LänderReport
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Montag bis Freitag • 13:05
8.2.2005
Die Parallelgesellschaft
Subkultur im Bremer Stadtteil Tenever
Von Folkert Lenz

Ortsteil Tenever in Bremen (Bild: AP Archiv)
Ortsteil Tenever in Bremen (Bild: AP Archiv)
Trabantenstadt, Sozialhilfe, Arbeitslosigkeit, 80 Nationen auf engstem Raum. Ein Moloch vielleicht, in dem tägliche Konflikte einen guten Nährboden haben. Und doch schweißt die Menschen im Stadtteil ein besonderes Lebensgefühl zusammen. Mieterinitiativen, Mütterzentren, Bewohnerkantinen und Hilfseinrichtungen jeglicher Art sind hier entstanden, Nachbarschaftshilfe ist keine leere Floskel.

13 Stockwerke. Beim Streifengang hat Frank Gerken nur selten Zeit für eine Stippvisite auf dem Hochhausgipfel. Doch mit Besuchern steigt der Kontaktpolizist gerne mal der Ludwigshafener Straße 2 aufs Dach. Ein paar Schritte noch, eine hüfthohe Balustrade, dann fällt der Blick jäh in die Tiefe, in die Schlucht zwischen den Häusern. Ein frischer Wind geht, der Lärm der nahen Autobahn dringt herauf. Auf die Aussicht können sie stolz sein: Die Bewohner des Stadtrandbezirks Tenever.

Gerken: Das ist Tenever von oben... Die Neuwieder Straße 23, das höchste Haus Tenevers. Der Krausebau, hier vorne die Kaiserslauterner Straße, Wormser Straße. Und links die Riegelbauten sollen ja abgerissen werden, das kann man gut sehen. Und auch, dass Leerstand da ist. Das sieht man ebenfalls. An den Fenstern. Das Weserstadion kann man sehen. Teilweise auch den Dom, wenn gutes Wetter ist, sieht man die Domspitzen. Also man kann sehr weit schauen hier. Man muss auch sagen, dass das Baugebiet Tenever selber normalerweise ein Prunkstück ist.

Besser gesagt: Ein Prunkstück war. Der Blick von ganz oben schweift über die wellenförmigen Wohnsilos. Doch auch das helle Sonnenlicht kann nicht verbergen, dass die ehemals weißen Fassaden heute mehr als angegraut sind. Nach mehr als drei Jahrzehnten ist das Viertel völlig heruntergekommen. Doch in den 70ern war das Areal das Modell fürs Wohnen der Zukunft: 4600 billige Wohnungen in Hochhäusern mit bis zu 22 Etagen - alles zusammengepfercht auf einer Fläche von 44 Fußballfeldern. "Klein-Manhattan" heißt die Beton-Monsterstadt bei den meisten Bremern - außer bei denen, die dort leben.

Barloschky: Wir sind international. Hier haben Menschen aus über 70 Ländern ihre Heimat. Zwei Drittel aller Bewohner sind Migranten. Und wir haben ein gutes, internationales Zusammenleben hier entwickelt. Wir sind das kinderreichste Quartier von ganz Bremen. Hier wächst so zu sagen die Zukunft Bremens auf.

Ein bisschen klingt es nach Imagebroschüre, wenn Joachim Barloschky anfängt, von "seinem" Stadtteil zu schwärmen. Barloschky ist Leiter der Projektgruppe Tenever. Die soll dafür sorgen, dass alle, denen das Quartier am Herzen liegt, bei Politik und Verwaltung, bei den Wohnungsunternehmen und der Wirtschaft Gehör finden. Aktive Mitbestimmung also, um Konflikte möglichst früh zu lösen.
Als Idylle sieht nämlich kaum jemand den Problemstadtteil an. Er ist etwas Besonderes, meint Barloschky. Und auch das ist die Wahrheit:

Barloschky: Besonders ist, dass viele unserer Bewohnerinnen und Bewohner nicht so viele Chancen haben, wie Leute aus reicheren Stadtteilen. Viele sind arbeitslos. Die würden dringend und gern einen Job haben. Und es gegenwärtig verteufelt schwer, einen Job zu bekommen. Und wir haben leider auch eine Reihe von Jugendlichen in diesem Quartier, die keine Lehrstelle, keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Das macht es besonders schwer.

