Lange Nacht
Lange Nacht
Freitag • 23:05
24.9.2004
Wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe mich
Die Lange der Nacht der Scheidung
Von Heide und Rainer Schwochow

Hochzeitskuss (Bild: AP)
Hochzeitskuss (Bild: AP)
Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden: eine uralte Geschichte. Und doch trifft sie die meisten Menschen unvorbereitet. Was ist passiert? Was haben wir falsch gemacht? Selten fügen sich die Erzählungen getrennter Partner zu einer Geschichte, in der die Teile zusammenpassen. Jeder hat seine eigene Perspektive.

Warum heiraten die Menschen überhaupt? Die Gründe sind vielfältig, doch selten stellen sich Paare diese Frage, bevor sie zum Altar schreiten. Aber gerade diese Frage kann hilfreich sein, wenn eine Beziehung in die Krise gerät. Beziehungskrisen sind meist mit Psychoterror, Gewalt und subtilen Kampfmethoden verbunden. Gibt es auch eine Trennung mit Würde? Die Autoren gehen auf die Suche nach Menschen, an denen die Anwälte nicht reich werden können. Die Lange Nacht macht einen Abstecher in die Geschichte von Ehe und Ehebruch, stoßen auf Abgründe des Strafrechts, auf Tabus, klerikale Doppelmoral, aber auch auf Scheidungen, die mit Fairness vollzogen werden. Eine Trennung in Würde? Das bedeutet anstrengende psychologische Arbeit für die Hauptdarsteller eines Stückes, das wir Scheidung nennen. Obwohl vom Publikum meist als Tragödie interpretiert, kann es auch ein Drama mit gutem Ausgang sein.

Hans Jellouschek
Dr. theol., Lic. phil., Transaktionsanalytiker (DGTA), Eheberater,
Lehrtherapeut TA, Fortbildung systemischer Therapie.
Langjährige Erfahrung im Bereich Fort- und Weiterbildung von Beratern und Therapeuten, Coaching und Training für Führungskräfte.
www.hans-jelluschek.de

Jutta Lack-Strecker
Diplom-Psychologin, Psychotherapeutin, Mediatorin (BAFM), Lehrtherapeutin für Paar- und Familientherapie, Supervision, Organisationsberatung; tätig in Aus- und Fortbildung und freier Praxis; Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft für Familienmediation, Berlin
www.bafm-mediation.de

Frage an Hans Jellouschek, Paartherapeut und Buchautor, Stuttgart: Was ist die Liebe?
"Da gehört natürlich sicher das Gefühl dazu, aber über das Gefühl hinaus hat Liebe zu tun mit - dass ich auf jemanden zugehen kann einerseits, also es hat was mit Hingabe zu tun, und Liebe hat andererseits auch etwas damit zu tun, sich beim andern aufgehoben, angenommen zu fühlen. Also Liebe hat diese zwei Aspekte, dass ich mich in meiner Individualität irgendwo akzeptiert, anerkannt fühle, und dass ich die Möglichkeit verspüre, mich dem anderen zu öffnen, auf den andern zuzugehen im ausdrücklichsten Sinne, mich dem andern hinzugeben."
.... "Ich glaube, dass Beziehungen heute als Paarbeziehungen ganz stark über Liebe definiert werden. Und wenn diese Phase aufhört und es keinen Übergang gibt in das, was ich dann Liebe nenne, dann wird's schwierig in der Beziehung. Weil diese Phase der Verliebtheit lässt sich nicht auf ewig durchhalten."


Umstände, die auf das Gescheitert-Sein der Ehe schließen lassen:
Getrenntleben von mehr als einem Jahr
Unumstößliche Absicht eines oder beider Ehegatten zur Scheidung
Geschlechtsverkehr mit einem Dritten
Ehegatten sprechen nicht mehr miteinander
Ehegatten haben keinen Geschlechtsverkehr mehr miteinander
Ernsthafte und dauerhafte Verbindung mit einem anderen Partner
Trunksucht und grobe Beschimpfungen

Jutta Lack-Strecker, Psychotherapeutin, Mediatorin, Berlin

Mediation ist ergebnisorientiert. Ergebnisse von Mediation sind nicht -richtig- oder -falsch-, sondern dann gut, wenn sie von beiden Partnern als fair und stimmig erlebt werden und nicht über Kinder, sondern für Kinder verhandelt wurde.
Das Ziel ist eine Einigung zwischen den Partnern, die bei einer gerichtlichen Entscheidung oder bei der Trennung einer Lebensgemeinschaft eine tragfähige Grundlage für den künftigen Umgang miteinander und für die gemeinschaftliche Verantwortung für die Kinder bietet.

