Literatur Live
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11.10.2004
Thomas Brussig: Wie es leuchtet
S. Fischer
Rezensent: Jörg Magenau

Wenn ein Roman eine Kiste ist, in die man alle möglichen und unmöglichen Geschichten hineinpacken kann, dann ist Thomas Brussigs "Wie es leuchtet" ein großer Roman. Er beschreibt die Wendezeit in grellen Szenerien und mit einem burlesken Personal: Ein Albino gibt sich hochstaplerisch als Sohn des VW-Aufsichtsratsvorsitzenden aus, der mit dem Auftrag ausgestattet ist, im Osten "eine Volkswirtschaft zu sondieren".

Der Starreporter eines großen Hamburger Magazins steckt ausgerechnet jetzt in einer schweren Schreibkrise. Eine Krankenschwester mit Rollschuhen landet den Hit zur Zeit. Ein furzender Tankwart ist Chef des Palasthotels und wird ein Opfer seiner Hörigkeit.

Es ist nicht einfach, im chaotischen Geschehen den Überblick zu behalten. "Wie es leuchtet" ist zum Glück weniger schenkelklopferisch witzig als Brussigs Erfolgsroman "Helden wie wir". Vom Pathos und Heroismus der Aufbruchszeit bleibt kaum etwas übrig.

Runde Tische, Bürgerrechtler und Demonstrationen werden vom Zentrum an den Rand der Aufmerksamkeit verlagert. Man begreift, dass das Volk vielleicht nur deshalb "Wir sind das Volk" gerufen hat, weil ihm keine passendere Ausdrucksmöglichkeit zur Verfügung stand. Brussig erzählt Geschichte als Farce und also eher traurig als komisch. Den Überblick müssen andere vermitteln.
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