Lange Nacht
Lange Nacht
Freitag • 23:05
5.11.2004
Wie gruselt's mich um Mitternacht
Eine Lange Nacht der Gespenster
Autorin: Hannelore Hippe

"Geister"-Ausstellung im National Museum in Kuala Lumpur (Bild: AP)
"Geister"-Ausstellung im National Museum in Kuala Lumpur (Bild: AP)
Es gibt sie nicht nur zur Geisterstunde und auf der britischen Insel, die ausdauernd spukenden Gespenster, denen diese "Lange Nacht" gewidmet ist. Zwar scheint die Dichte an aktiven Geistern auf der britischen Insel eindeutig höher zu sein als bei uns, doch heißt das nicht, dass Deutschland eine gespensterfreie Zone ist. Nur gehen wir lange nicht so liebe- und verständnisvoll mit unseren kopflosen Rittern und weißen Frauen um. Dabei waren viele große deutsche Geister richtige Gespensterfans und glaubten fest daran, wie zum Beispiel Goethe, Kleist, Bloch, Heine und selbst der skeptische Aufklärer Kant. Dass der Brite Shakespeare mit dem Geist von Hamlets Vater schon früh literarische Furore machte, verwundert dagegen nicht.

Woher kommen Gespenster und was sind die Gründe ihres Spuks? Plato und Sokrates haben dabei durchaus unterschiedliche Erklärungen, nur dass es Gespenster gibt, daran zweifeln auch sie nicht.

Gehen Sie mit uns auf Gespensterjagd in Deutschland und in England. Wir sprechen mit wissenschaftlichen Experten für "Apparitionen" der Universität Freiburg, stapfen um Mitternacht im Schnee über einen unglaublich verspukten Friedhof in Nordengland, erfahren warum ein Gespenst in York nur wegen seiner Pfeifenqualmerei vom Erzbischof unlängst exorziert wurde. Was treibt das Gespenst Ruth im Bodyshop und warum sieht der biedere Gymnasialdirektor Watson gemeinsam mit der gesamten Familie immer noch seinen verstorbenen Kater Smokey in der Küche?

Der skeptische Deutsche hält Spuk für Blödsinn, doch teilt er diese Einschätzung nicht mit berühmten Psychokennern wie C.G. Jung und Sigmund Freud. Die haben selbst welche gesehen, Jung zumindest, Freud interessierte sich nur stark für sie. Beide hatten keine Angst, sich durch ihren Gespensterglauben lächerlich zu machen. Und genau das scheint die Crux mit uns und den Gespenstern zu sein: Ein deutscher Historiker und Sammler von Gespenstergeschichten berichtet, dass es vielen Landsleuten peinlich ist, sich zum Glauben an die Existenz von Gespenster zu bekennen. Ein erdachtes Gespenst, schön und gut, wer mag keine gruselige Gespenstergeschichte, aber in der Realität? Muss das sein? In der "Langen Nacht der Gespenster" konfrontieren wir Sie mit dem spukigen Unerklärlichen und Sie erfahren letztendlich auch, dass Sie mit Sicherheit schon mal eines gesehen haben, ohne es zu wissen. Woran erkennt man ein Gespenst und wie geht man am besten mit ihm um? Last but not least, was hat die Glühbirne mit dem scheinbaren Verschwinden von Gespenstern in unseren Breiten zu tun?

Machen Sie die Tür gut zu, zünden Sie sich eine Kerze an und knipsen Sie um Gottes Willen die Glühbirne aus! Der heulende Sturm und der Regen draußen sind gut fürs Gemüt, wenn Sie sich endlich auf den Spuk einlassen. Begleiten Sie Viola auf das Gespensterschiff und kriechen Sie mit Thomas Bernhards Höhlenforscher in eine Gespensterhöhle bei Salzburg. Keine Angst! Es gibt für alles einen Grund, wenn auch nicht immer eine Erklärung. Auch wenn unsere Jugend glaubt, Gespenster seien ausgestorben wie Dinosaurier. Unsinn! Der Spuk ist nämlich nicht immer woanders.

Hannelore Hippe

Da durchzuckt es meine Glieder,
Ich erwache, horch und lausche.
Laut wird's in dem öden Zimmer.
Rauschend wogt es um mich her
Wie ein wehend Ährenmeer,
Seltsam fremde Töne wimmern,
Zuckend fahle Lichter schimmern,
Es gewinnt die Nacht Bewegung,
und der Staub gewinnt Gestalt.
Schleppende Gewänder rauschen
Durch das Zimmer auf und nieder,
Hör es weinen, hör es klagen,
Und zuletzt in meiner Nähe
Wimmertes ein dreifach Wehe!

(Franz Grillparzer)

Das Insel Buch zur Mitternacht
Ausgew. v. Rainer Malkowski.
1981. -INSEL, FRANKFURT-

Noch mehr Gespenster
Die besten Gespenstergeschichten aus aller Welt.
Hrsg. v. Dolittle, Dolly.
detebe Diogenes Taschenbücher Nr.21310. -DIOGENES-

Geister, Gräber und Gespenster. Antike Spukgeschichten
www.plekos.uni-muenchen.de..
www.utexas.edu/utpress...