Mediation eignet sich für alle Menschen, die von der einschneidenden Erfahrung einer Trennung betroffen sind.

Mediation verdrängt nicht und hebt nicht den Zorn, den Schmerz oder die Enttäuschung auf, aber sie kann Gesprächs- und Verhandlungsbereitschaft schaffen oder wiederherstellen, kann die Menschen dazu befähigen, ihre Entscheidungen selbst auszuhandeln, anstatt sie Dritten zu überlassen.

Mediation bietet sich als Konfliktregulierungsmodell auch in anderen familiären Konfliktbereichen an, wie z.B. Generationenkonflikten, Erb-Auseinandersetzungen, Vertragsgestaltung vor oder während des Zusammenlebens, Konflikten in Adoptiv- und Pflegefamilien.

Jutta Lack-Strecker

"Heute ist es eine psychologische Gemeinschaft zum glücklich werden. Was ist eigentlich für die Kinder schwieriger? Wenn sie in die Welt gesetzt wurden, auch zum ökonomischen Überleben der Eltern und damit als Reichtum galten? Also dieser klare Aspekt? Heute sind sie dazu da, die Eltern glücklich zu machen. Ich finde, das ist ein sehr diffuser Auftrag. Und ich finde, damit wird die Ehe auch diffus, wenn die Ehe geschlossen wird mit diesem Focus. Mir schien es damals sehr viel gesünder, wenn die Ehe geschlossen wird aus klarem ökonomischen Verständnis auch, und sagen, was wollen wir miteinander?"

Hans Jellouschek, Paartherapeut, Stuttgart

"Die Situation wurde von beiden akzeptiert, dass man eben Mama und Papa, Vati und Mutti ist, und der Mann arbeitet und die Frau sorgt für die Familie, das haben Paare früherer Generationen akzeptiert, und das ist eben der Punkt, dass heute von unserem Beziehungsideal her das nicht mehr akzeptiert wird, sondern beide wollen auch ein Paar bleiben. Aber die Schwierigkeiten sind eher noch größer als früher, weil zum Beispiel die Frau auch ihren Beruf wieder aufnimmt und da auch noch in Anspruch genommen ist, und der Mann gegenüber früher überdimensional mehr in Anspruch genommen wird als in früheren Jahrzehnten, vom Trend her jedenfalls, und von daher das immer schwieriger wird, diesem Ideal entsprechend zu leben."

Weitere Links:

www.wennzweisichstreiten.de informiert über deutschsprachige Web-Sites im Themenfeld der Mediation

www.familien-mediation.de

www.profamilia-online.de/main.html%3Fpage=1

www.ezi-familienberatung.de

www.mediationsnetz.de

Bürgerliches Gesetzbuch, § 1565, die gescheiterte Ehe

Eine Ehe kann geschieden werden, wenn sie gescheitert ist. Die Ehe ist gescheitert, wenn die Lebensgemeinschaft der Ehegatten nicht mehr besteht und nicht erwartet werden kann, dass die Ehegatten sie wiederherstellen.

Das Statistische Bundesamt zur Scheidungsstatistik:

Im Jahr 2003 wurden fast 214.000 Ehen geschieden, 4,8 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Mittlerweile wird mehr als jede dritte Ehe geschieden, aber noch nicht ganz die Hälfte - so das Statistische Bundesamt. Dabei erweist sich das fünfte Ehejahr als das kritische, nicht das sprichwörtliche "verflixte siebte Jahr". In absoluten Zahlen wurden 2003 nach Angaben der Statistiker die meisten Ehen im sechsten Jahr nach der Hochzeit geschieden, nämlich 13.946.

Die Hälfte (50,4 Prozent) der 2003 geschiedenen Ehepaare hat minderjährige Kinder. Von den Entscheidungen in Mitleidenschaft gezogen wurden insgesamt 170.260 minderjährige Kinder, ein Anstieg gegenüber 2002 um 6,3 Prozent. Die Zahl der Scheidungen in Deutschland ist mit Ausnahme des Jahres 1999 seit dem Jahr 1993 gestiegen - bis zum vergangenen Jahr um 37 Prozent.

"Die Rolle des Vaters in der Familie"- Familienforscher Wassilios Fthenakis fordert eine kinderfreundliche Infrastruktur und flächendeckende Beratungsstellen für Eltern

www.fthenakis.de//cmain/Projekte/Vaterfamilie.html

www.vaeternotruf.de/scheidung.htm

www.kind-familie.de

Gerhard Amendt
Scheidungsväter

Schriftenreihe des Instituts für Geschlechter- und Generationenforschung
Bd.6. 2004.
Ikaru-Verlag
Eine Studie, die im Buch "Scheidungsväter" veröffentlicht worden ist, beschreibt entlang von Scheidungsverläufen facettenreich die komplexe Welt der Scheidungsväter.
www.medizinnews.de/3887225708.htm

Fthenakis, W. E. u.a.:

Trennung, Scheidung, Wiederheirat.
Wer hilft dem Kind?

