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25.2.2005
Die Bremer Stadtmusikanten
Was wir noch nicht wussten
Von Knut Benzner

Die Bremer Stadtmusikanten (Bild: AP)
Die Bremer Stadtmusikanten (Bild: AP)
Bremen. Stadtstaat. Der kleinste der drei. Die Weser, der Roland, der SV Werder, Henning Scherff. Die Weser wird es, obwohl Scherff schon recht lange im Amt ist, am längsten von den erwähnten Bremer Merkmalen geben. Und dann waren da doch noch die... na, wie hießen sie denn gleich? Die "Drei Musketiere"? Nein, das war weiter süd-westlich. Aber mit Tieren ist es etwas gewesen! Ja! Genau! Noch mal vier: Hund, Katze, Esel, Hahn = die "Bremer Stadtmusikanten". Können Tiere musizieren? In Bremen schon. Wenn zwar auch nicht in den bestimmt vorhandenen geheiligten Hallen der einhundertprozentig existierenden Bremer Kulturwelt... Aber immerhin! Doch: Wo kamen sie her, wo wollten sie lang, und... welche Lieder sangen sie? Volksmusik?

Frau: Ich bin der Hahn.

Ein weiblicher Hahn. Soll's ja geben.

Der Hahn, ja. - Er ist einfach Hahn.

Der Hahn.

Genau.

Mann: Ich bin der Esel.

Frau: Ich spiele die Katze.

Mann: Ich spiele den Hund.

Und nun: In der richtigen Reihenfolge.

Frau: Ich bin der Hahn.
Frau: Ich spiele die Katze.
Mann: Ich spiele den Hund.
Mann: Ich bin der Esel.

Der Hahn also auf der Katze...

Er steht einen kleinen Schritt daneben, sagen wir's so. Dindong.

Die Katze auf dem Hund...

Ja, und hier steht sie auch auf den Hund. Wir verlieben uns.

Wobei alle Welt stets behauptet, Katze und Hund vertrügen sich nie.

Am Anfang ist das auch so, wir fauchen uns richtig an und streiten uns. Und dann verlieben wir uns aber doch, ein bisschen.

Ist die Katze gesund, freut sich der Hund.

Steht eigentlich so zwischen den anderen Tieren eigentlich.

Ach.

Hmmm, ja, ist so'n gewitzter Hund, würde ich einfach sagen.

Und der Esel wiederum steht mit seinen vier Beinen ...

Ja.

... fest auf dem Boden der Tatsachen.
Und weiter?

Na ja, er ist schon, wie sein Ruf besagt, etwas dümmlich, sehr hungrig, denkt immer nur an's Essen und bringt alle aber auch durch so nen gewissen trockenen Humor zum Lachen.

Hähähähähä.

Bremen.

Das Kikeriki, das Wauwau, das Miau, das Ia.

Hansestadt. Das ist wichtig, da als solche, sagen wir, ungebunden.

Das war sozusagen die Musik.

Schon damals.
Und irgendwann dann machten sich die vier, Hahn ...

... Katze ... Hund ... und Esel ... auf den Weg.

Was Besseres als den Tod findet man überall.

Stollmann: Diese Konkretionen, welches Instrument und so, die sind ja Erfindungen, die schon im Ursprung Reklame sind. Dieses Märchen hat der berühmte Bürgermeister Smidt,...

Johann Smidt, 1773 bis 1857. Von 1821 bis 1849 sowie ab 1852 bis zu seinem Tod Bürgermeister von Bremen.

...der Bremerhafen gekauft hat für Bremen, aufgeschrieben und den Gebrüder Grimm geschickt. Und der hat die Bremer Stadtmusikanten erfunden.

Nicht ohne Grund.

Der Hintergrund dieses Märchens ist die Stadt-Land-Problematik natürlich. Die Umwandlung einer ländlichen in eine städtische, städtisch dominierte Gesellschaft, ... die Phantasie der bäuerischen, an der Scholle klebenden Bevölkerung von der Freiheit und dem paradiesischen der Stadt.

Prof. Reiner Stollmann, 57, Kulturgeschichtler des Fachbereichs Kulturwissenschaften an der Universität in Bremen.
Der Ausgangspunkt: Die Not des Feudalismus.
Die inzwischen einige Male erwähnten Tiere, "Landesflüchtlinge" nennen sie die Gebrüder Grimm tatsächlich, gebrechlich, ausgelaugt, der Arbeit in der Mühle, bei der Jagd, auf dem Hof und im Stall nicht mehr fähig, sollen deshalb aus dem Futter genommen, totgeschlagen, ersäuft bzw. in den Bratentopf gebracht werden.

Im Grunde sind's Leute, die es da, wo sie sind, nicht mehr aushalten, sondern wandern.

Man könnte auch sagen: Flüchten.

Wenn Sie heute mit 'ner Bremer Touristikführerin durch die Stadt gehen, die erzählt Ihnen wahrscheinlich was von Migration.

Eben. Oder Emigration. Auf der Suche nach einem Zufluchtsort. Das heißt nichts anderes als dass dieses Märchen unterschiedlich gelesen werden kann.

