Literatur Live
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Montag bis Freitag • 15:10
6.12.2004
Gabriele Riedle: "Versuch über das wüste Leben"
Eichborn. Die andere Bibliothek
Rezensentin: Gertrud Lehnert

Fast stakkatoartig erzählt die Ich-Erzählerin in kurzen Kapiteln ihre unablässige Suche nach Halt und Sinn - und nach sich selbst - im Leben. Ihre Odyssee führt sie aus der Großstadt, in der sie lebt, überall hin, sei es nach Afrika, Brasilien oder Russland, auf die Galapagos-Inseln oder in einen norddeutschen Wald: Alles ist möglich, jeder Raum erreichbar, jede Erfahrung zugänglich, die Erzählerin schreckt vor nichts zurück - und alle diese Möglichkeiten münden statt in Sinn letztlich in die pure Beliebigkeit.

Immer wieder verliert sie sich, nicht zuletzt, weil sie sich auf "IHN" fixiert, jenen Mann, der keinen Namen hat, dem sie rettungslos verfallen ist, in dem sie ihr Heil sucht und der ebenso gut viele Männer sein könnte, verdichtet als Symbol der eigenen Abhängigkeit im großgeschriebenen Pronomen "ER".

Evoziert wird nicht ohne Ironie ein letztlich typisches Leben in der westlichen, großstädtisch geprägten Welt des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, die Geschichte einer Individualität, die sich nicht mehr durch Kohärenz, sondern durch Brüche und Heterogenität definieren lässt. Der Roman ist bevölkert von skurrilen Gestalten, von Gespenstern, die man nicht loswird, und von ganz alltäglichen Menschen. Sein Tempo entspricht der Rastlosigkeit des geschilderten Lebens.
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