Lange Nacht
Lange Nacht
Freitag • 23:05
14.5.2004
Unser kleines Welt-Spektakel
Die Lange Nacht der singenden Schauspieler
Von Dieter Kranz

Christoph Marthaler, Musiker-Regisseur (oder Regisseur-Musike) (Bild: AP)
Christoph Marthaler, Musiker-Regisseur (oder Regisseur-Musike) (Bild: AP)
Wenn Schauspieler singen, dann kann sich Talmi in pures Gold verwandeln; dann offenbaren schlichte Volkslieder plötzlich einen subversiven Nebensinn. Man ertappt sich erschrocken bei dem Gedanken, dass Schauspieler vielleicht doch die besseren Sänger sind! Oder etwa nicht?

Auf jeden Fall sind sie die geborenen Grenzüberschreiter und Alles-Woller: Lasst mich den Löwen auch singen! Die eben noch Iphigenie spielte, kann im nächsten Moment Didos ergreifende Abschieds-Arie "When I am laid in earth" aus der Purcell-Oper singen oder im Cancan-Rhythmus die Beine schmeißen. Und überhaupt die Operette! Wenn sich Schauspieler über die "Schöne Helena" oder "Pariser Leben" hermachen, kippt die Absurdität lustvoll in die vierte Dimension: "Es ist ein Traum" singen Paris und Helena.

Inspiriert von Musiker-Regisseuren (oder Regisseur-Musikern) kreierten singende Schauspieler sogar ein neues Genre: Was sich bei Franz Wittenbrink und (auf andere Weise) Christoph Marthaler als "Liederabend für Schauspieler" gibt, das bietet in Wahrheit ein vielfarbiges Programm unserer Epoche, ein kleines musikalisches Weltspektakel und wird zum Fundus für unsere "Lange Nacht der singenden Schauspieler".



Benno Besson
THEATER SPIELEN IN ACHT LÄNDERN
Texte - Dokumente - Gespräche
Herausgegeben von Christa Neubert-Herwig
Eine Publikation der Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin
Originalausgabe

Das Buch versammelt Beiträge von Bertolt Brecht, Henri Cornaz, Elsa Grube-Deister, Fred Düren, Jürgen Holtz, Rolf Ludwig, André Müller, Heiner Müller, Käthe Reichel, Béatrice Perregaux, Christoph Hein, Brigitte Soubeyran, Katharina Thalbach, Alain Trétout u. v. a.


Mit einer Delikatesse allererster Güte wollen wir beginnen. Im Jahre 1964 inszenierte Benno Besson, damals auf dem Gipfel seiner Regie-Kunst, die Uraufführung der "Schönen Helena" von Jacques Offenbach. Ja, es war tatsächlich eine Uraufführung, denn Peter Hacks hatte einen neuen Text mit doppelbödigem Witz und zeitkritischen Anspielungen geschrieben, wobei er nie die Stilebene verließ, die er als "Antike der Poesie" bezeichnete.
Der Autor Peter Hacks in Bezug auf die Besetzung der Titelrolle: "Helena ist verhältnismäßig leicht zu besetzen. Eine Frau, zarteste Jugend mit sinnlicher Reife verbindend, äußerst intelligent, indes von durchaus weiblicher Denkart, phlegmatisch aber sensibel, unübertrefflich schön, aber dabei von sehr persönlichem Charme". Elsa Grube-Deister, die Helenas Gebet an Venus sang, gehörte Jahrzehnte lang zum Schauspieler-Adel des Deutschen Theaters.


Fred Düren
Orpheus in der Unterwelt


Manfred Krug
Biographie: Manfred Krug (Deutsches Historisches Museum)
Manfred Krug begann seine Schauspiel Karriere als Eleve im Berliner Ensemble und wurde 1958 für den Film entdeckt, wo er bald zum Liebling der DDR-Nation avancierte. Gleichzeitig erlangte er eine ebenso große Popularität als Chansonsänger und Jazz-Interpret. In der lange unterentwickelten Jazz-Szene der DDR gehörte er bald zur oberen Kategorie, und manche hielten ihn sogar für die Nummer 1.


Manfred Krug
Abgehauen
Econ Verlag 2001
Bis 1977 lebte der Schauspieler Manfred Krug in der DDR. Er legt hier Aufzeichnungen vor, die er viele Jahre unter Verschluss gehalten hat. Das Buch gibt im ersten Teil ein Wortgefecht wieder, das 1976 zwischen elf namhaften Künstlern, darunter auch Manfred Krug, und drei hohen Politikern anlässlich der Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR geführt wurde und das Manfred Krug damals heimlich aufzeichnete. Der zweite Teil enthält ein Tagebuch Manfred Krugs, an dem er von dem Augenblick an, als er seinen Ausreiseantrag stellte, bis zu dessen Genehmigung schrieb.



