Lange Nacht
Lange Nacht
Freitag • 23:05
7.5.2004
Aufstand gegen das "comme-il-faut"
Eine Lange Nacht über Wladimir Majakowski, Francoise Sagan und Thomas Bernhard
Von Ralf Busse

Thomas Bernhard, österreichischer Schriftsteller (Bild: Suhrkamp)
Thomas Bernhard, österreichischer Schriftsteller (Bild: Suhrkamp)
Unerschrocken, brillant, wortgewaltig: Auf je eigene Weise treffen diese Kennzeichnungen auf die drei europäischen Literaten zu, auf Majakowski, Sagan und Bernhard, auch wenn sie einst zur Charakterisierung von Wladimir Majakowski formuliert wurden.

Er, der als Zeitgenosse des "Roten Oktober" die russische Dichtkunst revolutionierte, wurde von den einen als "Mundstück der Zukunft", von den anderen als "Schreihals des Proletariats" gesehen. Er selber aber zerbrach an der zunehmenden kleinbürgerlichen Drapierung der Oktoberrevolution, an der Spießerideologie der Parteibürokratie Stalins.

Francoise Sagan trat drei Jahrzehnte später gegen eine andere Ausprägung des spießbürgerlichen "man" auf, das so genau weiß, was sich gehört: Hohle Attitüden, Gleichgültigkeit, falschen Schein beschrieb die noch minderjährige Autorin als Auslöser für die "tristesse", diese unsagbare Leere des Daseins, die ihre Romanfiguren und eine ganze Nachkriegsgeneration bestimmen.

Und das Rebellische des Thomas Bernhard, sein Widerstand gegen das "comme-il-faut", österreichischer Prägung, gegen das Wahnhafte, das Despotische, das menschlich Destruktive lag auf gleicher Ebene wie bei der Sagan und bei Majakowski: bei Bernhard ausgelöst durch seine Absetzung von Johannes Freumbichler, dem Vater seiner Mutter, dem er aber gleichzeitig lebenslang dankbar blieb. Denn dieser Großvater hatte ihm auch das Befreiende, das Rettende der Künstlerschaft eröffnet. Und was denn sonst will Kunst, will Dichtung erreichen: dass der Mensch aufsteht und zu sich kommt!



Er mochte keine Unterhaltung (...) er war geistreich und funkelnd wie niemand sonst, aber niemals ein 'Gesellschafter'. Ob auf der Strasse oder in der Natur, er ging manchmal stundenlang nebenher und schwieg. Das schreibt Lilja Brink, die mit Ossip Brik verheiratete Frau; an sie blieb Majakowski ein kurzes Leben lang in einer rastlos törichten Liebe gebunden wie eine Droge. "Vielleicht", so wähnt er, "die letzte Liebe der Welt":

Ich aber wälze mich nächtelang
vor Pein, der andere greift nach dir,
während ich krank,
ein halb schon verblödeter Juwelier,
die Schreie zu Zeilen schleife.

Lieber klopfte man Karten!
Und spülte des Herzens erseufzten Geifer
mit Schnaps.

Ich brauche dich nicht!
Fort mit dir!

Ich weiß
sowieso,
dass ich bald krepier.


... Majakowski trat früh in der Pose des Bürgerschrecks auf. Der baumlange und "wildblickende" Futurist, Unterzeichner des Manifestes "Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack" von 1912, pflegte eine zitronengelbe Bluse und dazu eine riesige schwarze Krawatte zu tragen, die angesehensten Literaten auf die unverschämte Weise zu provozieren und "allen hübschen Frauen mit der Unwiderstehlichkeit einer Lokomotive des Hof zu machen ...".

Ich werde deinen Körper
lieben und hegen
wie ein Soldat,
verstümmelt im Krieg,
überflüssig,
verlassen,
sein einziges Bein.

Maria -
willst du?
Du willst nicht!



..... Majakowsi liebte Lilja Brik maßlos. Ossip Brik aber galt dessen ungeachtet als sein bester, echtester Freund. Auch Lilja unterstreicht, dass die beiden damals eng befreundet, "einander durch verwandte Prinzipien und die gemeinsame literarische Arbeit verbunden" waren. Und sie ergänzt: "So kam es, dass wir unser Leben sowohl geistig als auch räumlich zusammen lebten".






