsein an die Sache dranzugehen, haben wir jetzt bei unserer Betriebserweiterung gemacht: wir haben unter anderem das Zentrum für Türkeistudien als Ansprechpartner in dieser Region, die sind mit einer Regionalen Transferstelle vor Ort vertreten, und dort gibt es Mitarbeiter, die Existenzgründer bzw. Unternehmer in allen möglichen Problemlagen wie Betriebserweiterung - alles, was halt mit dem Betrieb zu tun hat, informieren, beraten und an gewisse Fachleute weiterleiten, das haben wir in Anspruch genommen.

Yildirim: Es gibt Informationsdefizite sowohl bei Existenzgründern, aber auch bei türkischen Unternehmern bei der Frage: wer kann mir helfen, wenn ich ein bestimmtes Anliegen habe, wenn ich meinen Betrieb erweitern, festigen will, wo kann ich mich melden, wer kann mir dabei helfen, wie sieht die Hilfe konkret aus, welche Voraussetzungen muss ich als Unternehmer mitbringen - das sind zentrale Fragen, die die Unternehmer bewegen, aber auch die zentralen Informationsdefizite. Da muss noch viel Arbeit geleistet werden. Wir versuchen eben mit verschiedenen Maßnahmen, indem wir beiden Zielgruppen - Existenzgründern und Unternehmern - eine Erstberatung anbieten, und im Rahmen dieser Erstberatung leiten wir diese Klientel an die Institutionen der Wirtschaftsförderung weiter.

Cengiz Yildirim ist Mitarbeiter des Essener Zentrums für Türkeistudien und für die Regionale Transferstelle in Duisburg zuständig.
Im Fall der Mondial-Druckerei stellte er zunächst den Kontakt zu einer Unternehmensberatung her, die zusammen mit Sevki Kaya einen Businessplan erstellte. In einem zweiten Schritt informierte er ihn über die Möglichkeiten eines Unternehmenskredites mittels der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Bei dieser Art der Vermittlungstätigkeit kommt es häufig zu Irritationen zwischen türkischen Mittelständlern und deutschen Banken.

Yildirim: Unternehmer, aber auch Existenzgründer mit Migrationshintergrund sind sehr, sehr motiviert, sind risikobereit, arbeiten selten mit Konzepten, gehen also ohne Konzepte vor, haben eine konkrete Idee und wollen diese Idee in die Tat umsetzen. Diese Methode kommt bei den Banken und Einrichtungen der Wirtschaftsförderung natürlich nicht gut an. Banken erwarten immer wieder, dass man Konzepte schreibt und auch Zahlen vorlegt, und anhand dieser Zahlen überlegen sie, ob sie fördern oder nicht fördern.

Der türkische Mittelständler, der tatkräftig zur Sache gehen will, sieht sich durch den "Papierkram", den die Bank ihm abfordert, behindert, nicht ernst genommen, in der Position eines Bittstellers.

Yildirim: Das ist natürlich sehr, sehr schwierig, den Leuten das entsprechend mitzuteilen. Oft springen wir dann ein und müssen dann dem Unternehmer oder dem Existenzgründer darstellen, welchen Sinn und Zweck das Ganze hat. Und da haben wir natürlich aufgrund unseres Migrationshintergrundes einen Vertrauensvorsprung gegenüber Einrichtungen der Wirtschaftsförderung: wenn wir dann den Sinn und Zweck darlegen, dann wird das eher angenommen, als wenn das eine Einrichtung der Wirtschaftsförderung macht.

800.000 Türken und türkischstämmige Deutsche leben in Nordrhein-Westfalen, die Hälfte davon im Ruhrgebiet. Anders als vor 20 Jahren sind sie nicht mehr nur in Bergwerken und Stahlunternehmen tätig. Viele haben sich inzwischen selbständig gemacht und sind in den unterschiedlichsten Branchen tätig: an die 60.000 Unternehmen wurden auf diese Weise in den letzten Jahren in Deutschland geschaffen.
Als Vermittler hilft dabei das Zentrum für Türkeistudien. Vor 20 Jahren wurde es gegründet und gehört - inzwischen als Stiftung - zur Universität Essen.
Neben den Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Türkei und Europa und der Erforschung des "Euro-Islam", also eines gemäßigten Islam beschäftigt sich das Essener Zentrum mit Studien über Migranten und in diesem Zusammenhang mit der Förderung türkischer Selbständiger. Prof. Faruk Sen ist der Direktor des Zentrums:

Sen: Was bei den Türken auch sehr interessant ist, die sind Lokalpatrioten geworden, sie wollen dort wohnen, wo sie geboren sind. Das heißt sie gehen nicht zu den Arbeitsstellen, wo noch Arbeit vorhanden ist, sie warten, dass in der eigenen Stadt doch etwas geben würde. Das war bei der ersten und zweiten Generation - war Flexibilität sehr groß geschrieben, aber bei der dritten Generation können wir von einer Flexibilität nicht sprechen: die sind jetzt Ruhrpottjungs oder Berliner Jungs und die wollen dort bleiben, eine andere Stadt kommt leider für sie nicht in Frage, und das bedaure ich sehr.

Einerseits ist die Arbeitslosenrate unter den Türken sehr hoch: sie liegt im Ruhrgebiet bei etwa 24 Prozent. Andererseits haben sich viele hier endgültig niedergelassen, Wohnungen gekauft und Unternehmen gegründet: sie sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Gülay Kizilocak arbeitet seit 14 Jahren im Zentrum für Türkeistudien. Sie betreut ein Projekt, mit dem die Zahl der Auszubildenden in türkischen Unternehmen erhöht werden soll.

Kizilocak: Bei unserer Untersuchung haben wir festgestellt, dass nur zehn Prozent, zwischen zehn bis zwölf Prozent der türkischen Betriebe bereits ausbilden, der Rest, wenn man nach Branchen gehen würde, theoretisch in der Lage wäre, sogar über 80 Prozent der Betriebe nach Branche ausbilden könnten.

In den letzten zwei Jahren konnten durch die Vermittlung von Gülay Kizilocak zwar 300 zusätzliche Lehrstellen geschaffen werden. Aber nach wie vor zögern viele junge Leute, sich an türkische Betriebe zu wenden. Offenbar lassen sie sich von dem Klischee leiten, es handele sich nur um Kebabbuden und Änderungsschneidereien:

Kizilocak: Gerade der türkische Betrieb ist bei der Zielgruppe, bei den Jugendlichen, seien es jetzt türkische, aber auch deutsche Jugendliche, nicht so willkommen. Denn sie haben klischeehafte Bilder, was türkische Selbständigkeit angeht. Wir versuchen, diese Zielgruppe über die Entwicklung der türkischen Selbständigkeit in Deutschland zu informieren. Denn wir sagen: es ist nicht der Gemüseladen an der Ecke oder Kiosk oder Dönerladen, sondern es gibt wirklich inzwischen sehr innovative Unternehmen, die von jungen Menschen, die der zweiten oder dritten Generation angehören - und da haben sie auch wirklich Zukunft, sei es die türkischstämmigen durch ihre Zweisprachigkeit - diese Jugendliche haben dann auch eine Perspektive, aber auf der anderen Seite wollen auch selbst viele türkischstämmige Unternehmer deutschstämmige Jugendliche einstellen, und da versuchen wir, bei dieser Zielgruppe über diese positive Entwicklung sie zu informieren, sie ein bisschen aufklären, sensibilisieren in der Hinsicht.

Inzwischen sind türkische Selbständige in über 100 Branchen anzutreffen, das heißt, sie sind praktisch in allen Wirtschaftssektoren aktiv.
Köksal Öztürk, Geschäftsführer der Otoman Marketing GmbH in Oberhausen, lebt seit 24 Jahren in Oberhausen. Der junge Geschäftsmann mit den gepflegten Umgangsformen kommt gerade aus der alten Arbeitersiedlung Tackenberg zurück, wo er 52 Häuser verkauft hat.

Öztürk: Wir hatten Erfolg, weil wir uns sehr engagiert haben in Alt-Immobilien-Branche. Das sind Siedlungshäuser, also mehr Siedlungsprivatisierung. Das war natürlich ein großer Markt für Unternehmen, vielleicht Nischenunternehmen wie unsere, die dann die Sprache, die Mentalität und das Vertrauen bei den Leuten, besonders bei den türkisch stämmigen Menschen in Deutschland genießen, dass wir dann den Erfolg deshalb hatten.

Seit sechs Jahren kauft Öztürk ganze Siedlungen auf, die große Firmen wie Thyssen und Krupp abstoßen wollen, und verkauft die Häuser.

