Lange Nacht
Lange Nacht
Freitag • 23:05
20.8.2004
Verlorene Paradiese - wieder gefundene Heimaten
Die Lange Nacht mit dem Schriftsteller Cees Nooteboom
Von Roland H. Wiegenstein

Viele Geschichten von Cees Nooteboom spielen in  Berlin (Bild: dradio.de - Andreas Lemke)
Viele Geschichten von Cees Nooteboom spielen in Berlin (Bild: dradio.de - Andreas Lemke)
Man darf Cees Nooteboom mit Fug einen europäischen Autor nennen, seine Erzählungen, Reisebücher, Gedichte sind selbst in kleine europäische Sprachen übersetzt. Viele seiner Bücher waren Bestseller.

Diese Karriere hat im Grunde freilich erst 1990 begonnen: Nooteboom war (wie vorher schon 1956 in Budapest, 1968 in Paris) zur rechten Zeit am rechten Ort: in Berlin. Seine "Berliner Notizen", diese skeptischen und von Sympathie getragenen Beobachtungen über die deutsche Wiedervereinigung und die in der gleichen Zeit erschienene fulminante Erzählung "Die folgende Geschichte" katapultierten ihn in die Rolle des mit Preisen und Ehrungen bedachten Großschriftstellers. Begonnen hatte das alles viel früher, mit zwei kleinen Romanen, beinah romantischen Etüden und mit seinen Reisen, die der "Augenmensch" besser zu beschreiben weiß als viele andere.

Erst nach einer langen Pause, in der außer diesen für Zeitschriften geschriebenen, in mehreren Büchern zusammengefassten Reiseberichten, nur Gedichte erschienen, begann er wieder erzählende Prosa zu schreiben, witzige, melancholische Bücher, die in dem großen Roman "Allerseelen" - der überwiegend in Berlin spielt - kulminierten. Die Lange Nacht folgt Nootebooms Wegen und würdigt einen Autor, den zu lesen vergnügt und nachdenklich macht.

Porträt, Selbstporträt - gelesen von Christian Brückner
Kann er je,
rätselhafter als ein Leser,
hinter dem Fenster
die Spuren finden
von Vergebung oder Vergiftung?
Einer von beiden
reitet die dunklen Pferde meines Lebens,
einer von beiden
hat oder kriegt mich.
Jahrelang schon
hetzt er durch die dunkle
und helle Landschaft
wie ein leuchtendes Opfer
in einer verdunkelten Jagd.
Und als ob ich am hellen Schaltpult
dem Nebel Befehle erteilte,
hab ich aus dem Dunkel
ein Denken gemacht,
und Verschleiertes so sehr entschleiert,
dass ich wurde, was ich suchte,
unauffindbar, unsichtbar,
wie ein Mann neben seinem Standbild.

Auszug aus dem Manuskript:

Sprecher:
"Ein Lied von Schein und Sein", auch so eine bodenlose Geschichte, in der mit dieser auch erzählt wird, wie sie entsteht. Da gibt es zwei Schriftsteller, beide Holländer natürlich, einen, der darauf besteht, im Schreiben eine eigene Wirklichkeit zu erfinden und einen, der sich damit begnügt, diese abzubilden. Die beiden reden ständig miteinander. Aber der Leser merkt bald: der Autor Nooteboom hat sich in zwei Figuren aufgespalten, um diese ganz und gar unglaubliche Liebesgeschichte zu erzählen, die in einem Land spielt, wo er nie war: Bulgarien nämlich, in einer Zeit, die schon längst vergangenen ist und mit Figuren, die er sich vollständig imaginieren muss. Diese kleine Geschichte ist typisch für einen Autor, der in seinen Büchern die seit Musil und Broch übliche Vermischung aus Roman und Essay auf seine Weise unterläuft: seine Figuren räsonieren ununterbrochen und manchmal passiert auch etwas mit ihnen und zwischen ihnen. Aber weder dies noch das, was sie denken, kann natürlich passieren, ohne dass ihr Autor sie an der langen Leine führt - er zeigt diese vor. Er hat den "Guckkasten-Charakter" der klassischen Erzählweise, wie Musil das nannte, aufgegeben, die Figuren existieren im freien Fall bodenloser Reflexion. Wärme in der dünnen Luft schafft allenfalls jene oft zärtliche romantische Ironie, von der Nooteboom nicht ablässt.

