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3.2.2005
Wenn Romeo "nicht so gut drauf ist"
Klassiker als Groschenhefte aus Schleswig-Holstein
Von Alexa Hennings

Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar (Bild: AP)
Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar (Bild: AP)
Klassik im handlichen Format, das gibt's schon lange bei Reclam. Aber Klassik in "leicht verständlicher Sprache", Schauspiele in Prosaform, gnadenlos gekürzt und verstümmelt? Für 2,90 Euro das Stück gehen sie weg wie warme Semmeln, die Groschenheft-Klassiker aus dem Verlag "Moderne Zeiten". Zwei ehemalige "Bild"-Zeitungsredakteure gehen mit eiserner Hand über die Dichtkunst, schon ordern Lehrer ganze Klassensätze und das deutsche Feuilleton sieht das Ende aller Weltliteratur eingeläutet.

Es war ein mal ein sehr, sehr schönes Dorf an einem sehr, sehr schönen See. Der hieß Schaalsee und lag im sehr, sehr schönen Land Schleswig-Holstein. Nur ein paar Schritte weiter gab es auch einen Küchensee. Dort nun stand ein sehr, sehr schönes Schloss. Darin wohnte ein Prinz - zur Miete nur - mit sehr vielen alten Zigarren und schönen alten Büchern. Sogar ein paar Erstausgaben waren darunter. Der Prinz las und schrieb viel, und so ging es eine ganze Weile gut. Bis plötzlich das deutsche Feuilleton meinte, dort, von dem sehr schönen Schloss an dem sehr schönen See gehe etwas ganz Ungeheuerliches
(aus: DER UNTERGANG DER WELTLITERAUR.)

Dersch: Also, man muss sich ja fast geehrt fühlen, dass man solche Bedeutung zugesprochen bekommt - lacht. Da vom Untergang der Weltliteratur zu reden! Ich habe mich innerlich herzlich bedankt für diesen Spruch. Noch so'n paar, und da hätten wir noch mehr verkauft, sagen ich Ihnen ganz ehrlich. Da werden viele sagen: jetzt erst recht!

Was um Himmel willen war geschehen?

Der Herr aus dem sehr schönen Schloss in Seedorf bei Ratzeburg heißt Jochen Dersch. Er
ist Anfang 50, trägt einen gepflegten Kinnbart, ist Absolvent eines humanistischen, altsprachlichen Gymnasiums und eines Germanistikstudiums, arbeitet als Journalist, hat eine Frau und zwei Kinder. Und bei den Kindern, da fängt seine Geschichte an - diese mit dem Untergang der Weltliteratur.

Dersch: Da war meine Tochter 16, besuchte das Christeaneum in Hamburg, ein altsprachliches Gymnasium. Und sie sagte eines Abends beim Abendbrot zu mir: Wie du so was studieren konntest, das werd ich mein Lebtag nicht verstehen! Ich lese ja gern und viel - was auch stimmte und bis heute stimmt - aber dieses - äh, äh - allein schon die Form! Götz Doppelpunkt. Zigeunerfrau Doppelpunkt, Amalie Doppelpunkt! Nee, nee, das kann ich gar nicht lesen. Da bin ich nach zehn Minuten so ermüdet, dann lege ich das Ding beiseite und hoffe, dass ich in der nächsten Stunde nicht drankomme. Du hast mir doch als Kind schon immer so Gute-Nacht-Geschichten geschrieben, schreib mir doch mal die Räuber neu!

Das war er, der Anfang vom Untergang. Ganz unprosaisch bei Käsebrot und Kräutertee geboren, blieb die Idee noch ein paar Jahre Idee, purer Geist, gänzlich immateriell und nicht zu beanstanden. Damals musste der Tochter die erzählte Neufassung der "Räuber” genügen, der gebildete Vater schilderte ihr mit eigenen Worten, worum es in der Geschichte ging. Neun Jahre gingen ins Schleswig-Holsteinsche Land, die Tochter studierte längst - richtig getippt, nicht Germanistik, sondern Medizin, da besann sich Herr Dersch der Jungmädchen-Idee und legte los. Er griff zu den Räubern. Schrieb als Überschrift: Die Räuber. Frei nach Friedrich Schiller - Anspruchsvolle Literatur in leicht verständlicher Sprache. Und begann.

