Literatur Live
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11.11.2004
Cesar Aira: "Die Mestizin"
Nagel & Kimche
Rezensentin: Katharina Döbler

Dieser Roman entstand schon 1981, also lange vor Airas hochgelobter Novelle "Humboldts Schatten", die voriges Jahr auf deutsch erschien; also in einer Zeit, in der die Bedingungen kolonialer Geschichtsschreibung ein wichtiges Thema der lateinamerikanischen Literatur wurden.

Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die in die abgelegenste Gegend der argentinischen Pampa deportiert wird: der Treck dorthin ist eine elende und langsame Hölle; doch anstatt in einem argentinischen Äquivalent von Sibirien oder den Pfefferinseln zu landen, findet sich die junge Ema, die einem Soldaten als Ehefrau zugeteilt wird, in einer kleinen Idylle wieder, in der Indianer und weiße Besatzer geradezu komfortabel zusammenleben.

Als Ema bei einem Indianerüberfall "geraubt" wird, erschließt sich ihr auch die Welt der Wilden; und die entpuppt sich als fruchtbares und farbiges Paradies, bevölkert von Menschen, die in Überfluss und Muße leben. Die Wilden sind hier die wahren Zivilisierten, und zwar bereits mit einem Hang zu höfischer Dekadenz.

Aira erzählt hier die Geschichte der Gegend, in der er geboren ist - und er erzählt sie wider alle Leseerwartungen und Gepflogenheiten als historiographisches Antimodell, als leuchtenden, schimmernden Traum.

Aus dem Spanischen von Michaela Meßner.
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