" Die Seelen derer, die sich durch zuviel Genuss beschwert, durch Mangel an Gerechtigkeit befleckt haben, solche Seelen, in ihrer Furcht vor der unsichtbaren Unterwelt, werden zurück gezwungen zur sichtbaren Welt, sie umgeistern die Gedenkstätten und Gräber, schattenhafte Erscheinungen kommen so zu Gesicht. " (Sokrates)

Daß Engländer an Gespenster glauben, ist bekannt. Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt, daß auch die Deutschen, genauer gesagt: die Westdeutschen durchaus für diesen Glauben aufgeschlossen sind. Jeder zehnte Erwachsene in Westdeutschland glaubt an Gespenster, also an Seelen, die nach dem Tode eines Menschen nicht ins Licht gefunden haben und unerlöst in Häusern und verwunschenen Orten spuken. In Ostdeutschland glauben nur 3 Prozent an Gespenster.
www.ifd-allensbach.de...

Der Schrei um Mitternacht von Conrad Ferdinand Meyer
"In einer Winternacht glänzte ein Kloster von phantastischem Bau wie ein Traum, mit seinen Schneebeladenen, mondbeschienenen Giebeln und der Traum bewohnte auch sein Inneres, wo die Schwestern, warm eingewickelt, von den Kleinigkeiten ihres letzten Tages träumten in unbedeutenden und behaglichen Zügen. Da geschah es, während die Klosteruhr in langsamen, halb eingefrorenen Schlägen Mitternacht schlug, dass ein durchdringender Schrei aus der Mitte des Klosters her das Gebäude durchdrang und alle Schwestern, selbst die am tiefsten schlafenden jählings aufweckte, wie der erste Stoß in die Posaune jenes Tages. Es erscholl zum ersten Mal Viktoria, wie ein gewaltiges Siegsgeschrei und dann zum anderen Male noch erschütternder, so dass die Schwestern aus den Betten fuhren und in die in der Mitte des Klosters gelegene Zelle der Schwester Eugenia stürzten, von der sie wussten, dass sie siech, schlaflos und visionär war. Sie fanden sie tot mit zerwühltem, zerstreuten Haar, aber mit einem Ausdrucks des Friedens auf den eingefallenen Zügen, der die gleichsam abgelegten Lasten eines schweren Daseins anzeigte - wenn es möglich wäre, dass auf einem erlösten Angesicht das Maß des Erlittenen sich verzeichnen ließe."

Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene der Universität Freiburg
wurde 1950 von dem Psychologen und Arzt Prof. Hans Bender (1907-1991) gegründet. Die Institutsarbeit zielt traditionell auf die interdisziplinäre Erforschung von Anomalien (außersinnliche Wahrnehmung, veränderte Bewußtseinszustände, Psychokinese, etc.). Die gegenwärtigen Forschungsschwerpunkte richten sich auf ein verbessertes Verständnis von psychophysischen Wechselbeziehungen aus geistes-, sozial- und naturwissenschaftlichen Perspektiven.
www.igpp.de/...

Durchwachte Nacht von Annette von Droste-Hülshoff

Wie sank die Sonne glüh und schwer,
Und aus versengter Welle dann
Wie wirbelte der Nebel Heer
Die sternenlose Nacht heran! -
Ich höre ferne Schritte gehen. -
Die Uhr schlägt zehn.

Betäubend gleitet Fliederhauch
Durch meines Fensters offnen Spalt,
Und an der Scheibe grauem Rauch
Der Zweige wimmelnd Neigen wallt.
Matt bin ich, matt wie die Natur! -
Elf schlägt die Uhr.
Wie mir das Blut im Hirne zuckt !
Am Söller geht Geknister um,
Im Pulte raschelt es und ruckt,
Als drehe sich der Schlüssel um.
Und - horch ! Der Zeiger hat gewacht !
S'ist Mitternacht.
War das ein Geisterlaut? So schwach und leicht
Wie kaum berührten Glases schwirrend Klingen,
Und wieder wie verhaltnes Weinen steigt
Ein langer Klageton aus den Syringen,
Gedämpfter, süßer nun, wie tränenfeucht
Und selig kämpft verschämter Liebe Ringen; -
O Nachtigall, das ist kein wacher Sang,
Ist nur im Traum gelöster Seele Drang.
Da kollerts nieder vom Gestein!
Des Turmes morsche Trümmer fällt,
Das Käuzlein knackt und hustet drein;
Ein jäher Windesodem schwellt
Gezweig und Kronenschmuck des Hains;-
Die Uhr schlägt Eins.
Jetzt möchte ich schlafen, schlafen gleich,
Entschlafen unterm Mondeshauch,
Umspielt vom flüsternden Gezweig,
Im Blute Funken, Funk im Strauch
Und mir im Ohre Melodei;-
Die Uhr schlägt Zwei.
Der Tauben Schwärme kreisen scheu,
Wie trunken in des Hofes Rund,
Und wieder gellt des Hahnes Schrei,
Auf seiner Streue rückt der Hund,
Und langsam knarrt des Stalles Tür -
Die Uhr schlägt Vier.

Da flammts im Osten auf, - o Morgenglut!
Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strahle
Strömt Wald und Heide vor Gesangesflut,
Das Leben quillt aus schäumendem Pokale,
Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut,
Im nahen Forste schmettern Jagdsignale,
Und wie ein Gletscher sinkt der Träume Land
Zerrinnend in des Horizontes Brand.


Immanuel Kant
Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik.

Textkritisch hrsg. v. Rudolf Malter.
Reclam Universal-Bibliothek Nr.1320 -RECLAM, DITZINGEN-

Kant veröffentlichte 1766 das viel bewunderte Werk " Träume eines Geistersehers" In ihm schrieb er: "dass ich mich nicht unterstehe, so gänzlich alle Wahrheit an den mancherlei Geistererzählungen abzuleugnen, doch mit dem gewöhnlichen, obgleich wunderlichen Vorbehalt, eine jede einzelne derselben in Zweifel zu ziehen, allen zusammengenommen aber einigen Glauben beizumessen."

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