Öztürk: Jede Firma versucht natürlich, in alte Häuser so wenig hereinzuinvestieren wie möglich. Und das haben große Firmen in den letzten zehn bis 20 Jahren wirklich vernachlässigt, in diesen Siedlungen wohnen zum größten Teil meine Landsleute, brauchen wir uns nichts vorzumachen, das heißt dadurch dass wir diese Häuser privatisieren, d.h. jedes Haus als eine Einheit gedacht, kauft eine Familie X, diese Familie investiert in Thermopen-Fenster, Wärmedämmung, neues Dach rein, Heizungsanlage rein, das tut unserer zur Zeit lahm liegenden Wirtschaft gut, aber das verschönert doch auch die Umgebung, das ist doch auch für die Nachbarn schön.

Die erste und zweite Generation ehemaliger Gastarbeiter hätten sich vor Jahren ein oder zwei Häuser in der Türkei zugelegt, berichtet Köksal Öztürk. Doch nun stellt sich heraus, dass sie in Deutschland bleiben wollen - warum also nicht das türkische Haus verkaufen und sich dafür eine Wohnung im Ruhrgebiet kaufen?

Öztürk: Diese Stadtteile, die wirklich vernachlässigt sind, weil die Städte haben ja auch kein Geld - dazu bringen wir unseren wirklichen Beitrag aufzupeppen, diese Stadtteile.

Neben der Immobilienagentur und der Hausverwaltung hat der umtriebige Öztürk auch ein Online-Reisebüro. So können etwa deutsche Rentner günstig an die türkische Ägäis fahren und sich dort ein Haus kaufen, was er natürlich gerne vermittelt.

Öztürk: Ich habe meine Firma Otoman Marketing mit eigenen Mitteln, also auch mit Familienunterstützung, gegründet und aufgebaut. Im Wege des Aufbaus war es dann wichtig, neue Auszubildende, Ausbildungsplätze - Orientierung, Beratung nötig. Ich muss ganz ehrlich sagen, die IHK - wir sind ja an Essen angeschlossen - wir haben da keinen Bezug dazu gehabt. Da war es die Möglichkeit angenehm, über Prof. Sen oder sein Büro, seine Mitarbeiter, ganz angenehm, an Auszubildende - sei es türkischer Herkunft oder deutscher, ist egal - dranzukommen, und die haben uns dann Leute vermittelt, die wir dann in der Ausbildung einstellen konnten.

Wo es an Verbindungen zu deutschen Institutionen mangelt, wirkt Prof. Sen und sein Essener Zentrum für Türkeistudien, kurz: ZfT, als Türöffner; so auch im Fall der beiden Auszubildenden der Otoman Marketing GmbH.

Spinner: Beim ZfT finden sie eben einen Ansprechpartner, der sie informiert: was heißt Ausbildung in Deutschland? Weil das duale System ja in der Türkei so überhaupt nicht bekannt ist, eben dieser Zweiklang von betrieblicher Ausbildung und Ausbildung in der Schule mit dem theoretischen Teil, also zu informieren, was heißt Ausbildung, welcher Betrieb kann überhaupt ausbilden, welche Voraussetzung muss er erfüllen, aber auch welche Vorteile bringt das überhaupt, jemanden auszubilden?

Dirk Spinner ist Ausbildungsberater der IHK Duisburg. Gemeinsam mit den Mitarbeitern des Essener Zentrums sucht er regelmäßig türkische Betriebe auf, um über die Voraussetzungen der Berufsausbildung zu informieren. Denn oft schrecken türkische Betriebsinhaber vor einem Gang zur IHK zurück. Immerhin 80 Prozent der türkischstämmigen Migranten, so hat das Zentrum für Türkeistudien herausgefunden, fühlen sich im Alltag ungleich behandelt, am meisten von den Behörden.

Spinner: Wir wollen ja helfen, wir wollen auf die Leute zugehen und sagen: 'wo sind eure Probleme, wie können wir das gemeinsam hinkriegen', aber eben auch grade bei den ausländischen Mitbürgern da oftmals eine gewisse Hemmschwelle da ist im Kopf, nicht in der Realität, im Kopf, und die diese Schwelle überspringen müssen. Und da ist das ZfT sehr hilfreich, weil die so ein bisschen anschubsen, und wenn wir die einmal an der Hand haben, lassen wir so schnell nicht los und dann kriegen wir das auch gemeinsam hin.
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