Herausgeber: LBS-Initiative Junge Familie.
Weinheim und Basel: Beltz, 1996

Trennung und Scheidung beendet nicht die Familie. Die elterliche Verantwortung bleibt bestehen. Dieser Ratgeber greift die Probleme und die Aufgabenstellungen auf, die vor, während und nach der Scheidung zur Bewältigung anstehen.

Darin werden zentrale Themen und Probleme diskutiert: Anforderungen an sorge- und umgangsberechtigte Eltern, die mittel- und langfristigen Auswirkungen von Scheidung auf die Entwicklung des Kindes, unterschiedliche Formen der Sorgerechtsregelung, die gemeinsame Elternverantwortung, die Situation alleinerziehender Mütter und Väter nach einer Scheidung, die Beziehung des Kindes zum nicht sorgeberechtigten Elternteil, die gesetzlichen Bestimmungen und nicht zuletzt Hilfemöglichkeiten, die heute Kindern und Eltern zur Verfügung stehen. Ein Ratgeber, der - trotz aller Belastungen - Wege einer konstruktiven Lösung der mit der Scheidung zusammenhängenden Probleme aufzeigt.

Hans Jellouschek, Paartherapeut, Stuttgart

"Trennung kann dann eine Chance sein, wenn ein Paar in eine Konstellation hineingekommen ist, wo sie sich nur noch blockieren gegenseitig, wo sie sich nur noch das Leben schwer machen. Es kann wirklich so was geben, dass Partner für einander unverträglich geworden sind. Vielleicht auch durch individuelle Entwicklungen, die sie gemacht haben, so dass immer wieder im Kontakt zueinander solche und ähnliche und andere destruktive Muster aktiviert werden. ... Also - das heißt - dass beispielsweise der eine giftig und aggressiv wird, und der andere sich immer wieder beleidigt zurückzieht. Also dass sie aus diesem Kreislauf, wenn sie sich auch noch so bemühen, nicht herauskommen. Wo sie sich beide selber nicht mehr mögen. Und beide leiden darunter. Aber sobald sie zusammenkommen, läuft es wieder auf eine geheimnisvolle Weise so, dass der eine wieder diese aggressive Stinkige wird, und der andere wieder der sich Zurückziehende, Verstummende und so weiter, wo sie sich nur noch blockieren gegenseitig, wo sie sich nur noch das Leben schwer machen, und ich mach immer wieder die Erfahrung, dass ein Aussteigen aus einer solchen Beziehung auch eine große Befreiung sein kann, und dass plötzlich wieder viele Dinge möglich werden, individuell und auch in Beziehungen, die vorher nicht mehr möglich schienen.


Bücher von Hans Jellouschek
Liebe auf Dauer - Die Kunst, ein Paar zu bleiben
Kreuz Verlag
ISBN 3 7831 2363 1
Obwohl heute nahezu jede zweite Ehe geschieden wird, ist der Wunsch nach Dauerhaftigkeit der Liebe ungebrochen. Aus jahrelanger Erfahrung gibt der Autor zehn konkrete Hinweise auf die "Kunst, ein Paar zu bleiben".


Wagnis Partnerschaft
Herder Verlag
ISBN 3 451 28345 X
Partnerschaft ist zu einem Abenteuer geworden - ein auf Dauer angelegtes Wagnis. Das Ideal: Gleichwertiges Zusammenleben zwischen Mann und Frau im beruflichen, gesellschaftlichen, häuslichen, familiären und erotisch-sexuellen Bereich. Doch wie gelingt dies? Der Autor zeigt: Jedes Paar kann lernen, im Spannungsfeld von Beziehung, Familie und Beruf die richtige Form, und den eigenen Weg zu finden: Die Schlüssel in der schwerer gewordenen Kunst, in einer stabilen Beziehung als Paar zu leben.


B. Jellouschek-Otto, Hans Jellouschek
Lebensübergänge meistern: Vom Paar zur Familie.
3. Auflage 2003, Eigenverlag
www.hans-jelluschek.de

Das "freudige Ereignis" einer Geburt ist zugleich auch ein kritisches Lebensereignis, weil es das bis dahin eingespielte Gleichgewicht des Paares gründlich durcheinander bringt. Die Lebensumstände eines Paares ändern sich dadurch oft drastisch. In dieser Broschüre (30 Seiten) geht es um gute Bewältigungsstrategien für Frau und Mann.
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