Ein Interview mit Gisela May (Dreigroschenheft)

Adolf Dresen
Zwischen Wien und Brüssel galt Adolf Dresen als hoch gebildeter und nachdenklicher Regisseur, ein Philosoph als Spielleiter des Theaters. Wer vor 1977 in der DDR ins Theater ging, für den war er gerade wegen dieser Eigenschaften eine Lichtgestalt. Einer, der dadurch subversiv wurde, dass er herrschendem Dogma still und leise das Menschliche gegenüber stellte. Im Juli 2001 ist Dresen in Leipzig, gerade 66 Jahre alt, gestorben.
Weiterlesen: Brusbergs Hommage an den Theater-Regisseur Adolf Dresen (Die Welt)

Der Theater- und Opern-Regisseur Adolf Dresen über Kulturnation und Nationalstaat, eine vaterlose Generation, über das Schwatzen und Scheitern (Freitag)



Otto Reutters Couplet vom "Gewissenhaften Maurer" sang Kurt Böwe im Programm "Berliner Lieder", das im Jubiläumsjahr 1987 herauskam. Uwe Hilprecht und sein Dramaturg Alexander Weigel
hatten alles Berlintümelnde oder billig Auftrumpfende streng vermieden, und so ergab es sich, dass fast ausschließlich Lieder aus den zwanziger Jahren geboten wurden. Margit Bendokat gehörte zu den absolut authentischen Akteuren dieses Programms, obwohl sie (wie die meisten unserer Singenden Schauspieler) das Singen nie ausdrücklich gelernt hatte.

Kurt Böwe
Der lange kurze Atem
Das Neue Berlin 1997


Kurt Böwe/Hans-Dieter Schütt
Der Unfugladen oder Endlich Schluss mit dem Theater?
Vorstellungen und Personalien. Mit einem Gespräch von Günter Gaus.
Das Neue Berlin, Berlin 1999


Jutta Wachowiak
Routine steht mir nicht zur Verfügung - Günter Gaus interviewt die Schauspielerin vom Deutschen Theater Berlin Jutta Wachowiak (Freitag)


Die Chronik der Wende - Die Wende Chats
Das DDR-Theater der Wende
Zu Gast: Jutta Wachowiak, Schauspielerin; Albert Hetterle, früherer
Intendant am Maxim-Gorki-Theater; Volker Braun,
Dramatiker
Die Chronik der Wende - Die Wende Chats (rbbonline)

Dagmar Manzel
Dagmar Manzel singt Theaterlieder:
ICH BIN EIN WESEN LEICHTER ART...
Musik: Carlos Bica (Kontrabass), Uwe Hilprecht (Klavier), Jürgen
Kupke (Klarinette) und Dragan Lawford (Violine)
Ein wunderbarer Abend der vielen »Rollen«, mit Guste, Gretchen und der Großherzogin von Gerolstein, mit Schubert und Offenbach, Wagner und Hollaender, mit Liebe und Leid, mit Zorn und Zartheit und dem ganzen Zauber des Theaters. Die Manzel trifft mit berlinischer Frechheit den Ton der Posse wie mit sächsischer Verve Wagners Warnung an die Germanengötter; sie nimmt bombastisches Männergehabe als General Bummbumm auf den Arm und ist Hauptmanns zärtliche Sidselill. Viele Melodien, von denen manche unbekannte eine echte Entdeckung sind, und viele ganz unterschiedliche Gestalten - in einer liebenswerten und hinreißenden Schauspielerin, an einem Abend phantastischer Verwandlungen.
Dagmar Manzel singt Theaterlieder (Deutsches Theater)

Dagmar Manzel absolvierte ihre Schauspielausbildung an der Schauspielschule Berlin und war von 1980 bis 1983 am Staatsschauspiel Dresden engagiert. Seitdem gehört sie dem Ensemble des Deutschen Theaters Berlin an.
Biografie Dagmar Manzel (prisma-online)


Höhle für Romantiker, Schlachthaus für Revolutionäre - Franz Wittenbrinks Produktion "Zigarren" im Berliner Ensemble

Carmen Maja Antoni
Carmen Maja Antoni ist Mitglied am Berliner Ensemble, spielte unzählige Fernseh- und Theaterrollen und gestaltete zahlreiche Hörbücher. Johanna Schall, die Enkelin Brechts, ist Schauspielerin und Regisseurin am Deutschen Theater Berlin. Beide haben sich mit ihren Brecht-Interpretationen einen Namen gemacht. Begleitet werden Antoni und Schall von dem Pianisten Karl Heinz Nehring vom Berliner Ensemble.