Wladimir Wladimirowitsch Majakowski (* 7. Juli/19. Juli 1893 in Bagdadi/Georgien; † 14. April 1930 in Moskau) war ein russischer Dichter. Er gilt als führender Vertreter des russischen Futurismus.
Weiterlesen in:
Wikipedia - Die freie Enzyklopädie: Wladimir Majakowski

Rauschbereites Ich - Müssen Wolken Wölkchen werden? Wladimir Majakowski, neu übersetzt

Wladimir Majakowskij ist der Dichter der russischen Revolution. Er war ein Leben lang Revolutionär. Mit 14 schon politisch aktiv, mit 15 erstmals verhaftet. Wichtiger Vertreter der russischen Avantgarde und harter Kritiker Der stalinistischen Reaktion.
.... Als Mitglied der russischen Futuristen ist er am Manifest "Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack" beteiligt:

Auf den Straßen
wo ein Gesicht Eine Last ist
weil alle Gesichter dieselben sind
gebar Greisin Zeit
die schon sehr in Hast ist
das ungeheure, das schiefmäulige Kind: Rebellion

Her mit dem schönen Leben: Wladimir Majakowski


Büchner, Georg; Majakowskij, Wladimir W.:
Kinski spricht Büchner & Majakowskij
1 Audio-CD.
52 Min.. Gesprochen v. Klaus Kinski. Kinski spricht Werke der Weltliteratur.
2003. - UNIVERSAL MUSIC -

Wladimir W. Majakowskij
Gedichte
Übertr. u. ausgew. v. Karl Dedecius.
RECLAM, DITZINGEN-


Wladimir W. Majakowskij
Tragödie Wladimir Majakowski
Wölkchen in Hosen
Poem. Russisch-Deutsch. Dtsch. v. Alexander Nitzberg.
2002. -GVA & FRIEDEN; ENGELER EDITOR-
In den vier Teilen des Gedichtes "Wölkchen in Hosen" geht es um die Umgestaltung der "alten Welt" in all ihren Bestandteilen. Der Impuls zur Umgestaltung entspringt der im Poem geschilderten katastrophischen Erfahrung, daher die vier Aufschreie:"Fort mit eurer Liebe, fort mit eurer Kunst, fort mit eurer Gesellschaftsordnung, fort mit eurer Religion." Eine triviale Liebesgeschichte mit unglücklichem Ausgang wird vom Dichter zum kompletten Scheitern des Individuums, zu einer totalen Ich-Verbrennung hyperbolisiert ...

Russische Literatur von Nestor bis Majakowski
1 CD-ROM
Für Windows 95, 98, 2000, ME, NT, 2000 oder XP in einer russisch lokalisierten Ausgabe. Digitale Bibliothek Spezial.
2003. -DIRECTMEDIA PUBLISHING-

Francoise Sagan

Sie wurde bekannt mit ihrem ersten Werk Bonjour Tristesse, das 1954 heraus kam. Dieser Roman löste einen großen Skandal aus und machte sie bekannt. Sie erhielt den "Prix de la Critique" dafür.
Weiterlesen in:
Wikipedia - Die freie Enzyklopädie: Françoise Sagan

Francoise Sagan
Aimez-vous Brahms...
Hrsg. v. Helga Zoch. Fremdsprachentexte. Reclam Universal-Bibliothek
-RECLAM, DITZINGEN-

Der Herbst stieg in Paules Herz und erfüllte es mit seiner ganzen Süße. Die feuchten rostroten Blätter, zusammengetreten und aneinanderhängend, mischten sich langsam mit der Erde.
Sie empfand eine Art von Zärtlichkeit für die schweigende Silhouette, die ihren Arm hielt. Dieser Unbekannte wurde für wenige Minuten ein Gefährte. Jemand, mit dem man durch die verlassene Allee geht, am Ende eines Jahres. Sie hatte immer Zärtlichkeit für ihren Gefährten empfunden, für die Gefährten eines Spaziergangs oder des Lebens, eine Art von Dankbarkeit dafür, dass sie größer und stärker waren als sie, ganz anders und ganz nah zugleich (...). "Sind Sie traurig?", fragte Simon. Sie wandte sich ihm zu und lächelte, ohne zu antworten.
aus: Lieben Sie Brahms...