Ein sehr aktuelles Märchen, könnte man sagen, ja.

Und waren die vier nicht alt? Also noch eine Lesart: Ausgrenzung durch Altwerden, respektive Altsein. Man könnte sogar noch weiter gehen und der Sozialdemokratischen Partei verfehlte Sozialpolitik vorwerfen.

Tja, haha, ... die Kraft der Alten, die Erfahrung, die ausgegrenzt wird.

Insofern stünde die Situation des-nicht-mehr-gebraucht-Werdens eindeutig eher für die Wirtschaft und deren Partei: Die CDU.
Und die Räuber? Esel, Katze, Hahn, Hund kommen in ein Haus, in dem Räuber wohnen. Zwiespältig, die Räuber, zwischen Stadt und Land. Möglicherweise Metapher für das Kapital?, das sich fremdes Eigentum unbefugt angeeignet hat?
Andererseits: Ausländer vielleicht? Und damit Asylmissbraucher?

Illegale im Haus, ja, das kann man alles machen, ja.

Durch ihre Kriminalität dürfen sie vertrieben werden. Verschobene Motivik, die jene nach wie vor bestehende Diskrepanz zwischen Stadt und Land beschreibt. Gleichzeitig haben die vier Tiere, die ursprünglich Ausgestoßenen, trotz ihrer Ausgestoßenheit noch so viel Kraft, das Recht wieder herzustellen - indem sie die Räuber vertreiben. Als ein zwar möglicherweise Zweck gebundenes und zufällig zusammen gefundenes, aber solidarisches Gemeinwesen - auf der Dummheit gegründet: den Esel. Dummheit wiederum ist nichts individuelles, Dummheit ist eine Funktion in der Gesellschaft, in der wir leben.

Doch was bedeuten die Stadtmusikanten vor dem Hintergrund, dass Bremen, neben Hamburg - Berlin lassen wir, da einst Berlin-Brandenburg, mal unbeachtet -, dass Bremen noch Stadtstaat ist?!
Professor Reiner Stollmann:

Na ja, solche großen Städte, und da sind eben Hamburg und Bremen im Norden, insbesondere als freie Hansestädte - und nicht als Residenzstädte und Fürstenstädte - so die zwei symbolischen Punkte dafür, repräsentieren in Deutschland die städtische Freiheit. Und das drückt sich vielfach aus. Ich würde aber eine andere Aktualisierung favorisieren, ich würde nämlich umgekehrt sagen, heute sind im Grunde die Bremer die bäuerliche Seite in diesem Machtkomplex, das heißt die Bremer selber sind die Stadtmusikanten.

Stollmann meint damit: Alt, ausgedörrt, auf der Suche nach Adresse und Affinität.

Wir sind ja die ärmste Stadt der Republik, jedenfalls im Westen, und wissen auch nicht, wie lange wir noch selbständig sind. Und darum geht ja jetzt die Bremer Politik seit 20 Jahren: Wir müssen die freie Stadt, an die wir uns angliedern müssen, an die wir uns angliedern müssen und die uns helfen kann, die müssen wir eigentlich erst noch suchen und finden. Und wenn Sie mir einen etwas absurden Gedanken erlauben, würde ich vorschlagen, die in Bayern zu suchen, denn Bayern hätte dann einen Vorposten in Norddeutschland, die CSU könnte sich hier in Bremen hervortun, die hätten einen Hafen, die SPD könnte geschlossen in die CSU eintreten, die CDU könnten sie auflösen, weil wir haben ja dann die CSU, und bringen Herrn Scherf als Innenminister nach München, wo ihm sämtliche bayerische Omas zur Umarmung zur Verfügung stehen, denn in Bremen hat er sie ja schon alle abgegrast. Und stellen Sie sich mal vor, wir hätten ein Stück Bayern mitten in Norddeutschland. Und wir wären ja doch als Bremer immer noch weit entfernt von denen, d.h. ein Bremer Professor müsste nicht Angst haben, nach München versetzt zu werden, weil da ja ein paar tausend Kilometer dazwischen liegen, aber wir hätten einen gesicherten Staatshaushalt - mitten in Niedersachsen!

Was würde Henning Scherf, seit zehn Jahren Bürgermeister Bremens, dazu sagen?

Scherf: Ich hab' einen tiefen Brummelbass. Und meistens muss man das so'n bisschen nach oben heller machen.

Und sonst noch?

Weil ich nun so'n Riese bin, übernehme ich immer gerne die Eselsrolle, weil der ist der untere, auf den bauen die anderen sich auf, und müssen sich auch darauf verlassen können, dass der nicht einknickt. Das liegt aber an meiner Länge, nicht unbedingt an meinen langen Ohren oder an meiner Dämlichkeit, sondern ich glaube, weil ich so'n Riese bin.

Zwei Meter zwei.
Wir sind wieder im Thema.