Die Zahlen sprechen für sich: Die Arbeitslosenquote in Bremen-Tenever beträgt 25 Prozent, jeder Dritte lebt hier von der Stütze. Die Armut ist so groß, dass nicht einmal Aldi, Lidl und Co Gewinne wittern. Die 6000 Teneveraner müssen ohne Lebensmittel-Discounter auskommen.
Doch jetzt soll das Getto - wie es unverhohlen genannt wird - wieder eine Chance bekommen. Die Hälfte der Mini-Wolkenkratzer wird abgerissen, ein Viertel der Wohnungen "rückgebaut", wie es im Amtsdeutsch heißt. Die Sanierung hat im vergangenen Jahr begonnen. Hunderte Wohnungen sind schon geräumt. Nun wacht auch die Polizei darüber, dass sich in den Abrissblöcken keine neuen Bewohner einnisten. Mit Frank Gerken auf Streifengang:

Gerken: Da merkt man schon, die Fahrstühle sind nicht so schön. Die sind etwas schmutzig, etwas dreckig. Wir können mal einen tiefer fahren. ... Also es ist nicht angenehm, wenn ich hier jetzt wohne und bekomme Besuch von außerhalb. Das ist keine gute Einladung für jemanden, der hier her kommt. Blut auf dem Boden, Urin in der Ecke, Papierschnipsel, Zigaretten, also alles ist da. Hier riecht man es schon: Man versucht eben sauber zu machen. Auch die Gewoba versucht, was zu tun. Hier im Eingangsbereich und im Keller. Das riecht nach Reinigungsmitteln. Aber das bringt auch nicht viel.

Tenever ist ein Moloch, der vielen Besuchern Angst macht. Frank Gerken allerdings hat keine Bedenken, hier zu Fuß auf Streife zu gehen. Das macht er seit mehr als fünf Jahren, aber richtigen Ärger hat der Kommissar noch nie gehabt. Und er schätzt die persönliche Atmosphäre des Hochhausquartiers:

Gerken: Ich kenne jeden, der hier wohnt. Na, vielleicht nicht jeden, aber wir kennen viele. Die sprechen uns persönlich an, wir sprechen die an. Wir kennen die Kinder und Jugendlichen aus den Kindergärten und den Schulen. Die ganzen Menschen hier sind nett und freundlich. Wir grüßen hier jeden. Die grüßen auch uns. Also wir sind im Grund eingebunden in den Stadtteil, und das ist auch gut so.

Obwohl die Bewohner natürlich verschiedenste Interessen haben, scheint sich so etwas wie eine solidarische Atmosphäre, wie ein akzeptierendes Nebeneinander entwickelt zu haben. Nachbarschaftshilfe über Sprach- und kulturelle Grenzen hinweg ist hier kein Fremdwort.
In einer ehemaligen Etagenwohnung der Neuwieder Straße 17 logiert das Mütterzentrum von Tenever. Jetzt am Nachmittag hat das Cafe geöffnet. Kinder toben auf dem Flur. An den Tischen wird geplauscht. Eine Frauenrunde in internationaler Besetzung.
Deutsche, russische, iranische, persische, türkische Frauen. Also wir haben hier alles vertreten. Einige bringen dann auch mal Kuchen oder so was mit. Damit wir die Kultur kennen lernen. Also, das ist schon interessant hier.

Wie auch sonst im Stadtteil: Die meisten Besucherinnen sind Migranten. Das Mütterzentrum ist so etwas wie eine multikulturelle Begegnungsstätte. Hier finden die Frauen Unterstützung, wenn sie Probleme mit Behörden haben. Hier passen andere auf die Kinder auf, wenn es nötig ist. Und hier gibt's auch einfach menschliche Hilfe für Mütter.
Dass wir da sind und sie aufnehmen. Dass sie nicht alleine draußen stehen. Dann machen wir gemeinsam Nähkurse. Sprachkurse. Alles, was so gerade interessant ist für die Frauen.

Bis auf wenige Ausnahmen arbeiten die meisten Frauen hier ehrenamtlich. Bezahlte Jobs haben sie ohnehin nicht. Dafür ist ein außergewöhnlich dichtes soziales Netz in Tenever entstanden - selbst geknüpft von den Bewohnern. In einem Hinterzimmer des Mütterzentrums sitzen jüngere und ältere Frauen vor einer Wandtafel - und quälen sich mit deutscher Grammatik.