Die Geschichte spielt im Jahr 1750.

Dann machte Herr Dersch erstmal drei Sternchen.

Die wärmende Sonne dieses Mai-Vormittags dringt nicht durch die hohen, schmalen Fenster des Saals von Schloss Moor. So bleiben die massiven Möbel, die schweren, gold gerahmten Bilder und auch die Person in diesem uralten Gemäuer im Zwielicht. Vor dem Kopf der mit 24 Stühlen umgebenen Tafel sitzt zusammengesunken Maximilian Graf von Moor. Der Mann ist um die 70, hat schlohweißes Haar und thront auf dem größten und schwersten, mit überladener Schnitzerei verzierten, gepolsterten Stuhl.

Herr Dersch liebt die Ausschmückung. Beflissen reiht er Attribut an Attribut. Das muss etwas mit seiner früheren Tätigkeit zu tun haben, wo er nie so viel schreiben durfte, wie eigentlich not tat, und er sich immer so kurz wie möglich fassen musste. Schiller ist gegen Dersch absolut spartanisch. Nichts als diese dürren Worte wirft er am Anfang der "Räuber” der Leserschaft hin, die nun selbst sehen muss, woher sie die Phantasie nimmt, sich schlohweiße Haare und Polsterstühle und Schnitzereien vorzustellen.
Erste Szene. Franken. Saal im Moorschen Schloss. Franz. Der alte Moor.
Franz, Doppelpunkt: Aber ist Euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blass.


Na ja, und dann geht das mit den Doppelpunkten so weiter. Mit mir nicht, sagte sich Herr Dersch und erinnerte sich der Schiller-unwilligen Tochter. Weg mit Doppelpunkten, weg mit den geht ab - Regieanweisungen und gedrängten Dialogen in einem Deutsch, in dem es von "balsamischer Wonne", "persischen Satrapen", "garstigen Brüdern" und "schröcklichen Pausen" nur so wimmelte. Verständliches, heutiges Deutsch, das war es, was her musste. Doch, was ist das eigentlich, heutiges Deutsch?

Dersch: Das ist das Deutsch, das die Mehrheit in Deutschland spricht. Das sind 2500 Wörter im Wortschatz. Es sind relative Vereinfachungen, was die Zeiten betrifft, wir reden fast immer nur in zwei Zeiten und nicht in dreien oder vieren.

Selbstverständlich beherrscht Herr Dersch die vier Zeitformen. Sonst könnte er sie uns ja
nicht so einleuchtend erklären.

Dersch: Wenn wir die Zukunft meinen, sagen wir: Ich gehe nach Hause. Und nicht: Ich werde nach Hause gehen - so wie das Schiller und Goethe noch exzessiv gemacht haben. Das gleiche ist, wenn wir irgendwas erzählen. Dann sagen wir: Ich habe dir doch gleich gesagt! Während der klassische Autor vor 200, 250 Jahren eben geschrieben hat: Ich sagte dir doch! Ist zwar sogar mal kürzer als das heutige Deutsch, aber klingt eben doch ein bisschen gestelzt, weshalb es auch in unseren Augen leseunfreundlicher ist.

Das Ende aller Weltliteratur wird eingeläutet!

Schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Schamloses Sudeldeutsch der Klassikverächter!

Nietzsche - in der Süddeutschen.

Kulturfrevel!

Der Germanistenverband.

Kladdrige Bücher.

Die ZEIT.

In Comic-Sprache.

