LänderReport
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4.3.2005
Unternehmerin des Jahres
Preis-Verleihung in Brandenburg am 5. März 2005
Von Claudia van Laak

Die Schokoladenseite der Lausitz - belgische Pralinen aus Hornow Ihre ersten Pralinen hat Goedele Matthysen in der Küche ihrer Wohnung im sorbischen Hornow gefertigt und im Dorf verkauft. Das ist zehn Jahre her. Mittlerweile beschäftigt die Confiserie Felicitas 30 Frauen, die in Handarbeit Osterhasen gießen, Schokoladenweihnachtsmänner verzieren und Pralinen füllen. Matthyssen hat ganz nebenbei noch eine Ausbildung als Chocolatiere in Antwerpen gemacht und drei Kinder zur Welt gebracht. Deshalb ist sie auch eine Favoritin für den diesjährigen Unternehmerinnenpreis des Landes Brandenburg, der morgen in Potsdam verliehen wird.

Kohlrouladen mit Kartoffeln kosten 2 Euro 90. Hefeklöße mit Heidelbeeren 2 Euro 95. Das Angebot des Lausitz-Imbisses signalisiert: Wir wollen es billig. Feinschmecker haben es schwer in der von Braunkohle und Arbeitslosigkeit geprägten Region. Für kulinarische Köstlichkeiten ist die Gegend südlich von Cottbus nicht bekannt. Goedele Matthysen hat sich vorgenommen: Das soll sich ändern.

Matthysen: Also hier sehen Sie die Butter, das ist echte Sahnebutter, die wird erst schön cremig gerührt, und hier steht schon die Flasche Champagner.

Aus Butter und echtem Champagner entsteht unter ständigem Rühren die Füllung für eine der vierzig verschiedenen Pralinensorten, die die Confiserie Felicitas anbietet. In der Luft hängt der süße Duft von Vollmilch- und Bitterschokolade, von Marzipan und Nüssen.

Matthysen: Jetzt haben wir hier Nougattrüffel, Mandelsplitter und Mokkatrüffel, die Mokkatrüffel sind sehr herb durch den puren Kakaopuder, da hat man das Gegenteil, diese Erdbeerpraline, da ist so eine fruchtige Erdbeercreme.

Ein schneller Griff, und schon sind zwei, drei kleine Schokoladeneier im Mund von Goedele Matthysen verschwunden. Selbst im zwölften Berufsjahr als Chocolatier kann die Belgierin das Naschen nicht lassen.

Matthysen: Wir naschen jeden Tag, jetzt habe ich den Mund voll, auweia, jeden Tag ein bisschen, da bleibt man schön gesund und fit.

Dick ist sie jedenfalls nicht geworden. Weder durch das tägliche Naschen noch durch die drei Kinder, die die quirlige 37-Jährige in den letzten Jahren zur Welt gebracht hat.

Matthysen: Schokolade macht nicht dick, wenn man das in Maßen isst, ne, ne, passiert nichts.

Arbeiterin: Die schmeckt, immer wieder. Eigentlich koste ich auch um zu testen, ob alles in Ordnung ist, also noch nicht einmal um zu naschen, sondern, ob alles in Ordnung ist.

Beatrix Schön und ihre Kollegin produzieren gemeinsam Marzipankroketten. Am Tag zuvor haben sie Marzipan mit ein wenig Orangeat gemischt und mit der Hand zu kleinen Rollen geformt. Jetzt werden die Rollen mit einer Gabel in Bitterschokolade getaucht und dann in Mandelblättchen gewälzt. Wie viele Mitarbeiterinnen in der Hornower Schokoladenfabrik war die allein erziehende Mutter Beatrix Schön zuvor ohne Job.

Ich war acht Jahre lang zuhause gewesen, arbeitslos, und das war natürlich eine Umstellung für mich, das war sehr hart, nicht leicht.

Wer acht Jahre lang arbeitslos zuhause gesessen hat, den schreiben die allermeisten Personalchefs und Unternehmer ab. Nicht so Goedele Matthysen.

Arbeiterin: Sie fragt immer wieder, ist alles in Ordnung, geht´s gut, haben Sie Probleme. Das ist auch wichtig, wenn man sehr lange arbeitslos war, dass man doch ein bisschen Geborgenheit fühlt und nicht gleich hingestellt wird, Du hast das zu machen und das zu können, sie fragt auch privat, ob alles in Ordnung ist, da bin ich zufrieden.

Matthysen: Normalerweise ist Chocolatier ein Männerberuf. Aber weil die Frauen hier auch chancenloser sind auf dem Arbeitsmarkt, haben wir uns spezialisiert auf Frauenausbildung. Ich hab´s ja auch gelernt, ich bin auch eine Frau, das klappt schon.

