Lange Nacht
Lange Nacht
Freitag • 23:05
4.2.2005
"In meine Tränen mischt sich der Grillen Zirpen"
Die Lange Nacht des Prinzen Genji
Von Astrid Nettling

Der Toji-Tempel mit seiner fünfstöckigen Pagode in Kyoto ist einer der ältesten Tempel Japans. (Bild: AP)
Der Toji-Tempel mit seiner fünfstöckigen Pagode in Kyoto ist einer der ältesten Tempel Japans. (Bild: AP)
Als in Europa finsterstes Mittelalter herrschte, schrieb im fernen Japan um die Jahrtausendwende die Hofdame Murasaki Shikibu den ersten großen Roman der Weltliteratur - das Genji-monogatari, die fast 2000 Seiten umfassende Geschichte vom Leben und Lieben des "leuchtenden" Prinzen Genji. Es ist zugleich das glanzvolle Bild einer Epoche, in der Bildung und Geschmack höher standen als Macht und Politik.

In diesem Werk haben sich die Japaner aller Zeiten wieder erkannt, vor seiner Schönheit beugten sich Krieger und Mönche, sein erlesener Geschmack und seine vollendete Eleganz wurden Gegenstand von Sehnsucht und Verehrung. Mit zartem Sinn für die vielfältigen Stimmungen der menschlichen Seele lässt Murasaki Shikibu neben ihrer Hauptfigur eine Fülle von zauberhaften Frauengestalten erstehen, die in der Kunst der folgenden Jahrhunderte in unzähligen Gedichten, Erzählungen, Bühnenstücken, in Bildern und Musik wiederkehren und deren Herzensregungen jedem Japaner wohlvertraut sind.

Vor allem die von Murasaki, der Namensvetterin der Dichterin und Lieblingskonkubine Genjis, die das Idealbild all dessen darstellt, was für die damalige Zeit als schön, vornehm und gebildet galt. "Murasaki trug zu einem dunkelfarbigen Untergewand ein Hosonaga von heller Suhô-Farbe, ihr prachtvolles Haar war nach hinten zusammengefasst und hatte eine zu der Größe ihres Körpers gerade passende Länge. So war ihr Aussehen ohne Makel. Verglich man sie mit Blüten, so konnte man etwa an die Kirschblüte denken, aber Murasakis Schönheit übertraf diese noch bei weitem."

Die Lange Nacht folgt ihren Spuren und nimmt den Hörer mit auf eine poetische Reise in die ferne Heian-Zeit, die Zeit der japanischen Klassik, mit an den Schauplatz des Romans, die damalige Hauptstadt Heiankyô, das heutige Kyoto, mit in eine Welt, deren Schönheit nicht durch äußerlichen Prunk und lautes Gepränge hervortritt, sondern von innen leuchtet und durch leise Töne, durch Anmut und Feinsinn, bezaubert.

"Genji setzte sich auf die Veranda des Korridorflügels und blickte eine Weile nach dem Mond. Es war ein herrlicher Anblick, wie die mit Reif bedeckten Chrysanthemen leuchteten und überall bunte, vom Wind zerstreute Herbstblätter umherlagen. Er nahm seine Flöte und blies ein wenig darauf. Da erklang aus dem Innenraum, eine Koto-Zither von prachtvollem Ton. Die edle Art, wie es hinter dem Vorhang hervorklang, passte vortrefflich zu der Stimmung des hellschimmernden Mondes."

Es ist eine Welt, die selbst im modernen Japan nicht gänzlich verschwunden ist. Nur muss man sich die Ruhe und Gelassenheit gönnen, genau hinzusehen. Dann sind es auch heute immer nur wenige Schritte abseits der lauten Straßen und in eine der stillen Palast-, Schrein- oder Tempelanlagen hinein mit ihren teils berückenden Landschaftsgärten und ihren schlichten Gebäuden, deren verwinkelte Holzkorridore immer neue Blicke auf die Gartenanlage mit den jahreszeittypischen Blumen und Pflanzen freigeben, die den Besucher mit ihrer Ausstrahlung gefangen nehmen. Und dann kann es geschehen, dass mit einem Mal tatsächlich jene Schönheit aufgeht, die Murasaki Shikibu bereits vor tausend Jahren in ihrer Dichtung hat erglänzen lassen. Doch nicht nur dort - ebenso der westliche Hörer wird von dem Zauber und der Schönheit dieser Welt fasziniert sein.