Schluss. Hier muss eingeschritten werden. Dass Herr Dersch kein Klassik-Verächter ist, sondern ein Klassik-Freund, der sogar Originalausgaben besitzt, wurde schon angedeutet. Es kommt hinzu, dass er jeden Sonntagmorgen vor dem Frühstück seiner Familie eine klassische Ballade vorträgt - wer macht das schon?! Ein Klassik-Verächter ist er also keinesfalls, nehmen wir also den Vorwurf der Comic-Sprache. Sicher, falls jemandem heute entfallen sein sollte, was das Wort "verdutzt” bedeutet, lässt Herr Dersch die Mitwirkenden der Räuber schon mal stammeln, damit auch jeder den Grad an Ratlosigkeit erkenne, dem die Beteiligten nun verfallen sind.

Oh Gott! Nein!

Wie bitte?

Ach, äh...nein.


Romeo ist eben bei Dersch manchmal "nicht so gut drauf" und Julia guckt "verdattert". Aber hat man - Erwachsene, Eltern, Germanistenverband, Journalisten von kulturvollen Blättern und Sendern - überhaupt eine blasse Ahnung davon, was junge Leute heute noch verstehen? Beziehungsweise nicht verstehen? Da schreibt zum Beispiel Herr Dersch, frei nach Shakespeare - vogelfrei, wie die Süddeutsche sagen würde - dem Herrn Capulet, Julias Vater, folgenden Satz in den Mund:

Pack dein Bündel und zwitscher ab. So haben wir nicht gewettet!

Ein Realschüler, 10. Klasse, sogar schon mit Bart, rätselt. Bündel? Abzwitschern?

Pack dein Bündel und zwitscher ab - hm, keine Ahnung!- lacht

"Hau ab”, wäre seiner Meinung nach eher "heutiges Deutsch” gewesen. Abzwitschern und Bündel ist scheinbar immer noch zu fremd und zu schwierig. Der ganze Streit zwischen Vater und Tochter liest sich bei Dersch übrigens so.

"Pack dein Bündel und zwitscher ab! So haben wir nicht gewettet!" In seiner Rage vergisst er ganz den Gentleman, den er sonst heraus zu kehren versucht. Seine Sprache wird immer derber, sein Gesicht immer entstellter. "Du Schlampe, du!", schimpft er, "Ist das der Dank Aber nicht mit mir!"

Und so stand es einst bei Shakespeare.

Capulet: Geh' mir zum Henker, widerspenst'ge Dirn!
Die Finger jucken mir!
Oh Weib, Wir glaubten
uns kaum genug gesegnet, weil uns Gott
dies e i n e Kind nur sandte. Doch nun seh' ich,
dies e i n e war um e i n e s schon zuviel! - liest falsch -
Und nur ein Fluch ward uns in ihr beschert.
Du Hexe!


Shakespeare, gelesen von einer Neuntklässlerin. Die nicht allzu viel davon kapiert. "Dies Kind war um eines schon zu viel” - was ist bloß mit "war um” gemeint? Das kann nur "warum” heißen, und so liest es das Mädchen auch. Komische Wörter, findet sie.

Ja, hier zum Beispiel: Diese "Dirn”, das würde ich nicht so sagen.
Komisch zu lesen. Weil, man spricht so nicht normalerweise. In Reimen und so. Die Sachen, die Wörter, die hier drin stehen, sind auch nicht ganz normal.


Nicht ganz normal und einfach unlesbar.

Lorenzo. So wilde Freude nimmt ein - hach! Nein! - beginnt neu:
Lorenzo. So wilde Freude nimm ein wildes Ende,
Und stirbt im höchsten Sieg, wie Feuer und Pulver
im Kusse sich verzehrt. Die Süßigkeit des Honigs
widert ... und im Geschmack ersteckt - Mann! Okay.
Lorenzo.


Wer es so schwer hat, dem muss es einfach leichter gemacht werden. Die Lehrer unserer beiden Vorleser lösten das Problem auf die Weise, dass sie den Schülern weder Romeo und Julia von Shakespeare noch von Dersch vorsetzten, sondern gar nicht. Das heißt: Nicht als Buch, sondern als Film. Das war's dann mit Shakespeare. Wenn die beiden die Schule abgeschlossen haben, dann haben sie einen einzigen Klassiker gelesen.