Sprecher:
"Das ist doch schließlich die Arbeit des Schriftstellers", sagte der Schriftsteller. "Wie ein Adler über den Figuren zu kreisen, die er verfolgen will. In diesem Fall dem Arzt und dem Oberst."

"Die gibt es also?", fragte der andere Schriftsteller. "Du arbeitest nach tatsächlich existierenden Figuren?"

"Sie existieren von dem Augenblick an, indem du sie erfunden hast", antwortete der Schriftsteller, der sich da gar nicht so sicher war. Das Gespräch langweilte ihn. Wie könnte er auch dem anderen Schriftsteller begreiflich machen, dass er weder den Arzt noch den Oberst vor sich sah, dass er sie eben erst, im Verlauf dieses Gesprächs, erfunden hatte, um dem geisttötenden Geschwätz (über den Beruf, mein Gott, warum schreibst du nichts mehr) ein Ende zu machen. In den leeren Hallen, in denen seine Gedanken jetzt weilten, eine Bahnhofshalle, der Warteraum eines Krankenhauses, ein Turnsaal, nahm er die vagen Umrisse einer militärischen Gestalt wahr. Epauletten, ziemlich operettenhaft. Die Geschichte spielte folglich nicht in dieser Zeit oder nicht auf diesem Kontinent. Denn wer trüge hier und jetzt noch solche Epauletten?

"Wie alt sind sie?", fragte der andere Schriftsteller.

Der Schriftsteller antwortete nicht. Wusste er jetzt schon, dass es eine Kaserne war, weil er diese Epauletten gesehen hatte? Im leeren Kasino dieser Kaserne sah er das Stethoskop vorbeigehen, von nichts und niemandem begleitet. Das Ding schwebte, ziemlich langsam, in menschlicher Höhe durch den Raum. Was aber tat ein Arzt in dieser Kaserne?
"Was tut ein Arzt in einer Kaserne?"
"Seinen Sohn besuchen", sagte der andere Schriftsteller, der einen Sohn im Militärdienst hatte.

"Klar, mit einem Stethoskop", sagte der Schriftsteller gereizt. Er sah, wie die Epauletten sich dem Stethoskop zuwandten und dass, während dies medizinische Utensil absolut unbewegt im Raum hängen blieb, die rechte Epaulette ruckartige Bewegungen machte, die zweifellos von dem unsichtbaren Arm darunter herrührten. Aufregung also.

Gerade als er den Schatten eines Kopfes, die allerersten Umrisse eines Gesichts zu erkennen glaubte, sagte der andere Schriftsteller: "Wer hätte gedacht, dass du mal einen Arztroman schreiben würdest?"

Der Schriftsteller gab keine Antwort, aus Angst, dann würde sich alles in nichts auflösen, und wurde belohnt. An der Wand hinter den Epauletten erschien, gerahmt hinter Glas, das Porträt einer Gestalt in Uniform mit vielen Orden. Was in kyrillischen Buchstaben darunter stand, konnte er nicht entziffern, aber ihm war klar, dass es jetzt an der Zeit war, den anderen Schriftsteller hinaus zu komplimentieren.

Kommentar:
Der eine Schriftsteller erfindet die Geschichte von den Militärarzt und den Oberst in einem längst von der Weltgeschichte verschlungenen Bulgarien, die beide dieselbe Frau lieben. Wobei der Oberst auch noch ein Anhänger Schopenhauers sein muss. Doch als diese fatale Liebesgeschichte - ausgerechnet in Rom - sich vollenden soll, in das der eine Autor zwecks Lokalaugenschein gereist ist, pfuscht ihm der andere dazwischen: er lockt ihn mit dem Versprechen, das Buch als Geschenk zur Bücherwoche und also mit einer hohen Auflage verteilt werden sollte. Doch der Schriftsteller zerreißt und verbrennt das Manuskript, das ihm der andere so oft madig gemacht hat. Kein Buchgeschenk, kein Buch. Oder doch? Der Schriftsteller muss wohl doch eine Kopie gerettet haben, war doch die Versuchung zu groß, nicht nur die verrückte Leidenschaft dreier längst verblichener und sehr elegant erfundener Figuren schildern, ohne sich sonderlich darum sorgen zu müssen, was am Ende aus ihnen würde, sondern auch den holländischen Literaturbetrieb, der sich nirgends so plastisch abbildet, wie auf einem Friedhof bei einem Kollegen-Begräbnis:

Sprecher:
Trauer war es jedenfalls nicht, was er bei der Beerdigung empfand seines Kollegen empfand. Niederländische Schriftsteller können im allgemeinen wenig füreinander tun, aber sich gegenseitig beerdigen können sie ausgezeichnet, und wenn es irgendwo eine ungekehrte Metapher der Wirklichkeit gab, dann war es solch eine Beerdigung, die am ehesten einem guten, alten Literatenball glich. Das Jeder-ist-da-Syndrom, die merkwürdigen Angehörigen, von denen man nie gedacht hätte, dass sie etwas mit dem Verstorbenen zu tun haben könnten (Schriftsteller haben keine Angehörigen), das Erzählen schrecklicher Anekdoten über den Toten und das leichte Entzücken darüber, hier so traurig über die Kieswege zu schreiten, die Aussicht auf ungenießbaren Kaffee und die Schnäpse danach, das alles vermischt mit Anflügen echter Trauer um den anderen und um sich selbst, das Wiedersehen mit knorrigen Essayisten und weißhaarigen Dichtern, die man schon längst im Reich der Toten wähnte der ganze "Betrieb", wie der andere Schriftsteller es nannte, es vermittelte einem ein flüchtiges Gefühl der Zusammengehörigkeit, das nur deshalb zu ertragen war, weil jeder wusste, dass es eine Stunde später wieder in Zeitschriften, Klüngel, Richtungen und einsame Schreiberlinge in für die Welt unsichtbaren, in der regelrecht merkwürdigen Räumen zerfallen würde.


Links mit weiteren Informationen über Cees Nooteboom:

Suhrkamp: Cees Nooteboom

Wikipedia: Cees Nooteboom

Perlentaucher: Cees Nooteboom

Zitate in der Sendung:
Cees Nooteboom: Philip und die anderen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 2003
Cees Nooteboom: Ik hat wel duizen levens en ik nam er maar één, Uitgeverig Atlas, Amsterdam 1997
Cees Nooteboom: Notizen aus Berlin, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1991
Cees Nooteboom: Gesammelte Gedichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2003
Cees Nooteboom: Der verliebte Gefangene, Gesammelte Werke, Bd. 2
Cees Nooteboom: Kinderspiele, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1998
Cees Nooteboom: Der Ritter ist gestorben, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1996
Cees Nooteboom: Die Dame mit dem Einhorn, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1997
Cees Nooteboom: Mai 68, edition Suhrkamp, Frankfurt/Main 2003
Cees Nooteboom: Rituale, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1985
Cees Nooteboom: In den niederländischen Bergen, Suhrkamp Verlag 1987
Der Augenmensch Cees Nooteboom, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/Main 1995
Cees Nooteboom: Ein Lied von Schein und Sein, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1989
Cees Nooteboom: Der Buddha hinter dem Bretterzaun, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1993
Cees Nooteboom: Die folgende Geschichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1991
Cees Nooteboom: Der Umweg nach Santiago, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1991
Cees Nooteboom: Allerseelen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1995


Meditation

Trompetenschall, so ein Morgen.
Die Katze auf dem Weg ins Büro,
Palme im Gebet,
Geflüster von toten Seelen
in der Zeitung aus der Hauptstadt

Namen, leerer denn je,
fliegen an die Scheiben, lauf tschilpend.
Ich schaue auf den Zeiger,
Nachtwache für Tage, meinen Schatten.
Mir zu Füßen eine klare Vermutung,
auf meinem Schoß zwei Kalender.
Ich bin zu allem bereit!

Geheimsprache, Sprüche von draußen.
Wer zählt, kriegt einen Griff auf die Dinge,
Falterflügel, Zement, Eidechse,
der Schmutz, die Wiederholung,

und noch mehr, und noch mehr,
eine Summe verwahrloster Zeit.

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