Francoise Sagan
Bonjour tristesse
französ. Ausgabe
1996. -IMPORT; PRESSES POCKET, P.; JULLIARD, P



Francoise Sagan
Mein Blick zurück
aus dem Französischen von Claudia Feldmann
Originaltitel: Derrière l' épaule, 1998
2000 München - Ullstein Verlag
Ich hatte nie die Absicht, die Geschichte meines Lebens aufzuschreiben. Zum einen, weil darin viele glücklicherweise noch lebende Menschen vorkommen, und zum anderen, weil mich mein Gedächtnis zusehends im Stich läßt; mir fehlen hier fünf Jahre und da fünf Jahre, was irgendwelche dunklen Geheimnisse vermuten ließe, die keineswegs vorhanden sind. (S. 7)
Wenn ich hier so freizügig aus meinem Privatleben berichte, dann nicht deshalb, weil ich beispielsweise diese Anekdote so hinreißend finde, sondern weil sie ein wenig das Durcheinander um In einem Monat, in einem Jahr und meine mangelnde Sorgfalt bei der Durchsicht es Manuskripts erklärt. Für eine Entschuldigung ist es nie zu spät, wird man mir vielleicht sagen, und das ist auch ganz richtig. Für mich ist dieses Buch so etwas wie das häßliche kleine Entlein aus dem Märchen. (S.35)
Wie dem auch sei, im Nachhinein betrachtet, war es nicht der Ruhm, der mich störte, sondern die Arbeit, die er erforderte; und daß meine Freunde so gleichgültig, ja fast brutal wirkten, lag daran, daß sie sich an mir rächen wollten. (S.44)
Ich sage es jetzt gleich und werde dann nie wieder davon sprechen: Mein größter Traum war es immer, Gedichte zu schreiben, und zwar an einem mir wohlvertrauten Ort (im Departement Lot, in Paris oder in der Normandie) , wo mich niemand von jenem erhebenden, bei mir jedoch allzu widerspenstigen inneren Drang ablenkt, jenem Drang, der einzig und allein den Sinnen, der instinktiven Erinnerung an der Harmonie entspringt - kurz: dem lyrischen Echo.

Lesenproben aus: Mein Blick zurück
Weiterlesen:
Francoise Sagan - Mein Blick zurück




Francoise Sagan
Certains sourires
Quatre nouvelles.
Hrsg. v. Werner Höfer
2000. -KLETT-




Thomas Bernhard

"Ich weiß nicht, was sich die Leute unter einem Schriftsteller vorstellen, aber jede Vorstellung in der Beziehung ist sicher falsch... Was mich betrifft, bin ich kein Schriftsteller, ich bin jemand, der schreibt... Andererseits bekommt man Briefe aus Deutschland oder irgendwoher, aus Provinzstädten, aus größeren oder von Sendern oder von gewissen Veranstaltungsunternehmungen... Man tritt dort auf, man wird vorgestellt als ein tragischer, düsterer Dichter, und das geht so weit, daß man in Laudationen auch als solcher vorgestellt wird, in so pseudowissenschaftlichen Arbeiten. Es heißt dann, das ist ein Autor, ein Schriftsteller, der so und so einzuordnen ist, und die Bücher sind düster, die Figuren sind düster und die Landschaft ist düster, also - der Mensch ist auch düster, der jetzt vor uns sitzt. ...
aus: Drei Tage


Thomas-Bernhard-Privatstiftung

Thomas Bernhards Heldenplatz im Spiegel der Presse

Bernhard-Tage Ohlsdorf 1999
Materalien
'In die entgegengesetzte Richtung'. Thomas Bernhard und sein Großvater Johannes Freumbichler.
Hrsg. v. Franz Gebesmair u. Manfred Mittermayer.
-BIBLIOTHEK DER PROVINZ-