Faust, ja. Mehr ist eigentlich nicht.

Wenn sie was beim Faust nicht verstehen, müssen sie es sich erarbeiten, nachschlagen, fragen. So kämpft man sich durch und kommt zu höchstem Schülerlob für den alten Goethe:

Ja, ist ganz cool - lacht. Die Geschichte ist interessant. Man kann es verstehen.

Geht doch! Aber nur mit viel Mühe eben. Wer sich die nicht machen will oder kann, für den gibt es jetzt - als 12. Werk der Reihe "klassik modern" - ganz druckfrisch, den Faust in "leicht verständlicher Sprache". Fort sind die fünffüßigen Jamben - so leid es Herrn Dersch auch tut.

Dersch: Es ist eine ganz eigene Kraft, die einen wirklich packt, sag ich mal. Aber das packt vielleicht Sie und mich und noch weitere 10.000 Leute in Deutschland. Und die anderen 82,98 Millionen eher nicht. Deshalb tut es einem leid und tut auch manchmal weh, aber ich finde es trotzdem legitim und angebracht.

Jawohl. Das Klassikerwort ist frei. Vogelfrei.

Dersch: Das zweite ist, dass heute auch kein Mensch mehr Homer im Original liest, was ja auch gereimt ist. Aber, wie gesagt: Die Stoffe sind klasse, die dürfen nicht verloren gehen. Und außerdem macht es ganz einfach Spaß, Goethe zu nehmen, den ich ja nicht so besonders gut leiden kann, und zu sagen: So, heute hättest du das mit Sicherheit so geschrieben, lieber Jonny!

Wie denn?

Dersch: Das Original jetzt von Goethe: Straße, Faust, Margarete, vorübergehend. Faust: Schönes Fräulein, darf ich wagen, Arm und Geleit ihr anzutragen? Margarete: Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleit nach Hause gehn. Sie macht sich los und ab. Das heißt also bei uns: Hallo, schönes Fräulein, säuselt Faust, als er sie sieht. Na, haben Sie schon etwas vor? Ich bin weder Fräulein noch schön, sagt die Frau, ich heiße Margarete und habe keine Lust auf eine Bekanntschaft! Damit lässt sie den Gelehrten stehen.

Kulturfrevel!

Das war der Germanistenverband.

Unterforderungsdidaktik!

Richtig, das stand auch noch in den Mitteilungen jenes Verbandes, dem Almut Hoppe bis vor kurzem vorstand. Sie ist Deutschlehrerin an einem Gymnasium in Kiel. Solche harschen Töne wie "Kulturfrevel" wird man von Frau Hoppe jedoch nicht hören (wer weiß, wer das in die Verbandsmitteilungen schrieb?), denn Frau Hoppe sieht das doch etwas anders.

Hoppe: Ich würd' nicht sagen milder, aber man muss das wohl differenziert sehen. Und die Frage ist natürlich, die sich stellt, warum diese leichtere, leichter lesbare und vereinfachende Ausgabe überhaupt gemacht wird? Und da müsste man mal ein bisschen tiefer gucken, man müsste mal sehen, dass das Lesen insgesamt zurückgeht. Gerade in der letzten Studie der Stiftung Lesen sind diese beiden Zahlen: Dass die täglichen Leser von 16Prozent auf 6 Prozent zurückgegangen sind, und dafür aber die Zahl der Nie-Leser von 20 auf 28Prozent gestiegen sind. Lesen nimmt also insgesamt ab.

Schülerin: Julia: Was ist das hier? Ein Becher, festgeklemmt
in meines - tauten Hand? --- Trauten Hand? In meines Trauten Hand!