Bei Felicitas arbeiten 29 Festangestellte und zehn Saisonkräfte. Bis auf den Ehemann von Goedele Matthysen, den Hausmeister und einen Lehrling im Büro sind alle weiblichen Geschlechts. Und so hängt in der Produktion auch kein Kalender mit barbusigen Frauen, sondern das Foto einen knackigen nackten Mannes. Geschäftsführerin Matthysen lacht.

Matthysen: Frauenbetrieb, man sieht´s. Also das ist diesmal kein Kalender, das ist ein schönes Bild. Der kann hängen bleiben.

Eine Mitarbeiterin kommt vorbei, zieht die Geschäftsführerin in eine Ecke, redet vertraulich mit ihr. In Ordnung, sagt Matthysen, Du kannst morgen Urlaub nehmen.

Matthysen: Das ist auch ganz wichtig, dass eine Frau hier die Geschäftsführung mit übernimmt, und sie auf eine Frau zukommen können. Also wenn Schwierigkeiten in der Familie sind oder sie würden gerne einen Tag Urlaub nehmen auch in der Hochsaison, das sind wir sehr familienfreundlich, 75 da würden die Frauen immer mich fragen. Da kann mein Mann 20 Mal am Tag vorbeilaufen, dann fragen sie doch immer mich.

Jetzt kurz vor Ostern ist Hochbetrieb bei Felicitas. Eine Mitarbeiterin streicht mit einem Pinsel zunächst weiße, dann Bitterschokolade in eine Plexiglasform. Der Hase bekommt weiße Füße, schwarze Augen und eine schwarze Nase. Dann tunkt sie ihren Zeigefinger in einen Bottich mit Vollmilchschokolade und streicht damit die Osterhasenform aus. Danach bekommt der Osterhase zwei weitere Schichten Vollmilchschokolade. Ein aufwändiger Prozess.

Matthysen: Sie werden also mehrmals gegossen, so kriegt man den Knackeffekt in der Schokolade und nur so kann man diese Vielfalt an Formen herstellen, da ein Handy, da ein Glücksschwein, da ein Pferd, da ein Osterhase, eine Henne.

Frauen in weißen Kitteln und Plastikhandschuhen, mit Hauben auf dem Kopf füllen hohle Schokoladeneier mit Pralinen. Andere packen Osterhasen und Hennen in Zellophantütchen. Eine rote Schleife drum, ein Firmenaufkleber drauf, fertig.

Matthysen: Wir produzieren wirklich bis Gründonnerstag Osterhasen und Ostereier, das ist immer ganz frisch, das ist unsere Geschäftsidee, es soll nicht vorproduziert werden und auf Paletten stehen und warten, nein, es wird in kleinen Mengen per Hand hergestellt.

Die Stammkunden haben mittlerweile gemerkt, dass die frische Schokolade aus Hornow anders schmeckt als die Tafel für 59 Cent aus dem Discounter. Die Mitarbeiterinnen schwören sowieso auf die handgefertigten Produkte.

Umfrage: Das schmeckt auf alle Fälle anders, unsere Schokolade ist ganz anders vom Geschmack her und von der Frische, das merkt man dann schon.
Ja, das merkt man, die Frische, man weiß, die Pralinen sind nicht älter als eine Woche, die sind wirklich frisch hergestellt.


Goedele Matthysen und ihr Mann Peter Bienstmann sind 1992 in die Lausitz gezogen. Zuvor hatten sie fünf Jahre lang als Entwicklungshelfer in Nigeria gearbeitet - sie als Krankenschwester, er als Elektroingenieur. Nach dieser Zeit in Afrika war ihnen ihr Heimatland Belgien zu klein geworden. Sie wollten neu anfangen, ein Unternehmen aufbauen, kreativ sein. Und schon bei ihrem ersten Besuch in Ostdeutschland stellten sie fest: Hier fehlt gute Schokolade. Die Geschäftsidee war geboren.

Matthysen: Die ersten Jahre waren sehr sehr schwer, die Leute wollten viel Schokolade für wenig Geld, diese Massenproduktion kam gut an.

Das Ehepaar mietete in Cottbus ein Ladengeschäft, im 450-Seelen-Dorf Hornow bauten die beiden ihre Produktion auf. In der LPG-Küche wurde fortan nicht mehr Soljanka gekocht, sondern belgische Schokolade geschmolzen. Um die Produktion aufzubauen, verschuldeten sich Goedele Matthysen und Peter Bienstmann bis über beide Ohren. Mitte der 90er Jahre standen sie kurz vor der Pleite.