... sich bemühen um. Was bedeutet das Verb? - Ich weiß nicht. - Wer kennt das Wort ... ist es unbekannt? Keiner weiß es: Sich bemühen...

Ida Finck, eine gebürtige Kasachin, bringt russischstämmigen Frauen wie Tatjana und Sinaida die Landessprache bei.

Tatjana: Einmal die Woche ... am Donnerstag ... von zwei Uhr bis 16 Uhr ... wir lernen Deutsch. Seit einem halben Jahr.

Ida Finck hilft seit zwölf Jahren im Mütterzentrum mit. Denn sie weiß heute noch, wie es war, als sie aus ihrer Heimat nach Deutschland kam.

Finck: Weil ich ja selbst in der Lage war: Man weiß nicht. Wie und was. Es ist alles anders. Und deshalb versuche ich auch, was ich kann, weiter zu vermitteln. Meinen Frauen zu helfen bei allgemeinen Fragen. Wenn ich nicht weiß, dann kann ich ja bei anderen Institutionen anrufen: Beim Haus der Familie, Frauengesundheitstreff, Arbeitslosenzentrum. Es ist ja hier alles gut vernetzt.

Die Kasachin findet, dass Tenever ein ganz normaler Stadtteil ist. Zehn Jahre lang hat sie selbst hier gewohnt. Und sie kennt natürlich das schlechte Image, welches das Quartier in Bremen hat. Aber:

Finck: Ich kann nicht sagen, dass ich überfallen worden bin oder angegriffen wurde. Ich weiß nicht, einige lassen sich abschrecken. Aber man muss es kennen, bevor man jetzt Vorurteile ausspricht. Es ist vielleicht nicht so..., ich meine, diese Hochhäuser sind für das Auge nicht so das Richtige, was man sich wünscht. Aber sonst ist es okay.

Erstaunlich: Das so genannte Ausländerproblem wird in der Hochhaussiedlung gar nicht als solches wahrgenommen. Vielleicht kein Wunder, denn die Deutschen sind in Tenever in der Minderzahl. Die zahlreichen Kulturen und Nationen haben sich arrangiert, meint eine andere Mitarbeiterin des Mütterzentrums. Und sie hat auch eine Erklärung für das ungewöhnlich friedliche Miteinander:

Die Kinder, die wachsen hier ja international auf. Die Kinder gehen ganz anders damit um. Denen ist es egal, woher einer kommt. Wenn sie sprachlich nicht miteinander kommunizieren können, dann versuchen sie es mit Händen und Füßen. Da ist die Hautfarbe egal. Bei den Erwachsenen ist das anders. Da ist doch eine größere Hemmschwelle. Und da gibt's doch eher Grüppchen.

Vor dem Mütterzentrum wartet Frank Gerken, der Kontaktpolizist. Er setzt seinen Rundgang durch Tenever fort. Auch er bestätigt: Albaner und Ghanaer, Russen und Tamilen, Inder und Iraner vertragen sich. Klar, dass manche der Gettokids auffällig werden. Aber Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Kulturen sind die Ausnahme, so Gerken. Das macht das besondere Klima im Stadtteil aus.

Gerken: Das ist eher angenehm. Weil die Kinder sich aus dem Kindergarten kennen. Die wachsen da so zu sagen multikultimäßig auf. Und die haben keine Probleme miteinander. Ob die jetzt Deutsch-Russen, sind, ob das jetzt Migranten sind aus anderen Bereichen: Das gibt keine Probleme. Die kennen sich aus dem Kindergartenalter, bis zur Schule, Schulalter, Erwachsenenalter und man kommt nett und brav miteinander aus. Also diese rassistischen Äußerungen wie in anderen Bereichen, anderen Stadtteilen, anderen Städten, die gibt es hier nicht.