Hoppe: Und wenn man sich dann auch noch die Klassen ansieht, je nach Schulart die Zusammensetzung in den Klassen, dann nimmt der Anteil der Nicht-Muttersprachler zu. Und dadurch entstehen tatsächlich Schwierigkeiten, solche klassischen Texte mit einem Wortbestand, der heute nicht mehr gebräuchlich ist, zu wählen oder herzustellen.

Gift, ich sehe, war ein --- ahh!! - Gift, ich sehe, war sein Ende vor der Zeit.

Ich habe eine Kollegin, die arbeitet in einer Hauptschule, die hat bis 40Prozent Migrantenkinder in der Klasse. Und die kann mit den klassischen Werken gar nicht arbeiten, die muss vereinfachen. Sie macht das so, dass sie selber Texte schreibt, umschreibt. Und nicht nur klassische Dramen, sondern auch Märchen, Geschichten und Sagen in einen einfacheren Wortstand bringt, in einen einfacheren Satzbau. Und diese Kollegin würde es zum Beispiel begrüßen, wenn noch mehr Texte in dieser leichteren und verständlicheren Form vorlägen.

Schüler: Romeo, mein Geliebter. Mein Mann. Wirklich, da liegt er. Er ist tot, ganz tot! Was ist geschehen? Sie schüttelt sich, als müsse sie einen bösen Traum loswerden. Sie sieht die kleine Flasche, in der der Gifttrank war.

Jochen Derschs Einfach-Version aus seinem Verlag "Moderne Zeiten" ist nicht die einzige. Schon steht auch der Cornelsen-Schulbuchverlag auf dem Plan und gibt Klassiker-Light heraus, am Rand mit Info-Kästen wie in einem Nachrichtenmagazin. Nur noch Inhalt, keine Form mehr, kritisiert die Germanistin die Produkte der beiden Verlage, und kann sich die Werke allenfalls an Hauptschulen vorstellen. Allen anderen Schülern solle man schon etwas von der klassischen Form zumuten und statt zu resignieren lieber dafür sorgen, dass sie Spaß dabei haben.

Hoppe: Ich glaube, man sollte darauf wirklich nicht verzichten. Man kann ja auch ganz kleine Formulierungen auswendig lernen lassen, weil die Formulierungen so gut sind. Oder man kann sogar so einen Sprachstand spielerisch benutzen mit seiner Klasse. Ich habe z.B. mit einer 10. Klasse mich auch durch den Anfang von Kabale und Liebe durchgekämpft. Und da kommt auf einer Seite: Himmlische Alfanzereien und spanische Mucken. Und da haben wir herzlich drüber gelacht. Und haben festgestellt, was das ist und wie herrlich das ausgedrückt ist. Und die Aneignung solcher Formulierungen, auch verdichteter Formulierungen, die entfällt eben, wenn man diese vereinfachten Fassungen wählt.

Dersch: Wir tun ja nichts Böses. Wir versuchen ja im Gegenteil diese schon phänomenalen Stoffe zu erhalten und im Gedächtnis zu halten, sie auch vielleicht wieder in die Schulen zu bringen. Und dass ein Schiller auch in unserer Version auch ganz gut gekauft wird, wir haben den 13.000 Mal verkauft.

Das ist immerhin die Hälfte dessen, was Reclam vom Räuber-Original verkauft -

Dersch: Das spricht doch für sich, dass da offenbar ein Bedarf ist. Es wird wieder gelesen und wenn es einige Lehrer gibt, die das auch mal parallel in der Schule lesen, dann ist das doch was ungeheuer Positives! Da kann man unser Stück ruhig metzeln, da habe ich gar nichts dagegen.

Dersch: Die Lehrpläne eines Bundeslandes sehen ja eine gewisse Auswahl an klassischen Autoren vor. Es liegt am Deutschlehrer, was er davon nimmt und was nicht. Ich kenne wirklich Altersgenossen meiner Tochter, die haben nie in ihrem Leben in der Schule auf dem Gymnasium, auf einem deutschen Gymnasium, einen Schiller gelesen! Das finde ich ungeheuerlich!