Bienstmann: Wir hatten Jahre, wo wir nicht wussten, was wir essen sollten, die alte Nachbarin hat uns Eier gebracht, da waren wir glücklich, die Angestellten haben Geld bekommen am Ende des Monats, aber wir hatten nichts, das war letztendlich ein Kampf, der unglaublich hart.

Matthysen: Gerade in dem Moment, wo die Zahlen so schlecht ausgesehen haben, ging es bergauf, dass die Leute zu uns gekommen sind und gesagt haben, das schmeckt doch ganz anders, also dieses Bewusstsein, dieses Qualitätsbewusstsein, hat dann gerade eine Wende genommen.

Heute ist die Confiserie Felicitas ein Vorzeigebetrieb, mit dem sich auch Politiker gerne schmücken. Erst vor kurzem hatte sich Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck zu einem Betriebsbesuch angemeldet und lobte die mutigen Belgier, die aus eigener Kraft 30 Arbeitsplätze in dieser strukturschwachen Region geschaffen haben. In der Tat - in einem Kreis mit einer Arbeitslosigkeit von 25 Prozent ist jeder neu geschaffene Job ein Lichtblick.

Umfrage: Auf jeden Fall, es sind sehr wenige Arbeitsplätze in unserer Region sowieso, es wird auch viel zugemacht.
Das ist sehr in Ordnung, da kommt sehr viel Betrieb her von außerhalb, das ist gut für das Dorf.
Natürlich ist es gut für die Region, hier in der Lausitz gibt es ganz schöne Probleme mit Arbeitslosen, da ist das schon ein Lichtblick, gerade für das Dorf.
Ja, auf jeden Fall, und der Zuspruch ist auch riesengroß, man sieht das immer wieder, was an Kunden kommt.


Im letzten Jahr haben Goedele Matthysen und Peter Bienstmann eine Schauwerkstatt eingerichtet und einen großer Werksverkauf. Die Produktion wurde erweitert, neue Mitarbeiter eingestellt. Die Firma beliefert mittlerweile 500 Süßwarenfachgeschäfte in ganz Deutschland. Die Schokoladenfabrik läuft so gut, dass sich erste Neider zu Wort melden.

Bienstmann: Es gibt viele, die jetzt sagen, guckt mal, Euch geht´s gut, Ihr habt alles, guckt mal, wie das läuft.

Matthysen: Dann sagen die, natürlich konntet Ihr so etwas anfangen, Ihr wusstet doch, dass das gelingt. Das ist überhaupt nicht wahr, die Sicherheit, dass das hier klappen würde, die hatten wir genauso wenig, im Gegenteil, es ist sogar ein Wunder.

Und so wünscht sich Goedele Matthysen von ihren neuen Landsleuten manchmal etwas mehr Mut und Risikobereitschaft statt Neid, etwas mehr Unternehmergeist statt Jammerei.

Matthysen: Viele Leute sind es von früher her gewöhnt, dass für sie gesorgt wird, der Staat macht dies und der Staat macht das, aber um selbst was in die Hand zu nehmen, das fehlt bei vielen, das ist raus gezogen worden, das merkt man.

30 lärmende Rentner haben die Confiserie Felicitas erobert. Sie sind mit dem Bus aus dem sächsischen Radeberg gekommen. Das Dörfchen Hornow mit seiner Schokoladenfabrik wird von immer mehr Tourismusunternehmen als Ausflugsziel entdeckt.

Matthysen: Ruhe, darf ich kurz, guten Tag, herzlich Willkommen in Hornow.

Die Rentner wollen Kaffee und Kakao trinken, Schokolade und Pralinen essen und natürlich gut unterhalten werden. Ihre Erwartungen werden nicht enttäuscht, Goedele Matthysens Charme kann kaum jemand widerstehen.

Matthysen: Sie werden das merken, wenn Sie die Schokolade nachher im Laden angucken und kosten, da ist in jedem Stückchen ein bisschen Liebe drin, das ist Schokolade mit Liebe gemacht, per Hand gemacht, keine maschinell hergestellte Schokolade, und das ist es, was unsere Schokolade anders macht als die aus der Kaufhalle.

Erst ein Film über die Entstehung des Unternehmens, dann Kaffee und für jeden ein Tütchen Schokolade. Als die Tür aufgeht und jemand der Chefin ihren sechsmonatigen Sohn Johannes bringt, sind die Rentnerinnen und Rentner restlos entzückt.

Wie alt ist er denn, sechs Monate, am Sonntag war er sechs Monate.

Nun holt sich jeder einen kleinen Korb und die Einkaufstour kann losgehen. Clowns, Dinosaurier, Eulen, Handys und Motorräder aus Schokolade. Osterhasen in allen Größen und Variationen in Vollmilch-, Bitter- oder weißer Schokolade. Trüffelpralinen, Krokant und Marzipan.