Integration durch Realität also? Deutsche Skinheads oder Neonazis hätten in Tenever jedenfalls keine Chance. Und auch Bandenkriege zwischen jungen Männern verschiedener Nationalitäten - Markenzeichen vieler anderer Trabantenstädte - gehören in Tenever längst der Vergangenheit an. Die Afrika Boys - vor Jahren noch das Negativ-Aushängeschild des Quartiers - sind integriert. Die jungen Schwarzen, die vor ein paar Jahren den Stadtteil terrorisiert hatten, sind zu den Hood Workers geworden: Einer Interessensgemeinschaft junger Migranten, die sich nun dafür einsetzt, dass Vieles besser wird in der Siedlung. Statt wie früher nachts die Straßen unsicher zu machen, taucht die Ex-Gang jetzt sogar bei den Treffen der Stadtteilgruppe auf - einer Art Bewohnerparlament. Das hat Joachim Barloschky ins Leben gerufen. Bei dem 53-Jährigen laufen alle Fäden zusammen, wenn die Mieter der Hochhäuser aktiv werden wollen für ihr Umfeld.

Barloschky: Das Wichtigste, was wir machen: Wir machen alles zusammen. Jedes Projekt, das hier entwickelt wird, wird mit Bewohnern entwickelt und auch die Abstimmung: Wir haben hier ein Programm "Wohnen in Nachbarschaften" oder "Soziale Stadt", mit dem wir einzelne Projekte zur Verbesserung des nachbarschaftlichen Lebens oder der Spielplätze oder auch an einzelnen Häusern kleinere Sanierungsschritte organisieren und finanzieren. Und darüber entscheiden alle hier im Konsens. Und wenn da irgendeiner dagegen ist, dann wird ein Projekt nicht realisiert.

Gelebte Basisdemokratie also. So entstanden in den vergangenen Jahren multikulturelle Schrebergärten, ein Kinderbauernhof, Conciergenbüros zur Bewachung der Hauseingänge, Sportprojekte wie die internationale Liga.
Zur heilen Welt ist Tenever damit noch lange nicht geworden. Doch die Identifikation der Bewohner mit ihrem Quartier ist groß. Was allerdings schlicht daran liegen kann, dass die Mieter auf dem freien Wohnungsmarkt ohnehin keine Chance hätten. Wer es sich leisten konnte, flüchtete in den 80er Jahren aus den Wohnblöcken. Und was vor drei Jahrzehnten von den Architekten noch als letzter Schrei angesehen wurde, ist heute in einem jämmerlichen Zustand. Kommissar Gerken zeigt eine der leer stehenden Wohnungen.
Gerken: Eine von diesen Wohnungen: Groß geschnitten eigentlich. Aber man sieht schon: Da ist Schimmel an der Wand, Pilze überall. Auch hier gerade in diesem Bereich. Diese Abrisswohnungen standen Jahre lang unter Zwangsverwaltung. Man sieht am Zustand des Zimmers schon: Die Feuchtigkeit ist überall drin. Kaum zuzumuten, hier zu wohnen. Früher haben hier Personen gelebt, die im öffentlichen Dienst standen, die auch gearbeitet haben. Und die Personen sind weggezogen, weil der B-Schein kam und eine Fehlbelegungsabgabe gezahlt werden musste, die so hoch war, dass die Mieten einfach nicht zu bezahlen waren. Und darum sind viele weg gezogen, und dann ist diese Mischung, die es früher gab, die soziale Mischung eben weggefallen.

Zurück blieben nur die Ärmsten unter den Armen. Viele sind auf staatliche Hilfe angewiesen. Aber viele versuchen auch, sich selbst zu helfen, bekämpfen Alltagsfrust gemeinsam mit anderen Teneveranern. So auch im "Mosaik", der Interkulturellen Werkstatt. Am Mittag ist hier noch nicht viel los, aber abends drängen sich in den drei Räumen des ehemaligen Waschhauses 70, 80, manchmal mehr als 100 Menschen, beschreibt die Mitarbeiterin Saskia Sperling:

Sperling: Marokkaner, Türken, Polen, Russen, Albaner, Kurden... also, das ist allerhand. Wenn ich die alle aufzähle, dann bin ich morgen früh noch nicht fertig. Aber die kommen auch gut miteinander klar hier. Ich bin ja auch erst letztes Jahr im Januar hierher gezogen. Und ich habe gedacht, dass wäre alles so ein bisschen stressiger, ein bisschen kriegmäßig. Aber das ist überhaupt nicht so. Sondern eher wie man das auf Dörfern eigentlich auch kennt, ist es hier.