Kinder- und Jugendtheater Grips
Das Wort GRIPS bedeutet in der norddeutschen Umgangssprache vor allem "schnelle Auffassungsgabe", "wacher Verstand". GRIPS ist Vernunft mit Witz; es ist Denken, das Spaß macht. GRIPS ist auch der Name, den wir unserem Theater gegeben haben. Es begann, angeregt durch die Studentenbewegung, mit einem für (West-)Deutschland völlig neuen, nämlich in der Gegenwart spielenden, realistischen Theater für Kinder. Nach Jahren der Anfeindung durch Kritiker und konservative Politiker setzte es sich auf den deutschen Bühnen durch, ist heute international verbreitet und gilt als das berühmteste Kinder- und Jugendtheater der Welt. Heute spielt das GRIPS Theater gleichermaßen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. "GRIPS bedeutet Köpfchen auf berlinerisch und GRIPS ist noch viel mehr: Es steht für ein Theater, das nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt einzigartig ist." (DIE ZEIT): Kinder- und Jugendtheater Grips

1000 x LINIE 1 im GRIPS Theater
"Was den Erfolg und den ungewöhnlichen Charme von LINIE 1 ausmacht, ist die Mischung: Es darf gelacht und es darf auch mal ungeniert geweint werden, über all die schrägen Vögel und kaputten Typen, die Exoten und Chaoten, die da von "Stöhneberg bis Stempelhof" die U-Bahn bevölkern, die berühmten Mit- und Einmischer, die stummen Frustrierten und kichernden, Schule schwänzenden Teenies Risi und Bisi. Und jeder Zuschauer entdeckt für sich seine Lieblingsfiguren - Bambi oder Lumpi und Kleister, Buletten-Trude, den Rentner Herrmann oder die traurige Maria mit den Pickeln." (SFB 3, Tagebuch, 30.4.96)


Jürg Kienberger
Schweizer Schauspieler und Musical-Clown
.....Wer die Theaterarbeiten von Christoph Marthaler kennt, ist diesem seltsamsten aller Tastendrücker schon öfter begegnet:
Jürg Kienberger mit dem kurios wie Drahtwolle abstehenden Haarkranz um die kahle Kopfplatte. Ein notorischer Eckensteher in allen Tanzsälen der Musik ist er; einer, der die Begabung der verdrucksten Existenz kultiviert hat. Und nun ist er - keine Hochzeit ohne Alleinunterhalter! - in den neuen Salzburger Figaro geraten. Stumm schleicht er durch das Stück mit einem Stühlchen, das er sich wie einen Melkschemel umgeschnallt hat. Doch Jürg Kienberger bedient nicht nur sein Keyboard, er spielt auch mit befeuchteten Fingern Arien auf gestimmten Weingläsern. Einmal, von Leidenschaft jäh gepackt, beginnt er zwischen zwei Szenen zu jodeln, und er kann sogar eine Rezitativbegleitung auf zwei Bierflaschen blasen. Dies ist sein tollstes Kunststück: Jeder Schluck aus den Pullen ist so genau bemessen, dass er einen (fast) sauber intonierten Kadenzton ergibt. Natürlich hat der skurrile Entertainer mit seiner kauzigen Musik in dem Stück überhaupt nichts verloren. Mozart hat im Figaro keinen Bierflaschenbläser besetzt. Wie Christoph Marthaler jetzt in Salzburg hat bisher noch kein Regisseur in den Notentext einer großen Mozart-Oper eingegriffen. Doch fällt Kienberger gar nicht unangenehm auf. Weiterlesen:
Jürg Kienberger - Schweizer Schauspieler und Musical-Clown (Die Zeit)

"Dreigroschenoper"
.....Zugleich, und auf paradoxe Weise, ist die "Beggars Opera" aber auch wieder keine Oper. Sie ist ein Stück Musiktheater, ein Theaterstück mit Gesangsnummern, ganz so wie es die "Dreigroschenoper" schließlich auch geworden ist, bei der singende Schauspieler, statt schauspielernder Sänger, die einzelnen Songs vortragen, und im weiteren ihre Gedanken, Stimmungen, Dialoge in gesprochener Sprache artikulieren. .....


Theater-Homepages:
Berliner Ensemble - THEATER AM SCHIFFBAUERDAMM, Deutsches Theater Berlin
Kinder- und Jugendtheater Grips


CD-Tipps

Linie 1
vonVolker Ludwig und Birger Heymann,
Polydor 831 219-2
Gisela May,Brecht-Songs
BERLIN Classics BC2165-2

Kurt Weill
Die sieben Todsünden und Brecht-Songs
BERLIN ClASSICS BC2069-2

Christoph Marthaler
Murx
CD-Produktion der Berliner
Volksbühne



LP-Tipps

Amiga 845 097
Hallo Dolly

Amiga 850 009
Jazz
(u.a. Manfred Krug mit Summertime)

Litera 865 419
Deutsches Theater Berlin - Berliner Lieder

Litera 60093/94
Deutsches Theater Berlin - Die schöne Helena

von Peter Hacks nach Offenbach
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