Also es ist eine Geschichte, die eine wunderbare Botschaft transportiert, nämlich die, dass auch wenn man zu nichts mehr Nütze zu sein scheint, dass man, wenn man zusammen geht und sich auf seine bescheidenen Talente konzentriert, gemeinsam wirklich starke, freche, unheimliche Leute in die Flucht schlagen kann und sich eine Lebensperspektive erarbeiten kann.

Das hieße: Die Bremer Stadtmusikanten wären dann doch nicht in der CDU - in der FDP sowieso schon gar nicht -, sondern sie wären die Vorläufer der Grünen quasi: Bürgerinitiativen.
Scherf, Sozialdemokrat, stimmt zu.

Wartet nicht auf andere, wartet nicht auf Parlamente, warte nicht auf Obrigkeit, auf Polizei, auf den Präsidenten, sondern: Tut was, macht was, nutzt das, seit findig.

Und damit auch in der SPD falsch.

Das ist kein klassisches Bild für 'ne Regierungspartei, und zurzeit sind wir Regierungspartei. Und die Regierungspartei stellt sich eigentlich anders dar als die Stadtmusikanten sich darstellen, und darum gibt es in der SPD auch andere Meinungen.

Dennoch sind die Stadtmusikanten in Bremen fest verankert, gleich fast zwölf mal, am Bekanntesten neben Scherfs Amtssitz, dem Rathaus, und unweit des eigentlichen Wahrzeichen Bremens: Der freie Ritter Roland.

Die sind Teil von uns.

Verankert als bürgerliche Ideologie des blutigen Stadt-Land-Konfliktes und verankert, obwohl sie, als vorweggenommene Kritik der Utopie des städtischen?, nie in Bremen ankamen.

Es gibt also Spekulationen, ob sie in Hemelingen angekommen sind, da gibts so'n uralten Hof, den kenne ich, den liebe ich, 1200 Jahre alt, und die behaupten, bei uns sind sie angekommen. Es gibt aber das gleich über Grolland, das war damals auch außerhalb der Stadtmauern, wo sie auch sagen, hier sind sie angekommen, sie waren in dem Märchen, in dieser Überlieferungsgeschichte, auf dem Weg nach Bremen, und sie müssen vor der Toren Bremens angekommen sein. Aber schon mit einer klaren Ausrichtung.

Das ist wahr.
Und sie werden in die Jetzt-Zeit transformiert.

Joost-Krüger: Wir wollten nicht das märchenhafte, nicht das folkloristische an den Stadtmusikanten wieder neu beleben, sondern der Anspruch, die Idee zu den Helden der Bewerbung zu machen, liegt eigentlich darin, sie zu modernisieren.

Jens Joost-Krüger, 46, Projektleiter Bildung, Wissenschaft, Stadtentwicklung und Wirtschaft und Mitarbeiter des Projektbüros "Bremen 2010". Die von ihm erwähnte Bewerbung Bremens ist die zur Kulturhauptstadt Europas. Für das Jahr 2010.
Und so wurden sie modernisiert. Für den Bildschirm im Kino, für's Internet, sie wurden verfremdet, internationalisiert und animiert, auseinander gerissen und wieder zusammengesetzt.
Die Katze ist ungeheuer dick, der Hund hat einen enorm langen Hals, der Hahn hysterisch in seiner Art, der Esel, grau, zeigt seine Zähne und zollt dem möglichen Vorbild aus der Politik dann in der Tat eine frappierende Ähnlichkeit.

Das ist ein Tier, dem man sehr gerne zuschaut, der auch sehr schön singen kann, aber man sieht auch, dass er ein klein wenig unbeholfen daher kommt.

Den Eindruck hat man aber gar nicht.
Sie singen dann übrigens alle - Die Bremer Stadtmusikanten. Jens Joost-Krüger noch einmal:

Wenn man sich in der Bremer Sozial- und Kulturgeschichte auskennt, dann wird man dort Beispiele finden, dass Bremen sehr früh tatsächlich Stadtmusikanten beschäftigt hat, und für die Musikanten der damaligen Zeit, im Mittelalter, die Anstellung in einer Stadt tatsächlich soziale Sicherheit bedeutete. Der Musikant damals war eher ein herumziehender Musikant, der oft nicht wusste, was er im nächsten Monat machen würde und ob er etwas finden kann, eine Anstellung, eine befristete Anstellung, mit der er sein Geld verdienen konnte. Deshalb war gerade für älter werdende Musikanten, die diesem, diesem Mühsal sich nicht mehr aussetzen wollten die Anstellung in einer Stadt und die damit verbundene Sicherheit so etwas wie ein fernes Ziel.

Frau: Ich bin der Hahn.

Frau: Ich spiele die Katze.

Mann: Ich spiele den Hund.

Mann: Ich bin der Esel.

Diese vier hatten das Ziel erreicht, kurz vor Weihnachten, also vor zwei Monaten, als Schauspieler allerdings, im St.Pauli-Theater in Hamburg.
Maria Fuchs, Sven Bossy, Java Guidi, Andreas Meyer, in einem adaptierten Märchen, aufbereitet für Kinder. Wie das Märchen hieß? Ich glaube, es hieß "Die Bremer Stadtmusikanten".
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