Saskia Sperling stammt aus einem niedersächsischen Ort, nur wenige Dutzend Kilometer entfernt. Die junge Frau mit den roten Strähnen ist eigentlich wegen ihres Jobs nach Bremen gezogen. Seit dem sie arbeitslos ist, macht sie die Buchhaltung für den Verein, der den Treffpunkt betreibt. Das Klima in Tenever findet sie familiär.

Sperling: Wenn man nicht richtig drin ist, sondern nur vorbei fährt, dann sieht man nur - wenn man so will - Elend. Das ist aber nur die Außenfassade. Wenn man da drin lebt, so wie ich jetzt, dann lernt man die Leute besser kennen. Ich habe viele Menschen kennen gelernt, hauptsächlich ausländische Mitbürger. Und ich muss sagen, die sind toleranter als die Deutschen in dem Stadtteil.

Vor Allem Männer kommen in die Interkulturelle Werkstatt, die meisten sind junge Marokkaner. Manchmal gibt's Berber-Musik für die Kinder, dann wieder Ramadanfeste oder Familienfeiern, auch eine kleine Koranschule hat hier ihren Sitz. Wer nicht zu Hause abhängen will, kommt ins "Mosaik". Das ist für viele Gäste ist so etwas wie ein zweites Wohnzimmer, sagt der Chef Hafid Catruat.

Catruat: Die sind täglich hier. Wir haben das ganze Jahr geöffnet. Wir haben nicht mal einen Tag zu. Das ist nur machbar, weil wir zu 90 Prozent ehrenamtlich arbeiten hier. Und weil die Menschen sich auch über die Interkulturelle Werkstatt definieren und sie einfach ein Stück ins Herz geschlossen haben und sich hier wohl fühlen.

Hafid Catruat hat den Ausländertreff mit aufgebaut. Der gebürtige Marokkaner kam mit sechs Jahren nach Tenever. Er kennt das Leben dort in- und auswendig. Heute studiert der 34-Jährige Sozial-Pädagogik.
Wer Hilfe braucht, wer Probleme hat, kann ins Mosaik kommen. Dort findet er sicher jemanden, der Rat weiß, oder einen, der jemanden kennt, der helfen kann.

Catruat: Hier finden Sprachkurse statt. Sprachkurse auch extra für Ausländer finden hier statt. Dann machen wir Schuldnerberatung einmal in der Woche, kostenlos. Dann machen wir kulturelle Veranstaltungen. Dann bieten wir Bewerbungstraining hier an. Dann bieten wir für Frauen auch Deutschkurse an, für die Migrantenfrauen. Und Beratung, die wir auch tagtäglich machen hier für unsere Landsleute. Das ist also ein ganz umfangreiches System, was wir hier aufgebaut haben.

Ein System, das das Überleben sichert in einer garstigen Welt, die es nicht gut meint mit den Bewohnern Tenevers. Die Gleichheit zwischen den Nationen, zwischen den Kulturen, zwischen den Hautfarben wird am Bremer Stadtrand durch Armut hergestellt, sagt Hafid Catruat.

Catruat: Wir haben hier eine Struktur, die alle Menschen fast gleich macht. Die Menschen fühlen sich einfach wohl, weil sie hier rumlaufen können, wie sie möchten. Wenn ein Marokkaner mit seinen langen Klamotten rumlaufen will: Das fällt hier nicht auf, weil das normal ist. Sie können ihre Kultur ausleben, wie sie in ihrer Heimat gelebt haben. Und das führt dazu, dass die Menschen sich gegenseitig respektieren.

So mag auch Joachim Barloschky, das Urgestein Tenevers, nichts mehr von der Integrationsdebatte hören. Wenn Politiker Gleichheit wollen, sollen sie gefälligst die Armen-Quartiere fördern, so sein Credo. Dann wäre auch die Diskussion über die Parallelgesellschaften überflüssig, meint er kämpferisch.

Barloschky: Jawoll, es gibt Parallelgesellschaften. Nämlich die zwischen arm und reich. Es gibt reiche Stadtteile und es gibt welche mit vielen, vielen Benachteiligungen. Und das ist das eigentlich Bestimmende in diesem Stadtteil. Und nicht, ob hier nun irgendwelche Muslime oder andere leben, die vielleicht nicht das Gewohnte für das bisherige Deutschland sind. Und da kann man sich sehr schnell wunderbar arrangieren, miteinander auskommen, sich gemeinsam entwickeln und über die Kinder wird das automatisch sowieso laufen.
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