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26.11.2004
Jakob Hein: "Vielleicht ist es sogar schön"
Piper
Rezensent: Jörg Magenau

"Vielleicht ist es sogar schön" ist ein listiger, harmloser Titel. Dabei erzählt Jakob Hein, Sohn des Schriftstellers Christoph Hein, in diesem, seinem dritten Buch, vom Tod der Mutter, die an Krebs gestorben ist. Erzählend arbeitet er dem Tod entgegen und lässt aus seinen Erinnerungen ein trostreiches, dem Sterben trotzendes Bild einer zärtlichen Mutter-Sohn-Symbiose entstehen.

Im Mittelpunkt der anekdotischen Szenenfolge steht die jüdische Herkunft der Mutter, ihre tragische Familiengeschichte und ihre Versuche, in der DDR eine eigene jüdische Identität zu finden. Ihr Vater, also der Großvater Jakob Heins, ist 1943, beim Versuch, aus Deutschland zu fliehen, spurlos verschwunden. Vermutlich wurde er festgenommen und nach Auschwitz deportiert. Weil sie ihn nicht kannte, wenig über ihn wusste und nur ein Foto von ihm besaß, versuchte sie ihm dadurch näher zu kommen, dass sie sich für die jüdische Tradition interessierte und sich mit den Resten jüdischer Kultur auseinander setzte. Mit mäßigem Erfolg: Bei ihren Besuchen in der winzigen jüdischen Gemeinde Ost-Berlins in den achtziger Jahren, zu denen der etwa zehnjährige Sohn sie begleitete, fühlte sie sich, als sei sie dort nur zu Gast.

Auch Jakob Heins eigene Versuche, sich seiner jüdischen Herkunft zu versichern und Ende der neunziger Jahre in der jüdischen Gemeinde Anschluss zu finden, scheitern. Sein Buch handelt auch von der Unmöglichkeit, in Deutschland Jude zu sein. So bleibt es bei seiner zweiten, unbezweifelbaren Identität: der des Sohnes. "Mein Leben als Sohn" könnte das Buch auch heißen, wenn dieser Titel nicht bereits für einen Roman von Philip Roth vergeben wäre.
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