Umfrage: Superschöne Sachen.
Sieht alles hübsch aus, zu schade zum Essen, Schokolade macht glücklich.
Die schmeckt wunderbar.


Geiz ist nicht geil in der Confiserie Felicitas. Die Rentner fühlen sich wohl, haben gute Laune und öffnen ihr Portemonnaie. Vier Euro für einen kleinen Schokohasen, zwei Euro 30 für eine Tafel Schokolade. Niemand klagt über zu hohe Preise.

Kasse: 21 Euro 10 bekomme ich, wie viel, 21, 10, hier einen Zehner habe ich noch.
Bitteschön, und ihr Kassenbeleg noch
27 Euro 70 bekomme ich.


Der Busfahrer bekommt eine extra Tüte voller Pralinen geschenkt, die Diabetikerin Diätschokolade. Goedele Matthysen, weiß, was ihre Kunden wünschen und richtet sich danach. Dazu gehören auch die Bananenpralinen - "Alle wollten nach der Wende Bananen, also haben wir eine Praline gemacht" - und die Tüten mit dem Schokoladenbruch.

Matthysen: Wir können nicht soviel kaputtmachen wie wir hier Nachfrage nach Bruch haben, weil die Leute gerne eine Tüte gleich im Auto essen. Und dann kauft man ein Geschenk und eine Tüte Bruch für sich dazu. Also muss man ein bisschen Bruch nachgießen, das ist eine Marktlücke.

Die Kasse hat geklingelt, die Rentner sind versorgt, die Chefin persönlich verabschiedet die Besucher im Bus.

Matthysen: Ich möchte mich noch mal ganz herzlich bedanken für das große Interesse und für Ihre Zeit und Geduld, so viele Leute an der Kasse, vielen Dank, dass Sie so schön eingekauft haben, dann sage ich auf Wiedersehen.

Jetzt endlich ist Baby Johannes an der Reihe, Goedele Matthysens drittes Kind. Seinen Brei hat er vom Vater bekommen, jetzt soll er im Kinderwagen seinen Mittagsschlaf machen.

Matthysen: Kindchen rein, Babyphon an, so, Musik, und dann schaukeln, das Kind möchte geschaukelt werden.

Eigentlich hatte sich die Unternehmerin vorgenommen, ein Jahr Babyurlaub zu machen. Doch von diesem Vorhaben ist nicht viel übrig geblieben. Goedele Matthysen sprüht vor Energie, steht ständig unter Strom. Anderen würde es vollkommen ausreichen, sich um den Haushalt zu kümmern. Um die drei Kinder Johannes, Marieke und Simon, um die zwei Ponys, den Esel Augustin, die zwei Zwergkaninchen, die Hündin Luna und die drei Katzen. Die 37-Jährige fühlt sich damit nicht ausgelastet.

Matthysen: Das ist ein Unterschied zwischen Frauen und Männern. Wir machen gleichzeitig mehrere Sachen, ich nehme mir ständig was mit in die Wohnung, spreche mit dem Baby, schreibe nebenbei was, klingelt das Telefon, hops, nimmt man das Baby mit. Das ist ein großes Glück, das Frauen das so können, das muss einfach so sein, es geht nicht anders.

Arbeit und Familie vermischen sich - unten im Haus befindet sich die Produktion, oben die Büros und die Wohnung. Kommt ein Kunde, wird das Baby kurz Heidrun Prietz in die Arme gedrückt - sie ist Mädchen für alles in der Schokoladenfabrik und gönnt ihrer Chefin den Titel "Unternehmerin des Jahres" von ganzem Herzen.

Prietz: Den hat sie mächtig verdient, jawoll sie ist eine fleißige Frau, unsere Chefin, nicht Johannes, die Mama ist vielseitig und kreativ.

Und durchsetzungsfähig sowieso. Denn eigentlich wollte Ehemann Peter lieber eine Wurstfabrik in der Lausitz aufbauen. Zum Glück hat Goedele Matthyssen ihren Mann überzeugt und produziert seit zwölf Jahren in Hornow gute Schokolade und gute Gefühle.

Matthysen: Wenn man in ein Schokoladengeschäft kommt, wo nebenan produziert wird, dann hängt ein Duft in der Luft, man fühlt gleich die Glückshormone, und wenn die Verkäuferin dann ganz nett ist und ein Stückchen kosten lässt, gleich hat man gute Gefühle. Das ist auch der Grund, warum wir unsere Firma Felicitas genannt haben, Schokolade macht glücklich.
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