Mehr noch als meine Mutter war ich bei meinen Großeltern gewesen, denn dort hatte ich die Zuneigung und das Verstehen und das Verständnis und die Liebe gefunden, die für mich sonst nirgends zu finden gewesen waren, und ich war ganz unter der Obsorge und unbemerkten Erziehung meines Großvaters aufgewachsen. Meine schönsten Erinnerungen sind die(se) Spaziergänge mit meinem Großvater, stundenlange Wanderungen in der Natur und die auf diesen Wanderungen gemachten Beobachtungen, die er in mir nach und nach zur Beobachtungskunst hatte sich entwickeln können. Aufmerksam für alles, auf das ich von meinem Großvater verwiesen und hingewiesen war, darf ich diese Zeit mit meinem Großvater als einzige nützliche und für mein ganzes Leben entscheidende Schule betrachten, denn er und niemand anderer war es, der mich das Leben gelehrt und mich mit dem Leben vertraut gemacht hat, indem er mich zuallererst mit der Natur vertraut gemacht hat. Alle meine Kenntnisse sind zurückzuführen auf diesen für mich in allen lebens- und existenzentscheidenden Menschen.
Aus: Thomas Bernhard, Die Ursache, München 1984

Johannes Freumbichler
Erziehung zu Vernunft und Fröhlichkeit.
Briefe in Knittelversen für die Jugend von Sechzehn bis Sechzig.
Lehrgedicht aus dem Nachlass, gewidmet dem Enkel Thomas Bernhard.
Hrsg. u. m. Nachw. v. Heike Mayer.
2003. -LILIOM-


Louis Huguet
Chronologie. Johannes Freumbichler / Thomas Bernhard.
Übers. u. redig. v. Renate Langer; Mit e. Essay-Vorw. u. hrsg. v. Hans Höller.
-BIBLIOTHEK DER PROVINZ-
In Südfrankreich, in Perpignan, schon nach an der Grenze zu Spanien hätte Thomas Bernhard einen Mann treffen können, der ihm seinen Verwandtschaftskomplex "und alles, was damit zusammenhängt", in allen Haupt- und Nebenfragen aufgeschlüsselt hätte.
Louis Huguet, ein pensionierter südfranzösischer Literaturprofessor, hat in mehr als zehnjähriger unermüdlicher Arbeit eine Chronologie und Genealogie zu Thomas Bernhard und zu seinem Großvater, dem Schriftsteller Johannes Freumbichler, zusammengestellt, ein einzigartiges Dokument dieses Genres.

Augustin Baumgartner
Auf den Spuren von Thomas Bernhard
1992. -SUHRKAMP-


Thomas Bernhard
Der Untergeher
SZ-Bibliothek Bd.5.
2004. -SÜDDEUTSCHE ZEITUNG / BIBLIOTHEK-
Drei Pianisten, eine Leidenschaft. Alle wollen sie "nur das Höchste" als wahre Kunst gelten lassen, alle stellen sie größte Ansprüche an sich selbst. Doch nur einem ist der Durchbruch vergönnt. Als der Pianist Wertheim den hinter geschlossenen Türen probenden Rivalen Glenn Gould hört, ist er als Künstler "tödlich" getroffen, weiß er doch, dass er dessen Genialität nie wird erreichen können. Doch auch der Erzähler kapituliert, verschenkt seinen Steinway-Flügel und entschließt sich, "Weltanschauungskünstler" zu werden. Beide, der Erzähler wie sein Gegenspieler Wertheim, sind sich einig, dass Goulds Genialität einzigartig ist. Der perfektioniert sein Spiel Tag für Tag, doch zieht er sich dabei immer weiter in die Einsamkeit zurück, bis er mit 51 Jahren - so der Erzähler - plötzlich "tot umfällt am Klavier". Der Tod des Pianisten lässt die beiden Rivalen von einst nicht unberührt. Es kommt zu drastischen Reaktionen, nach denen nichts mehr so ist, wie es vorher war.
Bernhards Roman vom Klavierspieler Glenn Gould ist ein faszinierendes literarisches Spiel, in dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. Es ist eine virtuos erzählte Geschichte vom Virtuosen, der sich immer tiefer in die Einsamkeit spielt.
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