Auch Frau Hoppe fände das - wenn sie es denn genau wüsste. Denn im Gegensatz zu Baden-Württemberg oder Sachsen, die feste Leselisten aufstellen, an denen kein Deutschlehrer vorbeikommt, hat in Schleswig-Holstein - wie in den meisten anderen Bundesländern - jeder Lehrer tatsächlich die freie Wahl. Und ob er dann den Shakespeare mit einem Film abhakt oder zu einer Light-Version greift, weiß die Behörde in Gestalt des "Instituts für Qualitätssicherung im Unterricht" dann immer noch nicht. Natürlich ermuntert Almut Hoppe die Lehrer, wenn sie zu ihr in die Aus- oder Weiterbildung kommen, mit den Klassikern zu arbeiten. Doch sie weiß auch, an welche Grenzen sie stößt - PISA, Lesekompetenz, Kaum-Leser und Nie-Leser - auch unter den Eltern...

Hoppe: Und wenn dann Deutsch nur so viel Unterricht hat wie Erdkunde in der Oberstufe, dann ist das meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt. Überhaupt sind die Unterrichtsstunden in Deutsch sehr zurückgegangen, ich weiß, dass in der früheren DDR sehr viel mehr Deutschunterricht erteilt wurde als hier im Westen. Und man merkt das auch manchmal noch an einem ausgefeilteren Sprachstand.

Skrupelloser Skribler.

Klassik-Wiederaufbereitungsanlage.

Ehemaliger Bild-Zeitungsschreiber.

Dersch: Ich war auch mal FAZ-Redakteur, ich war auch mal Redaktionsleiter Norddeutschland für die WELT - aber das sagt ja keiner, ist ja klar, aber das stört mich auch nicht. Ich war zehn Jahre bei Springer, davon 4 Jahre bei Bild und 6 bei der WELT. Das Verhältnis ist so, wie ich es jetzt gerade nenne. Aber das macht mir gar nichts. Mein erstes schriftliches Werk für die Bild-Zeitung war ein Kommentar, der durfte 12,5 Zeilen lang sein. Und dieses Konzentrieren aufs Wesentliche, dieses Runterbrechen, das manchmal auch wehtut, schult aber ungemein den Blick wirklich aufs Wesentliche.

Schiller nach Dersch: Unglaublich! Das hat dein eigner Sohn getan? Und dann? Erzählt weiter, rasch!

Dersch: Was macht denn ein Theaterregisseur heute, ein Dramatiker? Gucken Sie mal, Antigone, Sophokles, ist glaube ich das meist adaptierte Schauspiel aller Zeiten. Es gibt bei Luchterhand einen sensationellen Band, da ist das Original drin und acht Adaptionen bis hin zu Jean Anouilh. Und dass da sprachlich von Sophokles gar nichts übrig geblieben ist, ist ja auch klar. Da wird das gefeiert, und bei uns sagt man: Ach, ihr macht das für die Dummen!

Nicht möglich, Ihr müsst Euch irren!

Dersch: Und dann sag ich: Für Dumme ist das aber gar nicht gedacht, eher für Faule - sag ich mal!

Und es wird die Zeit kommen, wo so viel Faule die Gegend um den Küchensee und all die anderen wunderschönen Seen im wunderschönen Schleswig-Holstein und im ganzen deutschen Land bevölkern, dass der Prinz in dem wunderschönen Schloss bald nicht mehr zur Miete wohnen muss. Die Faulheit wird ihn reich und reicher machen. Und jeden Abend, wenn sich der Prinz eine seiner sehr, sehr wertvollen Zigarren ansteckt und in einem seiner sehr, sehr wertvollen Original-Goldschnitt -Schiller-Bände liest, dann wird er sich dankbar jenes Abends bei Kräutertee und Käsebrot erinnern, an dem die Idee geboren wurde, aus Schiller ein Groschenheft zu machen.
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