"Vor dem schönen, langsam dunkler werdenden Himmel sahen die Pflaumenblüten so weiß aus, als sei noch Schnee vom Vorjahr zurückgeblieben; die Zweige waren in solcher Fülle aufgeblüht, dass sie sich bogen. Mit diesem Blütenduft vermischte sich in dem weichen Frühlingswind der erlesene Duft des Räucherwerks, das hinter einem Vorhang gebrannt wurde und das ganze Haus so herrlich erfüllte, dass es wahrhaftig Nachtigallen hätte anlocken können. Da der Mond erst spät am Himmel sichtbar wurde, stellte man da und dort Laternen auf und zündete sie in passender Stärke an. Je höher der Mond am Himmel stieg, um so mehr gewannen Farbe und Duft der Pflaumenblüte an Reiz; es war eine stimmungsvolle Nacht, die alle anrührte. "Was für ein erregendes Schauspiel!" sagte Genji. "Wie wühlt eine solche Frühlingsnacht mit halb verhangenem Mond doch das Menschenherz auf. Im Licht des Mondes, der in den Herbstnächten wolkenlos am Himmel erscheint, wird zwar alles sehr schön sichtbar; allein weil der Himmel mit seinem Glanze fast etwas Absichtliches an sich hat, wird unsere Aufmerksamkeit von einem taubedeckten Blatte zu dem anderen gerissen, wir fühlen uns verwirrt, und von daher hat die Schönheit des Herbstes durchaus ihre Grenzen. Wie könnte sich da der Ton einer Flöte so wundervoll wie in einer Frühlingsnacht erheben, wo im Licht des aus den Nebellücken tretenden Mondes der Wind sich mit dem Klang des Instrumentes mischt? Es hat der Frühlingsabend einen Zauber, der sich mit nichts vergleichen lässt."

Japan-EU-Jahr der Begegnung 2005

Die EU und Japan kamen beim 11. EU-Japan-Gipfel 2002 überein, das Jahr 2005 zum Japan-EU-Jahr der Begegnung zu bestimmen. Ziel dieses Jahres ist es, den Austausch, Kontakt und das Verständnis zwischen den Menschen in Japan und der Europäischen Union zu fördern.
weiterlesen: Japan-EU-Jahr der Begegnung 2005

Weitere interessante Links zu Japan allgemein:

Japanisches Kulturinstitut (The Japan Foundation), Köln

Deutsches Institut für Japanstudien, Tôkyô

Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin

Gesellschaft für Japanforschung (GJF)

Links zum Prinzen Genji:

Das Genji-Projekt - eine Kunstinstallation
Die konzipierte Reihe von Bilder, waren nun immer neue Kombinationen der fünf senkrechten Bahnen, die den 54 Genji-Mon (Genji-Wappen) entsprechen, wie sie auf japanische Farbholzschnitten die Geschichte in Kapitel unterteilen. 1989 waren zwei verschiedene Ausführungen der Genji-Serie begonnen. 1990 entstand während der malerischen Umsetzung der Bilder das Konzept einer Rauminstallation.

Illustrationen zum Roman:
Genji Monogatari

Schöne Fotos zur Geschichte des Prinzen Genji
The Tale of Genji

Wer sich auf alten Bildrollen (emakimono) zum Genji monogatari ("Geschichte vom Prinzen Genji", Anf. 11. Jh.) Prinz Genji, den "leuchtenden Prinzen" und alles überstrahlenden Helden des Romans, anschaut, ist nicht selten leicht enttäuscht. Denn die dargestellte Person mit ihrem winzigen Mund, ihren schmalen Augen, dem fast teigig wirkenden, pausbäckigen Gesicht und dem spärlichen Kinnbärtchen, deren Figur unter den zahlreichen Kleidungshüllen nur schwer auszumachen ist, entspricht kaum unserer heutigen Vorstellung eines Mannes, dessen Schönheit und Anmut einst seine Umgebung bezaubert und die von ihm hingerissenen Frauen der Ohnmacht nahe gebracht haben soll. ...
weiterlesen: Schönheitsideale und Schönheitspflege in Japan auf der Seite des Japanischen Generalkonsulats in Düsseldorf

