Literatur Live
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12.10.2004
Jürgen Lottmann: Die Jugend von heute
Kiepenheuer & Witsch
Rezensent: Wolfgang Schneider

Der Anblick deutscher Städte macht Jo Lohmer - so der Name von Joachim Lottmanns Alter Ego - schwer zu schaffen: "oll und überaltert, ohne Jugend". Wo man hinschaut, "Jogginghosen-Wendeverlierer". Kein Wunder, dass Lohmers optische Gier nach den "Jungen" immer größer wird. Auf den Spuren seines Neffen Elias schliddert er nun in die Abgründe des Berliner Nachtlebens. Sein hohes Erkenntnisziel: alles über die "Jugend von heute" herauszufinden. Die Formel moralisierender Rentner wird umfunktioniert zu einem Titel von altherrenhafter Coolness.

In grotesker Selbstverleugnung macht Lohmer Party bis zum physischen Zusammenbruch. Am Ende möchte er schon aus Gesundheitsrücksichten nur noch mit Leuten zu tun haben, die älter sind als er. Auf der Suche nach definitiver Nichtjugend begibt er sich nach Österreich, wo er es mit "Pensionisten jeglichen Alters" zu tun bekommt.

Kein Zweifel, über weite Strecken ist dieses Buch - wie schon Lottmans Roman "Deutsche Einheit" - eine ziemlich verquasselte Angelegenheit, ganz so wie "die Jugend von heute" anscheinend. Aber Lottmanns ironische Wirklichkeitssimulationen machen einfach Spaß. Ein Roman darf sich nicht wie ein Roman lesen - das ist die Devise dieses Autors, der seinen Erfindungen den Anschein schimärenhafter Realität verleiht. So dass sie sich lesen wie gewitzte Feldforschungen mitten aus unserer Gegenwart.
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