Literatur zu Genji:

Murasaki Shikibu, Genji-monogatari, Die Geschichte vom Prinzen Genji, Altjapanischer Liebesroman aus dem 11. Jahrhundert, verfaßt von der Hofdame Murasaki, Vollständige Ausgabe aus dem Original, übersetzt von Oscar Benl, 2 Bände, Manesse Verlag Zürich, 1992

Das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon, Aus dem Japanischen übertragen und herausgegeben von Mamoru Watanabe, Manesse Verlag Zürich, 1952

Yoshida Kenkô, Betrachtungen aus der Stille, Aus dem Japanischen von Oscar Benl, Insel Verlag Frankfurt am Main, 1991

Ivan Morris, Der Leuchtende Prinz, Höfisches Leben im alten Japan, Insel Verlag Frankfurt am Main, 1988

Günter Nitschke, Japanische Gärten, Benedikt Taschen Verlag Köln, 1999

Teiji Itoh, Die Gärten Japans, DuMont Buchverlag Köln, 1985

Ulrike Dembski und Alexandra Steiner (Hg.), Nô Theater, Kostüme und Masken, Verlag Christian Brandstätter Wien, 2003

Nô - Gewänder und Masken des japanischen Theaters, Japan Foundation Tokyo, Linden-Museum Stuttgart, 1993

Musikliste der in der Langen Nacht verwendeten Titel:

1: Japon Jiuta, Akikase no kyoku, Koto, Track 3
2: Klassik International, Kuroda-bushi, Ensemble, Track 8
3: Die vier Jahreszeiten in Kyoto, Hana no tera, Flöte, CD 1, Track 5
4: Die vier Jahreszeiten in Kyoto, Myosshinji Gyokuhoin, Flöte, CD 1, Track 6
5: Japan Ensemble Nipponia, Edo Lullaby, Ensemble, Track 4
6: Die vier Jahreszeiten in Kyoto, Shigure no Ato, Flöte, CD 3, Track 2
7: Japan Kinshi Tsuruta, Banquet de Printemps, Satsuma-Biwa mit Gesang, Track 1
8: Die vier Jahreszeiten in Kyoto, Daihisan, Flöte, CD 1, Track 2
9: Japan Ensemble Nipponia, Kumoi Jishi, Shakuhachi, Track 1
10: Japon Gagaku, Etenraku, Gagaku-Musik, Ensemble, Track 1
11: Rhapsody for twenty-string-Koto, Koto, Track 3
12: Klassik International, Haru no Umi, Ensemble,Track 5
13: Die vier Jahreszeiten in Kyoto, Miyama No Sato, FlöteCD 1, Track 1
14: Shika no Tone, Shakuhachi, Track 4
15: Ondekoza, Monochrome II, Trommel, bei 0'14 einblenden, Track 1
16: Ondekoza, Monochrome II, Trommel, bei 2'20 einblenden, Track 1
17: Klassik International, Rokudan, Koto, Track 3
18: Ondekoza, Monochrome II, Trommel, bei 4'20 einblenden, Track 1
19: Die vier Jahreszeiten in Kyoto, Kaze no Uta, Flöte,CD 2, Track 5
20: Die vier Jahreszeiten in Kyoto, Asagiri, Flöte, CD 2, Track 3
21: Die vier Jahreszeiten in Kyoto, Sansenin no Asa, Flöte, CD 3, Track 3
22: Midare, Koto
23: Japon Kinshi Tsuruta, Banquet de Printemps, Satsuma-Biwa mit Gesang, , Track 1
24: Hachidan, Koto, Track 2
25 Der leere Himmel, Kokû Reibo, Shakuhachi, Track 2
26: Ame no Uta, Koto, Track 5
27: Tradition and Avantgarde in Japan, Hachidan no shirabe, Koto, Track 2
28: Tradition and Avantgarde in Japan, Chidori no kyoku, Koto und Gesang, Track 1
29: Der leere Himmel, Ashi no Shirabe, Shakuhachi, Track 1
30: Tradition and Avantgarde in Japan, Nocturne, 17-saitiges Koto, Track 4
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